«Risiko ist ein Menschenrecht»

Laut Risikoforscher Werner Munter erhöhen Lawinen-Airbags oder Helme die Sicherheit im freien Gelände nicht – im Gegenteil.

Werner Munter pflegt zu sagen: «Experte, pass auf: Die Lawine weiss nicht, dass du Experte bist.» Foto: Bernard van Dierendonck

Werner Munter pflegt zu sagen: «Experte, pass auf: Die Lawine weiss nicht, dass du Experte bist.» Foto: Bernard van Dierendonck

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Werner Munter hat zwar nichts dagegen, wenn Skitourengeher und Varianten­fahrer mit modernster Ausrüstung unterwegs sind. «Sollen sie doch!», meint er. «Solange ich nicht dazu gezwungen werde, ist mir das doch egal.» Der international renommierte Lawinen- und ­Risikoforscher bezweifelt aber, dass eine Tour im freien Gelände dank Airbag, Verschüttetensuchgerät, Helm oder Smartphone sicherer wird. Für ihn ist «Sicherheit» ohnehin ein Begriff, den man meiden sollte: «Weil es sie gar nicht gibt – weder am Berg noch im Alltag.»

Dass das Geschäft mit der «Lawinensicherheitsausrüstung» funktioniert, kann Munter nachvollziehen: «Die Leute möchten hundertprozentige Sicherheit und meinen, man könne sie kaufen.» Doch das sei trügerisch und der falsche Weg. «Das Leben ist an sich lebensgefährlich, von Geburt an», sagt er. «Das Einzige, was todsicher ist, ist der Tod.»

Manche nennen Werner Munter «Lawinenpapst», andere einen Sicherheitsexperten. Beides mag er nicht. Weil er nicht an den Gott der Kirche glaubt und weil er «Unsicherheitsexperte» treffender findet. Wenn der 73-Jährige öffentlich auftritt, sind die Säle ausverkauft, auch im fernen Ausland.

Der «Ballon» als Verführer

An diesem Abend sitzt er in der Chaletwohnung seiner Wahlheimat Arolla VS auf dem Polstersessel, neben ihm auf dem Sofa seine Lebenspartnerin Denyse und Labradorhündin Luja. Im Cheminée knisterts fröhlich zum ernsten Thema. Dass ein Airbag die Chance erhöht, einen Lawinenabgang zu überleben, streitet Munter nicht ab. Aber er ist überzeugt, dass der «Ballon» dazu verführt, höhere Risiken einzugehen. Er nennt das «Risikokompensation». Ein Phänomen, das er als Ausbildner auch bei Bergführeraspiranten beobachtet habe. Dazu komme, dass 25 Prozent der Lawinenopfer nicht sterben würden, weil sie erstickten. Sondern wegen innerer Verletzungen, nachdem sie an Felsen oder Bäumen aufgeschlagen seien. «Da nützt dir auch der Ballon nichts.»

Er habe bei Herstellern nachgefragt. Diese würden Statistiken führen, wie vielen ihre Geräte das Leben gerettet hätten. Aber nicht, in welcher Hangneigung oder bei welcher Warnstufe die Lawine abgegangen sei, bevor sie den «Ballon» hätten ziehen müssen. «Das interessiert die Industrie nicht.»

Skihelme gehören für Munter ebenfalls in die Kategorie «Risikokompensation»: «Warum hat Michael Schumacher die präparierte Piste verlassen und ist Slalom in diesen Steinen gefahren? Weil er einen Helm auf dem Kopf hatte! Ohne den hätte er das nicht gemacht.» Schumacher sei sich gewohnt gewesen, in der Formel 1 einen Integralhelm zu tragen, mit dem er Crashs überlebte, «dass man staunt». Der Skihelm aber ist beim Aufprall zerbrochen.

Grenzen anerkennen

Statt auf Ausrüstung zu setzen, erachtet es Munter als vernünftiger, wenn man lerne, mit möglichen Risiken umzugehen. Das Risiko sei dazu da, dass der Mensch seine Fähigkeiten überhaupt entwickeln könne. «Und die Berge locken ja nicht nur wegen ihrer Schönheit, sondern auch, weil es dort Gefahren gibt. Und gerade weil ich die Berge so schön finde, will ich eigentlich so lange leben, wie ich gehen kann.»

