«Mit 16 nahm ich zum ersten Mal Koks – das war das Verhängnis»

Mit zwölf begann er zu kiffen, mit vierzehn kamen Partydrogen dazu. Nach sieben Jahren erfolgte der erste Entzug. Ein Ex-Partydrogensüchtiger erzählt von seinem ganz persönlichen Teufelskreis.

«Täglich zwei bis drei Gramm Kokain konsumiert»: Besucher einer Party.

«Täglich zwei bis drei Gramm Kokain konsumiert»: Besucher einer Party. Bild: Keystone

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Tagesanzeiger.ch/Newsnet sprach mit Matteo T. (24) aus Bern. Der Name wurde auf Wunsch geändert.

Wann haben Sie mit dem Konsum von Partydrogen angefangen?
Den ersten Joint habe ich mit zwölf Jahren geraucht. Zwei Jahre später begann ich an Technoparties zu gehen, wo ich erstmals mit Pillen, also Ecstasy, in Kontakt kam. Als Sechzehnjähriger habe ich zum ersten Mal Kokain probiert – das war mein Verhängnis.

Wieso?
Das Kokain hat mich von Anfang an süchtig gemacht, natürlich nicht körperlich, aber psychisch – ich habe die ganze Zeit daran gedacht, war nur noch auf das Wochenende und den nächsten Schnupf fixiert. Alles drehte sich nur noch darum. Kokain habe ich nebst anderen Partydrogen wie LSD oder Ecstasy dann schon sehr bald regelmässig konsumiert.

Was genau heisst regelmässig?
Auf dem «Höhepunkt meiner Drogenkarriere» habe ich täglich zwei bis drei Gramm Kokain konsumiert, am Wochenende kam ich auf zehn, manchmal sogar bis auf fünfzehn Gramm. Zum Teil war ich von Freitagabend bis Montagmorgen ohne Unterbuch im Ausgang, ging von Party zu Afterparty. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich natürlich auch keinen Job, zwei Monate vor der Lehrabschlussprüfung habe ich meine Lehre hingeschmissen und mich nur noch auf den Drogenkonsum konzentriert. Es gab Tage, da habe ich am Nachmittag eine Pille genommen und Fernseh geglotzt. Allein. Ich habe stunden-, nein tagelang nicht geschlafen, praktisch nichts gegessen. Im Nachhinein weiss ich nicht, wie das mein Körper weggesteckt hat. Mein Konsum war nicht normal. Ich habe während fast fünf Jahren täglich Kokain und andere Drogen genommen, ich hatte überhaupt kein Mass mehr, weder beim Kiffen, noch beim Pillenschmeissen, noch beim Koksen.

Wie haben Sie denn Ihre Sucht finanziert?
Am Anfang wohnte ich noch zu Hause bei den Eltern und konnte den Konsum mit meinem Lehrgeld bezahlen, doch nachdem ich die Lehre ja abgebrochen und keinen Job mehr hatte, habe ich begonnen, mit Kokain zu dealen – anders wäre das gar nicht gegangen. Oder ich habe andere Leute bestohlen, geklaut, solche Sachen halt. Mit der Koksdealerei habe ich oft mehrere Tausend Franken täglich verdient. Das war auch so eine Art Rausch und wenn ich ganz ehrlich bin, dann vermisse ich dieses Gefühl manchmal.

Und irgendwann haben Sie sich für einen Entzug entschieden – oder haben Ihre Eltern Sie eingewiesen?
Der Entschluss kam von mir. Kurz vor meinem 21. Geburtstag hatte ich einen kompletten Nervenzusammenbruch: Ich habe meine halbe Wohnung zertrümmert, mich selber verletzt, bin völlig durchgedreht – ich war wie ein Wahnsinniger. Ich bin dann zu meinen Eltern und habe gesagt, dass ich dringend Hilfe brauche. Sie waren natürlich völlig schockiert. Klar, wussten oder dachten sie, dass ich «irgendetwas» konsumiere, aber dass es so schlimm war, damit hatten sie nicht gerechnet. Meine Eltern sind via Internet auf die Klinik für Suchtmedizin in Neuenhof gestossen, weil sie dort auf den Entzug von Partydrogen spezialisiert sind. An meinem 21. Geburtstag wurde ich dann eingewiesen.

Was war das für ein Gefühl?
Ein beschissenes. Mir wurde erstmals bewusst, in was ich mich hineingeritten hatte. Als wäre ich aus einem Traum aufgewacht. Ich war so deprimiert: Ich war 21 und wo war ich gelandet? In einer Entzugsklinik! Die ersten zwei Tage waren ganz schlimm, ich habe praktisch nur geweint.

