Leben

Man lebte, um zu rauchen

Von Constantin Seibt. Aktualisiert am 30.04.2010 68 Kommentare

Rauchen war Aristokratendroge, Poesie und die beste Versicherung gegen das Leben. Jetzt ist es für Verlierer. Der Geruch von heute heisst: Schweiss.

Der letzte bekennende und trotzdem mit Respekt behandelte Raucher: Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt.

Der letzte bekennende und trotzdem mit Respekt behandelte Raucher: Der ehemalige deutsche Bundeskanzler Helmut Schmidt.
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Zigaretten helfen gegen alles. Nicht zuletzt gegen Melancholie. (Bei Krankheiten des Kopfes wie Depression oder Schizophrenie etwa hilft – medizinisch getestet – neben Chemie nur Tabak.) Doch bei der Melancholie über ihr Verbot hilft keine Zigarette mehr: Man kann sie nicht mehr rauchen.

Heute ist der letzte Tag. Der letzte der morgendlichen Dreieinigkeit von Kaffee, Zigaretten und Zeitung. Und der abendlichen Dreieinigkeit von Alkohol, Träumen und Rauch. Ab morgen früh werden die Cafés, Clubs und Bars der Stadt riechen wie ihre Fitnesscenter: nach Schweiss.

Ab morgen gibt es für Raucher nur zwei Möglichkeiten: aufhören oder ausgestossen sein. Das zeigt, dass man sich mit seiner Zigarette in schlechte Gesellschaft begeben hat.

Schlimmer als die Erbsünde

Bei allen Frechheiten meines Lebens war ich immer froh, dass ich nicht viel Mut dafür brauchte. Denn ich war gedeckt: weiss, männlich, Mittelklasse. Eine befreundete Theologin sagte einmal: «Wenn es die Erbsünde gibt, dann ist es das.» In der Tat fühlt es sich beruhigend an, Erbe von Raubzügen und Unterdrückung zu sein. Fast so wie als Erbe einer angesehenen Familie, deren Gründer das grosse Verbrechen beging.

Rauchen begann seine Geschichte als Luxus der Oberklasse; doch in den letzten zwanzig Jahren rauchten vor allem andere: Büezer und immer mehr Frauen. Seitdem stieg auch die Tabaksteuer fast jährlich. Sie ist heute mit 2 Milliarden Franken im Jahr die unsozialste aller Steuern, da sie vor allem die kleinsten Einkommen triff. (Eine Zigarette ist heute ein Häufchen Tabak, in eine Steuerrechnung gerollt.)

Kein Wunder kam aus Amerika eine Welle der Schikanen: Es ist immer gefährlich, mit Blaukragen und Frauen Vorlieben zu teilen. Verlierer werden wie Verlierer behandelt.

Das Gift des Glücks

Gleichzeitig endete in den Achtziger- jahren auch das Zeitalter des Optimismus. Statt neuer Waren entdeckte man zusehends die darin enthaltenen Gifte. Auch die Zigarette verlor die Unschuld: über 1000 schädliche Inhaltsstoffe. Jede Zigarette, rechneten Studien vor, raubt dir 22 Minuten deines Lebens. Das war zwar nicht ganz fair gerechnet: Die gleichen Studien ergaben, dass Raucher eher mehr Risiken eingehen. Oder eben eingehen müssen: in gefährlichen Berufen.

Aber die Frage bleibt: Warum führt man sich kleine Pakete Gift zu? Warum liefert man sich einer Sucht aus? Und schädigt seine Gesundheit?

Die gesunde Harmonie

Die Antwort darauf ist einfach (wie bei den Extremfällen Schizophrenie oder Depression): Es ist gesund, eine Harmonie von Innen und Aussen zu haben. Bei Liebeskummer, Schüchternheit, Ärger hilft das lähmende Gift der Zigarette, den zu gesunden Organismus dem seekranken Geist anzupassen. Aber auch alles Glück – die Verliebtheit, das Gelingen, das Denken – hat etwas Infektiöses: Etwas berührt dich: so fremd, tief und glücklich wie ein Schluck Rauch.