Munter unterscheidet zwischen «gutem» und «schlechtem» Risiko. Wo die vertretbare Grenze liege, sei eine Frage der gesellschaftlichen Akzeptanz. «Wie viele Tote sind wir bereit, in Kauf zu nehmen, damit eine bestimmte Aktivität noch ausgeübt werden darf?» In den 70ern starben in der Schweiz pro Jahr 1700?Personen im Strassenverkehr. Heute gibt es mehr Autos und noch 300 Tote. «Das ist ein enormer Fortschritt, der nur möglich war, weil man Verkehrsregeln machte und weil man diese durchsetzen kann.» In den Bergen dagegen seien «gottlob» keine Verkehrsregeln möglich. «Also muss man den Bergsteiger davon überzeugen, von sich aus gewisse Grenzen anzuerkennen.»

Gemäss Munter ist ein Risiko dann «gut», wenn auf 100'000?Personentage ein Todesfall kommt. «Personentage, nicht Personen», betont er. Also die Anzahl Tage, die Alpinisten insgesamt im Gebirge verbringen. Diese Zahl schien ihm intuitiv richtig, später entdeckte er, dass der Verband Deutscher Sicherheitsingenieure für die Industrie dieselbe Norm festgelegt hat. «Damit die Fliessbänder laufen, nehmen sie einen Todesfall auf 100'000 ‹unsichere Handlungen› in Kauf.» Mit diesem Faktor bewege man sich also im «alltäglichen Risiko». Darunter fallen auch die jährlich 1300 tödlichen Unfälle in Schweizer Haushalten.

Gutes Risiko bedeutet nicht Risiko null

Gemäss Schätzungen der Beratungsstelle für Unfallverhütung bewegen sich mehr als 200'000?Schweizer regelmässig abseits der Pisten. «Nehmen wir an, 240'000 Personen unternehmen pro Winter im Schnitt fünf Touren, das gibt 1,2?Millionen Personentage. Geteilt durch den Risikofaktor 100'000 sind das 12 Tote.» Anders formuliert: Wenn es pro Jahr zwölf Lawinenopfer gebe, dann seien die Skitourenfahrer vernünftige Risiken eingegangen. «Dieses Niveau haben wir heute in der Schweiz», so Munter. Das Lawinenforschungsinstitut listet 22 Lawinentote für das Jahr 2012/13 auf, mitgezählt sind auch ausländische Opfer. Bevor Munter seine Methode zur Risikoreduktion entwickelt hatte, waren es doppelt so viele. «Gutes» Risiko bedeute aber nicht Risiko null. «Eben nicht!» Man könne nicht 99'999-mal ein Risiko eingehen und beim 100'000.?Mal zu Hause bleiben. «Es kann dich beim nächsten Mal erwischen.»

Selber unternimmt Munter heute nur noch Touren «ohne Ballon und nichts». Aber er sei bereit, «zum richtigen Zeitpunkt am richtigen Ort zu verzichten. So bewege ich mich im genannten Risikofaktor, im Alltäglichen.» Die Berge verlangten Geduld und Verzicht, doch das falle Jugendlichen oft schwer. Dass einigen das Gespür für Grenzen fehle, liege an der Erziehung. «Kürzlich sah ich im Fernsehen eine Mutter, die sagte, sie habe ihrem Kind noch nie Nein gesagt. Sie war sogar stolz darauf!» Ebenso entsetzt war er, als er ein Kind mit Helm im Sandkasten spielen sah. «Die Mutter will nicht, dass es den Kopf anschlägt. Aber Kinder brauchen Lernstücke fürs Leben.» Man müsse ihnen bloss zeigen, wie sie mit gutem Risiko umgehen könnten.

Heute trägt etwa die Hälfte der Skitourengeher einen Helm. «In einem Gelände, wo von oben keine Gefahr droht!» Ihn störe das nicht, wiederholt er. Bedenklich sei jedoch, dass man schon «blöd angeschaut» werde, wenn man keinen Helm trage. «So weit sind wir.»

