Mit 35 wieder auf dem Markt
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 22.11.2010 38 Kommentare
Im Alter zwischen 30 und 34 wird in der Schweiz am häufigsten geheiratet. Da aber die Scheidungsquote 47,7 Prozent beträgt, gibt es auch jene, die dann bereits eine gescheiterte Ehe hinter sich haben und Eltern sind. Wie ist es, sich nach längerer Abwesenheit wieder auf dem Single-Markt zu präsentieren? Ergeht es Vätern anders als Müttern? Was ist mit den Frauen, die noch Kinder haben könnten, aber schon welche haben und für die weiterer Nachwuchs nicht infrage kommt? Was, wenn der neue Partner Kinder will? Oder auch schon Kinder hat? Und wie funktioniert das überhaupt mit der viel zitierten Patchworkfamilie?
Zwei Frauen und zwei Männer erzählen. Alle vier haben sich Mitte 30 getrennt oder scheiden lassen, und alle vier haben ein neues Glück gefunden. Ihre Geschichten haben keinen Anspruch auf allgemeine Gültigkeit, zeigen aber doch interessante Phänomene auf: Es waren in allen Fällen die Frauen, die die Beziehung beendet haben. Das stimmt überein mit der Statistik, die besagt, dass drei Viertel aller Scheidungen von weiblicher Seite eingereicht werden. Dann scheint die Partnersuche via Internet salonfähig geworden zu sein; zwei der vier haben so ihre neuen Partner gefunden, und sie haben kein Problem, das auch zuzugeben. Ab einem gewissen Alter, so scheint es, wird die Sache gezielter angegangen, man hat keine Lust, Zeit zu verschwenden, und dafür eignet sich das Internet perfekt. Das Erstaunlichste aber ist, dass beide Frauen ihr Muttersein nicht als Nach-, sondern vielmehr als Vorteil empfunden haben – da ist keine biologische Uhr mehr, deren lautes Ticken die Männer nervös macht.
Moritz* 39, Goldschmied, keine Kinder, wieder liiert
«Als mich meine Frau vor fünf Jahren verliess, war ich ein Wrack. Ich musste aus der gemeinsamen Wohnung ausziehen, sehr schnell, und das war furchtbar, weil man auf die Schnelle nichts Gescheites findet. Ich hockte also in einer hässlichen Wohnung und habe ein halbes Jahr lang durchgesoffen und mir die Nächte um die Ohren geschlagen. Ich war lange nicht in der Lage, irgendwas mit einer Frau anzufangen, es interessierte mich einfach nicht. Komischerweise scheint aber genau dieses Desinteresse auf Frauen anziehend zu wirken. Es muss irgendwie weniger Single-Männer als Single-Frauen auf dem Markt haben, und wenn man noch einigermassen aussieht und anständig ist, kann man sich vor Angeboten kaum retten. Ich liess mich dann doch auf ein paar Affären ein, aber nach einer Weile hatte ich stets das Gefühl, darin zu ersticken. Immer ging es früher oder später um gemeinsame Zukunftspläne und ums Zusammenziehen, aber ich hatte den Horror davor, abgesehen davon hatte ich mich ans Alleinsein gewöhnt, und die Unabhängigkeit gefiel mir. Ich wurde oft um meine Freiheit beneidet, erst recht von Kollegen, die auch sonntags früh aufstehen mussten wegen der Kinder oder denen ihre Partnerinnen verboten auszugehen. Dass die Frauen, die ich kennen lernte, oft von Kindern und von Familiengründung sprachen, war zu viel für mich. Wie mich auch Mütter als potenzielle Partnerinnen abschreckten; mir graute vor gemeinsamen Zoobesuchen mit dem Nachwuchs und vor ähnlichen Verpflichtungen, ich hatte keine Lust, Babysitter zu sein. Jetzt bin ich seit drei Jahren mit einer Frau zusammen, und wir werden bald Eltern. Ich glaube, es ist als Mann besser, später Vater zu werden. Mit 33 hätte ich meinem alten Leben nachgetrauert und stets das Gefühl gehabt, etwas zu verpassen. Mit dem Alter wird man ruhiger und hat andere Pläne.»
