«Jüdisch zu sein, ist auch ein Lifestyle»

Texter und Künstler Thomas Meyer hat ein Buch geschrieben. «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» handelt von den Liebesabenteuern eines jungen Zürcher Juden.

«Einen Moment lang war ich sehr ungern Jude.»: Thomas Meyer lebt und arbeitet als Werbetexter und Reporter in Zürich.

«Einen Moment lang war ich sehr ungern Jude.»: Thomas Meyer lebt und arbeitet als Werbetexter und Reporter in Zürich. Bild: Reto Oeschger

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Herr Meyer, wofür schämen Sie sich?
Für meine letzten beiden Bücher, «Die Federhure» und «Die Federhure ff».

Weshalb?
Ich finde sie furchtbar schlecht geschrieben.

Andere Jugendsünden?
Ich war mehrheitlich brav.

Sind Sie also ein guter Mensch?
Zitieren Sie jetzt meine eigenen Fragen? Reifer und edler kann man immer werden.

Wie arbeiten Sie an sich?
An sich arbeiten, das ist eine Metapher. Es gibt viele solcher Sprachbilder, die zwar gut tönen, aber als Anleitung nicht taugen. Wie «loslassen». Klingt zwar gut, aber was heisst das konkret? Ein besserer Mensch wird man mittels Einfühlung. Ein schlechter Mensch handelt rücksichtslos und kümmert sich nicht darum, was für Konsequenzen sein Verhalten auf andere hat. Im Umkehrschluss heisst das: Ein besserer Mensch wird jener, der sich Gedanken darüber macht, was sein Tun auf die Umwelt, die Partnerin, das Kind oder sich selbst für Auswirkungen hat.

Ist Zürich dank Ihrer «Aktion für ein kluges Zürich» klüger geworden?
Punktuell sicher. Die Fragen regten viele Leute zum Nachdenken an, wie sie mir sagten. Somit war die Aktion ein Erfolg für mich.

Gibt es eine Fortsetzung?
Nein. Erstens hat die Aktion ziemlich viel Geld gekostet. Zweitens bewegte ich mich im Spannungsfeld Kunst versus Sachbeschädigung. Nach 5000 Klebern hatte ich das Gefühl, dass es langsam kippt.

In Ihrem neuen Roman «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse» arbeiten Sie viel mit jiddischen Ausdrücken. Reden Sie privat auch so?
Selten bis nie. Dabei ist es eine sehr spannende Sprache. Ich besitze jetzt mehrere jiddische Wörterbücher, die sich im Übrigen alle widersprechen. Gewisse Wörter im Roman sind durchgehend jiddisch: Gewesen ist gewejn, mal ist mol, Tag ist tog. Andernorts setzte ich Jiddisch gezielt ein: Vernunft heisst einmal farnuftigkeit, und für das E-Mail gebrauche ich den Terminus blizbrif.

Ihr Held Motti wächst in einer orthodoxen Familie auf. Gibt es da Parallelen zu Ihrem Lebenslauf?
Die Geschichte ist frei erfunden. Meine Familie und die anderen Juden, die ich kenne, sind sehr liberal. Aber natürlich inspirierten mich neben vielen Büchern zum Thema auch eigene Beobachtungen. Das Spannende am jüdischen Leben ist die grosse Bandbreite zwischen Säkularen und Orthodoxen: Es gibt total durchgeknallte Fundamentalisten und fromme Juden, die an der Kippa erkennbar sind, dann solche, die bloss die jüdischen Feiertage begehen, und schliesslich jene, die nichts von alldem tun.

Zu welchen gehören Sie?
Zu Letzteren. Jüdisch zu sein, bedeutet allerdings nicht nur, Angehöriger einer Religion zu sein, es ist auch ein Lifestyle mit Traditionen und einer eigenen Sprache und Kultur. Ich kann deshalb nicht sagen, dass es mich nicht betrifft. Ich fühle mich beispielsweise Israel sehr verbunden.

Ihr Buch ist eine Komödie, die sich ein Stück weit auch über die jüdische Realität lustig macht. Haben Sie keine Angst, dass man Ihnen Antisemitismus vorwerfen könnte?
Ich bin sogar überzeugt, dass das passieren wird. Sobald sich jemand in irgendeiner Art und Weise mit dem Judentum beschäftigt, kommt dieser Vorwurf von irgendwo. Je religiöser, desto humorloser.

