«Männer sind einsamer als Frauen»

Der Soziologe Walter Hollstein sagt, unser tradiertes Rollenbild sei schuld daran, dass sich so erschreckend viele Buben und Männer das Leben nehmen: Sie töten sich lieber, als Schwäche zu zeigen.

«Die männliche Maske der Stärke soll nicht fallen»: Laut Soziologe Walter Hollstein liegt der Grund für einen Selbstmord bei Männern oft an der Angst, Sorgen nach aussen zu tragen. Im Bild der britische Fussballtrainer Gary Speed, der sich vor wenigen Tagen das Leben nahm.

«Die männliche Maske der Stärke soll nicht fallen»: Laut Soziologe Walter Hollstein liegt der Grund für einen Selbstmord bei Männern oft an der Angst, Sorgen nach aussen zu tragen. Im Bild der britische Fussballtrainer Gary Speed, der sich vor wenigen Tagen das Leben nahm. Bild: Keystone

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Vergangene Woche haben sich vier prominente Männer das Leben genommen: Ricola-Chef Adrian Kohler, der Zuger Kantonsrat Martin B. Lehmann, der Liedermacher Ludwig Hirsch und der Fussballtrainer von Wales, Gary Speed. In der Schweiz werden fast 70 Prozent aller Selbstmorde von Männern begangen – bei den Jugendsuiziden beträgt der Bubenanteil gar über 80 Prozent. Woran liegt das?
Jeder Fall muss individuell betrachtet werden, das sei einmal vorausgeschickt. Aber grundsätzlich liegt es an der männlichen Rolle und der männlichen Rollenerwartung. Buben lernen immer noch, dass es wichtig ist, leistungsstark, erfolgreich und hart zu sein und die eigenen Emotionen zu kontrollieren. Buben, die Sorgen oder Angst nach aussen tragen, wird nach wie vor unmissverständlich gesagt, dass sie sich zusammenreissen sollen. Jemand, der verzweifelt ist, aber nicht gelernt hat, sich mitzuteilen, der nicht einmal der eigenen Frau sagen kann, dass er in Not ist, bringt sich lieber um, als sich Hilfe zu holen, damit die männliche Maske der Stärke unter keinen Umständen fällt.

Es hat vor allem mit Scham zu tun?
Ja. Männer sind viel einsamer als Frauen, vor allem innerlich. Man sieht kaum je Frauen schon morgens allein in einem Restaurant vor einem Glas Bier sitzen und vor sich hinstieren. Männer schon. Frauen haben meist ein paar richtig gute Freundinnen, Männer haben nur sehr selten richtige Freunde. Sie haben Kumpels, ja, aber mit denen redet man nicht über Probleme, weil man so ja Schwäche zeigen würde, und ein Mann hat immer alles im Griff zu haben. Wegen dieses anerzogenen Männerbilds schämen sie sich zuzugeben, dass sie mit einer Krise nicht fertig werden.

Werden Buben immer noch so erzogen? Momentan wird beklagt, dass die Mädchen als Massstab gelten und die Buben angehalten werden, weiblicher zu sein.
Es gibt ein paar Appelle, aber nicht einen anderen Erziehungsstil, der es ihnen ermöglichen würde, anders zu sein. Wenn man etwas erreichen will, müsste man Buben sanft und kontinuierlich dazu anhalten, sich nicht zu verschliessen, sondern sich zu öffnen. Aber das passiert nicht. Es gibt auch keine neuen Männerbilder, an denen sie sich ausrichten könnten. Es ist immer noch eins aus dem Film: Der Mann ist knallhart und wird mit allen Problemen fertig oder wenn nicht, dann redet er nicht darüber. Im Übrigen ist es sicher auch nicht förderlich, wenn Mädchen den Buben als Beispiel angepriesen werden. Buben sind Buben.

Der Liedermacher Ludwig Hirsch tötete sich, weil er an Lungenkrebs litt, im Mai machte Gunter Sachs dasselbe, weil er befürchtete, an Alzheimer zu leiden.
Das ist ein grosser Unterschied. Der eine war wirklich krank, der andere vermutete es bloss, bei Sachs lag ja keine Diagnose vor. Der hatte einfach Angst.

Ist diese Furcht vor Kontrollverlust nicht nachvollziehbar?
Wenn jemand unheilbar krank ist, wie offenbar Hirsch, dann gibt es die berechtigte Angst, dass man hilflos wird und leiden muss. Und wenn einer nicht will, dass dadurch seine Würde als Mensch und als Mann verletzt wird, dann ist das für mich legitim. Aber bei Gunter Sachs war es die blosse Angst, nicht mehr so funktionieren zu können wie früher, nun mit Einbussen des Alters leben zu müssen. Das finde ich schon makaber.