Felicitas*, 34, Grafikerin, 2 Kinder, wieder liiert
«Schon als ich noch in der Beziehung war, habe ich stets mein eigenes Leben gelebt. Das heisst, ich war zweimal in der Woche mit Freundinnen unterwegs, das war mir wichtig. Als ich über eine Trennung nachzudenken begann, fürchtete ich mich also nie vor der Einsamkeit, weil ich ein funktionierendes soziales Netz hatte, in dem ich mich aufgehoben fühlte. Aber ich habe dann trotzdem gestaunt, wie viele Chancen man als Frau und Mutter mit 34 noch hat bei den Männern. Vor allem bei jüngeren Männern. Wenn ich meine zwei Kinder erwähnt habe, war die Reaktion meist sehr positiv. Das hat vermutlich damit zu tun, dass viele kinderlose Frauen in meinem Alter gerne und innig und vor allem sofort über die Kinderfrage reden, was die meisten Männer umgehend in die Flucht treibt. Bei mir wussten sie, dass dieser Punkt schon abgehakt ist, und sie konnten sich entsprechend entspannen. Sich in meinem Alter und mit Kindern noch so begehrt zu fühlen, tut gut, ich gebe es offen zu. Gerade auch, weil man sich als Mutter ja manchmal ein bisschen langweilig findet, so mit diesem Leben zwischen Arbeit und Krippe und Kindergeburtstagen. Vielleicht haben mich deshalb Väter nicht besonders interessiert. Ich habe mich also nicht auf dem Spielplatz umgeschaut oder im Vaki-Muki-Schwimmen, sondern an Vernissagen und an Partys. Mittlerweile bin ich wieder liiert, mit einem Mann ohne Kinder, und ich geniesse meine beiden Leben: das mit den Kindern und diesen unbeschreiblichen Glücksmomenten. Und dasjenige mit meinem Freund, mit dem ich – weil ich ja jedes zweite Wochenende «frei» habe, wenn die Kinder beim Vater sind – aufregende, andere Dinge tun kann. Noch trenne ich die beiden Welten mehr oder weniger und mache nicht auf neue happy Family. Mein Freund und ich sind uns einig, dass sich das langsam entwickeln soll. Ob wir gemeinsame Kinder haben wollen, wird zur Debatte stehen, wenn die Zeit dafür reif ist.»
Daniel*, 40, Anwalt, 3 Kinder, wieder liiert
«Vier Monate nachdem wir in unser neues Haus gezogen waren, teilte mir meine Frau mit, dass sie sich scheiden lassen und zurück nach Schweden ziehen wolle, zusammen mit den Kindern. Das war happig. Ich war 35, und in den ersten sechs Monaten stürzte ich mich ins Single-Leben und versuchte, das Positive zu sehen, nämlich, dass ich jetzt wieder über so viel Freiheit verfüge wie früher. Spätestens an Weihnachten holte mich aber die Wirklichkeit ein, weil ich keinen eigenen funktionierenden Freundeskreis mehr hatte. Beziehungsweise alle um mich herum Familie hatten und an den Feiertagen nicht verfügbar waren. Ich hatte keine Lust, alleine zu sein, und wäre eigentlich schon damals für eine Beziehung bereit gewesen, aber es folgten dann in den nächsten drei Jahren vor allem kurze Affären, die meist zwischen acht und zwölf Wochen dauerten. Gefunden habe ich die Frauen stets via Internet. Das mag zwar etwas unromantisch sein, aber der Arbeitsplatz kommt ja nicht infrage, und in Bars rumzuhängen, war mir irgendwie zu blöd. Die Frauen, die ich dort traf, waren mir zudem zu jung, ich merkte schnell, dass die mich langweilten. Der Vorteil, wenn man mit 35 wieder Single ist, besteht darin, dass man viel genauer weiss, was man will. Dass man sich bewusst für jemanden entscheidet und nicht, weil es sich gerade so ergibt oder weil man noch Kinder haben möchte und die Zeit drängt. Meine Partnerin, mit der ich jetzt seit 2 Jahren zusammen bin, habe ich ebenfalls via Internet kennen gelernt. Sie hat zwei Kinder, wir wohnen mittlerweile alle zusammen, und das geht gut. Es ist sogar einfacher als früher, als ich bei ihnen nur am Wochenende zu Gast war, das war immer ein wenig merkwürdig. Probleme entstehen vor allem bei Erziehungsfragen, das ist ein Minenfeld. Ich übernehme zwar gewisse Rollen eines Vaters, bin aber nicht der leibliche Vater, da muss ich mir jeweils gut überlegen, was ich sage und wie ich es sage. Und es ist einfach so: Ich habe die Kinder meiner Partnerin sehr gerne, aber es sind nicht meine eigenen Kinder. Das ist ein Unterschied, und der wird immer da sein.»
