«Lassen wir das Kind wieder Kind sein»

Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 18.09.2009 3 Kommentare

Jürg Jegge findet, man solle die Stärken der Kinder fördern, statt ihre Schwächen zu betonen. Sein neues Buch ist ein Hieb gegen den Neoliberalismus, ein Aufruf gegen die Angst und voll Humor.

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«Die Schule verwandelt sich in ein Fitnesscenter für die Arbeitsesel des Neoliberalismus»: Jürg Jegge.

«Die Schule verwandelt sich in ein Fitnesscenter für die Arbeitsesel des Neoliberalismus»: Jürg Jegge.

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Jürg Jegge und sein Buch

Jürg Jegge: «Fit und fertig»

Der Autor Jürg Jegge bedient sich gerne Analogien, wenn er in die Tasten greift. Für ihn ist die Schule ein «Fitnesscenter für die Arbeitsesel des Neoliberalismus». Provokativ und süffig ist sein Buch, der Inhalt allerdings nicht ganz überraschend.

1943 in Zürich geboren, war Jürg Jegge Lehrer, Liedermacher sowie Fernseh- und Radiomitarbeiter. Seit 24 Jahren leitet er den Märtplatz in Rorbas, eine berufliche Eingliederungsstätte für Jugendliche mit «Startschwierigkeiten». Vor 33 Jahren ist er mit dem Bestseller «Dummheit ist lernbar» bekannt geworden, seither hat er in mehreren Büchern (u. a. «Angst macht krumm») für eine angstfreie, nicht leistungsorientierte Erziehung plädiert.

Das jeggesche Bildungssystem

Mit seinem eben erschienenen Buch versucht er zu zeigen, wie der Neoliberalismus unser Schul-, Sozial- und Mediensystem aushöhlt – und den modernen Menschen zur Ich-AG trimmt, die allzu oft dem Druck der Gesellschaft nicht standhält. Er zitiert namhafte Wissenschaftler und Autoren – und gibt konkrete Tipps für verunsicherte Eltern und Lehrpersonen. Ihm schwebt eine Volksschule vor mit Klassen aus maximal 15 Kindern mit unterschiedlichen Jahrgängen. Als Unterrichtsort könnte auch eine Wohnung dienen. Es wäre unwichtig, wie lange sich ein Kind in der Volksschule aufhält, bevor es in die Mittelschule oder in die Berufslehre wechselt, allerdings gäbe es eine Mindest- und eine Höchstaufenthaltsdauer, damit keine Eltern ihre Kinder «im Eiltempo» durch die Schule «treiben» könnten. (kat)

Jürg Jegge: Fit und fertig. Gegen das Kaputtsparen von Menschen und für eine offene Zukunft. Limmat-Verlag 2009, 221 S., ca. 35 Fr. Buch-Vernissage: 21. Sept., 20 Uhr, Kaufleuten, Zürich. Jürg Jegge, Graziella Rossi, Helmut Vogel und Daniel Fueter lesen und singen zu «Arbeitseseln und anderen armen Schweinen der neoliberalen Profitwirtschaft».

«Fit und fertig» heisst Ihr neues Buch. Schwingt da etwas Autobiografisches mit?
Nein, denn ich bin weder das eine noch das andere. Fett vielleicht, ja.

Sie haben vor über 30 Jahren den Bestseller «Dummheit ist lernbar» und seither mehrere Bücher geschrieben. Was ist nun neu am Neuen?
Nur wenig. Eigentlich habe ich seit der «Dummheit» fünfmal das gleiche Buch geschrieben. Aber es gibt eben Leute, denen man alles zehnmal sagen muss. Ich sehe mich als Anstifter zum Störrischsein. Und: Diesmal geht es weit über den Bereich der Schule hinaus.

Im Fokus von «Fit und fertig» steht aber nach wie vor unser Schulsystem, das Sie hart kritisieren. Was stört Sie, als ehemaligen Lehrer, daran?
Die Schule wird permanent umgebaut, sie verwandelt sich in ein Fitnesscenter für die Arbeitsesel des Neoliberalismus. Es dreht sich alles um Effizienz, Konkurrenz und Konformität. Bereits Erstklässler müssen sich miteinander vergleichen. Das ist mindestens für die Hälfte ziemlich entmutigend.

