Leichte Mädchen mit schweren Problemen
Von Simone Meier. Aktualisiert am 22.03.2010 10 Kommentare
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Klar gab es das auch schon früher in der Schule. Die Versuche mit dem Verzichten oder Erbrechen oder mit den Abführpillen. Oder die eine Kollegin, die eine Spezialgabel besass, um damit die weissen Fettteilchen aus den Salamischeiben zu klauben. Aber irgendwann waren da zum Glück auch immer die Vernunft, die Mütter, die schmerzenden Schleimhäute oder auch einfach der ganz banale Hunger und das ganz grundsätzliche Glück, das sich beim Essen verlässlich einstellte. Keine meiner Freundinnen wurde damals erfolgreich magersüchtig. Dafür alle Mädchen einer Parallelklasse, die im Gruppenverband dem Essen abschworen und sich wie ein Ballett aus Gerippen über den Pausenplatz bewegten. Damals machten sie uns Angst mit ihrer militärischen Selbstzerstörungsdisziplin. Heute wären sie gewiss die grossen Vorbilder. Und die Königinnen jener Magersüchtigen, die sich online in aller Öffentlichkeit aus ihren Körpern davonzustehlen versuchen und damit der Virtualität eine ganz existenzielle Bedeutung geben.
Es sind dies Mädchen, aber auch junge Frauen in den Zwanzigern, die sich in der «Pro Ana»- (Ana ist eine zärtliche Abkürzung für Anorexie) oder der «Pro Mia»-Bewegung (Mia steht für Bulimie) verloren haben. Auf den Foren ihrer Websites (aus dem deutschsprachigen und amerikanischen Raum finden sich erschreckend viele) diskutieren sie miteinander, wie sie es wohl schaffen könnten, sich bis knapp vor dem Ende, vielleicht auch bis zum Ende, durchzuhungern. Im Internet finden sie sich auf flüchtigen Inseln der «Thinspiration», der Inspiration fürs und durchs Dünnsein.
Gerüst für Fantasien
Ana und Mia, das klingt nach Freundinnen, nicht nach Krankheiten. Freundinnen, die man eben nicht zum Fressen gern hat, sondern zum Verhungern gern. Am strengsten treten sie in «Bootcamps» auf, also in an militärische Ausbildungslager angelehnten Internet-Diätkursen, wo man lernt, über eine Diät-Einheit von 50 Tagen hinweg oft mit nicht mehr als 150 Kalorien pro Tag, gelegentlich auch mit 0 auszukommen. Ein makabrer Witz, denn der Tagesbedarf eines nicht sonderlich aktiven Menschen mit einem Bürojob beträgt laut der Schweizerischen Gesellschaft für Ernährung rund 2000 Kalorien, für ein Kindergartenkind 1400. Die Gewichtsverluste der Betreiberinnen werden detailliert festgehalten, eiserne Regeln werden aufgestellt, etwa «Iss nichts, das grösser ist als deine Handfläche» mit Begründungen wie «weil ein reiner, fettfreier Körper einen reinen Geist spiegelt», oder «weil zierlich und zerbrechlich einfach liebenswert ist».
«Nothing tastes as good as skinny feels», sagte die manchmal wirklich unfassbar dumme Kate Moss einmal, nichts schmeckt so gut, wie sich Dünnsein anfühlt, und wurde damit zur Göttin der Essgestörten. Ein Mitglied der Thinsociety auf www.prettythin.com schrieb: «Wenn Celebrities es tun, weshalb sollen wir nicht?» Klar, wieso auch nicht, wenn den Celebrities dadurch erstens die Sorge, zweitens aber auch die Bewunderung der Öffentlichkeit sicher ist. Und Angelina Jolie, zweifellos eine Frau mit Obsessionen jenseits der Normalität, liess sich nebst einem fetten schwarzen Kreuz «quod me nutrit me destruit» unter den Bauchnabel tätowieren: Was mich nährt, zerstört mich. Viele schwer magersüchtige Mädchen nahmen sie beim Wort und liessen sich damit schon die Bauch- und Hüftgegend verzieren.