Kann man mittels Prävention jemanden davon abhalten, sich das Leben zu nehmen?
Gerade was Buben und Männer angeht, würde eine sinnvolle Prävention sicher helfen. Indem man darauf hinweist, dass auch Männer fehlerhaft und schwach sein dürfen. Es gibt von der Pro Juventute gerade eine Kampagne gegen Suizid im Jugendalter, aber auch die krankt daran, dass sie sehr generell formuliert ist. Sie ignoriert, dass über 80 Prozent aller Jugendlichen, die sich umbringen, Buben und junge Männer sind. Es wäre also wichtig, dass man genau diese Gruppe anspricht. Es ärgert mich, wenn bei so einem ernsten Thema, wo es um Leben und Tod geht, männliche Bedürfnisse und Nöte totgeschwiegen werden.

Was sind männliche Nöte?
Zum Beispiel, dass Depressionen bei Männern oft auch von Ärzten gar nicht erkannt werden, weil die ein anderes Profil haben. Depressionen bei Männern äussern sich häufig durch einen übersteigerten Bewegungsdrang, durch Unruhe und Gereiztheit, das passt nicht zum klassischen Depressionsbild.

Könnte es nicht auch sein, dass sich Frauen weniger das Leben nehmen, weil sie dazu erzogen wurden, sich um andere zu kümmern, und deshalb ihre Kinder oder Eltern nicht im Stich lassen wollen?
Das ist möglich. Wobei: Frauen machen sehr viel häufiger als Männer Suizidversuche. Die Selbstmordforschung sagt, dass der Versuch fast immer so angelegt ist, dass er gar nicht gelingen kann. Es handelt sich um einen Verzweiflungsappell. Bei den Männern spielt die Männerrolle. Wenn die einen Versuch unternehmen, dann gelingt er auch.

Sie sind gründlicher.
Ja, da haben Sie es wieder: Es geht um Erfolg und Leistung. Deshalb werfen sich Männer unter den Zug, da ist die Wahrscheinlichkeit, dass man gerettet wird, gleich null. Oder man steckt sich wie Ernest Hemingway die Jagdflinte in den Mund und drückt ab. Da gibt es kaum eine Überlebenschance.

Sind Männer egoistischer?
So kann man das auch interpretieren. Wobei es bei Männern ja das interessante Phänomen gibt, dass sie bei einem Suizid nicht selten die ganze Familie mit in den Tod nehmen. Und sie das mit altruistischen Gründen rechtfertigen, weil die Familie ohne sie hilflos sei und nicht mehr ernährt werden könne. Sie übernehmen Verantwortung, aber auf eine perverse Art.

Das anerzogene Rollenbild könnte doch auch zur Folge haben, dass Männer den Selbstmord als feige oder als Kapitulation empfinden.
Zum existierenden Männerbild gehört auch ein perfektes Selbstbild. Alles, was negativ ist – sei es, einen Fehler zu machen, eine Krankheit oder ein eingeschränktes Leistungsvermögen, wird schon als ein Angriff auf die Männlichkeit verstanden. Das zuzugeben, bedeutet nicht nur, dass das Selbstbild Löcher bekommt, sondern auch, dass ein Mann als Versager dasteht. Und dass er sozusagen zu einer neuen Identität kommen müsste, um mit Einschränkungen leben zu können. Das scheint für Männer sehr schwer zu sein.

Weshalb begreifen die Männer die Emanzipation nicht als Entlastung? Niemand erwartet mehr von ihnen, diesem althergebrachten Bild zu entsprechen, im Gegenteil.
Im Prinzip haben Sie recht, aber das Gefühl von Entlastung könnte sich nur dann einstellen, wenn sich nicht nur das Frauenbild geändert hätte, sondern auch das Männerbild. Da ist aber pädagogisch und politisch gar nichts passiert, man hat die Männer im Regen stehen lassen und gedacht, die kommen schon irgendwie klar. Das kommen sie aber eben nicht. Es gibt ein soziales Gesetz, das man in der Geschichte beobachten kann: Wenn einer Gruppe die alte Orientierung verloren geht und es keine neue gibt, dann klammert sie sich stärker ans Alte als je zuvor. Das lässt sich auch empirisch belegen mit Untersuchungen bei Buben und jungen Männern. Die haben heute ein weitaus konservativeres Männerbild als Männer vor 20 Jahren.

Das sind nicht gerade Aussichten, die einen zuversichtlich stimmen.
Es gibt schon Anzeichen dafür, dass sich etwas verändert, wenn auch sehr, sehr langsam. Ich fand es toll, dass der Trainer von Schalke 04, Ralf Rangnick, zurückgetreten ist und sagte, ich kann einfach nicht mehr, ich habe ein Burn-out, ich muss mich zuerst erholen und eine Therapie machen. Er hat das öffentlich gemacht, und das ist neu. Er wurde nicht beschimpft oder verlacht deswegen, seine Ehrlichkeit stiess vielmehr auf Anerkennung. Solche Signale braucht es. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 01.12.2011, 06:37 Uhr)

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Pionier der Männerforschung: Der 72-jährige Soziologe Walter Hollstein lebt in Basel. (Bild: PD)

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