Susanne*, 38, Ärztin, 2 Kinder, wieder liiert
«Ich hatte enorme Skrupel, eine Familie zu zerstören und den Kindern eine Scheidung zuzumuten. Wahrscheinlich weil ich selbst so unter derjenigen meiner Eltern gelitten hatte. Drei Jahre lang habe ich gekämpft, dann reichte ich die Scheidung ein. In jenen drei Jahren, von 34 bis 37, fühlte ich mich schrecklich. Als Versagerin, wertlos, unsichtbar. Ich kam mir als Frau mit zwei Kindern vor wie ein Auslaufmodell und dachte: Welcher Mann will sich, wenn er eine Beziehung sucht, gleich mit einer Familie einlassen? Mein Selbstvertrauen war ziemlich am Boden. Aber dann, nach der Scheidung, bin ich aufgeblüht. Es war eine einzige Befreiung, obschon es etwas seltsam war, nach so langer Zeit wieder «draussen» zu sein. Zu meinem grossen Erstaunen fiel es mir aber leichter als je zuvor, Leute, konkret auch Männer, kennen zu lernen. Ich weiss bis heute nicht, woran das lag, aber es war, wie wenn ein Licht in mir angezündet worden wäre, so viel Chancen wie damals hatte ich bei Männern noch nie gehabt. Die Schwierigkeit, in diesem Alter einen neuen Partner zu finden, ist aber, dass viele völlig geschädigt sind und sich nicht mehr auf etwas Festes einlassen wollen. Die haben das eigene Beziehungsdrama, das sie meistens hinter sich haben, überhaupt nicht verdaut, und das steht gewaltig im Weg. Da ich ein Beziehungsmensch bin, war klar, dass ich nicht alleine bleiben wollte. Ich meldete mich bald bei einer Partner-Vermittlungsagentur im Internet an und bin heute mit einem Mann liiert, den ich da kennen gelernt habe und der nun mit mir und meinen zwei Kindern zusammenlebt. Es war ein Glück, dass er die Dinge sieht wie ich: Er hat bereits zwei Kinder und will keine weiteren, das ist bei mir genauso. Ein Mann mit Kinderwunsch kam nicht infrage, das war von Anfang an klar, denn in dieser Hinsicht verschiedene Ansichten zu haben, ist der Beziehungskiller schlechthin.»
* Namen der Redaktion bekannt.Alle Protokolle aufgezeichnet von Bettina Weber. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 21.11.2010, 20:37 Uhr
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38 Kommentare
Frau Weber da drängt sich doch ein Frage auf. Bei so hoher Scheidungsfreudigkeit der Frauen, im Zeitalter der Romantik, können sie mir sicher sagen warum die Frauen bei ihrem "Best choice" offensichtlich so oft daneben liegen? Oder etwa nicht? Weil man das nicht erklären kann? Antworten
Krass, ja. Was diese Dinge zeigen: Die Ehe nach dem neuen Ehe-"Recht" funktioniert nicht mehr. Der Staat zieht sich (mit Recht) aus dem Emotionalen Teil zurück, der ein wesentlicher Teil des Vertrags ist, und "regelt" nur die materielle Seite. Dass das unbalanciert sein muss ist klar, die Konsequenz erleben wir heute. Antworten
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Sonia Uhlmann ist keine typische Studentin. Dank Fernstudium hat sie den Master trotzdem geschafft.






