Krankheit, Stress, Selbstmordgedanken
Von Nina Merli. Aktualisiert am 03.06.2011 29 Kommentare
Gewaltiger psychischer Druck: IV-Rentner in Grossbritannien müssen viel aushalten. (Symbolbild)
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Im April hat die britische Regierung begonnen, wöchentlich 7000 Briefe an die rund 1,5 Millionen IV-Bezüger zu schicken. Die Empfänger werden darin aufgefordert, sich zu einem Test für die Neubewertung ihrer Arbeitsfähigkeit zu melden. Erste Gespräche sollen diesen Monat geführt werden.
Diese Neueinschätzungen sind eine Massnahme der angekündigten Sozialkürzungen – die stärksten seit dem Zweiten Weltkrieg.
Suizidgedanken ausgelöst
Nun schlagen britische Psychiater Alarm, denn viele der IV-Bezüger sind psychisch krank und würden durch den aufgesetzten Druck massivem Stress ausgesetzt. Eine Umfrage des Mental-Health-Charity-Zentrums «Mind» hat ergeben, dass drei Viertel der Betroffenen durch die Aussicht auf eine Neueinschätzung ihrer Arbeitsfähigkeit eine Verschlechterung ihrer psychischen Krankheit festgestellt haben, und 51% gaben gar Suizidgedanken an. In einem offenen Brief in der britischen Tageszeitung «The Guardian» warnen nun namhafte Psychiater – unter anderen vom Royal College of Psychiatrist – vor den fatalen Folgen der Sozialhilferevision.
«Wir sind der Meinung, dass die Neueinschätzung der Arbeitsfähigkeit eine gewaltige Menge von Sorgen bewirkt. Tragischerweise hat es bereits Fälle von Menschen gegeben, die sich wegen der Probleme im Zusammenhang mit einer Veränderung ihrer Sozialhilfe das Leben genommen haben.»
Die Psychiater befürchten, «dass das Sozialhilfesystem in eine Richtung zielt, die Menschen mit psychischen Gesundheitsproblemen noch stärker unter Druck setzt». Das Sozialwesen solle stattdessen ein verständnisvolleres und lösungsorientierteres System anstreben.
Spezielle Lösungsmodelle gefragt
Auch in der Schweiz sind IV-Rentner mit psychischen Erkrankungen von Sanierungsplänen betroffen und in den Fokus der Politik geraten. Das Bundesamt für Sozialversicherungen (BSV) will alle laufenden Renten überprüfen und klären, ob eine Eingliederung in die Arbeit möglich ist. Allerdings ist das Vorgehen dieser Überprüfung nicht ganz so drastisch wie in England. Denn bereits im Rahmen der 5. IV-Revision (2008) wurde eine Verschärfung der Praxis angestrebt, allerdings wurden gleichzeitig auch Lösungssysteme erarbeitet. Wie zum Beispiel das sogenannte «Job-Coaching»-Programm. Ziel des Projekts ist es, psychisch Kranken zu helfen, ihre Stelle zu behalten oder einen Wiedereinstieg zu ermöglichen.
«Wir haben mit dem Job-Coaching sehr erfreuliche Ziele erreicht», sagt Daniela Aloisi von der Zürcher Sozialversicherungsanstalt (SVA). «Unsere Coaches orientieren sich an den Bedürfnissen der Versicherten und beraten sich bei der Lösungssuche auch mit behandelnden Fachleuten, Psychiatern und Psychotherapeuten.» Wer zum Beispiel schon seit langem keiner Arbeit nachgegangen ist, muss bei der Wiedereingliederung äusserst behutsam begleitet werden. Dazu gehören Aktionen wie die gemeinsame Hinfahrt am ersten Arbeitstag oder ein Gespräch mit den Arbeitgebern.
Druck erzeugt massiven Stress
Eine sorgfältige Praxis ist auch dringend nötig. Denn laut Christoph Lüthy von der Schweizerischen Stiftung Pro Mente Sana ist für psychisch Kranke «generell jede Veränderung mit grosser Verunsicherung verbunden. Kommen dann – durch eine androhende Rentenkürzung – auch noch Existenzängste dazu, ist das Stresspotenzial enorm.» Beim Beratungstelefon von Pro Mente Sana wurde seit der Verschärfung der IV-Praxis eine starke Steigerung der Beunruhigung festgestellt. «Menschen, die wegen psychischer Probleme IV-Rente beziehen», so Lüthy, «hatten ja bereits, als sie noch in der Arbeitswelt eingegliedert waren, massive Probleme und konnten teilweise keine Arbeit finden oder ihre Stelle nicht halten.» Allein die Vorstellung, erneut mit dieser Situation konfrontiert zu werden, könne massive Ängste hervorrufen. Die Warnung der britischen Psychiater kann er nachvollziehen.
