Hintergrund

«Männer und Frauen können heute viel freier wählen»

Jeder zweite Single sucht einen Partner im Netz. Das bleibt nicht ohne Folgen für die Liebe. Onlinedating-Expertin Lisa Fischbach über Partner im Überfluss, die alterslose Liebe und ihre Kapitalisierung.

«Nach wie vor zeigen sich archaische Beutemuster»: Frau beim Onlinedaten.

«Nach wie vor zeigen sich archaische Beutemuster»: Frau beim Onlinedaten.

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Frau Fischbach, Umfragen von Onlinepartnervermittlungen zeigen, dass vorab Akademikerinnen und Akademiker die Liebe im Netz suchen. Trauen sie der Kneipentour nicht?
Das würde ich nicht sagen. Die Suche im Internet schliesst das Kennenlernen in freier Wildbahn nicht aus. Der Freundeskreis, Freizeit und Hobbys bleiben nach wie vor wertvolle Liebeskuppler. Doch das Internet hat viele Vorteile. Vom Sofa aus kann komfortabel rund um die Uhr Ausschau gehalten werden. Ideal für Berufstätige, die nicht mehr jede Nacht in Bars und Clubs verbringen wollen. Zudem ist im Internet der Radius um ein Vielfaches erweitert, und es kann überregional gesucht werden. (Lesen Sie auch: «Wie Frauen erfolgreich online daten»).

Liebe auf den ersten Klick klingt weniger romantisch als Liebe auf den ersten Blick. Verändert die Onlinepartnersuche das Datingverhalten?
Ja, zum Teil. Wir erfahren bereits vor dem ersten Treffen viel vom anderen, beispielsweise seine Vorlieben, Freizeitaktivitäten, Einstellungen, Interessen. Wir können in Profilen nach Persönlichkeitseigenschaften stöbern, sehen Bilder und beginnen, in E-Mails aus unserem Leben zu erzählen. Das ist antizyklisch im Vergleich zum Kennenlernen am Tresen. Da steht beim ersten Blick sofort das ganze Paket aus Biochemie und Ausstrahlung im Raum, aber wir wissen so gut wie nichts Persönliches vom anderen. Doch der Romantik steht das Kennenlernen im Netz nicht im Weg. Der andere wird nicht entmystifiziert. Spätestens beim ersten Treffen gelten wieder die ganz normalen Gesetze des Kennenlernens. Finde ich das Gegenüber sympathisch und attraktiv, harmoniert die Biochemie?

Kehrt es vielleicht gar den Prozess des Verliebens um? Man lernt sich kennen und weiss erst nach dem ersten Treffen, ob die Chemie stimmt.
Sicherlich entscheidet das erste Aufeinandertreffen darüber, ob der erste Eindruck aus dem Netz Bestand hat. Deshalb nenne ich diesen Moment auch «Realitätscheck». Um sich nicht vorschnell in ein Bild vom anderen nur über das virtuelle Kennenlernen zu verlieben, rate ich zum schnellen Treffen. Das Onlinedating sollte als moderne Brücke zu Menschen verstanden werden, die man sonst nicht getroffen hätte. Aber nicht als Ort zum Kennenlernen. Das sollte mit allen Sinnen in der Realität stattfinden. Das schützt vor Enttäuschungen. Denn je grösser das Idealbild ist, das in den Köpfen entsteht, desto schwerer wird es für den anderen, diesem zu entsprechen. (Lesen Sie auch: «Die 5 Dating-Fehler von Frauen»)

Ganz konkret: Was müssen Singles im Web 2.0 in Sachen Dating lernen?
Die unendlichen Möglichkeiten im World Wide Web schaffen immens mehr Wahloptionen. Mit dieser Fülle, einer Art Überfluss, müssen wir lernen umzugehen. Wer in Sachen Partnerwahl in eine Konsumorientierung verfällt, kann in eine kontraproduktive Spirale geraten: die Suche nach dem immer noch besser passenden Partner, anstatt sich zu entscheiden und wirklich in Beziehung zu treten. Selbstkompetenz in Sachen Entscheidung ist mehr denn je gefragt.

Und wie lernt man die?
Ein wichtiger Ansatz ist, sich klarzumachen, dass hinter Profilen Menschen mit Wünschen und Hoffnungen stehen. Das kann durch den technokratischen Zugang leichter vergessen werden, weil der Abstand gefördert wird. Wer sich einen wertschätzenden Umgang mit jeder Art der Kontaktgestaltung erhält, ist jedoch bestens gewappnet, nicht in diese Konsumfalle zu treten. Und ein gutes Rezept ist: schnell raus aus der virtuellen Welt und rein ins echte Leben. Nach ein paar E-Mails und einem Telefonat sollte man sich treffen und schauen, wer der Mensch hinter dem Profil ist.

