«Oralsex ist so beliebt, weil man davon nicht schwanger wird»

Lionel Tiger schrieb vor elf Jahren bereits ein Buch mit dem Titel «Auslaufmodell Mann». Die Situation heute findet er schlimmer denn je: Männer seien überflüssig geworden.

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Vor zwei Wochen fand ein Anti-Feminismus-Kongress in der Nähe von Zürich statt, an dem sich geschiedene Männer bitterlich über ihre Situation beklagten. Sind Scheidungen ein Männertrauma?
O ja, das sind sie. Die Frauen gewinnen in diesem Spiel. Nicht, dass ich ihnen unterstelle, dabei Freude zu empfinden, aber das Ganze hat schwere Konsequenzen für Männer. In den USA bekommen die Frauen das Kind in drei Vierteln aller Fälle zugesprochen. Männer werden an den Rand des Ruins getrieben, weil sie so viel bezahlen müssen. Und gleichzeitig ihre Kinder nicht sehen dürfen.

Das ist aber nur die eine Seite: Väter verweigern die Alimentenzahlung oft. Und die Mütter müssen dann zur Sozialhilfe.
Das hängt von der Rechtsprechung ab. In Amerika funktioniert es so: Wenn wir verheiratet wären und Sie nicht mehr mit mir zusammen sein wollen, machen Sie einfach geltend, ich hätte unser Kind geschlagen, und schon gibt es eine richterliche Verfügung – ohne dass ich angehört würde, darf ich das Kind dann nicht mehr sehen. Das wird in der Schweiz nicht sehr viel anders sein.

Es gibt auf Frauenseite wenig Verständnis für dieses männliche Gejammer. Statistiken zeigen, dass berufstätige Mütter mehr Zeit in Haushalt und Kinderbetreuung investieren als Väter.
Sie haben absolut recht. Frauen haben sich vieles erkämpfen müssen, und deshalb haben sie nun Angst, etwas zu verlieren, weil sie denken, sie hätten ein Anrecht auf Bevorteilung. Es macht sie wütend, wenn diese Ungerechtigkeiten ans Tageslicht kommen, von denen sie letzten Endes profitieren.

Warum wehren sich die Männer nicht?
Das tun sie bereits, Sie sehen es an der tiefen Geburtenrate. Ich behaupte: Oralsex ist so beliebt geworden, weil man davon nicht schwanger werden kann.

Ich dachte, das läge an Bill Clinton.
Der war clever. Er hat bloss nicht damit gerechnet, dass Monica Lewinsky ihr Kleid aufbewahren würde. Aber ich weiss das mit dem Oralsex aus Untersuchungen – und meine Studentinnen bestätigen es. Die sagen, es sei im US-Bundesstaat New Jersey mittlerweile schwierig, zu Sex zu kommen. Was für eine Aussage! Die Männer haben Angst vor einem One-Night-Stand, weil sie danach vielleicht 20 Jahre lang für ein Kind bezahlen müssen.

Mit Verlaub: Die sollen Verantwortung übernehmen.
Stimmt, aber Männer kapieren langsam, dass sie den Frauen ausgeliefert sind. Frauen wissen sehr genau, was sie wollen, und vor allem auch, wann sie ein Kind wollen. Die vergessen nicht einfach die Pille, ihren Lidschatten vergessen sie ja auch nie. Nein, die gehen sehr zielgerichtet vor. Was Marx als Ausschluss von den Produktionsmitteln bezeichnete, gilt heute für Männer in Bezug auf die Reproduktionsmittel: Sie sind davon ausgeschlossen.

Wegen der Pille?
Ja. Und es ist der Schlüssel zu dem, was wir heute erleben.

