«Kinder brauchen Porno-Kompetenz»

Interview: Reto Hunziker. Aktualisiert am 17.03.2010 33 Kommentare

Erwachsene sollen mit Kindern über Pornos reden, findet die deutsche Erziehungswissenschaftlerin Karla Etschenberg. Sie fordert sogar, Pornos in den Unterricht miteinzubeziehen.

Kompetenz entwickeln: Pornos sind heutzutage allgegenwärtig – auch für Kinder.

Kompetenz entwickeln: Pornos sind heutzutage allgegenwärtig – auch für Kinder.
Bild: Reuters

Prof. Dr. Karla Etschenberg war jahrelang Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtserziehung. Die Lehrerin und Erziehungswissenschafterin ist pensioniert, hält aber nach wie vor Vorträge und leitet Kurse.

Prof. Dr. Karla Etschenberg war jahrelang Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Geschlechtserziehung. Die Lehrerin und Erziehungswissenschafterin ist pensioniert, hält aber nach wie vor Vorträge und leitet Kurse.

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Frau Etschenberg, Sie wollen Kinder mit Pornos konfrontieren. Ist das Ihr Ernst?
Das ist nicht ganz richtig. Ich finde, wir sollten Kinder, die ohnehin schon mit Pornos konfrontiert sind, zu einem gesunden Umgang damit befähigen. In vielen Elternhäusern werden Pornos geschaut, Porno-Clips sind im Internet problemlos zugänglich. Die Kinder von heute kennen die Szenen, die Sprache, die Laute und die Körperbewegungen in Pornos. Wenn wir davon ausgehen, dass es nicht gut ist, wenn Kinder so viel Pornographie im Kopf haben, bevor sie ein eigenes Sexualleben entwickeln konnten, haben wir nur zwei Möglichkeiten. Entweder wir versuchen, Pornografie von den Köpfen unserer Kinder fernzuhalten. Etwa über Jugendschutzgesetze. Das klappt aber nicht, warum auch immer. Die andere Möglichkeit, wenn wir unsere Kinder schon nicht vor Pornos bewahren können: Wir machen sie fit für den Umgang mit Pornos. Es fehlt jedoch bisher jedweder sexualpädagogische Ansatz, dies zu meistern.

Kinder sollen also Gangbang und Cumshots im Unterricht sehen?
Ich fordere nicht, dass im Unterricht plötzlich Porno-Clips gezeigt werden. Selbstverständlich muss es ein begrenzter und wohlbedachter Einsatz von pornografischen Sequenzen sein. Ausschnitte, in denen deutlich wird, was Pornos sind. Natürlich erfordert dies Vorbereitung und Gespräche mit den Eltern. Werden die Sequenzen sachlich analysiert, könnte das den Kindern sogar die Neugierde nehmen und Pornos in diesem Sinne «entzaubern». Vordergründig sollen Kinder befähigt werden, Pornos zu erkennen, zu durchschauen und in ihre Lebenszusammenhänge und Bedürfnisse einzuordnen. Denn für Jugendliche sind Pornos zum Teil ja Aufklärungsfilme: Hier sehen sie, wie Fesslungsspiele gehen, oder was Analverkehr ist. All jene Fragen, vor denen sich der Sexualkundeunterricht drückt, werden beantwortet.

Was genau sollte ein Kind über Pornos lernen?
Kinder sollten die Charakteristika eines Pornos erkennen und Pornografie klar von der Erotik abgrenzen können. Das wäre im Kunstunterricht gut erklärbar. Auch Pornografie als Geschäft könnte analysiert werden, genauso wie Sprache, Umgangsformen und Verhaltensschemata in Pornos. Und die Gefahren: Kinder müssen erfahren, dass Pornos zum Muster für sie selbst werden können. Dass sie zu Abstumpfung und Lustlosigkeit führen können. Womit sollen sich denn 12-Jährige, die sich heute zu Hardcore-Pornos befriedigen, in zehn, zwanzig Jahren noch stimulieren. Da gibt es doch keine Steigerungsform mehr.

Könnte das für die Kinder nicht auch traumatische Folgen haben?
Es gibt heute natürlich auch Kinder, die keine Pornos kennen. Es kann nicht Aufgabe der Schule sein, diese Bilder den Schülern einzupflanzen. Was meinen Sie, was das bei manchen Mädchen auslösen könnte, wenn sie einen Cumshot zum ersten Mal sehen. Was die für eine Angst haben, in eine Beziehung einzutreten. Auch hätten Sie jede Menge Eltern am Hals, wenn Sie hingehen würden und sagen: «Gucken wir uns jetzt doch mal einen Porno an und reden darüber.» Ein Diskurs über Pornos müsste mit sehr viel Bedacht, Sachkenntnis und Vorbereitung seitens der Lehrperson passieren.

