Leben

Propaganda pro Pirelli

Von Stephanie Riedi. Aktualisiert am 16.04.2009

Beth Ditto erinnert an ein Gnocchi. Rund, weiss und weich präsentiert die Sängerin der US-Rockband The Gossip ihre nackte Leibesfülle auf dem Cover des neuen Magazins «Love».

Das etwas andere Titelblatt-Model: Sängerin Beth Ditto auf der neusten «Love»-Ausgabe.

Das etwas andere Titelblatt-Model: Sängerin Beth Ditto auf der neusten «Love»-Ausgabe.

Die Pose hat Vorbildcharakter: Dick ist chic. Na ja, «cool» triffts wohl besser. Schliesslich stammt die Propaganda pro Pirelli aus Grossbritannien und den USA.

Das Bild der nackten Ditto berührt – wenn auch peinlich. Die Zurschaustellung von 100 Kilogramm Blösse wirkt in Zeiten von Figur- und Fitnessbesessenheit freakig, wie Zwergewerfen oder so. Als das britische Musikmagazin «New Musical Express» Dick-Ditto vor zwei Jahren zur «Queen of Cool» erkoren hatte, vermochte die Auszeichnung denn auch lediglich eine Handvoll Trash-Hungrige und Weight-Watchers-Satte zu begeistern.

Mit den Pfunden protzen

Doch jetzt ist alles anders: Es darf mit Pfunden wieder geprotzt werden. Bye-bye Size-Zero, tschüss staatlich verordneter Schlankheitswahn. Venus von Willendorf feiert Urständ. Was die Fruchtbarkeitsgöttin vor Jahrtausenden symbolisierte, scheint heute die selbst- und leibesbewusste Beth Ditto zu verkörpern: das Vollweib schlechthin. Ditto spuckt auf Diktate und versteckt ihre Kurven nicht unter Zelten wie Rugeli à la Rubens es gerne tun, sondern zwängt sie in knallpinke Catsuits und violetten Latex. Hauptsache figur- sprich: speckbetont. Wodurch Beth Ditto sich prompt als Muse der Modeavantgarde etabliert haben soll.

Okay, Wuchtbrummen werden immer mal wieder zu Idolen hochstilisiert. Man denke bloss an die Schauspielerin Christine Neubauer oder die Schriftstellerin und Werbe-Ikone Sophie Dahl. Allerdings wurde der Minnesang auf die Molligkeit bislang meistens von Männern angestimmt, von Lendenlahmen mit Kuschelfantasien, von ödipal Orientierten, die gerne zur Brust genommen werden.

Nix Wurst - Jessica Simpson

Aber diesmal reklamieren Frauen die Fülle. Beth Ditto ist notabene nicht die Einzige mit Wohlfühl-XXL-Format. Das zeigt eine Kontroverse um Jessica Simpson, die Anfang Jahr die internationale Klatschpresse dominierte. Grund: Die Sängerin hatte gewichtsmässig zugelegt. Selbst im Netz kursierten Witze bis zum Abwinken: «Sagt einer, ‹ey, Kollege, hol mir mal die grosse Wurst da vorne...› Antwortet der andere: ‹Chefe, das nix Wurst – das Jessica Simpson...›» Widerworte auf die Giftelei folgten postwendend. «Lasst Jessica endlich in Ruhe!», forderte etwa das Supermodel Heidi Klum im US-Magazin «People». Wenn sie sich gefalle, sei doch alles in Ordnung. Zahlreiche Stars setzten sich darauf öffentlich für die Renaissance der Barockpostur ein.

Im Vergleich zu Beth Ditto könnte Jessica Simpson noch ein paar Pfunde zulegen, passt die neue Vollfettverehrung doch zur momentanen Wirtschaftslage. Ein Blick zurück zeigt, dass in mageren Zeiten, wenn die Gürtel enger geschnallt werden müssen, Polster jeder Couleur Konjunktur haben. Beim derzeitigen Börsenchaos und Bankensterben gehört folgerichtig die Zukunft weiblichen Wonneproppen – und sei es bloss zur Verehrung. Erinnern sie doch an Gnocchi und Butterflöckli, an Herzhaftes halt.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 16.04.2009, 22:01 Uhr

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