Wie sonst, wenn nicht über Vergleiche, kann man Leistungen denn messen?
Indem man das Individuum für sich betrachtet. Die sogenannte gesunde Konkurrenz ist gesund für das obere Drittel der Gesellschaft. Der Rest leidet darunter, wird entmutigt und verzweifelt gefördert.

Was ist falsch daran, wenn Eltern oder Lehrpersonen ein Kind bewusst fördern?
Das Problem ist die Fragestellung. Die meisten überlegen sich, wie sie das Kind wettbewerbstauglich und leistungsfähig machen können, auf dass es sich problemlos in die neoliberale Welt einpflanzen lässt. Stattdessen würden wir gescheiter schauen, dass das Kind nicht Schaden nimmt vom allgegenwärtigen Wettbewerb und dem Leistungsdruck. Wir müssen unsere Kinder seelisch stärken.

Was verstehen Sie unter «seelisch stärken»? Züchten wir damit nicht Egoisten heran?
Eben gerade nicht! Nach meiner Erfahrung sind Egoisten eher Menschen, die sich selbst nicht mögen, die zu wenig Selbstvertrauen haben und deshalb dauernd auf sich schauen und aufmerksam machen. Junge Menschen sollten aber nicht zur Ich-AG verdreht, sondern in ihrem gesunden Selbstwertgefühl gestärkt werden.

Sie kritisieren, die Schule beurteile unsere Kinder nach Kriterien wie Team- und Kommunikationsfähigkeit oder Kreativität. Was ist an diesen Werten auszusetzen?
Es ist ein Etikettenschwindel. Was heisst denn Kreativität? Echte Kreativität kann Systeme auf den Kopf stellen, das aber will die Schule sicher nicht. Da waren frühere Bewertungskriterien wie Gehorsam, Fleiss und Ordnungsliebe wenigstens ehrlich. Heute tut man so, als ob man das Individuum beurteilen würde, dabei werden die Kleinen einfach wettbewerbsgeil gemacht.

Wie würden denn Sie ein Kind bewerten?
Liebevoll. Ich würde also möglichst genau seine Lernerfolge beschreiben und damit schliesslich aufzuzeigen versuchen, was das Kind kann.

Ohne Noten und Hinweise auf Schwächen?
Ja. Um es wieder einmal so auszudrücken: Man muss mit dem Käse kochen, nicht mit den Löchern darin. Die ganze Bewerterei heute ist total defizitorientiert. Dabei könnte man mit dem gleichen Aufwand feststellen, was jemand gut macht, anstatt festzuhalten, was nicht klappt.

Was tun, wenn es ernsthafte Probleme gibt? Wenn die Ausbildung unmöglich wird?
Man sollte für den einzelnen Menschen ein Gleis durch diese Welt finden und dabei Umwege in Kauf nehmen. Heute gibts mehr Möglichkeiten denn je, einen Berufsabschluss zu machen. Nur leider wissen oft nicht einmal die Lehrmeister oder die Leute vom Berufsbildungsamt davon.

Sie schreiben im Buch von «Weigerung als Linderung». Was meinen Sie denn damit?
Dass man nicht jeden Blödsinn mitmacht. Und dass man den Druck von oben nicht weitergibt nach unten, damit Freiräume entstehen können. Ich finde es zum Beispiel legitim, wenn Eltern einmal die Hausaufgaben für das Kind machen oder sie bewusst liegen lassen, um sich den Hausfrieden und den schönen Abend mit den kleinen Knöpfen nicht versiechen zu lassen.

Da schreien nun all jene auf, die sowieso reklamieren, die heutigen Jungen seien faul und undiszipliniert.
Ach, das ist doch Gugus! Ich meine: Jede Jugend ist schlechter als die vorherige. Das ist die Definition der Jugend.

