Namensgebung: Trend vor Tradition
Von Olivia Kühni. Aktualisiert am 14.10.2009
Beliebteste Vornamen
Die 2008 am häufigsten vergebenen Vornamen im Kanton Zürich. In Klammern der Beliebtheitsrang vom Vorjahr.
1. Leon (5)
2. David (2)
3. Luca (9)
4. Nico (8)
5. Noah (3)
1. Sara (1)
2. Anna (13)
3. Lara (10)
4. Nina (12)
5. Mia (14)
Eltern in den USA orientieren sich bei der Wahl eines Vornamens für ihr Baby an Namen, die in ihrem sozialen Umfeld gerade frisch aufkommen und zukünftig noch an Beliebtheit zu gewinnen versprechen. Das war früher anders, schreiben die Psychologen Todd Gureckis von der New York University und Robert Goldstone von der Indiana University diese Woche im «Topics in Cognitive Science».
Die beiden Forscher haben in den USA die Namensdaten der letzten 127 Jahre ausgewertet und sie nach Moden untersucht. Ihr Fazit: Eltern orientieren sich seit den 1980er-Jahren bei der Namenswahl immer stärker an Trends. Dabei verhalten sie sich wie Investoren, die auf Papiere setzen, die an Beliebtheit noch zu gewinnen versprechen.
Höhere Sensibilität für Moden
Und früher? Da seien Namen in einem Jahr beliebt und im anderen wieder unbeliebt gewesen, allgemeine oder andauernde Vorlieben seien kaum auszumachen gewesen. Seit 1981 jedoch zeichneten sich glasklare Moden ab, die sich jeweils über mehrere Jahre verstärkten. «Heute haben Namen ein gewisses Momentum, das sie jahrelang in dieselbe Richtung treibt», so die Autoren. «Die Menschen reagieren immer anfälliger auf Moden.» Die Individualität sei nicht besonders ausgeprägt: «Werdende Eltern werden sehr stark von ihrem sozialen Umfeld beeinflusst.»
Als mögliche Erklärung sehen die Forscher, dass Eltern heute stärker davon überzeugt sind, dass ein Name die Wahrnehmung des gesamten Menschen beeinflussen könne. «Namen gelten heutzutage als kulturelles Zeichen» – sie sagen nach Ansicht der heutigen Öffentlichkeit viel über ihre Träger und deren Familie aus.
Vielfalt hat zugenommen
Dass viele Namen erst hartnäckig aufsteigen und dann ebenso deutlich unbeliebt werden, zeigen auch die Daten aus der Schweiz, wo beispielsweise im Kanton Zürich der männliche Vorname Noa in den letzten Jahren kontinuierlich an Beliebtheit gewann, während Kevin ebenso kontinuierlich unbeliebter wurde.
Wie die amerikanischen Forscher bestätigt Peter Moser vom Statistischen Amt des Kantons Zürich in einer Analyse der gesamtschweizerischen Namensgebung von 1988 bis 2008 die starke Abhängigkeit von Moden, während Routine oder Tradition immer unwichtiger geworden seien. Gleichzeitig hat die Vielfalt der Namen – trotz Trend-Sensibilität – seit den 1990er-Jahren zugenommen. Der Autor fasst das so in Worte: «Man kann zwar sagen, dass beispielsweise ein Kevin mit ziemlich hoher Wahrscheinlichkeit in den frühen 1990er-Jahren geboren wurde. Aber auch im Spitzenjahr 1991 erhielten bloss 1,3 Prozent der Knaben diesen Namen.»
Es scheint logisch, dass eine erhöhte Namensvielfalt mit einer stärkeren Sensibilität für Moden einhergeht: Wer statt des Richtfadens der Tradition die Qual der freien Wahl hat, orientiert sich wohl verstärkt am sozialen Umfeld.
(Tagesanzeiger.ch/Newsnet)
Erstellt: 14.10.2009, 16:19 Uhr

































































































