Dass an weiteren Lösungen gearbeitet werden muss, liegt auf der Hand. Denn mit der 6. IV-Revision, die voraussichtlich ab 2012 in Kraft treten wird, wird die Kürzung noch mehr Menschen betreffen. Die Schweizerische Konferenz für Sozialhilfe (Skos) bereitet sich schon mal auf mögliche Veränderungen vor: Weil bereits aufgrund der aktuellen Praxis der Invalidenversicherung viele psychisch Kranke keine Rente mehr erhalten, sind sie somit automatisch auf Sozialhilfe angewiesen. Unter dem Titel «Die Kunst des Lebens – Psychisch Kranke in der Sozialhilfe» tagte man zwecks Lösungsfindung letzte Woche in Baden. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 03.06.2011, 13:20 Uhr
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29 Kommentare
Im schlimmsten Fall Selbstmord? Noe, im schlimmsten Fall gibt es erweiterten Suizid! Und plötzlich könnte es dann auch wieder die Herren Politiker interessieren, denn bei einem erweitertem Suizid kommen immer noch ein paar unbeteiligte mit, womöglich sogar ein paar Politiker?! Antworten
Das Wort "Scheininvalide" ist leider heute unbrauchbar, da zu stark belastet. Die Rentenabhängigen, die damit gemeint waren gibt es aber noch immer. Man kann sich an jede Rente so sehr "gewöhnen", dass man irgendwann gar nicht mehr weiss, ob man sie eigentlich noch braucht oder ob man schon längst wieder arbeiten könnte. Diesen Leuten darf man ruhig etwas auf die Sprünge helfen. Antworten
@ Weibel: Alleine die Tatsache, dass Sie einen psychisch Kranken mit einem Fussballer vergleichen, macht klar, dass Sie das Problem weder erfasst noch von der Materie eine Ahnung haben. Lesen Sie den Artikel nochmals langsam und gründlich durch, statt irgendwelchen Mist von Scheininvaliden und Fussballern zu erzählen. Das Thema ist etwas komplexer, als es iIhr Kopf wahrhaben will.
Armin Weibel: In welcher Welt leben Sie? Ihr doofer Vergleich in die Brot - und Spiele - Welt in Zusammenhang mit dem Thema, entbehrt jeglicher vernünftigen realen Grundlage. ( Grenze unseres Hörsinns. - Man hört nur die Fragen, auf welche man imstande ist eine Antwort zu finden. F. Nietzsche )
Hr. Bissegger, im Fussball bleibt der "Scheingefoulte" selbstverständlich mit Schmerzverzerrtem Gesicht liegen, wenn er vom Schiedsrichter mit dem Pfiff "belohnt" wird. Bleibt dieser Pfiff aber aus, so erhebt sich der "gefoulte" blitzschnell und rennt wieder dem Ball hinterher. Und ausserdem: Arbeit lässt sich leicht finden wenn der Zumutbarkeitsbegriff entsprechend neu definiert wird.
A. Weibel: Könnten Sie: " noch auf die Sprünge helfen" näher spezifizieren? Arbeiten wollen / können ist nicht eine Einbahnstrasse, da braucht es zwei, Arbeitgeber und Arbeitnehmer. In welchem Märchenland leben Sie, angesichts der real existierenden Arbeitslosigkeit und dem Bestreben der Gewinnoptimierung etc.? Sie sind dem Unwort "Scheininvalid" aufgesessen und glauben diesen paranoiden Unsinn!
Sehen Sie Frau Auf der Maur, das ist genau das Problem der Diskussion. Wenn Sie lesen würden, hätten Sie nämlich gemerkt, dass ich ausdrücklich die "Scheininvalidität" meinte und nicht die "Invalidität". Wer invalid ist muss und kann nicht arbeiten. Niemand verlangt einen solchen Unsinn. Der "Scheininvalide" jedoch ist NICHT invalid. Das ist der entscheidende Unterschied.