Man kann dennoch nicht verheimlichen, dass gewisse Probleme heute akut sind, Stichwort: Jugendgewalt.
Jugendgewalt ist durch die Medien präsent geworden – und unsere Toleranz gegenüber Gewalt massiv kleiner, was an sich eine gute Entwicklung ist. Man muss wissen, dass das Gerede von der Jugendgewalt gleich zwei Seiten dient: Sozialarbeiter und Therapeuten können zeigen, dass es ihre Arbeit braucht, und die Rechtsbürgerlichen können beweisen, dass wir einen Saustall haben, der aufgeräumt werden muss. Überlegen Sie mal: 60 Prozent der Kinder in der Schweiz brauchen sonderpädagogische oder therapeutische Hilfe. Würden sich alle diese Therapeuten je fünf Schülern annehmen, hätten wir kleinere Klassen und viel weniger Probleme.

Sind Sie ein Kuschelpädagoge?
Das interessiert mich nicht. Tatsache ist: Die Schäden, welche Lieblosigkeit anrichtet, sind ungleich grösser als die, welche Verwöhnung anrichten kann.

Was raten Sie den Eltern konkret?
In «Fit und fertig» gebe ich – gegen meine Gewohnheit – Tipps. Zum Beispiel dass Eltern ihrem Kind beibringen, wie man eine Lehrperson so anschaut, dass sie glaubt, man höre aufmerksam zu.

Sie provozieren gern und geben sich kämpferisch, etwa indem Sie von der «Herrschaft des übergeschnappten Kapitalismus» schreiben. Meinen Sie das ernst?
Ich versuche alles – auch mich selbst und meine Arbeit – nicht mehr allzu ernst zu nehmen. Oder wie man in Wien sagt: Die Lage ist hoffnungslos, aber nicht ernst.

Ernst ist die Lage wirtschaftlich betrachtet. Die Jugendarbeitslosigkeit hat gegenüber dem Vorjahr um 75 Prozent zugenommen.
Da muss man in erster Linie etwas gegen die Angst unternehmen. Manch pädagogischer Blödsinn passiert aus Angst. Mit Frühförderung und Übertherapierung verkacheln wir so manche Kindheit.

Ratgeberliteratur, Kinderarzt- und Therapeutenbesuche liegen im Trend. Wieso das?
Wir haben das Vertrauen verloren. Es geht um den Glauben, dass das Leben in seinem eigenen Tempo wächst – und nicht per se schadhaft ist, sodass man es möglichst früh flicken müsste.

Das klingt nach dem Bestsellerpädagogen Remo Largo, der für Gelassenheit plädiert und betont, dass jedes Kind sich individuell und daher ungleich rasch entwickelt.
Genau. Lassen wir doch das Kind wieder Kind sein, lassen wir ihm Zeit, statt die kleinste vermeintliche Abweichung als abnormal abzustempeln und es umso heftiger auf Effizienz zu trimmen.

Sie selbst sind effizient, haben nun, mit 66, wieder ein Buch herausgebracht. Wie gehts weiter? Das nächste schon in der Pipeline?
Nein, vorerst ist der Darm leer. Aber ich werde mich in zwei Jahren von der Eingliederungsstätte Märtplatz zurückziehen und kleine Reisen nach Österreich führen.

Der Alt-68er mutiert zum Reiseleiter?
Alt-68er? Ich sehe mich als Jürg Jegge. Und dem geht es immer um dasselbe: um den Menschen und wie er andern begegnet. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 18.09.2009, 06:57 Uhr

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3 Kommentare

Majo Naef

18.09.2009, 06:52 Uhr
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Genau Herr Jegge sieht die Probleme unserer Schule schon richtig. Fragen sie doch mal die Leute, die meissten wissen sehr genau was sie nicht können. Es wurde ihnen ja lange genug eingetrichtert. Wenn man sie fragt wo ihre Stärken sind, muss man sie zuerst in einen Kurs schicken umd das herauszufinden. Lächerlich, einfach nur lächerlich. Antworten


Branka Rühle

18.09.2009, 14:44 Uhr
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Jürg Jegge, endlich jemand mit Weitblick. Ich hatte noch diese schöne Kindheit. Räuber und Gandarmen gespielt bis es dunkel wurde, hatte nie Hausaufgaben gemacht, cleverer Grossmutter sei Dank, Schule geschwänzt, Lehrer ausgetrickst und "trotz allem" gehörte ich immer zu den besseren in der Schule und es fehlt mir bis heute an nichts, im Gegenteil. Heutige Kinder tun mir nur Leid. Antworten



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