«Kiffen wird trotz Verbot nicht negativ angesehen»

Drogenexperte Frank Zobel von Sucht Schweiz über kiffende Schweizer Jugendliche, die im internationalen Vergleich an der Spitze liegen.

Faszination Cannabis: Jugendliche an einer Cannabis-Messe in Uruguay, wo der Markt liberalisiert worden ist.

Faszination Cannabis: Jugendliche an einer Cannabis-Messe in Uruguay, wo der Markt liberalisiert worden ist.

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Schweizer Jugendliche sind laut einer Studie, die in der «NZZ am Sonntag» vorgestellt wurde, Weltmeister im Kiffen. Wie alarmierend ist die Situation?
Sie sind nicht Weltmeister, sondern liegen hinter Frankreich und Estland, aber auch den USA und einigen südamerikanischen Ländern. Es darf vor allem nicht vergessen werden, dass die Mehrheit der Schweizer Jugendlichen noch nie gekifft hat. Bei einigen handelt es sich zudem um einen Probierkonsum. Das heisst, dass sie Cannabis einmal ausprobieren, dann damit aufhören, wahrscheinlich, weil sie schlechte Erfahrungen machen oder kein Interesse mehr haben. Insgesamt ist es auch so, dass die grosse Mehrheit der Jugendlichen, die Cannabis konsumiert haben, nie ein Problem mit dieser Substanz haben wird.

Was sind die Gründe für die vielen kiffenden Schweizer Jugendlichen?
Es gibt keine einfache Antwort auf diese Frage, weil zahlreiche Faktoren eine Rolle spielen dürften. Warum konsumieren ähnlich viele Schweizer Jugendliche Cannabis wie in den Nachbarländern Italien und Frankreich, aber mehr als in Deutschland oder Österreich? Was ausschlaggebend ist, wissen wir letztlich nicht. Mehr als beispielsweise der Leistungsdruck scheint uns die leichte Verfügbarkeit von Cannabis eine Rolle zu spielen.

Die «NZZ am Sonntag» zitierte eine weitere Studie, die zum Schluss kommt: Eine Lockerung des Cannabisverbots führt zu mehr gesellschaftlicher Akzeptanz – und damit zu mehr Konsum unter Jugendlichen.
Bei der Diskussion um mögliche Regulierungsmodelle darf der Jugendschutz nicht vergessen gehen. Die Bestrebungen sollten von Jugendlichen nicht als verharmlosendes Signal verstanden werden können. Doch Kiffen wird von vielen Jugendlichen auch trotz Verbot kaum als allzu negativ angesehen – wie man gerade in der Schweiz sieht.

Wie sähe für Sie die ideale Drogenpolitik in Hinsicht auf den Cannabiskonsum von Jugendlichen aus?
Was wir uns wünschen, ist eine sachliche Diskussion über den Cannabiskonsum und wie man damit gesellschaftlich umgehen soll: keine Verharmlosung, aber auch keine Diabolisierung. Es müsste ausserdem eine Politik sein, die dem Jugendschutz und der Früherkennung von Problemen eine hohe Priorität einräumt. Selbst in einem regulierten Markt bleibt der Schutz der Jugend eine grosse Herausforderung, um zu vermeiden, dass junge Menschen sich auf dem Schwarzmarkt versorgen. Viele junge Menschen beginnen früh mit dem Konsum, und das Ziel sollte es sein, dass – wenn sie es tun – es so spät wie möglich passiert. Dem müsste bei der Festlegung der Altersgrenze und in der Ausgestaltung des Jugendschutzes Rechnung getragen werden. Wie bei Alkohol und Tabak braucht es einen starken gesellschaftlichen Willen, die Jugend zu schützen.

In verschiedenen Schweizer Städten sind Cannabisclubs ab 18 Jahren am Aufkommen. Was halten Sie davon?
Wir denken auch, dass es neue Wege in der Prävention braucht. Wir müssen Alternativen zur bisherigen Cannabispolitik suchen. Sucht Schweiz begrüsst daher die Cannabisclubs. Gleichzeitig finden wir es wichtig, dass eine Koordination zwischen den Städten und Kantonen stattfindet. Wir verfolgen auch die Entwicklungen im Ausland, um zu verstehen, welche Vor- und Nachteile die verschiedenen Regulierungsmodelle haben. Es ist klar, dass bei Einführung von etwas Neuem das Interesse auch bei Jugendlichen steigen wird und dass der Probierkonsum ansteigen kann. Aber – wie man es in Holland sieht – kann dies nachher durchaus zu einem tieferen Konsum führen.

Die Initiatoren diese Clubs wollen so die Jugendlichen schützen - indem die Verfügbarkeit von Cannabis erschwert wird. Ist das realistisch? Wird so tatsächlich der Schwarzmarkt ausgehebelt?
Man schätzt dass etwa 60-80% des gesamten Cannabis-Konsums auf die kleine Minderheit der täglichen Konsumenten fällt. Sie kiffen also nicht nur öfter, sondern auch grössere Mengen, als so genannte Freizeitkonsumenten. Wenn man es schafft, diese Personen in die Clubs zu bringen, würde man dem Schwarzmarkt seine beste Klientel wegnehmen. Dies sollte dazu führen, dass der Markt schrumpft.

Wird der Schwarzmarkt dann nicht auf Minderjährige ausgerichtet?
Wahrscheinlich nicht oder nur in kleinem Mass, weil die Kaufkraft der Minderjährigen beschränkt ist und weil es riskanter für die Dealer ist, da sie höhere Strafen dafür bekommen können.

Ziehen in der Schweiz nicht viele Jugendliche ihre eigenen Pflanzen?
Um eigene Pflanzen zu ziehen, braucht es eine gewisse Infrastruktur und Know-How. Gerade von jugendlichen Konsumierenden wissen wir, dass sie die Substanz in erster Linie im Bekanntenkreis erhalten. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 30.03.2016, 17:23 Uhr)

Frank Zobel ist Stv. Präsident bei Sucht Schweiz. Er war zuvor bei der Europäischen Beobachtungsstelle für Drogen und Drogensucht (EBDD) tätig.

HBSC-Studie

Kürzlich wurden die neusten Zahlen der «Health Behaviour in School-Aged Children (HBSC)»-Studie vorgelegt. Für die Untersuchung wurden im Jahr 2013/2014 international Schülerinnen und Schüler von der WHO zu ihren Konsumerfahrungen mit Alkohol, Tabak und Cannabis befragt. Mit 14,6 Millionen jugendlichen Konsumenten im Jahr 2014 ist Cannabis die meistgenutzte Droge nach Tabak und Alkohol in Europa. An der Spitze der Länder, in denen 15-Jährige schon einmal Cannabis probiert haben, stehen Frankreich (29% Jungen und 26% Mädchen), Estland (29% Jungen und 19% Mädchen) und die Schweiz (29% Jungen und 19% Mädchen).

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