«Jugendliche sind weniger naiv, als wir denken»

Schule und Eltern hadern mit den Herausforderungen der sozialen Medien. Lehrer und Blogger Philippe Wampfler erklärt im Interview, wie man mit Cybermobbing und Smartphones im Unterricht umgehen kann.

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Sie haben das Internet einmal mit dem Strassenverkehr verglichen. Um beim Bild zu bleiben: Was wäre die gefährlichste Kreuzung?
Es ist die Kontextverschiebung, die stattfindet. Also wenn etwas, Bild, Text, das wir mit einer Absicht ins Internet gestellt haben, plötzlich an einem ganz anderen Ort auftaucht und wir keine Ahnung haben, was der Adressat damit macht.

Wie kann man lernen, die Gefahren zu erkennen?
Ich würde die Malcolm-Gladwell-Zahl beiziehen: Um wirklich zu verstehen, welche Prozesse da ablaufen, und um eine Bandbreite von möglichen Reaktionen kennen zu lernen, muss man 10'000 Stunden damit verbracht haben.

Das heisst, dass ein gewöhnlicher Lehrer eigentlich keine Chance hat, zu verstehen, was im Internet momentan passiert?
Es gibt natürlich Abkürzungen. Man kann etwa erfahrene Leute zu Rate ziehen. Es ist auch wichtig, dass man nicht denkt, man müsse das gleich gut verstehen wie die Jugendlichen. Meine Erfahrung mit ihnen ist, dass sie einen viel differenzierteren Blick auf die neuen Medien haben, als man normalerweise denkt. Man sollte einfach beobachten, was sie da machen, ihnen eine Frage stellen, offen dafür sein, was sie zu erzählen haben. Sie sind nicht naiv und setzen gewisse Strategien viel bewusster ein, als die Erwachsenen glauben.

Dann muss also der Lehrer vom Schüler lernen, was er ihm beizubringen hat?
Der Lehrer muss vor allem vermitteln, wie wichtig Reflexion ist, dass man Handlungen darauf hinterfragen kann, warum man sie so macht. Eine Frage gestellt zu bekommen kann etwas auslösen, auf das man selber nicht gekommen wäre.

Es gibt immer wieder Fälle von Cybermobbing an Schulen – wie behandeln Sie das im Unterricht?
Die fatalen Effekte von Mobbing betreffen ja weniger die Täter als die Mitläufer. Diese Dynamik muss man verstehen. Als Klassenlehrer thematisiere ich das, erzähle, wie Mobbingprozesse ablaufen. Die Mitläufer können den Unterschied ausmachen und einschreiten. Wenn Betroffene sich an Lehrer oder Eltern wenden, dann sagen diese oft: Ich habe ja gesagt, du sollst keine Fotos auf Facebook posten. Das ist unglücklich, weil man damit das Opfer verurteilt. Für Jugendliche gehört es heute dazu, sich im Netz zu präsentieren, zu sehen, wer was liket, welche Kommentare man bekommt. Dafür muss man offen sein, und wenn eine Grenze überschritten wurde, muss man sich das genau anschauen. Die Schüler müssen lernen, was akzeptabel ist im Umgang mit diesen Bildern und was nicht, was ein Übergriff ist und was nicht. Das ist auch sehr gruppenspezifisch. Cybermobbing ist immer ein Verstoss gegen diese Regeln, gegen die Erwartungen der Gruppe.

Wie muss man konkret reagieren?
Man sollte fragen, was genau passiert ist, und sich dann an jemanden wenden, der kompetent ist. Es sollte an jeder Schule jemanden geben, der die sozialen Netzwerke versteht und sagen kann, welche technischen Massnahmen man ergreifen kann und was allenfalls strafrechtlich relevant ist.

Gibt es solche Personen bereits an den Schulen?
Das ist heute, vor allem an kleineren Schulen, nicht der Fall. Ich denke aber, diese Funktion müsste genauso abgedeckt sein, wie jede Schule jemanden braucht, der sich ums Schulmaterial kümmert.

Was, wenn Lehrer betroffen sind und an den Pranger gestellt werden?
Auch dort muss man sich fragen, welche Reaktion verhältnismässig ist. Gerade wenn man sich im Bereich der sozialen Medien nicht auskennt, können Kommentare sehr verletzend wirken, auch wenn es vielleicht gar nicht so böse gemeint war. Hier ist eine Kompetenzstelle wichtig, die das einordnen und Massnahmen vorschlagen kann.

Was raten Sie den Lehrern denn?
Ich würde den Kollegen eine zurückhaltende, seriöse Internet-Repräsentation empfehlen. Das macht einen weniger verletzlich. Auf einen eigenen Internetauftritt zu verzichten ist meines Erachtens eine schwächere Lösung, als ein Minimalangebot. Dies ist auch im Hinblick auf Google wichtig, dass nicht die verletzenden, sondern die seriösen Resultate zuoberst erscheinen.

Sie schreiben vom kreativen Potenzial von Social Media in der Schule – was meinen Sie damit?
Viele Netzwerke bringen eine gewisse Einschränkung mit sich, zum Beispiel Twitter mit seinen 140 Zeichen. Das erfordert kreative Lösungen. Man kann zum Beispiel in eine Rolle schlüpfen, eine Figur aus einem Buch nehmen und in ihrer Rolle twittern.