Inwiefern denn das?
40 Prozent der Kinder in Nordamerika – die Zahlen in Europa sind ähnlich – wachsen ohne Vater auf. Weil die Frauen das so wollen: Sie haben beschlossen, dass der angestammte Deal für sie nicht mehr von Vorteil ist. Sie brauchen den Mann gerade mal für ein paar Minuten, nämlich wenn sie sein Sperma brauchen, aber im weiteren Verlauf ihres Lebens erachten sie ihn für entbehrlich. Sie machen ihre eigenen Arrangements. In der schwarzen US-Bevölkerung ist es nicht selten, dass Mütter zu ihren Töchtern sagen: Darling, mach ein Baby, ich werde mich darum kümmern, geh du wieder arbeiten, und wir sind eine Familie. Frauen können über ihre Reproduktion selbst entscheiden, das gibt ihnen Macht.

Warum sollten Frauen freiwillig die Belastung des Alleinerziehens auf sich nehmen?
Ja, das ist hart, psychologisch gesehen sogar der härteste Job überhaupt, nicht aber finanziell. Sehen Sie, wir haben in den USA einen Onkel, den Onkel Sam. Der übernimmt die Kosten. Eine Frau mit Kind bekommt mehr Hilfe, als je ein Mann erhielte. Ich nenne das Bürogamie: eine Frau, ein Kind und ein Beamter.

Statt sich den neuen Gegebenheiten anzupassen und die Vorteile zu sehen, die es für sie ja auch gibt mit der anderen Rollenverteilung, treten die Männer lieber in eine Art Zeugungsstreik.
Wie die Männer es auch machen, ist es falsch. Wenn sie die herrschenden Zustände kritisieren, sind sie Waschlappen oder reaktionäre Frauenfeinde, wenn sie sich an der Emanzipation beteiligen wollen, heisst es: Shut up, es ist dein Job, Geld nach Hause zu bringen, ich habe keine Lust, mir deine Litanei anzuhören. Frauen sind nicht sehr einfühlsam, was die ganze Problematik anbelangt.

Männer fühlen sich also im Stich gelassen und nichts mehr wert?
Absolut. Die Jobs, die in der Rezession in den USA verloren gegangen sind, waren zu 82 Prozent Jobs von Männern. Und diese Jobs kommen nie mehr zurück. Bei den Wahlen letzte Woche wurde Obama von Männern, die den Job verloren hatten, abgestraft. Denn eine seiner ersten Amtshandlungen hatte darin bestanden, einen Mädchen- und Frauenrat einzurichten. Wir brauchen das in den USA nicht. Die arbeitslosen Männer aber, die wirklich Unterstützung und Hilfe brauchten, erhalten sie nicht, von niemandem.

Möchten Sie deshalb an den Unis nebst den Genderstudies die Male Studies einführen?
Ja, weil die ganze Diskussion um die Geschlechter von jeher fest in Frauenhand ist. Männer haben nichts zu sagen.

Eine Folge politischer Korrektheit?
Nicht nur, es handelt sich in erster Linie um eine politische Fehlanalyse. Die Leute schauen die Fakten nicht an. Der Punkt ist, dass diese ganze Gender-Diskussion eine biologische Diskussion ist. Es ist eben nicht, wie die Feministinnen behauptet haben, ein Problem von Kultur und Erziehung, wenn Buben Blau mögen und Mädchen Pink. Ich habe zwei Enkelinnen, die tragen nur Pink. Ihre Eltern hassen Pink, ihr Grossvater hasst Pink und ihre Grossmutter ebenfalls.

Der Feminismus ist schuld?
Der Feminismus an sich war willkommen. Seit wann dürfen die Schweizerinnen stimmen? Seit 60 Jahren?

Seit 39 Jahren.
Es war mehr als überfällig, dass sie das Stimmrecht erhielten. Trotzdem darf man nicht vergessen: Das Ganze war Teil der Abmachung. Männer gingen arbeiten, sorgten für ihre Frauen und Kinder. Frauen mussten nicht arbeiten, aber sie mussten gute Mütter sein. Das war einfach ein Deal, ein vernünftiger dazu. Er muss nicht zwangsläufig fair gewesen sein, aber das Leben ist auch nicht dazu da, fair zu sein, sondern effektiv.

Sie stellen aber eine Abwertung des Männlichen fest.
Die gibt es auch, und zwar sehr konkret: In der massenhaften Feminisierung von Buben durch Drogen.

