«Normaler Sex reicht vielen nicht. Sie wollen Perverses»

Von Ulrike Hark. Aktualisiert am 11.12.2008 22 Kommentare

Zuerst prostituierte sie sich jahrelang im Bordell. Dann wechselte sie die Rolle und quälte als Domina die Männer. Derzeit schreibt Caren Roth* ein Buch über ihre Zeit im Zürcher Milieu.

«Die Zeit als Domina habe ich mehrheitlich genossen», sagt die Aussteigerin Caren Roth.

«Die Zeit als Domina habe ich mehrheitlich genossen», sagt die Aussteigerin Caren Roth.

Meine Erfahrungen im Milieu

Mittlerweile hatte ich mir sogar einen Putzsklaven zugelegt, welcher einmal die Woche alles blitz und blank putzte wie Meister Proper in der Werbung. Er war zuverlässig und gepflegt und war, was das Putzen betraf, sehr erfahren. Meistens wollte er nackt putzen. Das erregte ihn. Er putzte meistens drei Stunden lang alles Mögliche, was es so zu putzen gab. Als Dankeschön befriedigte ich ihn am Schluss manuell. Putzen erregte ihn besonders, wenn ihn meine Angestellten putzen sahen. Dann bekam er einen Ständer und rieb sich kurz daran. Ich kontrollierte alle Ecken, ob er auch wirklich richtig geputzt hatte. Mit seinen Diensten war ich sehr zufrieden. Ich muss ehrlich zugeben, dass ich froh um ihn war, denn sechs Zimmer alleine putzen wäre ein Albtraum für mich gewesen ...»

«Ich wollte mich immer wieder belohnen und gewöhnliche Kleider waren nicht mein Ding. Ich wollte exklusiv und elegant erscheinen, das war mir wichtig. Durch mein Auftreten und meine Garderobe war ich tatsächlich immer im Mittelpunkt. Vielleicht versuchte ich auf diese Art etwas zu kompensieren, einen Minderwertigkeitskomplex, der durch meinen Job verursacht wurde ...»

«Im Quartier und viele in der Stadt kannten mich und wussten, was ich arbeite. Oft habe ich Verachtung und Diskriminierung zu spüren bekommen. Das waren zum Teil genau diejenigen, die hintenrum in die Salons gehen. Aber ich habe mich nie aufgegeben, war immer stolz auf mich. Für die Mädchen liess ich Spiegelzimmer einrichten, ich liess mir immer etwas Neues einfallen, Hauptsache nicht fad und langweilig ...»

Auszüge aus dem unveröffentlichten Manuskript.

Mit Caren Roth* sprach Ulrike Hark

Zürich, Hotel Plaza an der Badenerstrasse. Caren Roth sitzt hinten in der Bar, nippt an ihrem Mineralwasser und ordert freundlich, aber bestimmt den Kellner an den Tisch: «Könnten Sie die Musik bitte etwas leiser stellen? Wir machen hier ein Interview.» Vor mir sitzt eine selbstbewusste junge Frau mit halblangem braunem Haar. Etwas rundlich, mit gleichmässigen Gesichtszügen. Kein bisschen verrucht, eher etwas brav. Es braucht viel Fantasie, sie sich als peitschenschwingende Domina in Stiefeln und Korsett vorzustellen. Zehn Jahre hat sie im Milieu gelebt, sechs davon als Domina mit eigenem Salon. Zurzeit schreibt sie an einem Buch über ihre Erfahrungen im Sexgewerbe (siehe Box).

Frau Roth, Sie sind nun sieben Jahre raus aus dem Milieu, aber Ihr Manuskript liest sich über weite Teile wie eine Glorifizierung des Domina-Berufs. Sie fanden sich schön und sexy. Trauern Sie der Zeit nach? Fehlt Ihnen Ihre Peitsche?
Das nicht. Aber es ist schon so – auf der einen Seite war es eine gute Zeit für mich, ich konnte meine Fantasie walten lassen.

Und Sie hatten Macht über Männer.
Nach meiner Zeit im Bordell war das wie eine Befreiung. Anderseits war ich auch sehr einsam, fühlte mich diskriminiert. Es war eine schwierige Zeit. Die Leute sollen in meinem Buch erfahren, wie es in meinem Innern aussah und was wirklich abgeht im Milieu. Es soll ein ehrliches Buch werden. Jetzt brauche ich nur noch einen Verleger (lacht).

