Leben

Missbrauch – auch Männer werden Opfer

Von Christine Amrhein Loosli. Aktualisiert am 06.04.2009 14 Kommentare

Noch immer ist Missbrauch an Männern ein Tabuthema, weil Männern das Opfersein gesellschaftlich nicht zusteht. Ein Betroffener erzählt.

Ein Jugendlicher allein mit sich und seiner Ohnmacht: Missbrauch an Männern ist kein Einzelfall, aber noch immer ein Tabuthema.

Ein Jugendlicher allein mit sich und seiner Ohnmacht: Missbrauch an Männern ist kein Einzelfall, aber noch immer ein Tabuthema. (Bild: colourbox.com)

Das Schweigen brechen

Hilfe bei sexuellen Übergriffen finden Männer bei der Dargebotenen Hand (Tel. 143) und bei der Opferberatungsstelle für gewaltbetroffene Jungen und Männer: www.opferberatungsstelle.ch. Täter können bei der Dargebotenen Hand ebenfalls anonym Beratung in Anspruch nehmen. Für Kinder und Jugendliche steht zusätzlich die Telefonnummer 147 zur Verfügung.

Weitere Anlaufstellen: Männer plus, Tel. 061 2050910, www.opferhilfe-bb.ch; Opferhilfe-Beratungsstelle der Stiftung «Hilfe für Opfer von Gewalttaten», Telefon 044 2994050, www.opferberatungzh.ch. Die kantonalen Opferberatungsstellen helfen mit Kontaktadressen weiter. Bei Verdacht auf Missbrauch sollten Bezugspersonen nicht zögern, das Thema aufzugreifen und Hilfe anzufordern.

«Ich hatte zwei Gesichter», sagt Manfred E.*, der als Kind und als Jugendlicher mehrfach sexuell missbraucht wurde. Es war ein langer, schmerzlicher Weg, bis der locker-fröhliche Ausdruck des sympathischen Mannes auch in den eigenen vier Wänden die Oberhand behalten konnte. Fast drei Jahrzehnte dauerte es, bis der bald Fünfzigjährige es wagte, sich seiner Vergangenheit zu stellen und sie aufzuarbeiten.

Als vergleichsweise «leichter Fall» bezeichnet sich Manfred E. Die Männer, die sich an ihm vergriffen, waren nicht aus der Familie, und er war 14 Jahre alt, als es zum ersten Mal geschah. «Ich hatte gelernt, dass man Ältere respektiert und tut, was sie verlangen», so Manfred E. Wieder und wieder unterdrückte er den Ekel, die Ohnmacht, die Selbstverachtung, die solche Begegnungen in ihm auslösten.

Vor den ersten Übergriffen war er ein fröhliches, schmächtiges Kind, hilfsbereit und gutmütig, der sich von allen herumschicken liess und nicht Nein sagen konnte. Seine negativen Erfahrungen raubten ihm dann das Selbstvertrauen. Wiederholt geriet er an Lehrpersonen oder Vorgesetzte, die seine Grenzen überschritten, weil er es nicht wagte, diese zu verteidigen.

Alkohol und Depressionen

Sein beruflicher Werdegang war alles andere als rühmlich. Schon mit 14 hatte er angefangen zu rauchen, und bald darauf hing er auch an der Flasche. «Damit konnte ich bei meinen Saufkumpanen bestehen und das Bild des lustigen Stimmungsmachers aufrechterhalten.» Dass er in den eigenen vier Wänden mit Selbstmordgedanken rang, wusste keiner. Seine «Männergeschichten» vergrub er so tief im dunkelsten Winkel seines Herzens, dass er selber keinen Zugriff mehr darauf hatte.

Unrast trieb ihn in die Welt hinaus. Er arbeitete jeweils so lange, bis das Geld für den nächsten Flug reichte, verbrachte Monate in fernen Ländern, wo er jobbte, um zu überleben. Kaum war er in der Schweiz zurück, holten ihn seine Depressionen ein. «Ich wusste nicht, was mit mir los war», erzählt Manfred E. Mit viel Kraft gelang es ihm, wenigstens nach aussen ein einigermassen passables Bild aufrechtzuerhalten. Zwar wunderte sich sein Bekanntenkreis, dass der attraktive Mann nie eine Freundin hatte, und es wurde gemutmasst, er könnte homosexuell sein, was ihm zusätzlich zu schaffen machte.

Angeregt durch eine Bekannte, begann Manfred E. zu malen. «Ich erkannte, wie düster es in mir aussieht», erzählt er. Als leidenschaftlicher Leser von Biografien beschloss er eines Tages, selber eine solche zu verfassen. «Beim Schreiben hatte ich viele Aha-Erlebnisse. Ich stiess in diese düsteren Ecken meines Herzens vor, die ich jahrzehntelang verschlossen gehalten hatte.» Es war ein schmerzlicher Weg, den Manfred E. gehen musste. «Ich erkannte endlich, dass ich ein Opfer bin», sagt er. «Und ich empfand es als Befreiung.»

