Korrektes Begehren gibt es nicht

Feministische Pornos sind en vogue, aber kommerziell wenig erfolgreich. Weil sie die weibliche Lust missverstehen.

Feministische Lust: Trailer zu «XConfessions Vol. 6». Video: Erika Lust Films

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Wenn Sie nicht wissen, was feministische Pornografie sein soll, geht es Ihnen wie den meisten Menschen. In den Medien wird das Genre mit schöner Regelmässigkeit verhandelt; was man sich darunter vorstellen muss, weiss aber kaum jemand. Entsprechend sind Pornos für Frauen eine Nische geblieben, in der ambitionierte Kreative eine alternative Erotik zu etablieren versuchen. Kommerziell erfolgreich sind sie damit selten. Das könnte daran liegen, dass diese Bedürfnisse entweder nicht existieren oder dass Frauen Blümchensex langweilig finden und es deshalb gar keine speziellen Frauenpornos braucht.

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Am Montag erläuterte die feministische Porno-Unternehmerin Erika Lust im Interview mit Tagesanzeiger.ch/Newsnet ihre Vision von Pornos für Frauen. Demnach sollen Frauen «intelligentere Pornos» bevorzugen, bei denen Männer mehr seien als blosse Fickmaschinen. Frauen wollten wirkliche Anziehung sehen und sicher keine Filme, bei denen sie «am liebsten kotzen würden». Das ist sicher richtig – nur, welcher Mann will eigentlich einen Porno sehen, bei dem ihm schlecht wird?

Als ob die Frauen es nötig hätten

Der ganzen Diskussion um feministische Pornos liegt ein Missverständnis zugrunde. Wir alle wissen, dass Männer stärker über visuelle Reize funktionieren und Frauen eher auf erotische Geschichten reagieren. Das bestätigen psychologische wie neurologische Studien. Aber heisst das, dass nur ein Pornofilm mit einer Handlung ein guter Porno ist? Natürlich wird Pornografie vornehmlich für Männer gemacht, und manches ist für Frauen schwer erträglich. Aber es sei hier etwas verraten: Auch Männer können nicht mit jedem Angebot etwas anfangen. Und es gibt nicht wenige Frauen, die auch herkömmliche Porno­grafie ziemlich scharf finden.

Wenn feministische Pornografinnen betonen, Frauen brauchten vor allem schöne Kleider und eine tolle Geschichte, um in die Gänge zu kommen, dann tönt das so, als müsse man ihnen die expliziten Szenen fast heimlich andrehen. Als ob sie das nötig hätten. Viele Frauen können mit den verquasten feministischen Pornofilmen einfach nichts anfangen und stehen eher auf Herkömmliches. Denn Frauen und Männer mögen unterschiedlich begehren, aber eines haben sie gemeinsam: Der Lust sind die Erfordernisse des politisch Korrekten egal. Frauen, die schon die Kompatibilität von Feminismus und Stöckelschuhen fragwürdig finden, stossen in Tiefen des weiblichen Begehrens auf noch viel grössere Widersprüche. Kann man im normalen Leben Stärke und Unabhängigkeit propagieren und sich im Bett dennoch gern dominieren, vielleicht sogar schlagen lassen? Wie kann eine Frau die Darstellung einer Vergewaltigung erregend finden, wenn die reale Vorstellung zu den tiefsten Ängsten gehört? Darüber sprechen Frauen ungern, weil sie glauben, es könne etwas nicht stimmen mit ihnen. Sie fürchten, missverstanden zu werden – und das wohl zu Recht.

Der kleine Unterschied

Tatsächlich gibt es aber eine Reihe von einleuchtenden Gründen für diese verwirrenden Empfindungen. Erstens ist die Grenzüberschreitung an sich schon erregend, wie jeder Fremdgeher weiss. Zweitens funktioniert das weibliche Begehren narzisstisch: Wo Männer begehren, wollen Frauen begehrt werden. Und sind Pornostars die Verkörperung dessen, das Objekt besinnungsloser Begierde. Drittens spielt der Kontext für weibliche Lust eine grosse Rolle. Neurologische Untersuchungen zeigen, dass weibliches Begehren auf eine Vielzahl von Reizen reagiert. Während Männer beim Pornokonsum vor allem den weiblichen Körper betrachten, wechselt der weibliche Blick zwischen Gesicht und Körper. Nicht nur demjenigen des Mannes, sondern vor allem auch der Frau. Sie können sich dort mit der Frau identifizieren, ohne sich den realen Risiken einer solchen Begegnung aussetzen zu müssen.

Für eine feministisch orientierte Generation von Frauen mag das vielleicht schwierig zu akzeptieren sein: Aber auch Feministinnen haben zuweilen ganz unfeministische Gelüste. Sie sollten sich deswegen nicht schämen.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 07.02.2017, 23:27 Uhr

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