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160 Jahre hat es gedauert, bis eine Frau die erste Chefredaktorin der «New York Times» werden konnte. Die Frau heisst Jill Abramson, ist 57 Jahre alt und zusammen mit ihrer älteren Schwester und der «Times» in New York aufgewachsen. Ihre Eltern wollten immer, dass sie sich anstrengt. Das hat sie getan. Doch so wenig sich eine Karriere à la Abramson planen lässt, so aufschlussreich sind die Schlüsse, die sich aus ihren Lebensentscheidungen ziehen lassen. «The New Yorker» hat ihre Geschichte aufgeschrieben: Was hat Jill Abramson richtig gemacht, um als Frau so erfolgreich zu werden – und was können wir daraus lernen? (Lesen Sie auch: «Sie wollen nach oben? Dann vergessen Sie jetzt mal alles, was Sie gelernt haben»)
1. Seien Sie eine Pionierin. 1972 durfte Abramson in Harvard studieren. Damals konnten es sich die Studierenden aussuchen, ob sie tatsächlich nach Harvard oder ans assoziierte Radcliffe-Institut gehen wollten. Frauen bevorzugten in der Regel Radcliffe, ein ehemaliges Frauencollege. Abramson ging mit einer Kollegin nach Harvard – zu einer Zeit, in der die beiden beim Abendessen nicht einer einzigen anderen Frau begegneten. Die paar Frauen, die nach Harvard Yard gingen, fühlten sich wie die Speerspitze der Emanzipation, während ihre Kolleginnen in Radcliffe sie als Verräterinnen betrachteten. «Wir fühlten uns wie Pionierinnen», sagt die damalige Klassenkameradin. Etwas auszuprobieren, was sonst niemand oder wenige tun, öffnet den Horizont.
2. Suchen Sie sich Ihre Nische. Statt zu versuchen, bei der altehrwürdigen Uni-Zeitschrift «Harvard Crimson» einen Fuss in die Tür zu kriegen, schrieb Jill Abramson während ihrer Studienjahre Theaterkritiken fürs wöchentliche Campusblatt «Independent». Es muss also nicht immer der direkte Weg sein, der zum Erfolg führt. Erfahrung lässt sich auch in verwandten Bereichen sammeln.
3. Tun Sie, was Ihnen Spass macht. Vordergründig beschäftigte sich Abramson nicht mit ihrer Karriere – sonst hätte sie beim «Crimson» die Connections gemacht, die später unweigerlich nützlich sein würden. Sie tat das, was ihr Spass machte. Ein Kollege von damals erinnert sich an sie als entspannte, geistreiche Person. Abramson liess sich auch durch mangelndes Talent nicht vom Schauspielern abhalten. Der Karriere half das zwar nicht – aber sie lernte dabei ihren Mann Henry Little Griggs kennen, mit dem sie zwei Kinder hat. Inzwischen hat sie eine Online-Kolumne über ihren Hund geschrieben – nicht gerade das, was die berufliche Reputation hebt. Aber sie tat nie so, als gebe es in ihrem Leben nichts als ihren Job.
Das müssen Sie auch nicht. Als jemand wahrgenommen zu werden, der das, was er tut, gern macht und dabei auch anderswo Erfüllung findet, macht Sie gleich doppelt so sympathisch. (Lesen Sie auch: «Der Underdog-Effekt»)
4. Packen Sie Gelegenheiten. In den Sommerferien nach ihrem ersten Uni-Jahr arbeitete Jill Abramson in Nantucket als Kellnerin und Verkäuferin. Bis Joe Kennedy 1973 ebendort einen Unfall baute. Eine Bekannte der Kennedys, Pamela Kelly, blieb querschnittsgelähmt. Um schnell an Details zu gelangen, rekrutierte das Boston-Büro der «Times» Abramson. Sie blieb die nächsten drei Jahre Korrespondentin. Chancen kann man sich erarbeiten, aber oft gehört auch ein bisschen Glück dazu, sie zu erhalten. Sie zu erkennen, zuzuschlagen und gute Arbeit zu liefern, bringt die Karriere zweifellos voran.
5. Kommen Sie mit tyrannisierenden Chefs klar. Nach einigen Jahren in der politischen Werbung heuerte Abramson 1980 bei «The American Lawyer» an. Ihr Chef, Steven Brill, kanzelte ihre Artikel ab und schrieb gern darunter, ob Englisch ihre Zweitsprache sei. Unterhaltungen führte er vorzugsweise schreiend. Sie hielt durch und wurde 1986 sogar Redaktorin eines anderen Brill-Titels. Dass sie Jahre überstanden hatte, wo andere nach kurzer Zeit flüchteten, brachte ihr ihren nächsten Job beim «Wall Street Journal» ein. Dessen Geschäftsführer verfolgte die Politik, jeden einzustellen, der es länger als ein Jahr mit Brill ausgehalten hatte.
Es lohnt sich manchmal, nicht zu sehr auf Komfort bedacht zu sein. Nicht alle Aspekte an einem Job müssen Spass machen – aber Sie sollten sich Ihre Leidenschaft nicht von polternden Vorgesetzten zerstören lassen. (Lesen Sie auch: «So sabotieren Sie Ihre Karriere»)
6. Zeigen Sie, was Sie draufhaben. Auf das Bewerbungsgespräch beim «Wall Street Journal» hatte Abramson sich offensichtlich gut vorbereitet. Sie ratterte etliche fabelhafte Ideen runter, die den angestellten Journalisten nie in den Sinn gekommen wären. Der Büroleiter erinnert sich an das beeindruckendste Vorstellungsgespräch, das er jemals geführt hatte. Die zweite Gelegenheit, mit ihren Fähigkeiten zu prahlen, bot sich einige Jahre später. Maureen Dowd von der «Times» fragte Abramson, ob sie fabelhafte Frauen kennen würde, um die «Times»-Frauenquote aufzustocken. «Ja, ich», antwortete Abramson. 1997 kam sie zur «Times», 2000 wurde sie Leiterin des Büros in Washington.