Verändert sich das Lernen der Schüler durch die neuen Medien?
Sie bieten in erster Linie Alternativen. Ich habe gerade viele Schüler, welche sich für naturwissenschaftliche Fächer Tutorials auf Youtube anschauen. Dort sehen sie, dass es verschiedene Arten gibt, ein Phänomen zu erklären. Dass es verschiedene Lern- und Lehrtypen gibt und sie sich entscheiden können, was ihnen ganz persönlich besser liegt.

Das muss den meisten Schülern gefallen. Was sind Ihre Erfahrungen diesbezüglich?
Das Spektrum ist breit. Auf der einen Seite gibt es Schüler, die sich nicht besonders für neue Medien interessieren. Andere sind damit aufgewachsen, für sie ist das selbstverständlich. Das Schulische beschränkt sich für sie auf Prüfungen und Noten, das Lernen als solches können sie aber auch ohne Schule erledigen. Das wären die beiden Extrempositionen. Insgesamt beobachte ich eine gewisse Sättigung. Die Schüler mögen es auch, wenn sie einfach ein Arbeitsblatt bekommen und es mit einem Bleistift ausfüllen können.

Muss der Umgang mit Social Media Pflichtstoff sein?
Nicht unbedingt der Umgang mit Social Media, aber mit neuen Medien. Da gibt es viele Aspekte, die man im Berufsleben braucht. Zum Beispiel braucht man Strategien, wie man mit der allgegenwärtigen Ablenkung durch das Internet umgeht. In diesem Bereich sollte die Schule Kompetenzen vermitteln, denn die Eltern sind damit überfordert.

Wie reagieren andere Lehrer auf das Thema Social Media im Unterricht?
Schulleitungen schätzen es, wenn man sich damit auseinandersetzt. Aber es gibt auch Kolleginnen und Kollegen, die die Energie nicht aufbringen, ihre Gewohnheiten zu ändern. Nur leben die Jugendlichen in einer anderen Realität, und irgendwann kann man ihnen einfach nicht mehr erklären, warum sie für 300 Franken einen Taschenrechner kaufen sollen, wenn jedes Smartphone das genau Gleiche kann. Oder dass sie ein Buch auf Papier kaufen müssen, das sie auch auf dem iPad lesen könnten, das sie ohnehin dabeihaben.

Wie kann man den privaten Gebrauch des Smartphones vom schulischen Gebrauch abgrenzen?
Da gibt es verschiedene Strategien. Ein einfacher pädagogischer Trick ist, dass man im Unterricht vermittelt, dass der Stoff auch prüfungsrelevant ist, damit die Schüler die nötige Aufmerksamkeit mitbringen. Oder man gibt ihnen längerfristige Projekte und lässt ihnen eine gewisse Freiheit im Vertrauen darauf, dass sie selbstständig lernen. Man muss ihnen auch nicht immer auf die Finger schauen, da das nichtzielgerichtete Herumsurfen zum Umgang mit Social Media gehört. Das wird gemeinhin zwar als negativ bewertet, aber es gibt Studien, die zeigen, dass daraus starke Lerneffekte entstehen können. Es kann nicht das Prinzip von Social Media sein, dass alle auf allen Stufen auf dieselbe Weise dasselbe lernen. Stattdessen muss man herausfinden, was für einen wichtig ist und sich mit den Leuten vernetzen, die für einen wichtig sind.

Ab welcher Stufe wird dieser Stoff relevant?
Medienkompetenz fängt schon sehr früh an. Heutige Dreijährige können selbstverständlich mit iPads umgehen. Das Thema Social Media ist im Unterricht erst ab einem Alter sinnvoll, da man es auch benutzen darf, also in der Oberstufe.

Wie kamen Sie persönlich dazu, sich mit sozialen Medien zu beschäftigen?
Ich habe immer schon gern am Computer gearbeitet und habe über das Spiel Hattrick erste Erfahrungen gesammelt mit Interaktion auf dem Netz. Dann stiess ich ziemlich am Anfang zu Facebook und begann dann vor sechs Jahren zu bloggen und verlinkte über diese Medien meine Blogs.

Sie bloggen sehr viel – woher nehmen Sie die Zeit?
Ich nutze meinen Arbeitsweg dafür, Blogs zu entwerfen oder zu twittern. Andere Sachen fallen dafür weg, zum Beispiel das Zeitunglesen im klassischen Sinn. Inzwischen ist es auch mein Hobby geworden.

Was war Ihre beste Erfahrung?
Ich lasse meine Schüler jeweils etwa sechs Monate lang einen Blog schreiben. Thematisch sind sie frei, sie können auch unter Pseudonym schreiben. Das sind sehr interessante Projekte, die Schüler entwickeln oft Freude an der Sprache und am Schreiben. Das ist sehr erfreulich. Einer Schülerin ist durch das Schreiben des Blogs klargeworden, dass ihr Ziel im Leben ist, einmal Familie und Kinder zu haben, was nicht in direktem Zusammenhang mit ihren Themen stand. Aber die Erkenntnis kam durch den Prozess des Schreibens. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 24.06.2013, 11:30 Uhr

Philippe Wampfler ist Lehrer, Autor und Blogger. Soeben ist sein erstes Buch erschienen.

Philippe Wampfler: Facebook, Blogs und Wikis in der Schule – Ein Social-Media-Leitfaden. Vandenhoeck & Ruprecht, 2013.

Die Buchvernissage findet am 5. Juli um 18 Uhr im Club el Social in Zürich statt.

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