Man merkt, dass Sie keinen blassen Schimmer von jeglicher Invalidität haben. Man kann sich an die Rente nicht gewöhnen, weil sie zum Leben nicht ausreicht. Invalide, die an Depressionen leiden, werden völlig kampfunfähig. Bevor Sie solchen Stuss rauslassen, begeben Sie sich erst mal ein paar Wochen in eine psychiatrische Klinik, damit Sie wissen, wovon die Rede ist.
Was ist mit dem Versprechen von Herrn Burkhalter vor der Parlamentsabstimmung, dass IV-Rentner mit psychischen Krankheiten von der neuen Praxis nicht betroffen sind? Schon vergessen? Wäre ja wohl eine Riesenschweinerei! Und gegen die Ursachen, dass es immer mehr psychisch Kranke gibt, wird nichts getan, einfach die Kranken noch mehr ausgrenzen und dazu beitragen, dass es ihnen noch schlechter geht Antworten
Ich habe selber eine IV Rente aus psychischen Gründen, vorher war ich einigermassen stabil, aber seit der Revision geht es mir nur noch schlechter, mit massivem Anstieg von Angsgefühlen. Und ich kenne viele ebenfalls Betroffene, denen es gleich geht. Falls mir die Rente gekürzt werden sollte kann ich mich wirklich nur noch erschiessen. Keine Zukunft, kein Geld, was soll ich noch? Antworten
Die IV lässt Gutachten machen, fernab jeder wirtschaftlichen Realität. Sie zahlt dafür je CHF 9'000,00, ausgeführt durch willige Geldvermehrer. Dafür werden keine Leistungen der IV gewährt. Jedoch werden Leute beschäftigt, die das soziale Existenzminimum berechnen müssen. Die Krankenkasse kann nicht mehr bezahlt werden. Selbstbehalte auch nicht. Mahngebühren, Betreibungs-, und Klinikkosten. Bravo! Antworten
@ M. Trümmer: Auch Sie - keinen blassen Schimmer von solchen Krankheiten und was diese für die Betroffenen bedeuten. Ein Teil der Krankheiten beruht auf Stoffwechselstörungen und sind demzufolge auch nachweisbar. Medikamente können teilweise Linderung schaffen, aber nicht unbedingt heilen. Solche Erkenntnisse werden komischerweise nie an die Öffentlichkeit gebracht. Warum wohl?
Herr Trümmer, haben Sie eine Ahnung davon, wie es ist unter z.Bsp. Depressionen zu leiden oder etwa einer Angsterkrankung und/oder sozialen Phobien, und wieviel Kraft es jeden Tag kostet, dagegen anzugehen? Und glauben Sie mir, jeder Betroffene hätte lieber ein normales Leben. Auf Vorwürfe von wegen Arbeitsfaulheit kann da gerne verzichtet werden!
Fakt: "nur der Stärkste..." war es schon immer, über all die Zeitalter hinweg. Manche psychisch Kranke könnten aber auch anstrengen und etwas gegen ihre Krankheit unternehmen, anstatt sie als Vorwand für ihre Arbeitsfaulheit zu nehmen.
Äh! Ist es denn nicht gerade beabsichtigt, dass sich die IV-Rentner umbringen um Kosten zu sparen?
Wir wir vom bürgerlichen Parlament wissen braucht doch schliesslich die Armee noch dringendst 1 Milliarde für mehr Soldaten und 5 Milliarden für neu Flugi. (Wahrscheinlich um die überlebenden IV Rentner in Schach zu halten.
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Wenn eine Versicherung etwas verspricht, hat man auch das Recht im Falle der Notwendigkeit sie zu beanspruchen. Leider machen unehrliche Menschen den Versicherungen grosse Probleme. Eine Überprüfung - wenn sie mit Fachärzten, und dazu gehören auch Psychiater - schadet keinem IV-Bezüger, wenn er die Leistungen dem Reglement entsprechend bezieht. Antworten
Und in welchem Prozentbereich liegen die "Unehrlichen"? Welche Versicherung ausserhalb des Sozialbereiches muss sich nicht auch mit "Unehrlichen" herumschlagen? Ein wenig weiter denken wäre auch nicht schlecht, dann landet man plötzlich bei der Gilde der Wirtschaftskriminellen....