Was treibt die Männer zur Domina?
Sex ist so wichtig in unserer Gesellschaft geworden, dass normaler Sex vielen nicht mehr reicht. Sie wollen Neues, auch Perverses. Ich hatte zum Beispiel viele Kunden in Machtpositionen, die es anturnte, ihre Position umzukehren. Sie wollten sich ausliefern, Macht psychisch und physisch spüren. Einer kam nur zum Orgasmus, wenn ich ihm in den Mund spuckte. Ich habe erfahren, dass Menschen in hohen Positionen erniedrigt werden wollen; aus Gesprächen weiss ich, dass viele ein Kindheitstrauma von einer überstrengen Mutter haben. Sie trugen auch im Alltag Ringe am Hoden. Offenbar brauchten sie diesen Schmerz auch auf dem Bürostuhl. Die Perversitäten der Menschen sind ohne Grenzen.

Wie hält man das psychisch aus?
Es musste gehen. Heute würde ich sagen: Ich hatte eine schlechte Ausgangslage. Ich bin in Graubünden aufgewachsen und wurde mit 18 Jahren in einer Disco von zwei Italienern gefragt, ob ich mit ihnen nach Frankfurt komme. So ging es los. Damals war ich ein labiles Mädchen, von meiner Mutter, einer Alkoholikerin, vernachlässigt – das ist auch eine Form von Missbrauch. Ich hab mir gedacht, ich hab nichts zu verlieren, wenn ich ins Milieu gehe. In Zürich habe ich dann vier Jahre in einem Bordell gearbeitet, das war Anfang der 90er-Jahre. So komisch es tönt, aber das Bordell hat mich auch stabilisiert.

Warum haben Sie nicht versucht, einen anderen Job zu finden?
Ich habs probiert, aber ich war zu sehr im Milieu gefangen, ich ging immer wieder zurück. Mein Therapeut sagt, ich sei sehr intelligent, aber früher hatte ich kein Selbstwertgefühl. Was mir meine Mutter psychisch angetan hat, musste ich jahrelang verkraften. Heute bin ich einigermassen zusammengeflickt.

Dann haben Sie den Therapeuten mit Ihrem Geld aus dem Bordell gezahlt?
Mit der Zeit hat der Psychiater mich gratis behandelt. Er war der Vater, den ich nie hatte. Von ihm kam viel Verständnis, ich hatte totales Glück.

Und die Kolleginnen? Keine Solidarität?
Das Milieu ist kalt, da gibts kaum Mitgefühl. Es ist schon so – Stutz und Futz regieren die Welt. Die meisten Prostituierten sind gestört in ihrer Persönlichkeit, nehmen Drogen. Viele haben Missbrauch erlebt, oft schweren Missbrauch. Auch über das möchte ich die Gesellschaft aufklären in meinem Buch. Ich möchte, dass die Menschen weniger Vorurteile gegenüber der Prostitution haben. Es ist einfach, mit dem Finger auf andere zu zeigen, um von sich abzulenken. Dabei sollte man die Ursache kennen, alles hat eine Ursache. So absurd es klingt, Prostitution rettet die Gesellschaft vor Kriminalität und noch mehr Leid.

Wie viel Geld blieb Ihnen am Monatsende?
40 Prozent gingen an die Bordellbetreiberin, 13'000 Franken blieben dann für mich.

Viel Geld – was haben Sie damit gemacht?
Normalerweise brauchen es die Frauen im Milieu für Koki und Extasy. Ich habs ausgegeben für teure Kleider, Louis-Vuitton-Taschen, Schmuck, einen schwarzen Porsche Carrera. Ich hatte ein Luxusleben, aber es war ein Teufelskreis. Das Geld kam und war auch gleich wieder weg.

Als Domina verdienten Sie noch mehr.
20'000 Franken im Monat. Ich dachte, warum soll ich 40 Prozent abgeben? Warum verkaufe ich mich eigentlich? Ich konnte mehr als nur die Beine spreizen. Was soll ich mich von diesen Tubeln anfassen lassen? Es war schon pervers: Da kommt zum Beispiel einer zu dir und sagt, «weisst du, ich habe auch schon meine Tochter gevögelt». Erst mit der Zeit wurde mit klar, in welcher Werteskala von Menschen ich mich befand. Ich habe mich dann zuerst in einer Zwei-Zimmer-Wohnung selbstständig gemacht, später hatte ich meinen Salon im Kreis 1. Mit fünf Angestellten. Das Mobiliar war von Beate Uhse – Streckband, Flaschenzug, Pranger, alles, was man so braucht.

