«Salafismus ist eine Jugendkultur»

Der Autor Ahmad Mansour sagt, solange sich der gemässigte Islam nicht reformiere, arbeite er den Radikalen in die Hände.

«Die Frauenfrage ist für die Reform des Islams unverzichtbar», sagt Ahmad Mansour. Frauen bei einer Kundgebung eines radikalen Predigers in Deutschland. Foto: Picture Alliance

«Die Frauenfrage ist für die Reform des Islams unverzichtbar», sagt Ahmad Mansour. Frauen bei einer Kundgebung eines radikalen Predigers in Deutschland. Foto: Picture Alliance

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Wie gross ist die Gefahr, die in ­Europa von Islam-Konvertiten ­ausgeht?
Das ist die falsche Frage. Anstatt zwischen Herkunftsmuslimen und Konvertiten zu unterscheiden, sollten wir das Problem als Ganzes sehen. Es gibt eine Gruppe von radikalen Islamisten, die die Werte dieser Gesellschaft nicht achten, die Gewalt ausüben wollen, um ihre Weltordnung durchzusetzen. Das ist gefährlich.

Ist der Anteil von Konvertiten bei der Gruppe der gewaltbereiten Islamisten nicht ­überdurchschnittlich hoch?
Nein. Von den Ausreisenden, die nach Syrien und in den Irak reisen, um in den Reihen von IS oder al-Qaida zu kämpfen, sind 10 Prozent Konvertiten. Aber das ist nicht der Punkt. Man muss sich fragen, was die Ideologie der Salafisten für viele so attraktiv macht.

Und was ist das?
Es radikalisieren sich vor allem Leute im Alter zwischen 15 und 30. Die Salafisten bieten ihnen eine Art Jugendkultur mit eigenen Symbolen, einem eigenen Kleiderstil, einer eigenen Sprache, sozialen Kontakten. Die Jugendlichen müssen sich nicht länger fragen, was sie aus ­ihrem Leben machen, welchen Beruf sie ausüben wollen. Alles ist festgelegt, angefangen damit, wie ich zur Toilette gehe, bis zum Punkt, wen ich heirate. Das gibt Sicherheit.

Wer spricht denn hauptsächlich auf diese Ideologie an?
Der soziale Hintergrund spielt keine grosse Rolle. Gemeinsam ist diesen Menschen aber, dass sie in der Gesellschaft nicht angekommen sind, sich nicht akzeptiert fühlen. Vielen fehlt zudem eine Vaterfigur, sei es, weil der Vater die Familie verlassen hat, weil er tot ist, weil er sich selber in der Gesellschaft nicht zurechtfindet, die Sprache schlechter beherrscht als seine Kinder und eine schwache Figur bleibt. Die Salafisten füllen diese Lücke mit ihrer patriarchalen Ideologie und ihrem strafenden Gott.

Welche Verantwortung tragen die muslimischen Verbände?
Sie haben es versäumt, auf die Entwicklung zu reagieren. Ihre Freitagsgebete und Moscheen erreichen die hiesigen Jugendlichen aus verschiedenen Gründen nicht. Zum Beispiel, weil die Imame auf Arabisch oder Türkisch predigen, weil sie Themen ansprechen, die die hiesigen Jugendlichen nicht interessieren und die sie nicht verstehen. Diese Marktlücke füllen nun die Salafisten. Sie beten ihre Inhalte auf Deutsch, sie beten sie im Internet und den sozialen Medien. Sie haben eine einfache Sprache, eine einfache Logik, und sie reden über das, was diese Jugendlichen interessiert. Sie reden über Diskriminierungserfahrungen, sie geben ihnen Hoffnung, sie machen sie glücklich. Sie tun das, was der Imam eigentlich tun sollte.

Sie arbeiten auch mit Leuten, die ­zurückkehren. Welche ­Erfahrungen haben Sie gemacht?
Unter den Rückkehrern gibt es unterschiedliche Gruppierungen. Die Hoch- traumatisierten, die Fälle für eine Psychotherapie sind. Dann die Terrortouristen, die nur kurz da waren. Und manche kehren zurück, um hier Auf­gaben zu übernehmen, Leute zu rekrutieren oder Gewalt auszuüben. Rechtlich gesehen müssen alle bestraft werden, die sich einer terroristischen Gruppierung angeschlossen haben. Aber ich finde es falsch, dass sich die ganze politische und mediale Aufregung auf das Thema der Rückkehrer richtet.