Liebe zu Tattoos
Überhaupt: Die Liebe zum Tattoo findet sich auf den «Pro Ana»-Seiten in einer obsessiven Häufigkeit. Die wenige Oberfläche, die man noch hat, wird in schwebenden Ornamenten aufgelöst, wird fragil verbrämt – oder mit Tätowiernadeln gequält, zur Strafe, dass sie überhaupt noch da ist. Vom Körper soll zwar ein Bild bleiben, aber dieses soll keinen Körper mehr abbilden. Höchstens einen ätherischen. Eine Elfe etwa, Tinkerbell aus «Peter Pan». Kindkörper gebliebene Frauen. Passend wäre auch der Sänger von Tokio Hotel. Ein geschlechtsloses Feen-Wesen, wie von einem Manga-Zeichner entworfen, das bisschen Haut und Knochen, was da noch ist, in brachialen schwarzen Kostümen verborgen. Der menschliche Körper bloss noch als Kern oder tragendes Gerüst einer Fantasie, mehr nicht. Beinah ein Avatar.
Immer wieder äussern die dünnen Mädchen die Idee, dass sie von Männern erst im Zustand der totalen Zerbrechlichkeit so richtig beschützt und auf Händen getragen würden. Dass bei einem leichteren Mädchen die Liebe umso gewichtiger ausfällt. «Wenn ich leicht bin wie eine Feder...», lautet das traurige Ziel immer wieder. Das ist antifeministischer Backlash pur, da wollen sich Mädchen vor der Überforderung eines Daseins als starkes Individuum retten, sich fallenlassen in die Selbstverweigerung, die Unmündigkeit, die Ohnmacht, die Schwäche. Dahinsiechen wie einst die schwindsüchtigen Heldinnen des Fin de Siècle um 1900, «umsorgt» werden, «Aufmerksamkeit» geniessen, aber trotz allem nicht essen. In einem Kokon der Besorgnis verschwinden und diesem irgendwann als Schmetterling in eine jenseitige Welt entschlüpfen.
Pro-Ana-Seiten, aber auch Protest- und Betroffenenseiten findet man im Internet auf der Suche nach Begriffen wie «Pro Ana», «Be Ana» «Ana Bootcamp», «Thinspiration», «Super Skinny Me» etc.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 22.03.2010, 06:21 Uhr
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10 Kommentare
'Das ist antifeministischer Backlash pur, da wollen sich Mädchen vor der Überforderung eines Daseins als starkes Individuum retten, sich fallenlassen in die Selbstverweigerung, die Unmündigkeit, die Ohnmacht, die Schwäche.' Auf den Punkt gebracht; besser kann man das eigentlich gar nicht ausdrücken. Antworten
ich glaube auch, dass diese Krankheit nicht bloss eine oberflächliche ist. Ich krankte nie daran - aber ich war, obwohl ich sehr reichlich ass, mit 160cm blosse 47 Kg. Umso mehr genoss ich es, als ich schwanger wurde, schwer zu werden, unhandlich; mehr Raum einzunehmen,... Mein Gewicht blieb mir zum Glück (53Kg). Seltsam, dieser Wunsch nach Schwerelosigkeit in unserer materiell orientierten Zeit Antworten
Ironischerweise denken die meisten Frauen, nur wenn sie dünn sind, seien sie schön. Fakt ist aber, dass schlanke Frauen mit runden, weichen Formen bis gar zu dicken Frauen die Männerwelt weit mehr begeistern als bis auf die Knochen abgemagerte weibliche Wesen. Antworten
Liebe Gabi Es ist schlimm, dass du magersüchtig bist und dich auch noch deswegen schämst. Schlimm ist auch, dass du dich wegen des Artikels noch mehr schämst. Aber es scheint wirklich einen solchen Trend zu geben, dass einige junge Mädchen mager sein toll finden und gar nicht einsehen, dass sie sich damit nichts Gutes tun. Die sind gemeint, nicht du. Ich wünsche dir viel Erfolg. Heidi Antworten
Uiuiui, der blanke Horror. Für mich (und Millionen andere Männer) sollten Frauen weiblich und weich sein...;-)...einfach kank und dumm, da irgendwelchen Celebs oder Models nacheifern zu wollen. Bei tieferliegenden, schwierigen Ursachen soll man sich diesen mutig und ohne Angst vor Schwäche stellen... Antworten




Die Welt in Bildern
Monica Bourquin
Die Pro-Ana Bewegung wird in den USA schon seit 10 Jahren diskutiert. Es gibt darueber ausreichend Studien und Informationen. Dieser Artikel scheint mir etwas "literarisch" angehaucht und koennte ruhig mehr wissenschaftliche Recherche beinhalten. Die Pro Ana Seiten ziehen denn auch ganz unterschiedliche Gruppen an und haben verschiedene Zwecke. Siehe z.B. Wikipedia. Antworten