«Man gibt nicht auf. Nie! Das ist unanständig.»

Man nennt ihn Fitnesspapst oder Hohepriester der Kraft: Seit über 40 Jahren bewegt Werner Kieser Menschen im In- und Ausland. Mit 70 beginnt er in der Schweiz noch mal von vorn. Kürzlich eröffnete er in Bern ein neues Studio.

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Herr Kieser, mit welcher Turnübung beginnt Ihr Tag?
Werner Kieser: Ich gehe zum Briefkasten, die Zeitung holen. Das sind 43 Stufen runter und wieder rauf. So früh am Morgen trainiere ich nicht.

Wann stehen Sie auf?
Um vier. Dann setze ich mich an die Bücher. Um sieben gehe ich mit dem Hund spazieren, danach frühstücken meine Frau und ich. Dann arbeite ich weiter. Meist gehe ich um zehn ins Kieser-Training. Dies zweimal pro Woche. Sonst bin ich nicht mehr allzu sportlich.

Sie haben in Bern eben ein Studio eröffnet. Dass Sie sich nach Bern trauen.
Wie meinen Sie das?

In der Kieser-Geschichte gibt es ein dunkles Kapitel mit der Bernischen Lehrerversicherungskasse (BLVK).
Für mich war dieses Kapitel nicht dunkel, sondern positiv. Wir haben mit der BLVK unsere Expansion nach Deutschland finanziert. Für die Berner war die Geschichte eher dunkel.

Inwiefern?
Soweit ich informiert wurde, beteiligte sich die BLVK insgesamt an 14 Venture-Projekten, bei denen sie die Aktien- und Stimmenmehrheit hatte. Bei Kieser gab es nur die Kapitalmehrheit, die Stimmenmehrheit blieb bei mir. Zum Glück, sonst gäbe es Kieser heute nicht mehr. Denn alle Projekte, bei denen die Berner die Stimmenmehrheit hatten, gingen pleite.

Das ist etwas schönfärberisch, Kieser hat für die BLVK, die immerhin 15 Millionen Franken investierte, nicht rentiert.
Das stimmt. Aber von den 14 Projekten waren wir wohl das Lohnendste. Von uns hat die BLVK immerhin noch Geld bekommen, als meine Frau und ich die Aktien zurückkauften.

Wie viel haben Sie bezahlt?
Hier wurde eine Schweigepflicht vereinbart.

Jetzt, mit 70 Jahren, fangen Sie in der Schweiz wieder von vorn an. Können Sie nicht aufhören?
(lacht) Diese Frage stellen mir alle. Warum sollte ich aufhören?

Sie könnten reisen, das Leben geniessen...
...aber das tue ja! Soll ich Rosen züchten?

Warum nicht?
Ich habe eben mein Philosophiestudium abgeschlossen und mache jetzt meine Masterarbeit. Das macht riesig Spass! Ich stehe morgens um vier auf und freue mich auf meine Arbeit. Was soll ich mehr wollen? Kennen Sie den Witz vom Indianer?

Nein.
Ein Manager fragt einen Indianer, weshalb er fische, statt zu arbeiten. Als der Indianer wissen will, wozu er denn arbeiten solle, antwortet der Manager, dass er dann Geld habe und seinen Hobbys nachgehen und zum Beispiel fischen könne. Verstehen Sie?

Ja. Sie machten Ihre Schreinerlehre aber auch nicht, weil sie wollten, sondern weil schon Ihr Grossvater und Vater Schreiner waren.
Schreiner ist ein schöner Beruf, ich schreinere heute noch in meiner Werkstatt. Die gestalterische Ausbildung kam mir später sehr zugute. Aber ja, eigentlich wollte ich Profiboxer werden, durch eine Verletzung kam ich zum Krafttraining und eröffnete ein Fitnessstudio. Und dann kam die Fitnessbewegung, und ich wurde zum Unternehmer. Das Leben besteht aus Zufällen. Vieles, wie das Schweissen, um meine Fitnessgeräte bauen zu können, habe ich mir selber beigebracht.

Von wem haben Sie das?
Ich bin 1940 im Krieg geboren und in einem Klima aufgewachsen, das man heute nachhaltig nennen würde. Meine Mutter hat unsere Hosen selber genäht. Mein Onkel hat die alten Nägel gerade geklopft und wieder verwendet. Mein Vater hat unser Haus selber gebaut. Heute kauft man alles fertig.