Die Sucht selbst war (bis genau heute) eines der klügsten Argumente der Zigarette. Denn sie war stillbar: nicht zu teuer und immer zu beruhigen. Eine Sucht, die einem also (solange man Zigaretten hatte) enorme Freiheit gab. Sie bot eine Versicherung gegen das Leben: Was immer passiert, man wird rauchen können.

Das Nichtraucher-Business

Jede Droge hat ihre Zeit – jede Zeit ihre Droge. Die Führungsschicht im harten globalen Wettbewerb greift längst zu Pillen: Ritalin, Viagra, Prozac. Aus «Mother's little helpers» sind längst «Manager's little helpers» geworden.

Und Rauchfreiheit ist heute ein mit viel Forschung unterstütztes Supergeschäft der Pharmabranche. Sie profitiert doppelt: an den Nikotinersatzstoffen und Impfungen zum Aufhören. Und an Aufputschmitteln, Betablockern und Schlankmachern, die die Suchtfreien danach kaufen.

Feldzug gegen den Glimmstängel

Der wichtigste Politiker im Feldzug gegen das Rauchen, der FDP-Ständerat Felix Gutzwiller, ein Professor für Präventivmedizin, sitzt daneben noch in rund einem Dutzend Unternehmen: Banken, Privatkliniken und Firmen der Pharmabranche.

Gutzwiller mit mindestens drei Jobs gleichzeitig teilt seine Lebensphilosophie mit dem wichtigsten Anti-Rauch-Beamten, Thomas Zeltner, einst Chef des Bundesamts für Gesundheit. Der sagte: «Ich brauche immer eine neue Ausrede, um erst um 8.01 Uhr im Büro zu sein.» Zeltner, der sein Amt pausenlos restrukturierte, fügte an, er sei «vielleicht ein wenig arbeitssüchtig».

Macht ist Fitness. Macht Fitness!

Rauch war die Droge des Industriezeitalters: Und galt als Symbol der Dynamik von der Dampflock bis zum Intellektuellen. Und Rauchen wurde auch zur kürzesten emotionalen Zeiteinheit: eine Zigarettenlänge für eine Pause, einen Flirt, einen Gedanken. Ein Zeitalter lang galt für Fabrik und Mensch: Ohne Rauch kein Feuer.

Im globalen Kampf aller gegen alle sind vom Individuum heute Härte und Flexibilität gefragt, also Drahtigkeit. Längst gehen Journalisten, Banker und Hausfrauen ins Fitnessstudio. Keine dicken Herren mit noch dickerer Zigarre sitzen an der Spitze, sondern lederne Marathonläufer: gebräunte, dynamische Männer, die wegen der vom Joggen erhaltenen Senkblase oft auf die Toilette müssen.

Die Zeit des Rauchens ist vorüber. Es war eine schöne Zeit. Eine Zeit, in der sich Rauch, Locken und Ideen kringelten. Wo Liebe und Einsamkeit, Arbeit und Träume alle denselben Geruch teilten: nach Tabak. Der Geruch der neuen Zeit ist der Geruch eines Fitnesscenters: nach dem Schweiss der Nichtraucher. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 29.04.2010, 22:14 Uhr

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68 Kommentare

Mike Carpenter

30.04.2010, 08:49 Uhr
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Die Ausgrenzung beglückt uns Raucher mit weiteren romantischen Aspekten. Wir sind urbane Piraten, geächtet und vogelfrei. So wird die leicht bräunliche, etwas krumme selbstgedrehte Zigarette mit dem schweren Rauch zum Statement und wir haben endlich wieder etwas, womit wir uns abheben können. Wo doch heute langes Haar zum Anzung passt und Ueli Maurer am Stones-Konzert anzutreffen ist. Antworten


Werner Schweizer

30.04.2010, 08:42 Uhr
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Ich bin Raucher und werde weiterhin rauchen. Ich habe eine Mitgliederkarte für einen legalen Raucherclub sowie eine, bis auf weiteres gültige, Fümoarkarte. Somit kann ich für die nächste Zeit in unkomplizierten und gemütlichen Lokalen mit gleichgesinnten Personen zusammen sitzen. Antworten




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