Wenn ich mir so den Leistungskatalog der Bezüge ansehe, dann verstehe ich nur noch Bahnhof: und das soll unsozial sein?
Und wenn ich mir die Entwicklung der IV-Zahlen im Speziellen und der Sozialausgaben im Allgemeinen angucke, dann bleibt mir nur noch der Mund offen stehen.
Aber es wird wohl an mir und meinem Intelligenzniveau liegen....
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Die Beträge pro Person sind seit Jahren am Sinken. Steht das auch in Ihrem erfundenen Leistungskatalog? Oder in Ihren Zahlen? Man sollte Ihnen auch mal 1500 Franken im Monat zum Leben lassen, Herr Iseli. Nach einigen Wochen kommen sie auf den Knien betteln!
Herr Iseli: Ihr Intelligenzquotient ist sicherlich in Ordnung, aber sagen Sie mal: Wie ist denn nun dieser "Leistungskatalog" und wie hoch sind die "Bezüge"??? Gerne würde ich es geschehen lassen, dass auch mir der Mund offenbleibt. Gerne hoffe ich auf Ihre Angaben.
Die Vorlage hat durchaus etwas Unanständiges an sich: Statt Hoffnung wird Angst vor Armut (Sozialhilfe = weniger Geld) verbreitet, was bei angeschlagenen Menschen durchaus bis unerträglich werden kann, weshalb dann Suizidalität Thema wird.
Wenn die reale Hoffnung nicht grösser gemacht werden kann als die reale Angst, verliert staatliches Handeln seine Berechtigung, besonders wenn ohne Not gemacht.
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Früher wurden in der Schweiz die Invaliden von den eigenen Familien im Estrich oder Keller versteckt gehalten. Heute gibt man ihnen etwas Geld, damit man sich nicht wesentlich mit Ihnen beschäftigen muss. Gleichzeitig werden Ihnen Schuldgefühle auferlegt, sodass Sie sich nicht mehr trauen, Sozialkontakte aufzubauen, weil die Schweizer Gesellschaft sich deren nur schämt. Traurige reiche Schweiz?! Antworten
Das ist doch das Ziel des wirtschaftsliberalen Sozialdarwinismus "unnütze" Menschen, welche für die Gesellschaft unproduktiv sind und nur Kosten verursachen, aus dieser zu entfernen. Selbstmord ist da eine permanente und saubere Lösung für alle (den Patienten, den Staat, die Krankenkasse und die Sozialversicherung), höre ich schon so manchen SVP Politiker sinnieren. Antworten
Einmal mehr zeigt sich: Gespart wird bei den Allerschwächsten und Verletzlichsten, bei jenen Minderheiten die auch kaum Möglichkeiten oder den Mut haben sich zu wehren. Natürlich ist das einfacher als den mächtigen, gut organisierten Minderheit der Vermögenden die Steuern zu erhöhen. Die heutige "Demokratie" versagt völlig, soziale Gerechtigkeit zu fördern. Antworten
Lieber Herr Cesna
Da stimme ich Ihnen leider zu. Dennoch, nur wer sich selber hilft, dem wird geholfen. Kleine Erfolge können überdies stark motivierend wirken. Das gilt für Gesunde wie "Angeschlagene". Deshalb dürfen wir Sie nicht länger demotivieren sondern müssen unterstützende und motivierende Wege finden, um Sie aus diesem 'Circulus vitiosus' herauszuführen. Da sind wir alle gefordert!
Lieber Herr Keusch,
Krankheit, besonders psychische Krankheit geht meist mit Ängsten und Scham einher, was fast (eben nicht) ideal ist um zu kämpfen oder sich durchzusetzen.
Ein christliches Motto hiess früher einmal: "was ihr den Geringsten tut, ...'"
Naja, heute nicht mehr modern.
Hohe Kultur ist eben daran erkennbar, dass auch den weniger fitten Migliedern geholfen wird.
Chronisch Kranke wehrt Euch!!! Nur wenn die einzelnen Schicksale ein Gesicht erhalten, werden Sie von den Gesunden kurzfristig wahrgenommen. Eine grosse Anzahl kann so nicht mehr langfristig negiert werden: siehe Facebook-Seite "Chronisch Kranke wehrt Euch". Gebt Euren Problemen ein Gesicht!!!

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