Das reicht mir nicht als Erklärung: Andere sind auch im Krieg geboren und haben nicht denselben Weg zurückgelegt wie Sie.
Ich bin in einem Handwerkerhaus aufgewachsen und bin ein Allrounder. Mein Vater hat handwerklich viel gemacht, vieles allerdings auch schlecht. Ich bin mit dem Gefühl aufgewachsen, du kannst alles, du musst es nur in die Hände nehmen. Im Grunde genommen fehlt den Leuten meist eher der Mut als die Ausbildung, etwas Eigenes anzufangen. Mein Bruder war auch so, er war der grösste Kassettenbespieler der Schweiz. Angefangen hat er im Keller mit einem Fliessband aus Occasionsmaschinen – und ohne Businessplan von McKinsey.

Was ist aus Ihrer Schwester geworden?
Sie machte eine Banklehre und wurde dann Mutter und Hausfrau. Dabei wäre sie lieber Schreinerin geworden. Aber das wollte der Vater nicht.

In Ihrer Autobiografie erfährt man wenig über Ihre Familie. Ihre Mutter kommt gar nicht vor.
Sie war eine ganz liebe Frau und unscheinbar, das ist mir später erst aufgefallen, sie trat nirgends offensiv auf. Meine Beziehung zu ihr war völlig konfliktfrei.

Ist das gut?
Ich weiss es nicht.

Sie sagen, der Mensch wachse am Widerstand.
Meine Mutter hat es mir einfach gemacht, mich von ihr zu lösen. Ich hatte keine symbiotische Beziehung zu ihr. Aber sie hat mich unterstützt.

Ihre Eltern waren protestantisch und sehr fromm. Wie hat Sie das geprägt?
Ich hatte früh das Gefühl, hinter die Kulissen zu sehen und dass man die Menschen mit dem Glauben manipuliert. Der Vater hat immer gesagt, ich müsse für den Erfolg beten. Als ich mir ein Rennvelo wünschte, betete ich erst zu Gott. Als dies nichts brachte, versuchte ich es bei der Konkurrenz. Zum Rennvelo kam ich aber erst, als ich anfing, beim Velohändler zu arbeiten. Ich bin bekennender Atheist.

Sie sind zum protestantischen Arbeitseifer erzogen worden und kommen als Atheist nicht einmal ins Paradies. Macht das Leben so Freude?
Ich habe sehr viel Freude.

Geht das für jemanden, der sagt: Die Tätigkeit, die wir Leben nennen, besteht im Hinausschieben des Todes?
Ich habe diese Aussage zugespitzt. Aber ja, es ist so. Ab 25 geht es nur noch bergab. Die Evolution hat kein Interesse daran, dass wir älter werden. Bis 25 haben wir unsere Gene weitergegeben. Danach werden wir abgestossen wie eine Raketenstufe (lacht).

Na, dann sollten Sie mit 70 erst recht aufhören.
Eben nicht. Genau aus dieser Determiniertheit schöpfe ich meine Freiheit und breche aus. Das Leben hat nur den Sinn, den ich ihm gebe. Wenn ich keinen Sinn mehr sehe, dann bringe ich mich um.

Sie sind Mitglied der Sterbehilfeorganisation Exit?
Natürlich. Das ist meine Freiheit, die darf man mir nicht nehmen. Dass sich der Staat in die Diskussion um die Sterbehilfe einmischt, ist eine Frechheit. Ich will so wenig Staat wie möglich.

Sie engagieren sich politisch?
Nein. Ich halte den Staat für keine gute Idee. Ich glaube auch nicht, dass so grosse Gebilde wie die EU funktionieren. Je grösser ein Gebilde, um so grösser wird das Machtproblem. Sehen Sie, neben mir wohnt der Moritz.

