«Motivation isch da Mann»

Der Berner Rash Junior Zamorano stellt Videos auf Youtube, die bis zu 100'000-mal angeklickt werden. 
Der 20-jährige Kameruner verarbeitet schimpfend seinen Kulturschock.

Rash Sakem kam vor sechs Jahren aus Kamerun nach Bern. Als Rash Junior Zamorano erklärt er auf Youtube seine Welt.

Rash Sakem kam vor sechs Jahren aus Kamerun nach Bern. Als Rash Junior Zamorano erklärt er auf Youtube seine Welt. Bild: Valérie Chételat

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Der zierliche Mann sitzt breitbeinig in Kutscherhaltung auf der Treppe vor der Nationalbibliothek und blickt auf sein Handy. Ein Gymnasiast begrüsst Rash Sakem alias Rash Junior Zamorano mit kumpelhaftem Faustschlag. «Yo Mann, kann ich ein Video mit dir machen?» ­Sakem stellt sich hin, lässt sich den Arm um die Schultern legen und sagt vor dessen Handykamera «Motivation isch da Mann.» Dies ist der Spruch, der Sakem auf Facebook bekannt gemacht hat.

Letzten Winter begann der 20-Jährige mit Filmen auf Facebook seinem Ärger über den Alltag Luft zu machen. Der Beitrag über das Mundart-Testwort «Chuchi­chäschtli» ist innerhalb von drei Monaten mehr als 100'000-mal angeschaut worden: «Wieso kann ich nicht einfach Schrank sagen, Mann?» Im Outfit des Gangster-Rappers erzählt er der Kamera von seinen Problemen mit Mädchen, von Schwierigkeiten in der Schule oder von allgemeinen Beobachtungen: «Dort in Afrika sterben täglich, stündlich, sekündlich Kinder an Hunger und hier kauft diese Frau eine Tasche für 20 000 Franken. I checke das nit, Mann.» Das Besondere an Sakems Monologen ist die erfrischend direkte, scheinbar naive und doch reflektierte Art, mit der er über seinen Alltag spricht. Trotz des machohaften Gehabes lässt er die Zuschauer an seiner letztlich gutmütigen Logik teilhaben. Dies mag der Grund sein, weshalb die Videos bei Jugendlichen so gut ankommen. Denn Rash ­Junior benennt, was sie beschäftigt.

Schnee in der Schweiz

Für Rash ist nichts selbstverständlich. Denn bis vor sechs Jahren lebte er zusammen mit seiner Schwester bei den Grosseltern in einem Dorf in Kamerun oder im Internat einer Missionsschule. «Ich kannte weder Computer, Handy noch Internet», erzählt er. Als sein Vater, ein Molekularbiologe, eine Schweizerin heiratete, holte er die Kinder in die Schweiz. Im November 2008 sah Rash Sakem zum ersten Mal Schnee. «Es war der Horror», erzählt er. «Ich glaubte, in der Schweiz sei es das ganze Jahr so kalt.» Der junge Afrikaner grinst breit und zieht seine Mütze aus. Soeben hat Sakem die letzte Prüfung der dreijährigen Lehre als Logistiker beim Bundesamt für Kultur (BAK) absolviert. Er lebt mit seinen Eltern und mittlerweile fünf Geschwistern in Bern.

«Der Junge hat mich fasziniert», erzählt sein ehemaliger Lehrmeister Christian Friederich. «Er war wissensdurstig und sympathisch.» Rash sei zurückhaltend und scheu. Gegenüber Vorgesetzten habe er grossen Respekt. «Einmal konnte er es fast nicht glauben, dass der Vizedirektor ihn im Lift ansprach und ihm die Hand schüttelte.» Gegenüber andern Lernenden sei er kollegial und hilfsbereit. «Rash ist ein Kämpfer», sagt Friederich: Auf der Arbeit sei er stets um halb sieben erschienen, sei sehr motiviert zu lernen und gut in der Schule.

Überzeichnetes Selbst

Integration ist harte Arbeit. Dies bestätigt auch Rash Sakem. «Man muss sich integrieren wollen», sagt er. Das bedeute auch, jeden Morgen aufstehen zu wollen und zur Arbeit zu gehen. «Ich stehe jeden Tag um halb sechs auf.» ­Logistiker sei nicht sein Traumberuf gewesen. Doch er habe eine Lehrstelle finden müssen und einfach etwas ausprobiert. Unterdessen findet er seinen Beruf spannend und vielseitig. «In der Schweiz kann man klein beginnen und dann wachsen», sagt er. Als nächstes möchte er auf einem Flughafen arbeiten. Rash Junior Zamorano, der schimpft wie ein Rohrspatz und der ruhige, ernste Rash Sakem scheinen nicht sehr viel miteinander gemein zu haben. Ist Junior eine Kunstfigur? «Nein», sagt Sakem. «Ich verstelle mich nicht und habe alles wirklich erlebt.» Doch er gesteht ein, dass er sich selbst überzeichnet. «Ich mag es, wenn Ausländer, die sich nicht gut ausdrücken, mit den Händen zu reden beginnen und dazu schimpfen, weil ihnen die Worte fehlen.» Sakem erzählt von Kamerun, wo sich oft Arbeitslose in Cafés versammeln und über die Welt diskutieren. Es sei jeweils sehr lebhaft und lustig. «Und ich mag es, wenn jemand ist wie Rash Junior: lustig, aber fair.» Sechseinhalb Jahre nach seiner Ankunft hat sich Rash Sakem mit der Schweiz angefreundet. So sehr, dass er Schweizer werden möchte. «Die Schweiz ist ein gutes Land.» Das Vertrauen, das sich die Menschen hier entgegenbrächten, verdiene Respekt, sagt er. «Ich war beeindruckt, dass die Leute hier ehrlich sind und nicht klauen.» Er sei mit ­offenen Armen empfangen worden und habe nie Rassismus erlebt. Sollte ihn doch einmal jemand als «Schwarzen ­Nigger» betiteln, frage er: «Ja und?» Nur die Musik und das Sozialleben vermisse er, sagt der junge Afrikaner. Es sei in der Schweiz schwieriger Freunde zu finden. Dies obwohl er auf Facebook zahlreiche Zuschriften von Teenagern erhalte. Der Gymnasiast, der vorhin ein Foto wollte, geht wieder vorbei. Er hebt den Daumen und zwinkert Sakem verschwörerisch zu. «Ich habe den Jungen heute zum ersten Mal gesehen», sagt Rash Sakem. (Der Bund)

Erstellt: 16.06.2015, 08:07 Uhr

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