Lernbriefe für die ganz Kleinen
Von Susanne Kübler. Aktualisiert am 04.05.2010
Die vierjährige Luise zeigt ihren Ordner mit Lernbriefen und selbst gemalten Bildern. (Sophie Stieger)
Frühkindliche Bildung in der Schweiz
Wie früh und in welcher Art sollen Kinder heute in der Schweiz gebildet werden? Welchen Beitrag leisten die Kindertagesstätten? Und wo bestehen Lücken? Margrit Stamm, Professorin für Erziehungswissenschaften an der Universität Freiburg, hat mit Doris Edelmann unlängst ein Buch herausgegeben, das solchen Fragen nachgeht.
25 Autorinnen und Autoren bringen die aktuellsten Erkenntnisse auf den Punkt – etwa, dass die Schweiz in die frühkindliche Bildung, Betreuung und Erziehung nur einen Bruchteil dessen investiert, was die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) empfiehlt. Unser Land ist damit im Vergleich zu den Nachbarstaaten deutlich «im Hintertreffen». Nur ein Viertel der drei- bis vierjährigen Kinder nimmt an vorschulischen Angeboten teil – im Vergleich zu Frankreich (98 Prozent) oder Italien (99 Prozent) ein enorm tiefer Anteil.
Die Leiterin des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind, Heidi Simoni, und ihre wissenschaftliche Mitarbeiterin, Corina Wustmann, erläutern den Zusammenhang zwischen Bildung und Resilienz und erklären das laufende Projekt der «Lerngeschichten». Der Beitrag über die Schweizer Kindertagesstätten zeigt, dass allgemeingültige Qualitätsrichtlinien fehlen. Herausgeberin Margrit Stamm sieht darin eines der Hauptprobleme. Und die allgemeine Polemik rund um die Erziehung empfindet sie als störend: «Die Fronten sind verhärtet. Während die Rechte betont, wie wichtig die anwesende Mutter ist, fordert die Linke flächendeckende Krippenplätze.» Sie wünscht sich einen «entkrampften, sachlichen Diskurs».
Ihr Buch mag dazu beitragen. Wer eindeutige Antworten oder konkrete Tipps erwartet, wird indes enttäuscht. Das Werk zeigt viel mehr, was die Forschung weiss und was noch nicht. Und fördert so die konstruktive Diskussion.
Ein Kind hat die Finken eines Gschpänli betrachtet und dazu begeisterte «Speuzgeräusche» gemacht, ein anderes hat eine Freundin gefunden: Solche Beobachtungen stehen in den «Lerngeschichten», die derzeit in zwölf Deutschschweizer Kindertagesstätten (Kitas) im Auftrag des Marie-Meierhofer-Instituts für das Kind (MMI) geschrieben werden.
Es sind Geschichten in Briefform, in denen die Erzieherinnen für die Null- bis Vierjährigen aufschreiben, was sie gut können, wofür sie sich interessieren, welche Fortschritte sie machen. Abgefasst sind sie nicht in pädagogischem oder wissenschaftlichem Slang, sondern sehr persönlich, auf Mundart oder Hochsprache, von Hand oder am Computer geschrieben, mit Bildern und Fotos ergänzt. Schliesslich – und das ist das Hauptanliegen bei diesem Projekt – sollen die Kinder verstehen, was in diesen Briefen steht.
«Bildungs- und Resilienzförderung im Frühbereich» heisst das MMI-Projekt, wobei der Begriff Bildung in diesem Zusammenhang erklärungsbedürftig ist. Es geht nicht um Frühchinesisch, auch nicht um Begabtenförderung, überhaupt nicht um Wissensvermittlung. Der elterliche Ehrgeiz wird nicht befriedigt bei diesem Projekt, das vom einzelnen Kind ausgeht: Wo steht es gerade? Wofür interessiert es sich? Und wie könnte man dieses Interesse gezielt fördern?
Vom Positiven ausgehen
Nun wurden die Kinder in guten Kitas schon immer beobachtet, und schon immer sind engagierte Erzieherinnen individuell auf die Sprösslinge eingegangen. Der Ansatz sei trotzdem ein anderer, sagt Nelly Schorno von der Kindertagesstätte 3 des Gemeinnützigen Frauenvereins Zürich: «Man geht vom Positiven aus, betont also nicht, was das Kind noch nicht kann, sondern was es besonders gut kann.»
