«Missionseinsätze sind trendy»

Wer sein Leben für die Ausbreitung des Evangeliums riskiert, kann in Freikirchen hohes Ansehen erreichen.

In dieser Stadt wurde die Schweizerin entführt: Timbuktu im Norden von Mali.

In dieser Stadt wurde die Schweizerin entführt: Timbuktu im Norden von Mali. Bild: Keystone

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Herr Schmid, warum missionieren Christen?
Mission gehört seit Anbeginn zum Christentum. Umstritten ist unter Christen deshalb nicht die Frage, ob missioniert wird, sondern, wie.

Und warum tun sie es in Ländern, wo es verboten ist oder gar radikale Islamisten sie bekämpfen?
Grundsätzlich soll jeder Mensch die Möglichkeit haben, die für ihn stimmige Weltanschauung frei zu wählen. Missionsverbote versuchen, dies zu verhindern.

Gibt es Kirchen, die sich bevorzugt solche Gebiete zur Mission aussuchen?
Für evangelikale Freikirchen sind Gebiete, in denen Mission verboten und gefährlich ist, von besonderer theologischer Bedeutung. Denn viele freikirchliche Menschen glauben, dass Jesus dann wiederkommen wird, wenn alle Menschen ihre Chance, sich für oder gegen das Christentum zu entscheiden, wahrnehmen konnten. Deshalb werden die verbotenen Zonen besonders intensiv beackert. Die grossen Kirchen und ihre Hilfswerke sehen keinen solchen Zusammenhang. Ihr Ziel liegt eher im überzeugenden Vorleben des eigenen Glaubens als im Ruf zur Entscheidung.

Wie viele solcher freikirchlichen oder evangelikalen Missionare gibt es in der Schweiz?
Ich schätze, dass etwa 350 Personen in Langzeiteinsätzen sind. Zusammen mit Leuten, die Kurzeinsätze absolvieren, sind wohl jährlich etwa 500 Schweizerinnen und Schweizer auf Mission in Gegenden, wo es gesetzlich verboten ist – worauf das Aussendepartement in den Reisehinweisen auch aufmerksam macht.

Weshalb begeben sich so viele Leute in diese Gefahr?
Es ist im freikirchlichen Umfeld zurzeit sehr trendy, einen Missionseinsatz zu absolvieren. Ein junger Mensch, der in einer freikirchlichen Umgebung aufwächst, kommt deshalb kaum darum herum, mal bei einem solchen Einsatz mitzumachen.

Deshalb muss man ja nicht gleich vor den Augen der al-Qaida oder der Taliban missionieren.
So ist es. Viele Freikirchler suchen sich ruhigere Gegenden aus. Aber man kann unter jungen Evangelikalen eine zunehmende Risikobereitschaft feststellen. In Freikirchen wird erwartet, dass der Glaube konkrete Auswirkungen im Leben der Gläubigen zeitigt. Missionarisches Engagement kommt diesen Erwartungen entgegen. Und Mission unter Einsatz des Lebens kann dann als Hinweis auf besonders tiefe Überzeugungen gelesen werden.

Das heisst, ein riskanter Missionseinsatz gibt mehr Credits für ein Leben im Jenseits?
So könnte man es ausdrücken. Je mehr sie sich für Jesus und Gott aufopfern, desto besser. Hinzu kommt natürlich die Abenteuerlust.

Die könnte man ja auch beim Bungee-Jumping ausleben. Da wird man nicht entführt oder direkt enthauptet.
Das nicht. Aber Risikosportarten sind unter Evangelikalen in der Regel nicht so gern gesehen, denn damit wird das Leben für einen emotionalen Kick aufs Spiel gesetzt. Wer in gefährlichen Gegenden missioniert, riskiert sein Leben für die Ausbreitung des Evangeliums, was im freikirchlichen Umfeld positiv gewertet wird und gar hohes Ansehen einbringen kann.

Wie missioniert man denn in solchen Gebieten?
Wenn man sich länger dort aufhält, dann bevorzugt als Sprachlehrer oder als Angestellter einer Organisation für Entwicklungshilfe. Kurzeinsätze werden auch schon mal im Touristenstatus absolviert. In weniger gefährlichen Gebieten absolviert man schon mal Strasseneinsätze, verteilt Bibeln oder DVDs. In heiklen Gebieten begibt man sich oft unter die Fittiche einer ansässigen Organisation und arbeitet verdeckt.

Wer organisiert solche Missionseinsätze?
Da gibt es kirchenübergreifende Organisationen wie etwa «Jugend mit einer Mission» oder «Operation Mobilisation». Diese beiden Organisationen sind in der Schweiz führend in der Durchführung von missionarischen Einsätzen, zum Teil auch im muslimischen Raum. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.04.2012, 11:56 Uhr)

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Der Theologe und Sektenexperte Georg Otto Schmid. (Bild: PD)

(Bild: TA-Grafik ib)

In heikler Mission

Charakter wird geprüft
Die Organisationen «Youth With A Mission» (YWAM) und «Organisation Mobilisation» (OM) haben Schweizer Ableger. YWAM verfügt über eine Adresse in Timbuktu, wo am Sonntag eine Schweizer Missionarin entführt worden ist (s. Karte). OM führt als Missionsdestination auch den Jemen auf. Gemäss Sprecher Markus Flückiger sind jedoch keine Schweizer mehr im Jemen, die von OM platziert worden sind. «Es ist im Moment zu gefährlich», sagt Flückiger. Zwar missioniere man auch in Ländern, wo das verboten sei, ermutige die Leute jedoch nicht dazu. Im Gegenteil: «Falls jemand wünscht, in ein schwieriges Gebiet zu gehen, dann prüfen wir vorgängig, ob der oder die Betreffende über die richtige Motivation und charakterliche Festigung verfügt», sagt Flückiger. Reine Abenteuerlust genüge nicht.

Schweizerin in Mali entführt

Im Norden Malis ist am Sonntag eine Schweizerin von Unbekannten aus ihrem Haus verschleppt worden. Das Eidg. Departement für auswärtige Angelegenheiten (EDA) bestätigte gestern die Entführung in der Oasenstadt Timbuktu. Nach Aussagen eines Beamten der Stadtregierung war die Frau von bewaffneten Männern mit Turban entführt worden. Ein Bewohner der Stadt sagte, er habe sechs bewaffnete Männer gesehen, die die Schweizerin mitgenommen hätten.

Nach übereinstimmenden Aussagen ist die rund 40-jährige Frau eine sozial engagierte Missionarin, die seit Jahren in Timbuktu lebt und mehrere lokale Sprachen spricht. Laut «20 Minuten online» arbeitete die Frau früher für die evangelikale Wycliffe-Organisation, die neben ­Bibelübersetzungen auch Missionsarbeit betreibt.

Tuareg-Rebellen haben vor rund einer Woche die Unabhängigkeit für den Norden Malis ausgerufen. Die Macht wird allerdings de facto zu grossen Teilen von der islamistischen Bewegung Ansar Dine ausgeübt. Diese kontrolliert nach Berichten aus der Region alle wichtigen Städte, darunter auch Timbuktu. (SDA)

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