Ab welchem Alter wäre das Ihrer Meinung nach angebracht?
Ein Gespräch über Pornografie kann möglicherweise schon in der Grundschule nötig sein. Allerdings eher in Einzelgesprächen oder kleine Gruppen. Wenn Schüler etwa in der Schule Porno-typische Körperbewegungen und Äusserungen machen. Das ist das Signal: Wir wollen darüber reden. Dann sollte sich der Lehrer in der Pause mit den Schülern zusammensetzen und nachfragen: Woher habt ihr diese Wörter?

Und später?
Systematisch müsste es ab der fünften oder sechsten Klasse laufen. Zum Beispiel mit pornographischen Rap-Texten. Das Bild von Mann und Frau liesse sich so wunderbar analysieren. Und die Kinder würden weniger erschreckt, als wenn man gleich Bilder zeigen würde. Später könnten dann mit einer Freiwilligengruppe und nach Absprache mit den Eltern auch Bilder zum Einsatz kommen. Kinder brauchen Porno-Kompetenz. Denn die Bilder gehen ihnen so schnell nicht mehr aus dem Kopf raus. Sie können Ängste oder Ekel auslösen. Dann sind die Folgen nicht mehr kontrollierbar

Können Kinder diese Porno-Kompetenz nicht selbst entwickeln?
Gar nichts tun und Kinder und Jugendliche im Umgang mit Pornos sich selbst überlassen, ist unfair. Denn weisen Jugendliche nachher ein auffälliges Sexualverhalten auf, sind sexuell verängstigt oder verwahrlost, zeigt man mit dem Finger auf sie – und nicht auf die Erwachsenen, die Pornos von ihnen hätten fernhalten oder zumindest mit ihnen darüber hätten reden sollen.

Wie weit würden Sie mit Porno-Didaktik gehen?
Pornografie, die mit Gewalt oder Körperverletzung zu tun hat, bliebe tabu. Das könnte Kinder sehr erschrecken.

Es ist doch auch möglich, dass Porno im Unterricht kontraproduktiv wirkt und Schüler gar zum Porno-Konsum animiert.
Ich frage mich, was gefährlicher ist: Ein klares Sprechen über Pornografie, sodass beim Porno-Konsum das Wissen eines Erwachsenen mitschwingt. Oder der Porno-Konsum ohne Kommentar oder Begleitung. Alle beklagen sich doch über die Pornos im Internet und auf Handys und die Pornografisierung des Sexualverhaltens bis hin in den Kindergarten. Schon da werden teilweise Gruppenvergewaltigungen nachgespielt. Die Bilder haben die Kinder doch nicht aus dem Bilderbuch. Klar gibt es Eltern, die dieses Problem abfangen können. Aber wie viele sind das?

Und geschulte Lehrpersonen sind dazu fähig?
Ich glaube, wenn ich mit zwei, drei Kindern Szenen aus einem Porno schauen und danach besprechen würde, könnten sie unbeschadet aus der Situation herausgehen. Klar stellt sich die Frage: Welcher Lehrer kann das? Den meisten bleibt bei diesen Bildern doch selbst die Spucke weg. Es darf aber nicht sein, dass Lehrpersonen beim Behandeln des Thema Porno sich auf die eigenen Ängste, Erregungen oder Assoziationen beziehen. Sie müssen die Reaktion der Kinder beobachten. Doch so eine flächendeckende pädagogische Begleitung kann man nicht erwarten. Darum ist ein didaktisches Konzept nötig, um das Thema an die Lehrer und damit an die Kinder zu bringen.

Gesetzt den Fall, es funktioniert…
Im Idealfall sagt ein aufgeklärtes Kind, das auf eine Porno-Seite stösst: Nein, das will ich nicht sehen. Ich möchte die eigene Sexualität im Kopf haben und nicht diese gespielte, bezahlte. Doch wo soll das Kind die Massstäbe dafür herhaben? Viele sagen: Ist doch nicht weiter schlimm. Porno ist nur eine Karikatur unserer eigenen Sexualität. Doch diese Ironie können Kinder und Jugendliche nicht verstehen, weil sie die Basis gar nicht kennen. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 17.03.2010, 16:04 Uhr

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33 Kommentare

bart wakker

18.03.2010, 20:04 Uhr
Melden 1 Empfehlung

Aus eigener erfahrung: ich sehe seit ich 12 bin regelmässig porno. Es hat mich nicht geschädigt und hab auch nie eine steigerung gebraucht; das es wenig mit der realität zu tun hat sollte auch jedem klar sein. Bin trotzdem seit 20 jahren glücklich verheiratet und hab normale kinder... Porno, auch zugängig für teenager, ist nichts neues und ich sehe nun wirklich das problem nicht. Antworten


Beni Schärer

17.03.2010, 14:45 Uhr
Melden

Richtig. Wenn man den Pornos das Verbotene, "Geheime" nimmt, sind sie für jugendliche auch nicht mehr attraktiv. Jeder von uns weiss: wenn etwas nicht erlaubt ist, macht man es trotzdem, weil es eben einen gewissen Kick gibt. Wer hat noch nie dem Bauern einen Apfel vom Baum gestohlen? Antworten



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