Verändert das Netz auch das geschlechtstypische Verhalten? Machen mehr Frauen den ersten Schritt?
Ja, bei der Onlinepartnersuche geht es moderner und emanzipierter zu als beim klassischen Kennenlernen. Obwohl auch hier Frauen zunehmend initiativer werden. Traditionelles Rollenverhalten bricht zusehends auf, die Onlinepartnersuche ist ein Beschleuniger. Männer fühlen sich entlastet, nicht qua ihrer Rolle immer den ersten Schritt machen zu müssen und damit einen Korb zu riskieren. Viele geniessen es, sich auch mal zurückzulehnen und finden zu lassen. (Lesen Sie auch: «Das Flirt-Paradox») Frauen erkennen im Ansprechen ihre Chance, bewusster zu wählen, was zu ihnen passt, und nicht nur abwarten zu müssen, bis sie das Glück findet. Doch der Abschied von der komfortablen und vor allem risikoarmen Prinzessinnenrolle fällt vielen nicht ganz leicht.

Das klassische Beuteschema überlebt also im Netz? Frauen und Männer tauschen Schönheit gegen Status?
In der Tat könnten Männer und Frauen heutzutage viel freier wählen, weil sich gesellschaftliche Rahmenbedingungen und Zwänge drastisch verändert haben. Dennoch hat sich bisher kaum ein Umdenken eingestellt. Nach wie vor zeigen sich archaische Beutemuster – bei beiden Geschlechtern. Gerade erfolgreiche, gebildete Frauen bevorzugen Männer mit einem hohen sozialen Prestige, im besten Fall etwas über dem eigenen. Paare, bei denen der Mann einen geringeren Bildungsabschluss hat, sind nach wie vor die Ausnahme. Das führt auch zu einem Engpass. Die Anzahl an gebildeten Frauen steigt, die der Männer bleibt oder sinkt geringfügig ab. Doch es zeigt sich, dass gebildete Frauen teilweise lieber allein bleiben, als ihr Suchmuster zu ändern.

Und die Männer? Sind die flexibler?
Männer haben vergleichsweise viel weniger Notwendigkeit zur Verhaltensänderung, weil es an Alternativen weniger mangelt.

Wer profitiert am meisten von der Single-Fülle im Netz?
Eigentlich profitieren alle, am meisten aber Frauen und Männer ab einem Alter, in dem die anderen Liebeskuppler nicht mehr so gut funktionieren. Ab Mitte 30 leben im Freundeskreis oder auf der Arbeit die meisten in Partnerschaften, da wird es immer schwieriger, Singles zu treffen. Das verschärft sich noch mit dem Alter.

Ist Liebe dank dem Internet alterslos geworden?
Kaum einer findet sich mehr mit seinem Single-Schicksal ab, da sich neue Möglichkeiten bieten. Auch jenseits der 60 und in einem Umfeld, das wenig potenzielle Partner hergeben würde, in einem Dorf etwa, ist die Chance auf ein erfülltes Beziehungsleben intakt. Aus diesem Grunde ist die 55-plus-Generation auch die am stärksten wachsende Gruppe bei der Onlinepartnersuche. (Lesen Sie auch: «Der Klick zum zweiten Glück»)

Früher war Liebe auch Schicksal, heute scheint sie «herbeiführbar», wenn man sich nur genug anstrengt. Hat der Kapitalismus die Liebe erreicht?
Die Ökonomisierung wie Kommerzialisierung ist längst in den Markt der Liebe eingezogen. Das ist nicht neu und war bereits vor der Onlinepartnersuche fester Bestandteil. Früher gab man in Zeitungen Kontaktanzeigen auf, und auch Bordelle sind Teil unserer Geschichte. Die Geschwindigkeit, die Zugänge und die Verfügbarkeit haben aber in der Tat überproportional zugenommen. Wie bei allen Innovationen gibt es beabsichtigte Wirkungen wie auch unerwünschte Nebenwirkungen. Die Onlinepartnersuche führt Paare zusammen, die sich sonst nicht gefunden hätten. Aber sie hat auch ein Verführungspotenzial. Wer eine Konsumhaltung besitzt, hält nach dem perfekten Partner Ausschau, ohne zu merken, dass es sich längst gelohnt hätte, sich auf einen angeblich nicht ganz perfekten Partner einzulassen, mit dem man hätte glücklich werden können. (Lesen Sie auch: «Der Seitensprung ist weitverbreitet») Ähnliche Nebenwirkungen könnten sich in der Beziehungsfluktuation zeigen: Wer um die Möglichkeit eines Ersatzes für den problematischen Partner weiss, der wird möglicherweise dadurch motiviert, aus der Beziehung auszusteigen, anstatt zu versuchen, die Krise gemeinsam zu meistern. Doch die Einstellung zur Partnerschaft sowie die Bereitschaft, in sie zu investieren und für die gemeinsame Zufriedenheit zu arbeiten, sind tief in unserer Persönlichkeit verankert. Der Grundstein dafür wird in unserer Kindheit gelegt, auch durch die Eltern als Vorbild.

(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

Erstellt: 05.12.2012, 15:54 Uhr

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«Bei der Onlinepartnersuche geht es moderner und emanzipierter zu als beim klassischen Kennenlernen»: Lisa Fischbach.

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Lisa Fischbach beschäftigt sich seit Jahren beruflich mit der Liebe: Bei der Onlinevermittlungsagentur Elite Partner leitet sie den Bereich Forschung und Matchmaking und betreut das telefonische Single-Coaching. Darüber hinaus ist sie studierte Psychologin und Sexualwissenschafterin und in eigener Praxis als Single- und Paartherapeutin tätig.

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