Leben
Rituale statt Ritalin
Von Marion Lühe. Aktualisiert am 03.07.2012 13 Kommentare
Christoph Türcke: Hyperaktiv! Kritik der Aufmerksamkeitsdefizitkultur. C. H. Beck, München 2012, 123 Seiten, ca. 15 Franken.
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Ein Gespenst geht um in den westlichen, von Hochtechnologie durchdrungenen Gesellschaften: ADHS lautet die Abkürzung für ein Phänomen, das unter Kindern und Jugendlichen in den Vereinigten Staaten, aber auch in vielen europäischen Ländern rasant um sich greift. Hilflose Kinderärzte verschreiben Ritalin gegen einen angeblichen Dopaminmangel im Gehirn, doch ein klares Krankheitsbild mit eindeutigen pathologischen Ursachen gibt es nicht. Äusserlich mangelt es den Betroffenen an nichts. Und doch scheinen sie getrieben von einer inneren Unruhe, können ihre Aufmerksamkeit nicht für längere Zeit auf einen Gegenstand richten und unterbrechen alles, was sie anfangen, gleich wieder.
Die Schwierigkeit, bei etwas zu verweilen, sich in etwas zu versenken, ist für Christoph Türcke symptomatisch für unsere gesamte Kultur: Die Kinder, deren Gehirne besonders anfällig für Störungen sind, bilden nur die Vorhut einer Gesellschaft, die im Begriff ist, elementare, über Jahrtausende mühselig erworbene Kulturstandards zu verlieren.
Die Aufmerksamkeit teilen
Um zu erklären, wie die kulturelle Leistung der Aufmerksamkeit erworben wurde, geht Türcke weit zurück in die Frühgeschichte der Menschheit. Durch die rituelle Wiederholung im Opferkult suchten unsere Urahnen das Grauen des Todes erträglicher zu machen. Erst diese ungeheure mentale Anstrengung, etwas Höheres zu ersinnen, dem man Opfer erbrachte, unterschied den Menschen vom Tier. Die gemeinsame Imagination eines Heiligen aber bedurfte der geteilten Aufmerksamkeit, die sich im Laufe der Zeit festigte. Was die Spezies Mensch in Jahrtausenden durchmachte, erlebt der Säugling im Laufe seiner ersten neun Lebensmonate. Die Erwachsenen machen ihn auf etwas aufmerksam, ein Spielzeug, ein Tier, ein Bild. Sie teilen die Aufmerksamkeit mit ihm, imaginieren etwas, sind gemeinsam von etwas gefesselt. Erlebt der Säugling nun aber, dass seine Bezugsperson vom Flimmern und Gedudel eines Bildschirms gefangen ist, so werden «erste zarte Fäden der Gemeinschaft» gekappt. Der Bildschirm tritt zwischen Mutter und Kind, mag sie auch noch so fürsorglich sein.
Nur so lässt sich nach Türcke die Tatsache erklären, dass ADHS-Kinder auf Bildschirme fixiert sind und erst vor diesen wirklich zur Ruhe kommen: Sie müssen das Trauma des mütterlichen Aufmerksamkeitsentzugs ständig wiederholen, um es erträglich zu machen. Gerade diese Beobachtung ist aber das schwächste Glied in Türckes Argumentationskette – zum Bildschirm hingezogen, das wissen Eltern, fühlen sich fast alle Kinder, oftmals gerade jene, die man in frühen Jahren konsequent vom Fernseher ferngehalten hat.
Dabei liegt es dem Leipziger Philosophieprofessor fern, Eltern auf die Anklagebank zu setzen, vielmehr ist es ein gesellschaftliches Phänomen, das er in seinem neuen Buch «Hyperaktiv!» pointiert beschreibt. Das durch allgegenwärtige Fernseher und Computer erzeugte «audiovisuelle Störfeuer» bildet aus seiner Sicht den Boden, auf dem ADHS gedeiht. Eine neue «Reizkultur» stimuliert das Hirn, der ständige Bilderwechsel sorgt für winzige Adrenalinschübe und verlangt unablässig eine Neueinstellung der Schaltkreise und Synapsen. Nicht nur Kinder, auch Erwachsene sind kaum mehr in der Lage, bei einer Sache zu verharren – ein sich selbst verstärkender Mechanismus: Zeitungen muten den Lesern keine längeren Artikel mehr zu und gleichen sich Illustrierten an, Professoren gestalten Vorlesungen als Powerpoint-Präsentationen, in Grundschulen hat der Computer Einzug gehalten. Auswendiglernen und Frontalunterricht gelten als altmodisch, Lernen soll vor allem Spass machen, Abwechslung bringen. Für Ruhe, die zur Festigung von Inhalten unerlässlich ist, ist da kein Platz.
Märchen statt TV konsumieren
Heilung sieht Türcke, der das Problem nicht von medizinischer, sondern von philosophischer Warte aus angeht, in einer neuen Ritualkultur: Auswendiglernen und Abschreiben, Singen und Theaterspielen sollten zum Pflichtprogramm von Grundschülern gehören. Märchen und Volkslieder, von einer sich fortschrittlich gebenden Pädagogik als altbacken abgelehnt, müssen einen neuen Stellenwert erhalten. Ohne gleich in ein reaktionäres «Lob der Disziplin» zu verfallen, empfiehlt Türcke eine Rückbesinnung auf alte Werte und erprobte Kulturtechniken statt allzu früher Anpassung an die Erfordernisse der Arbeitswelt. Rituale statt Ritalin, so liesse sich sein nebenwirkungsarmes Heilmittel zur gesamtgesellschaftlichen Gesundung zusammenfassen.
Wer Türckes provozierendes wie anregendes Essay als kulturpessimistisches Geraune abtut, verkennt das Wesentliche: Der Autor hat nichts gegen einen Kinobesuch oder Fernsehfilm. Aber das Gesehene – das ist der Punkt – will reflektiert und verarbeitet sein, statt durch nachdrängende Nachrichtensendungen oder Talkshows überlagert zu werden. Es braucht Ausdauer, und die lernt man beim Lesen, Schreiben, Basteln und Musizieren. Aus dieser Sicht lässt sich dem grassierenden ADHS-Phänomen gar etwas Positives abgewinnen, denn es zeigt, dass menschliche Aufmerksamkeit ein «verlierbares» Gut ist: «Bestimmte Dinge lernt man erst dann verstehen, wenn sie bedroht sind», schreibt Türcke. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 03.07.2012, 08:30 Uhr
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13 Kommentare
Sehr einfache «Theorie». Es gibt eben auch genug ADHS-Betroffene Kinder, deren Eltern kein TV-Gerät besitzen und deren Eltern nicht vor dem Computer etc. sitzen sondern sich konzentriert, unabgelenkt mit den Kindern beschäftigen. ADHS gibt es wirklich und in gewissen fällen ist Methylphenidat ein grosse Hilfe. Missbrauch ist natürlich nicht ausgeschlossen. Antworten
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