Alt-Bundesrat Leuenberger?
Ja, der. Als uns eine deutsche Freundin, Schriftstellerin und Journalistin, einmal im Sommer besuchte, fragte sie, wer der nette Herr dort drüben sei. Moritz trug eine Schürze und kochte, er kocht ja immer, das ist sein Hobby. Als ich sagte, dies sei unser Bundespräsident, glaubte sie, ich mache Witze. In Deutschland wäre es undenkbar, dass der Bundespräsident in einer Schürze auf dem Balkon erscheint. Er könnte ja abgeschossen werden. Die Schweiz hat den Vorteil, dass sie so klein ist.

Dann wollen Sie als Unternehmen nicht grösser werden?
Das ist eben der Vorteil des Franchising: Man kann wachsen, ohne zum starren Gebilde zu werden. Die Franchisenehmer sind alle Unternehmer, wir sind so zwar verbunden, aber immer noch flexibel. Franchising produziert Mittelstand, ist sozusagen der Puffer zwischen Hochfinanz und Proletariat.

Wo zählen Sie sich dazu? Sie kommen aus dem Proletariat...
...aus der unteren Mittelschicht.

...und wohnen jetzt am Zürichberg.
Nein, untere Mittelschicht ist das nicht mehr hier. Es ist schön hier und ruhig, aber es ist schon ein bisschen ein Friedhof (lacht). Im Kreis vier der Stadt, wo ich 20 Jahre lang lebte, war es lustiger.

Ihr erstes Fitnessstudio war ja dort. Früher sollen sowohl Polizisten als auch Kriminelle bei Ihnen trainiert haben.
Oh, ja, da habe ich einiges erlebt! Damals hatten wir in der Garderobe noch keine Spinde, die Leute gaben ihre Wertsachen und halt auch ihre Waffen bei mir am Tresen ab. In meinem Schrank sah es manchmal aus wie in einem Waffenlager. Lustig war auch die Geschichte von Franz und Robert. Die beiden haben über ein Jahr lang gemeinsam trainiert. Wenn der eine zu spät kam, hat der andere auf ihn gewartet. Dies, obwohl sie sich im Alltag sehr unterschieden: Franz trug Jeans und Lederjacke, Robert einen dunklen Anzug. Bei mir trugen beide ausgebleichte Trainingsanzüge. Eines Tages musste Franz, der sein Geld als Zuhälter verdiente, vor Gericht erscheinen. Als er den Saal betrat, traf es ihn wie ein Blitz: Der Richter war Robert. Franz erzählte mir dies, fassungslos. Der Prozess wurde vertagt, Robert habe ich nie mehr im Training gesehen.

Frauen wäre das nicht passiert.
Wieso?

Frauen reden miteinander.
Das hat etwas. Männer reden über den Töff, die Bohrmaschine, das Militär, aber nicht über ihre Hintergründe. Beim Training ist mir immer aufgefallen, wie gut das zusammengeht, Akademiker und weniger gebildete Männer. Vermutlich weil sie nicht reden.

Ich will mit Ihnen noch über etwas Persönliches reden, Ihre Nachfolge. 2005 erklärte Ihr damaliger CEO gegenüber der «Bilanz», man nehme die Nachfolgeregelung an die Hand, von Management-Buy-out bis Börsengang sei alles möglich.
Die Nachfolge ist geregelt. Meine Frau ist 19 Jahre jünger als ich und hat als Ärztin und mit einem MBA das nötige Rüstzeug.

Also kein Börsengang.
Das ist uninteressant. Wir haben keine Schulden, wir brauchen kein zusätzliches Kapital, da bringt die Börse nichts.

Und Ihr 44-jähriger Sohn?
Der interessiert sich nicht für das Fitnessgeschäft, er macht Computerkunst und lebt in einer anderen Welt.

2005 erklärte Ihr CEO auch, dass Kieser bis Ende 2010 weltweit als Brand etabliert sei, man den Sprung in den Mittleren Osten wage sowie Kieser-Training in Hotels anbieten wolle. Was ist daraus geworden?
Wir setzen das um, wir sind schon in Spanien, Tschechien, Singapur und Australien. Nur dauert es länger, als wir geglaubt haben. Dies auch wegen der Wirtschaftskrise. Wir sind davon abhängig, dass die Franchisen finanziert werden. Und derzeit sind die Banken unglaublich zickig und zurückhaltend. Das hat den Franchisenmarkt drastisch reduziert und unser Expansionstempo verlangsamt.

