«Kinder brauchen klare Ansagen»
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 02.03.2011 22 Kommentare
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Das Buch «Die Mutter des Erfolgs» der chinesischstämmigen US-Amerikanerin Amy Chua hat sofort nach seinem Erscheinen die Beststellerlisten gestürmt und für heftige Kontroversen gesorgt. Chua schildert, wie sie ihre beiden Töchter als eine Art Drill-Sergeant zu musikalischen und schulischen Höchstleistungen getrieben hat; fast alles, was Spass machte, war verboten. Die «Tiger Mom», wie sie sich im Untertitel der Originalausgabe nennt, hat Todesdrohungen erhalten, die Öffentlichkeit zeigte sich entsetzt ob ihrer Erziehungsmethoden und der Härte ihren Töchtern gegenüber.
Belle Lee-Täuber ist ebenfalls chinesischstämmige US-Amerikanerin, und sie ist im Geiste von Amy Chua erzogen worden. Lee-Täuber ist Pharmakologin, arbeitete in der Forschung und studiert jetzt protestantische Theologie; sie hat zwei Kinder und lebt mit ihrer Familie in Bern. Die 54-Jährige erklärt, was hinter dem Denken von Chua steht; sie tut dies charmant, warmherzig und mit Humor.
Belle Lee-Täuber, sind Sie eine Tiger Mom?
(lacht) In vielen Beschreibungen habe ich mich tatsächlich ertappt gefühlt. Und weil meine Kinder Cello und Geige spielen, kam ich mir vor wie ein Klischee. Vieles, worüber Chua schreibt, ist so typisch chinesisch, dass mir erst durch den Aufschrei nach Erscheinen des Buches klar wurde, wie merkwürdig gewisse Dinge für westliche Ohren klingen müssen, die für mich selbstverständlich sind. Zum Beispiel mussten meine Kinder ebenfalls in den Ferien auf ihren Instrumenten üben; meine Tochter nahm ihre Geige mit, meinem Sohn habe ich, wie Amy Chua, das Cello gemietet. Sie mussten allerdings stets nur eine halbe Stunde täglich üben.
Aber das haben Sie kontrolliert.
(lacht wieder) Natürlich! Ich sitze sogar daneben.
Es existiert also, dieses strenge chinesische Erziehungsmodell.
In China ist das immer noch Standard. Aber bei Immigranten schwächt es sich mit jeder Generation ab und vermischt sich mit den pädagogischen Ansätzen des Gastlandes. Meine Eltern waren mit meinen zwei jüngsten Geschwistern schon viel weniger streng als mit uns älteren. Sie durften zum Beispiel an den Abschlussball, das war uns verboten.
Ist das chinesische Erziehungssystem dem westlichen überlegen?
Nein. Es ist aber auch nicht so schlecht, wie es jetzt dargestellt wird; Chua übertreibt mitunter. Der chinesische Ansatz beinhaltet durchaus positive Punkte.
Zum Beispiel?
Man lernt Disziplin, an einer Sache dran- zubleiben, einen gewissen Biss zu entwickeln. Das hilft fürs Leben. Es gilt heute als verpönt, von Kindern zu verlangen, dass sie etwas gegen ihren freien Willen tun, dass sie Dinge auswendig lernen oder stur büffeln müssen – sie sollen immer bei allem Spass haben. Aber wenn Sie ein Instrument lernen wollen oder eine Sprache, dann funktioniert das nur über Üben und Repetition. Ich kenne viele Erwachsene, die es heute sehr bedauern, dass ihre Eltern nicht mehr Druck gemacht haben beim Üben. So gingen sie jahrelang in den Musikunterricht, kamen aber kaum vorwärts.
Sind wir Westler zu verwöhnt?
Es geht ein bisschen in diese Richtung. Im Westen ist man sehr privilegiert. In China oder auch Indien sind die Menschen nicht nur ärmer – was sie oft ehrgeiziger macht –, auch das Leben an sich ist viel härter, weil die Konkurrenz so gross ist. Kinder lernen schon früh, dass sie die Besten sein müssen, wenn sie etwas erreichen wollen. Anders geht es nicht. Tausende warten auf einen Studienplatz, Tausende bewerben sich auf einen Job, es gibt immer jemanden, der besser ist oder fleissiger. Da ist den Kindern von Anfang an klar, dass sie ohne herausragende Leistungen untergehen.
Sie erwähnten den chinesischen Ansatz. Worin besteht der?
Chinesische Elternliebe funktioniert anders als westliche Elternliebe. Gerade weil ihre Kinder ihr Ein und Alles sind, fordern sie so viel von ihnen – auf diese Weise möchten sie ihnen das Rüstzeug für eine erfolgreiche berufliche Zukunft mitgeben. Dafür opfern sich die Eltern total auf. Das tun westliche Eltern auch, aber eher, indem sie sich den Wünschen des Kindes unterordnen, weil sie mehr auf dessen Wohlbefinden fokussiert und bemüht sind, ihm Bestätigung und ein gutes Gefühl zu geben. Deshalb loben westliche Eltern ihre Kinder auch für Leistungen, die höchstens mittelmässig sind. Das machen chinesische Eltern nie, weil sie der Meinung sind, ihrem Kind damit keinen Gefallen zu tun.