Haben Sie sich als Domina an den Männern für Ihre Jahre im Bordell rächen wollen?
Das kann man so sehen. In den sechs folgenden Jahren habe ich alles, was mir vorher angetan wurde, zurückgegeben. Ich habe mich super gefühlt in der Rolle und darum war ich auch eine super Domina. Mir gefällt dieses Outfit mit Schnürstiefeln und Korsett. Ich habe mich nie anfassen lassen, höchstens mal lecken, wenn ich, die Herrin, Lust dazu hatte. Ich hatte Gärtner, Manager in hohen Positionen von grossen Chemiefirmen, einen Berner und einen Zürcher Politiker. Viele wurden Stammkunden, einige kamen nur, weil sie neugierig waren, das mal ausprobieren wollten.

Wer war ihr ältester Kunde?
Der älteste war 92. Er kam am Stock die Treppe rauf und wollte immer in die Folterkammer, wo er dann zwei Stunden im Sarg lag. Er wollte einfach vergessen, vernachlässigt werden.

Da konnte er sich schon geistig aufs Ende vorbereiten.
Er war immer happy, wenn ich ihn aus dem Sarg holte. Es war praktisch, denn in der Zeit konnte ich einen anderen Kunden bedienen. Ich habe leichte und strenge Erziehung angeboten.

Was waren die exzentrischsten Wünsche?
Ich spendierte zum Beispiel «Kaviar» und «Natursekt», also Kot und Urin. Ein Kunde war sehr speziell – ihm musste ich die Vorhaut zusammennähen. Ein Arzt hatte mir unter der Hand Nadeln und Operationsfaden verkauft. Alles wurde desinfiziert, da durfte nichts passieren. Dann sass der Kunde 20 Minuten lang zusammengenäht so da, anschliessend kam der Faden raus und er masturbierte.

Haben Sie sich nie geekelt?
Doch, sicher. Aber ich sah das Geld. Ich hatte ja auch immer Plastikhandschuhe an. Das 100er-Pack für 20 Franken.

Wie war damals Ihr Verhältnis zur eigenen Sexualität?
Normal, die Zeit als Domina habe ich mehrheitlich genossen. Ich konnte kreativ sein, meine Fantasie walten lassen.

Warum sind Sie dann ausgestiegen?
Der Entschluss hat Zeit gebraucht. Aber ich habe mich sehr allein gefühlt. Da war eine innere Leere, kein einziges tiefgründiges Gespräch. Das Leben im Milieu kann dich nicht glücklich machen.

Seit sieben Jahren sind Sie jetzt raus. Wie geht es Ihnen heute?
Es geht mir gut, ich arbeite in Zürich als Kosmetikerin und habe einen lieben Partner, der meine Vergangenheit kennt. Etwas mehr Geld auf der Bank wäre nicht schlecht, aber es geht schon. Und jetzt muss ich unbedingt ins Fitness, sonst bin ich mit mir nicht zufrieden.

*Caren Roth möchte anonym bleiben, ihr richtiger Name ist der Redaktion bekannt. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 11.12.2008, 07:34 Uhr

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22 Kommentare

maurus candrian

10.12.2008, 22:20 Uhr
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leider haben recht viele karriere-bubis, die sich nach oben ellbögeln, recht grosse persönlichkeitsdefizite. die versuchen sie mittels künstlicher machstellungen (in hierarchien) zu kompensieren. und fühlen sich dabei offenbar doch nicht zu 100% wohl ..... Antworten


Karen Muller

10.12.2008, 22:24 Uhr
Melden

Etwas schade dieser Bericht. Ausser Vorurteile höre ich hier nichts Neues. Dürfte kein gutes Buch werden, aber dafür verdient sie bestimmt einiges daran. Bin selber Prostituierte, aber habe weder eine gestörte Persönlichkeit, noch wurde ich missbraucht noch nehme ich Drogen, dafür habe ich einen Hochschulabschluss und eine ganz tolle Beziehung und ich liebe das Leben! Antworten



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