Hätte ein Nichtjude dasselbe Buch schreiben dürfen?
Nein. «Ich darf das, ich bin Jude» sagt der jüdische Komiker Oliver Pollack – dasselbe gilt für meinen Roman. Macht ein Jude sich über Juden lustig, ist es witzig. Spielt ein Nichtjude mit den Klischees, fragt man sich sofort, ob er nicht doch überzeugt ist, dass sie zutreffen.

Man weiss wenig über die orthodoxe jüdische Gemeinschaft in Zürich. Woran liegt das?
Irgendwo ist das wohl auch eine unbewusste Absicht dieser Gruppe und des Systems, in dem sie lebt. Wer sich so kleidet und so lebt, stellt sich demonstrativ in Distanz zu allen anderen – jenen eben, deren Lebensweise nicht im Einklang mit den göttlichen Gesetzen steht. Die orthodoxen Juden wollen unter sich bleiben. Aber das müssen sie ja auch. Man stelle sich vor, was passierte, würde sich jeder plötzlich nach seinem eigenen Gusto verhalten. Das ganze System bräche zusammen und würde seine Macht verlieren.

Haben Sie Mitleid mit frommen Juden, denen es so ergeht wie Ihrem Motti und deren Partnerwahl der Mutter obliegt?
Das wäre arrogant. Ich würde dann urteilen über ein Leben, das mir fremd ist. Es gibt Menschen, die sagen, dass ihnen kleine jüdische Buben leidtun, die schon mit drei Jahren mit Schläfenlocken herumlaufen. Aber das ist eine subjektive Sichtweise, entstanden aus unserem multioptionalen Wertesystem mit seinem Begriff der persönlichen Freiheit. Man könnte nämlich auch sagen, dass die frommen Juden in den Genuss eines überwältigenden Gemeinschaftssinnes kommen und einer Solidarität, die ihresgleichen sucht. Welchen Massstab wende ich also an? Ich bin froh, dass ich mit Schicksen (attraktive nicht jüdische Frauen, Anmerkung der Redaktion) habe schlafen können, doch leid tun mir jene nicht, die das nicht dürfen. Es ist einfach ein anderes Leben. Je nachdem sogar das einfachere.

Mir tat Motti leid, als ihn die Mutter zum wiederholten Male verkuppeln wollte oder Geschäftstermine in Dates umwandelte.
Natürlich ist er ein armer Kerl. Er lebt abgeschottet, aber es gibt Bezugspunkte zur Aussenwelt. Mottis Mitstudentin, eine ziemlich offensive Zürcherin, verführt ihn ja dann erfolgreich. Das lässt ihn ausbrechen. Er reflektiert dann sein bisheriges jüdisches Leben und merkt, dass ihm dieses Einengende eigentlich nicht behagt. Eine Meinung, die ich übrigens mit ihm teile.

Inwiefern?
Meine Grosseltern waren Mitglieder der Israelitischen Cultusgemeinde Zürich. Deren Regelwerk schreibt vor, dass bei jüdischen Bestattungen zwei Männer der Gemeinde dem Sarg vorangehen müssen. Als mein Grossvater starb, wollte ich diese Position einnehmen, was zu einem kleinen Streit führte. Die Geschichte wiederholte sich, als auch meine Grossmutter starb. In beiden Fällen missachtete ein System aus purem Erhaltungstrieb meine Bedürfnisse als Angehöriger. Das fand ich beschämend, um nicht zu sagen widerwärtig. Da war ich einen Moment lang sehr ungern Jude. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 16.03.2012, 18:22 Uhr)

Stichworte

Thomas Meyer: «Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse», Salis Verlag, 272 Seiten, ISBN: 3905801590

«Wolkenbruchs wunderliche Reise in die Arme einer Schickse»

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Denker und Werber

Thomas Meyer (38) lebt und arbeitet in Zürich. Vor fünf Jahren gründete er seine Agentur Meyer Werbung. Zuvor war er Texter und Reporter («Das Magazin», «Weltwoche»). Meyer gehörte dem Gründerteam des Magazins «Kult» an und veröffentlichte 2001 und 2002 die Kolumnenbände «Die Federhure» und «Die Federhure ff.». Ab 2007 sorgte er mit der Aktion für ein kluges Zürich für Furore. (pa) www.herrmeyer.ch

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