Kontaktanzeiger für Internauten im Zölibat

Im Web tauschen sich schwule Priester hoffnungsvoll und ungeniert aus. Die Fraternitas Venerabilis grenzt sich ausdrücklich von der laizistischen Gay-Kultur ab.

Nicht nur Kontaktbörse, sondern auch Klagemauer: Die Website der «Homosensible Roman Catholic Priests Fraternity».

Nicht nur Kontaktbörse, sondern auch Klagemauer: Die Website der «Homosensible Roman Catholic Priests Fraternity». Bild: Screenshot

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«Hallo, ich bin Priester (35) suche Freundschaft mit schwulen Priestern oder Seminaristen. Ich bin sehr offen», schreibt ein Mann im italienischen Chatroom. Und ein anderer: «Ich bin italienischer Priester (45) und habe eine Vorliebe für schwarze Männer. Ich wäre sehr glücklich, wenn mich ein dunkelhäutiger Priester kontaktieren könnte.»

Im kürzlich eingerichteten deutschsprachigen Chatroom gibt es erst wenige Einträge: «Grüss Gott, ich wohne in Deutschland und suche Kontakt zu gleichgesinnten Männern, Priestern.» Oder kurz und bündig: «Ich suche einen Freund, Priester wie ich.» Die Internet-Plattform Venerabilis existiert schon länger. Doch erst dieser Tage hat sie der bekannte Vatikanist Vittorio Messori bekannt gemacht. Und zwar unmittelbar nach der Privataudienz, bei der Papst Franziskus die Existenz einer «Homo-Lobby» im Vatikan bestätigte.

Betrieben wird die Site von einer Homo-Priesterbruderschaft, der «Homosensible Roman Catholic Priests Fraternity». Dahinter stehen italienische Schwule, offenbar ein loses Netz von Priestern. Die Fraternitas Venerabilis, übersetzt: Ehrwürdige Bruderschaft, grenzt sich ausdrücklich von der laizistischen Gay-Kultur ab, die zur Kirche feindlich eingestellt ist. Sie will ihren Weg «mit und für die römische Kirche» und den «Stellvertreter Christi auf Erden» gehen.

Chats in fünf Sprachen

Obwohl dieser Stellvertreter die praktizierte Homosexualität als Sünde verurteilt, dient die Site als Kontaktbörse für schwule Priester, die schwule Priester suchen, oder für nicht geweihte Homos, die Geistliche kennen lernen möchten. Das kann man in fünf sprachspezifischen Chatrooms tun. Der italienische ist am stärksten frequentiert. Ein Lehrer schreibt dort: «Guten Tag, ich bin 67 Jahre alt, ich hatte Freundschaften mit Priestern, die für mein geistliches, privates und sexuelles Leben wichtig waren. Gerne würde ich von Priestern in Rom kontaktiert werden, um erneut diese Erfahrungen und Gefühle zu erleben.»

Neuerdings kann das auch nicht virtuell, real in Rom geschehen. Die Homo-Priesterbruderschaft bietet einen Treffpunkt an, wo sich schwule Geistliche «persönlich und ohne Risiko» kennen lernen können: und zwar in der berühmten Buchhandlung Feltrinelli am Largo Argentina, in der Cafeteria oder in der Abteilung Philosophie und Religion, jeweils zwischen 18 und 20 Uhr. Studenten und Seminaristen der päpstlichen Jesuitenuniversität Gregoriana und der Dominikaneruniversität Angelicum treffen sich am gleichen Ort zwischen 11 und 12 Uhr.

Klagemauer Internet

Rechte Kirchenkreise haben die «ehrwürdige Plattform» als lasterhaftes Unterfangen abqualifiziert. Doch ist die Site nicht nur Kontaktbörse, sondern auch Klagemauer. So mancher schwule Priester sucht dort Gleichgesinnte, um sich über die schwierige Situation, das belastende Doppelleben auszutauschen.

Auffallend häufig melden sich Priester aus der Traditionalisten-Szene. Zum Beispiel ein 26-jähriger französischer Lefebvrist: «Junger Priester der Priesterbruderschaft Pius X., der seine Homosexualität schlecht akzeptiert, möchte sich mit anderen Priestern oder Traditionalisten austauschen, die unter der gleichen Verletzung leiden.» (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.06.2013, 07:29 Uhr)

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