Ein grosses Schweigen

Lange ging er davon aus, dass er der Einzige sei, dem so etwas Erniedrigendes passiert sei. «Ich habe im Internet, in Bibliotheken nach Material gesucht – vergeblich. Es herrschte ein grosses Schweigen rund um den Missbrauch an männlichen Kindern und Jugendlichen», stellt er fest. Auch heute noch sei das Angebot dürftig. Schliesslich stiess er auf die Seite der Opferberatungsstelle für gewaltbetroffene Jungen und Männer. «Es war eine gewaltige Hemmschwelle, aber ich konnte mich anonym per Mail melden», erzählt er.

Endlich wurde ihm professionelle Hilfe zuteil. «Die Erleichterung war riesig, ich durfte reden, stiess auf Verständnis und konnte meine Schuldgefühle abbauen.» Sie waren es nämlich, die ihn als Jugendlichen daran hinderten, über die Vorfälle zu sprechen. «Zuerst sorgte der Täter dafür, dass ich erregt war. Deswegen war es für mich klar, dass ich an den Übergriffen selber schuld war. Zudem verachtete ich mich wegen meiner Unfähigkeit, Nein sagen zu können.»

Manfred E. heute: Er hat eine neue Ausbildung gemacht und liebt seinen Job. Mit eisernem Willen konnte er die Suchtprobleme aus seinem Leben verbannen, und er hat eine Lebenspartnerin, die zu ihm steht. «Eines Tages werden wir zusammenziehen», sagt er und lächelt. Aber das braucht viel Zeit und viel Vertrauen, denn – auch wenn er gelernt hat, Liebe und Nähe zuzulassen und zu geniessen –, so bleiben doch Narben zurück.

Kein Einzelfall

Zu einem Outing im engeren Kreis hat er sich auch durchgerungen und damit gemischte Erfahrungen gemacht. Warum er nicht Nein gesagt habe? Oder Misstrauen: Ob er – wie es leider häufig der Fall ist – nicht auch zum Täter geworden sei? Dennoch empfiehlt Manfred E. allen Betroffenen – seien sie nun Opfer oder Täter – Hilfe in Anspruch zu nehmen, denn dass er keineswegs ein Einzelfall ist, weiss er heute zur Genüge. «Noch immer ist Missbrauch an Männern ein Tabuthema, weil Männern das Opfersein gesellschaftlich nicht zusteht.» Dank harter Arbeit und professioneller Hilfe fühlt sich Manfred E. heute nicht mehr als Opfer. Und er hat endlich sein Gesicht gefunden, sein richtiges.

* Name von der Redaktion geändert (Berner Zeitung)

Erstellt: 06.04.2009, 12:09 Uhr

14

Kommentar schreiben







 Ausland



Verbleibende Anzahl Zeichen:

Mit dem Absenden des Kommentars erklärt sich der Leser mit nachfolgenden Bedingungen einverstanden: Die Redaktion behält sich vor, Kommentare nicht zu publizieren. Dies gilt insbesondere für ehrverletzende, rassistische, unsachliche, themenfremde Kommentare oder solche in Mundart oder Fremdsprachen. Kommentare mit Fantasienamen oder mit ganz offensichtlich falschen Namen werden ebenfalls nicht veröffentlicht. Über die Entscheide der Redaktion wird keine Korrespondenz geführt. Telefonische Auskünfte werden keine erteilt. Ihr Kommentar kann auch auf Google und anderen Suchseiten gefunden werden.

14 Kommentare

Sandro Gilgen

07.04.2009, 11:08 Uhr
Melden

Selbst die engsten Bezugspersonen wollen nicht glauben, was Dir passiert ist. Ein Junge/Mann kann sich doch wehren. Er sollte dankbar sein, dass er durch eine andere Person (Frau) in die Geheimnisse der Sexualität eingeführt wird. Solche und ähnliche Aussagen führen dazu, dass sich die Opfer (Frau und Mann noch mehr) als Schuldige fühlen und die Agressionen nicht gegen sich richten. Antworten


Sandro Gilgen

06.04.2009, 12:03 Uhr
Melden

Ich bin selber betroffen und weiss von was ich spreche. Wer mehr Informationen über die Hintergründe sexueller Missbrauch und Mann als Opfer sucht, dem empfehle ich meine persönliche Homepage http://www.ueberlebenskunst.ch Antworten




Live @ Sunset

11. bis 22. Juli - Zürich Dolder u.a. mit B.B. King, Elton John und Alanis Morissette!

Familie, Beruf und Studium

Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.

Online-Kadermarkt

ALPHA.CH: der online-Kadermarkt der Schweiz.