Weil Sie einst nach England expandierten, haben Sie Ihr Englisch verbessert – mittels Philosophiestudium. Wäre dies nicht einfacher gegangen?
Im Sprachkurs war es mir langweilig. Deshalb habe ich mich an der Open University immatrikuliert. Weil ich mich schon lange mit Philosophie beschäftige, hatte ich viel Vorwissen. Das Studium war dann aber doch ziemlich happig. Ich weiss nicht, ob ich das nochmal machen würde.

Sie hätten aufhören können.
Man gibt nicht auf. Nie! Das ist unanständig. Diese moralische Kategorie habe ich verinnerlicht. Man geht unter, aber man gibt nicht auf. (Berner Zeitung)

(Erstellt: 07.02.2011, 13:32 Uhr)

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Volta ist die neue Rottweiler-Hündin der Kiesers. Das letzte Mal geweint hat Werner Kieser, als ihre Vorgängerin Tessa vor einem Jahr starb. (Bild: Patrick Gutenberg)

Zur Person

Punkt zehn Uhr öffnet Werner Kieser die Tür. Er und seine Frau Gabriela leben in einem Betonhaus des Bündner Architekten Andreas Liesch, das aus schwarzen Schiefer- und braunen Plattenböden, viel Licht, etwas Holz und Sichtbetonwänden besteht. Mitten im Raum steht ein runder hellblauer Holztisch. Darunter döst Rottweilerdame Volta. Oben klopft Werner Kieser beim Reden energisch auf die Tischplatte. Der eher kleine, aber kompakte Mann hat Energie, lacht und spricht viel, die Stimme ist warm und ruhig. Seine bald 71 Jahre sieht man ihm nicht an. Den Stolz, dass er die Menschen etwas gesünder macht, hingegen schon.

Mit Krafttraining begann der 1940 in Bergdietikon AG geborene Kieser als 17-Jähriger nach einem Sportunfall. Durch das Training genas Kieser rasch und entwickelte, fasziniert von dieser Erfahrung, sein eigenes Konzept, das Kieser-Training. Seine ersten Kraftgeräte schweisste Kieser auf einem Schrottplatz selber zusammen. 1966 eröffnete er das erste Studio in Zürich, und ein Jahr später gründete er die Kieser Training AG. Langsam, aber stetig baute er sein Unternehmen in der Schweiz auf und begann Anfang der 90er Jahre nach Deutschland zu expandieren. Weil Kieser dafür Geld brauchte, verkaufte er seine Trainingsstudios in der Schweiz an den Masterfranchisenehmer Jost Thoma. Die Expansion nach Deutschland war ein Erfolg, und weitere Betriebe unter anderem in Österreich und England folgten.

Im Jahr 2002 eröffnete Kieser in Wien den 100.Trainingsbetrieb und gründete die Forschungsabteilung der Kieser Training AG. 2005 gelang Kieser der Sprung nach Übersee: Er schloss Masterfranchiseverträge für Australien und Neuseeland ab. Nach Jost Thomas Tod übernahm dessen Tochter, die Ärztin Sandra Thoma, das Unternehmen. Als die Verträge mit Kieser Ende 2010 ausliefen, wollte Werner Kieser die Betriebe in der Schweiz zurückkaufen.

Allerdings wurden sich Kieser und Thoma über den Kaufpreis nicht einig. Deshalb führt Sandra Thoma die 19 bisherigen Schweizer Kieser-Zentren unter dem Namen Exersuisse weiter, und Werner Kieser beginnt in der Schweiz noch einmal von neuem.

Anfang Jahr hat er in Zürich, Basel, Frenkendorf BL und Kreuzlingen TG Kraftstudios eröffnet. Ebenso in Bern an der Monbijoustrasse. Bis in fünf Jahren soll die Kette in der Schweiz auf 30 Studios angewachsen sein. Weltweit zählt Kieser-Training 138 Betriebe und 274'000 Kundinnen und Kunden.

Werner Kieser ist zum dritten Mal verheiratet und hat einen 44-jährigen Sohn. Neben der Arbeit beschäftigen ihn Klavier- und Schwyzerörgelispielen, Fotografieren, Philosophie und Architektur. Kieser ist Autor von acht Büchern, darunter die Autobiografie «Die Entdeckung des Eisens».

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