Die Klinik für Suchtmedizin pflegt bewusst einen sehr familiären Umgang mit ihren Patienten – hat Ihnen dieser lockere Umgang geholfen?
Auf jeden Fall. Ich hatte mir eine Entzugsklinik immer voll horrormässig vorgestellt, mit Zwangsjacken und Beruhigungsmitteln und so Sachen. Aber hier war es eher wie in einer Wohngemeinschaft, ich konnte mit allen über meine Probleme reden und fühlte mich verstanden. Mit der Zeit konnte ich auch wieder normal schlafen. Das war überhaupt etwas vom Schönsten: Keine Angst oder Stress mehr vor dem Zubettgehen zu haben. Als ich so massiv konsumierte, war schlafen immer der grösste Horror. Ich konnte ja nicht schlafen oder zumindest nicht richtig und habe dann stundenlang wach gelegen und gewartet bis es morgen wird.

Wie ging es nach dem Entzug in Neuenhof weiter?
Nach den ersten drei Wochen durfte ich noch am Übergangsprogramm teilnehmen, doch nach zwei Monaten war das dann zu Ende und ich wurde ins Hasel in Gontenschwil überwiesen. Das war dann eine richtige psychiatrische Klinik. Für meinen Fall war ein neun- bis zwölfmonatiger Aufenthalt geplant, doch nach drei Wochen wurde ich rückfällig. Ich beschaffte mir während eines freien Ausgangs Drogen und konsumierte. Was sogar erlaubt gewesen wäre, denn Rückfälle gehören praktisch dazu. Das Problem war, dass ich es nicht gesagt hatte. Dass sie es mittels Urinprobe, die zufällig gemacht werden, herausgefunden hatten. Wäre ich zu meiner Therapeutin und hätte ich mit ihr gesprochen, hätte ich bleiben dürfen. Ich rief sofort eine Freundin an, die mich abholte und direkt nach Neuenhof fuhr. Dort blieb ich dann nochmals zweieinhalb Wochen bevor ich wieder zu meinen Eltern zurückkehrte.

Wie haben Sie die Rückkehr in den Alltag erlebt?
Am Anfang war ich voll motiviert. Ich wollte nie mehr Drogen nehmen, nie wieder diesen Albtraum durchmachen. Aber einfach war es nicht: Früher hatten die Drogenbeschaffung und der Konsum meinen Tag geregelt, jetzt war das alles weg. Ich hielt mich strikt an die in der Klinik gelernten Tagesabläufe, stand um 8 Uhr auf, nahm drei Mahlzeiten täglich zu mir. Ab und zu habe ich gekifft, von allen anderen Drogen habe ich – am Anfang – die Finger gelassen. Ich hatte einen Job, schaffte es bis zum stellvertretenden Rayonchef. Wenn ich zur Arbeit ging, trug ich einen Anzug – ich war zum ersten Mal stolz auf mich.

Was war mit Ihren Freunden, durften Sie diese überhaupt noch sehen?
Ich traf diejenigen Freunde von früher, die nur kifften aber ansonsten keine Drogen konsumierten. Die anderen mied ich. An Parties ging ich auch nur noch selten, das Risiko wäre zu gross gewesen. Und auch heute gehe ich nur alle drei Monate vielleicht an eine Party. Mit der Zeit habe ich immer mehr gekifft. Diesen Sommer habe ich meinen Job wegen einer Umstrukturierung verloren, dann starb ein Kollege von mir bei einem Töffunfall und mit einer Frau, die mir gefiel, lief es nicht so richtig. Das mit dem Job hat mich speziell getroffen, plötzlich war ich wieder niemand.

Und dann haben Sie wieder konsumiert?
Ja. Ich hatte zwar schon ein paar Mal wieder Ecstasy konsumiert, doch das war okay, darüber hatte ich auch in der Therapie gesprochen. Aber Ende August hatte ich dann so einen richtigen Rückfall, habe in einer Nacht alles mögliche genommen: Kokain, Ketamin, all die Sachen. Das hat mir Angst gemacht und so bin ich Anfang September noch einmal nach Neuenhof für einen dreiwöchigen Entzug zurückgekehrt. Jetzt bin ich also wieder draussen, habe erneut dazugelernt und hoffe, dass ich es diesmal schaffe. Irgendwann möchte ich komplett ohne Drogen auskommen. Auch ohne Kiffen, denn – für mich – ist der Schritt vom Kiffen zu härteren Sachen im Prinzip ein kleiner. Doch zunächst will ich den Fahrausweis machen und so schnell wie möglich einen Job finden.

Lesen Sie morgen den Bericht über die Klinik für Suchtmedizin in Neuenhof (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.10.2011, 12:56 Uhr)

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