Sie meinen durch Ritalin?
Genau. 90 Prozent aller Opfer, die Ritalin nehmen müssen, sind Buben. Es fängt damit an, wenn sie zwei- oder dreijährig sind. Das ist verrückt, denn wir haben keine Ahnung, was die Langzeitfolgen sein werden. Das ist potentes Zeug! In Frankreich zum Beispiel wird Ritalin als so gefährlich wie Heroin eingestuft. Deshalb gibt es da im ganzen Land bloss 4600 Verschreibungen jährlich – das ist so viel wie an einer einzigen Highschool in den Vereinigten Staaten. Ritalin ist ein Teil des Krieges gegen Buben, mit dem Ziel, sie in Mädchen zu verwandeln. Dass das Erziehungssystem weiblich ist, ist nicht falsch. Aber wenn eine öffentliche Institution, die Schule, nur dann funktioniert, wenn man über der Hälfte der Betroffenen Drogen verabreicht, stimmt doch was nicht.

Woran leiden Männer – neben Scheidung, drohender Vaterschaft und Ritalin – sonst noch?
Vor allem daran, dass niemand merkt, dass sie überhaupt Probleme haben. Dass alle immer noch meinen, Männer seien mächtig, patriarchalisch, würden sich dauernd auf die Brust schlagen und Frauen flachlegen. Die Wirklichkeit sieht anders aus: Männer sterben früher als Frauen. Männer üben gefährlichere Berufe als Frauen aus. Männer fallen dramatisch zurück, was die Ausbildung angeht: In Nordamerika sind mittlerweile 65 Prozent der Uni-Abgänger weiblich. In den amerikanischen Grossstädten verdienen die Frauen zwischen 25 und 30 Jahren mehr als die Männer. Und doch heisst es immer nur, dass die Frauen weniger verdienen. Selbst Obama plappert das nach.

In der Schweiz ist das auch so.
Das ist möglich, aber es wird Gründe dafür geben. In den USA fallen Frauen im Schnitt fünf bis acht Jahre in der Arbeitswelt aus; sie opfern durchschnittlich ein Fünftel weniger Lebenszeit für den Beruf. Wenn man dann noch zwei oder drei Prozent Teuerung jährlich mit einbezieht, hat man den Lohnunterschied.

Können die Frauen den Männern aus der Misere helfen?
Ja: Setzt sie nicht immer so unter Druck! Frauen haben heute Erwartungen an Männer, die diese gar nicht erfüllen können. Kürzlich entstand während einer meiner Vorlesungen eine Diskussion. Es ging darum, was man im Leben erreichen will. Ein Student, ein typisch amerikanischer junger Mann, der die Baseballmütze umgekehrt auf dem Kopf trug, meinte, er hätte gerne ein so schönes Leben wie seine Eltern: eine Frau, ein Haus, Kinder und einen guten Job. Er war ehrlich, hatte aber nicht mit den Reaktionen seiner Mitstudentinnen gerechnet. Diese Frauen, allesamt sexy und brillant zugleich, schimpften ihn ein rückständiges Chauvinistenschwein. Der Student kam nie wieder zur Vorlesung, er konnte diese weibliche Übermacht nicht ertragen.

Welche Erwartungen ans Leben hatten die Studentinnen?
Das ist es ja: die gleichen wie er. Aber zu ihren Bedingungen. Und zwar exakt zu ihren Bedingungen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.11.2010, 09:39 Uhr)

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Der Provokateur

Der Kanadier Lionel Tiger, 73, ist Professor für Anthropologie an der Rutgers University in New Jersey. Er hat zahlreiche Bücher geschrieben, die für Aufsehen gesorgt haben. Unter anderen «Auslaufmodell Mann», in dem er vor elf Jahren einen kontinuierlichen sozialen Abstieg der Männer in der westlichen Welt konstatierte. Tiger kritisiert die Abwertung des Männlichen, die väterfeindliche Justiz und vor allem, dass die Genderstudies fest in Frauenhand sind.

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