Wozu lange herumdrucksen, wenn Sie sich einer Sache gewachsen fühlen? Hinstehen und Farbe bekennen, auch wenn uns das manchmal wie Angeberei erscheint.
7. Nutzen Sie Ihr Netzwerk. Jill Abramson schrieb mit einer Harvard-Kollegin ein Buch, und sie kontaktierte Maureen Dowd, die letztlich ihr Ticket zur «Times» wurde. Abramson erweiterte gleichzeitig ihr Netz und machte sich Freundinnen, indem sie für jede Frau, die in der «Times» befördert wurde, eine Party schmiss. Auch mit dem Verleger verscherzte sie es sich nie. Sie verstand, dass sie diese Leute brauchte, gerade in ökonomisch schwierigen Zeiten. Als ihr Verleger sich für sie als Chefredaktorin und gegen Dean Baquet entschied, machte sie Baquet zu ihrem Managing Editor – ein smarter Entscheid.
Um ein Netzwerk nutzen zu können, müssen Sie sich erst einmal eins aufbauen. Das ist keine Schwerstarbeit, sondern kann locker und wie nebenbei passieren. Es lohnt sich, Menschen zu kennen, die die eigene Arbeit schätzen und die Sie in Ihre Pläne einbinden können.
8. Seien Sie den anderen einen Schritt voraus, aber teilen Sie Ihr Wissen. Als Büroleiterin in Washington beeindruckte Abramson ihre Kolleginnen und Kollegen mit ihrer Sachkenntnis und ihrem Erinnerungsvermögen. Doch statt ihren Vorsprung für sich zu behalten, versorgte sie ihr Team mit ihrem Wissen. Wer nicht ihre professionellen Ansprüche erfüllt, ist nicht in ihrem Team. Doch wer sich bewährt, hat einen Stein im Brett. Abramson motiviert ihre Mitarbeiter, indem sie ihre eigenen Erfahrungen teilt. (Lesen Sie auch: «Sportlich an die Spitze»)
Gute Chefs sollten kompetent sein, keine Frage. Mitarbeitende schätzen es, wenn Vorgesetzte ihr Wissen zugänglich machen, damit auch andere wachsen können.
9. Stehen Sie für Ihre Interessen ein. 2001 wurde Howell Raines zum Chefredaktor ernannt. Er räumte Pulitzerpreise ab und brachte Schwung ins Magazin. Doch mit Abramson hatte er ein Problem. Er fand, sie sei nicht erfolgreich genug, sie fand, er verunmögliche den Erfolg. Als er ihren Posten als Büroleiterin in Washington schliesslich mit jemand anderem besetzen und die investigative Journalistin zur Chefin der «Book Review» machen wollte, ging sie auf die Barrikaden. Sie wandte sich direkt an den Verleger und fand Alliierte, die froh waren, dass sie den Mund aufgemacht hatte. Raines musste gehen.
Harmonie ist nicht alles. Auch wenn Sie damit anecken, sollten Sie zu Ihrer Meinung stehen und nicht zur Opportunistin werden.
10. Seien Sie loyal. Abramsons Chef, Bill Keller, tickte ganz anders als sie. Wenn schlecht über ihn geredet wurde, stand sie für ihn ein. Sie las seine Schimpf-Mails durch, bevor er sie versandte. «Sie stand hinter mir. Nicht nur als jemand, der dich verteidigt, sondern der dich vor Dummheiten bewahrt. Und niemandem etwas verrät.» Loyalität zeigte Abramson auch, als sie durchdrückte, dass eine Journalistin ein Porträt ihres Mannes schrieb, der als Soldat im Irak ums Leben gekommen war. Die Geschichte war über die Massen erfolgreich. Später stellte Abramson auch den Kontakt zu einem Freund ihres Sohnes her, der dem Sohn des Soldaten einmal wöchentlich Geschichten vorlas.
Solche professionelle und persönliche Anteilnahme am Leben der Mitarbeitenden wird nicht vergessen. Loyalität wissen Vorgesetzte, Kolleginnen und Mitarbeiter gleichermassen zu schätzen – und sie werden es zurückgeben. Und ein Vorgesetzter, der über Ihre Beförderung nachdenkt, fällt leichter einen Entscheid zu Ihren Gunsten, wenn er weiss, dass ein Team hinter Ihnen steht. (Lesen Sie auch: «Fallen beim Business-Lunch»)
11. Bleiben Sie lernwillig. Chefredaktorin wurde Abramson auch, weil sie sich für die digitale Revolution interessierte. Als Crack kann sie zwar nicht bezeichnet werden, aber der Wissensvorsprung war letztlich nützlich für ihren Karrieresprung. Als sie schliesslich Chefredaktorin wurde, besuchte sie Abteilungen und fragte, was die Leute brauchten. «Ich hab einiges über mich gelernt. Zum Beispiel, dass ich ziemlich unfreundlich wirke.» Jetzt wolle sie lernen, weniger zu unterbrechen und mehr zuzuhören.
Seien Sie bereit, sich immer wieder in neue Gebiete einzuarbeiten. So haben Sie nie das Gefühl, stecken zu bleiben, und Ihre Vorgesetzten wissen, dass Sie auch im Kopf flexibel sind.
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Erstellt: 25.10.2011, 21:29 Uhr
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.