Die Beobachtungen werden im Team besprochen, und auch dieser regelmässige Austausch hat Folgen fürs Klima in der Gruppe. Und schliesslich werden die «Lernbriefe» dem Kind vorgelesen und in einem selbst bemalten Ordner abgelegt. Die Ordner stehen im Gestell, die Kinder können den ihren jederzeit anschauen – und die 4-jährige Luise zeigt ihn der Fotografin mit sichtlichem Stolz.
Da kommt der zweite Begriff im Projekttitel ins Spiel, der in diesem Zusammenhang fast noch wichtiger ist als jener der Bildung: Resilienz meint psychische Gesundheit, Widerstandsfähigkeit, Stabilität. Die Lerngeschichten dokumentieren nicht nur Fortschritte, sie sind auch und vor allem ein Zeichen dafür, dass die Kinder ernst genommen werden, dass sie «jemand sind». Und das, so Nelly Schorno, schätzen schon die ganz Kleinen, die noch nicht verstehen, was ihnen die Erzieherin da vorliest: «Sie merken, dass sich jemand ausschliesslich um sie kümmert in dem Moment.» Die grösseren Kinder freuen sich erst recht, wenn sie «dran» sind mit dem Beobachten, und wollen wissen, was da notiert wird.
Sichtbare Resultate
Die Verarbeitung der Beobachtungen ist dann allerdings eine organisatorische Herausforderung für die Erzieherinnen. Es ist nicht einfach, Zeitfenster für den Austausch im Team zu finden, und auch die Musse, um die Briefe zu schreiben, fehlt oft. Trotzdem sieht Schorno das Projekt nicht nur für die Kinder, sondern auch für die Erzieherinnen als Gewinn: nicht zuletzt, weil die anstrengende Betreuungsarbeit hier konkrete Resultate hervorbringt, die auch gegen aussen sichtbar sind. Das professionelle Selbstbewusstsein der Erzieherinnen steigt, wenn sie als Pädagoginnen anerkannt werden.
Was sich konkret verändert mit diesem Ansatz, wird ab Sommer 2011 die wissenschaftliche Auswertung der ersten Erfahrungen zeigen. Zum MMI-Projekt gehört, dass die Praxis und die Theorie verzahnt sind: Die theoretischen Ansätze werden in den Kitas ausprobiert, die praktischen Versuche wiederum wissenschaftlich begleitet. Ziel des Ganzen ist nicht nur, die Kinder besser zu verstehen, es geht auch um Qualitätssteigerung und Professionalisierung in den Kindertagesstätten – und damit indirekt auch darum, das Ansehen der Institutionen und ihrer Mitarbeiterinnen zu stärken.
Damit liegt das MMI-Projekt durchaus im Trend. Es ist kein Zufall, dass sich mit «bildungskrippen.ch» derzeit noch ein zweites Projekt in der Schweiz um die frühkindliche Bildung kümmert. Auch wenn es nicht um Wissensvermittlung geht, zeigt sich hier doch das Bedürfnis der Kitas, nicht nur als Betreuungsort zu gelten, sondern stärker als bisher Teil des Bildungssystems zu sein.
Forscher und Entdecker
Irgendwann, so sagt Nelly Schorno, so sagt auch MMI-Projektleiterin Corina Wustmann, würden die «Lerngeschichten» aus der Kita vielleicht im Kindergarten weiter geschrieben: Eine kontinuierliche Ausbildung von den Windeln bis zum Erwachsenenalter steht als Vorstellung durchaus hinter diesem Projekt.
Die Kinder braucht das nicht zu kümmern. Sie sind von Geburt an «Forscher und Entdecker», wie es Corina Wustmann formuliert, sie waren es immer schon. Wenn eine Erzieherin sie bei Regen in den Garten bringt, weil sie sich gerade für Regenwürmer interessieren, so ist das nur positiv – ob es nun innerhalb eines Projekts stattfindet oder einfach so. Wenn die Erzieherinnen beruflich Anerkennung erfahren, kommt das den Kindern ebenfalls zugute. Und auf jeden Fall sind die «Lerngeschichten» aus der Kita eine wertvolle Erinnerung an eine prägende Zeit.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.05.2010, 19:52 Uhr


































































































