Dafür nennen sie ihr Kind schon mal «Müll», wie Chua schreibt.
Das ist Teil des chinesischen Denkens: Indem man sein Gegenüber beschämt, spornt man es an. Mit meinen Kindern habe ich das allerdings nie gemacht, meine Eltern mit mir hingegen schon.
Amy Chua forderte eine Menge von ihren Töchtern. Sie hatte Erfolg, gleichzeitig aber auch das Glück, dass ihre Kinder so talentiert waren. Wie gehen chinesische Eltern mit Kindern um, die das nicht sind?
Das ist ein Problem, in der Tat. Und eng damit verknüpft ist ja auch die Frage, was als erfolgreich angesehen wird. In der chinesischen Denkweise sind vor allem die Naturwissenschaften und die Medizin als prestigeträchtige Disziplinen anerkannt, daneben noch die Musik. Alles andere gilt als minderwertig. Für meine Schwägerin war das sehr hart. Sie ist musisch begabt, kann sehr gut schreiben und ist heute Journalistin; aber das waren Begabungen, die nicht dem chinesischen Erfolgsmodell entsprachen. So wenig Wertschätzung in der Kindheit hinterlässt Spuren, vielleicht sogar ein Leben lang, und das ist fatal.
Inwiefern erziehen Sie Ihre Kinder überzeugt chinesisch?
Insofern, als ich der Meinung bin, dass Kinder, zumindest bis zu einem gewissen Alter, klare Ansagen brauchen. Ich amüsiere mich sehr, wenn Freunde von mir ihre zwei- oder dreijährigen Knirpse fragen, welchen Pulli sie anziehen möchten. Ich bin der Meinung, dass die Eltern das Zepter in der Hand halten sollten, bis die Kinder etwa zehn Jahre alt sind.
Und danach?
Danach fängt das Verhandeln an.
Das klingt nicht sehr chinesisch.
Stimmt. Weil ich der Meinung bin, dass das chinesische System in dieser Hinsicht zu einseitig ist. Es kommt auf die Balance an, und es ist wichtig, miteinander zu reden. Ich habe meinen Kindern immer erklärt, weshalb ich etwas Bestimmtes von ihnen verlange. Es ging mir nie darum, einfach zu verbieten, sondern einen klaren und nachvollziehbaren Rahmen zu setzen.
Wo setzen Sie sonst noch eher auf westliche Werte?
Ich entschuldige mich und gestehe Fehler ein – das ist in der chinesischen Erziehung auf Elternseite nicht vorgesehen. Das hat damit zu tun, dass in China Eltern, Lehrer und Professoren Respektspersonen sind. Es gehört sich nicht, sie infrage zu stellen.
Das System fordert also Passivität, nicht Aktivität.
Richtig. Man tut, was einem gesagt wird, und stellt keine Fragen. Im schlimmsten Fall ist das Ergebnis ein Roboter, der alles auswendig kann, aber nicht in der Lage ist, selbst zu denken. Das sind dann Nerds, fachlich erstklassig, aber eben nur auf einem einzigen Gebiet. Und meistens sind dabei die sozialen Kompetenzen völlig auf der Strecke geblieben.
Sie sind erzogen worden, wie Amy Chua ihre Kinder erzogen hat. Was haben Sie heute für ein Verhältnis zu Ihren Eltern?
Ein gutes. Ich bin ihnen dankbar, obwohl sie mitunter unglaublich streng waren. Die Gebote und Verbote, die Chua ihren Töchtern auferlegt – kein Auswärtsübernachten, keine Spielnachmittage, kein Fernsehen, kein Schultheater, keine Note unter 6 –, galten für mich auch. Und dass ich nicht an den Abschlussball durfte, war wirklich schlimm. Ich ging dann für mein Studium so weit weg von zu Hause wie möglich. Aber ich habe schon damals geahnt, dass meine Eltern diese Strenge aus Liebe zu mir an den Tag legten und nicht etwa, weil es ihnen Spass machte, mir gewisse Dinge zu verbieten.
Chinesische Eltern verlangen diese Dankbarkeit aber auch als Ausgleich für ihre Aufopferung.
Ja, und damit bin ich nicht einverstanden. Kinder schulden ihren Eltern nichts. Liebe muss umsonst sein. In diesem Punkt denke ich gar nicht chinesisch und auch nicht westlich, sondern in erster Linie christlich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 01.03.2011, 20:52 Uhr
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22 Kommentare
Wie so oft liegt auch hier das Optimum irgendwo in der Mitte. Vielen westlichen Kindern würde etwas mehr Disziplin und Strenge sicher nicht schaden, insofern es als Anregung sicher nicht schlecht, mal zu schauen wie Kinder in anderen Ländern erzogen werden. Der Ansatz von Frau Lee-Täuber klingt vernünftiger als der von Amy Chua, einiges könnten wir von den Chinesen schon lernen. Antworten
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