Offene Augen und gespitzte Ohren

Munter warnt: Dieses illusionäre Sicherheitsdenken werde in absehbarer Zeit dazu führen, dass für alle Schneesportler eine gesetzliche Helm- und Airbagpflicht eingeführt werde. «Wenn du keinen getragen hast, bezahlt die Versicherung nicht, und vor Gericht kommst du schlecht weg.» Es würde ihn auch nicht wundern, wenn die Skihelme bald den Formel-1-Integralhelmen glichen. «Damit hörst du dann nichts, siehst nichts, aber dafür hast du ein integriertes Display und Musik.» Ob es wirklich das sei, was wir anstrebten? Um das Gebirge kennen zu lernen, sich Wissen anzueignen, müsse man mit offenen Augen und gespitzten Ohren unterwegs sein. «Wie kann der Alpinist das noch tun, wenn Hightech obligatorisch wird?», fragt Munter.

Seine Lösung: ein Menschenrecht auf Risiko, das in der Bundesverfassung verankert und von der UNO anerkannt ist. «Es ist höchste Zeit dafür», sagt er. Denn «gutes Risiko» verbindet er direkt mit dem politischen Freiheitsbegriff. «Freiheit heisst für mich, du kannst selbstständig entscheiden. Du bist selber verantwortlich für das, was du entschieden hast.» Die Idee von hundertprozentiger Sicherheit führe indes genau ins Gegenteil: «Stellen wir uns eine Gesellschaft vor, in der jede Tätigkeit abgesichert ist. Dann leben wir in einer Diktatur, alles wird überprüft und kontrolliert. Dann entscheidest nicht mehr du selber, dann bist du ein Hampelmann, ein Automat, der gesteuert wird.» Und davor müsse sich der Alpinismus schützen.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 28.01.2015, 23:17 Uhr)

Stichworte

3 x 3

Seine Lehre halbierte die Zahl der Lawinenopfer

Werner Munter wurde 2007 vom Schweizer Alpen-Club als «Begründer der modernen Lawinenkunde im Dienste der Alpinisten» zum Ehrenmitglied erkoren. Und dies, obschon ihn derselbe Club einst ausge­schlossen hatte. Noch während seiner Zeit am Gymnasium bestieg der Alpinist aus Lohns­torf BE alle Berner Viertausender solo. Für den SAC zu extrem. «Sie wollten sich nicht genötigt fühlen, an meiner Beerdigung teilnehmen zu müssen, sollte ich abstürzen.»

Heute ist Munter international renommierter Sicherheitsexperte für die Berge. Fast sein ganzes Leben hat er dem Thema Risiko gewidmet. Anfang der 1970er-Jahre erfand er die dynamische Halbmastwurf-Seilsicherung für Kletterer. Sie wird bis heute weltweit gelehrt und angewandt. In den 90ern revolutionierte Munter die Lawinenkunde. Seine Forschungen führten zu einem Paradigmenwechsel, zu einem grundlegend neuen Denken. Er hatte Tausende von Statistiken ausgewertet und festgestellt, dass der Zufall die grösste Rolle dabei spielt, ob sich eine Lawine löst, oder eben nicht – trotz mo­dernster Messtechniken und Wissenschaften über den Aufbau der Schneedecke. Mit einfach verständlichen Verhaltensregeln zeigte Munter den Alpinisten auf, wie sie das Risiko reduzieren können. Sein «3 x 3» gilt bis heute als Grundlage für die Gefahren­beurteilung im Gebirge und hat die Zahl der Lawinenopfer in der Schweiz halbiert.

Munter studierte Philosophie und Germanistik, seit 1971 ist er diplomierter Bergführer, zudem war er Ausbildner. Von 1996 bis zur Pensionierung 2006 arbeitete er für das Institut für Schnee- und Lawinenforschung in Davos. 1995 wurde er zum Ehrenmitglied des Schweizer Bergführerverbands ernannt, 1997 erhielt er die Ehrenmitgliedschaft beim Akademischen Alpenclub Bern. Er ist Autor des Bestsellers «3 x 3 Lawinen. Risikomana­gement im Wintersport» (5. Auflage, 2014).

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