Warum?
Es geht nicht nur um 600 Jugendliche, die in Syrien und im Irak sind, sondern auch um Tausende, die in Deutschland geblieben sind und mit den Islamisten sympathisieren. Da liegt das grosse, gefährliche Potenzial. Die könnten auf die Idee kommen, ihren Jihad hier auszuleben. Manchen hat die Polizei die Pässe abgenommen, damit sie nicht ausreisen. Aber mit denen wird nicht gearbeitet. Das sind tickende Bomben.

Sie sagen, die Radikalisierung habe nichts mit der Religion zu tun – doch was die Salafisten predigen, steht doch im Koran?
Tatsächlich gibt es im Mainstream-Islam Inhalte, die Radikalisierung begünstigen. Das ist erstens die Angstpädagogik, mit Himmel und Hölle und dem Prinzip eines strafenden Gottes. Manche Jugendliche glauben deswegen später, nur die Radikalen würden von Gott akzeptiert und nicht bestraft. Das ist zweitens ein Islamverständnis, das sich als einzige Wahrheit präsentiert, während alle anderen falsch liegen. Das ist drittens die Unterdrückung der Sexualität und die rigide Geschlechtertrennung. Müssen Jugendliche ihre Sexualiät unterdrücken, neigen sie eher zu Gewalt. Muslime müssen aufhören, ihre Opferrolle und ihre Feindbilder zu pflegen. Denn dann kommen die Radikalen und sagen, bei uns seid ihr keine Opfer, bei uns könnt ihr kämpfen. Wenn ich in patriarchalen Strukturen aufwachse, die es verunmöglichen, selber zu denken und zu zweifeln, kann ich leicht radikalisiert werden.

Findet denn ein innerislamischer Dialog statt?
Kaum. Und deshalb sind auch die muslimischen Verbände mitverantwortlich. Es reicht nicht, sich von IS und al-Qaida zu distanzieren. Solange wir die inner­islamischen Werte, die ich gerade skizziert habe, nicht infrage stellen, arbeiten wir den Radikalen in die Hände.

Diskutiert die muslimische ­Gemeinschaft diese Themen?
In den letzten Jahren wurde viel darüber gesprochen. Viele wollen nicht wahr­haben, dass Bewegungen wie der Islamische Staat etwas mit dem islamischen Glauben zu tun haben. Sie verbreiten Verschwörungstheorien, dass der IS eine Erfindung der Israelis und der amerikanischen Geheimdienste sei. Das ist nicht nur Bull­shit, sondern auch gefährlich, weil ich die Verantwortung einfach abgebe. Solange jene, die Kritik am Islam üben, diffamiert werden und um ihr Leben fürchten müssen, kann ich nicht erwarten, dass eine respektvolle Debatte möglich ist.

Es gibt die These, dass der ­Expansionsgedanke dem Islam inhärent und ein reformierter Islam deshalb nicht möglich sei.
Was hilft dieser Gedanke, ausser, dass er die Muslime als bösartig darstellt? Man kann den Menschen ihren Glauben nicht wegnehmen. Wenn man den Islam schlechtmacht, dann treibt man die Leute dazu, ihren Glauben zu verteidigen und schafft bei einer wachsenden Gruppe die Basis zur Radikalisierung.

Sie haben von Prävention ­gesprochen: Was soll man denn nun konkret tun?
Es braucht Programme, die helfen, Symp­tome früher erkennen und mit den Jugendlichen arbeiten zu können. Wir müssen die Eltern aufklären. Wir brauchen eine Debatte. Wir brauchen muslimische Vorbilder, die unsere Kultur anders präsentieren. Wir brauchen ein rechtliches System, um die Radikalen auch juristisch bekämpfen zu können. Programme, mit denen wir verhindern können, dass Kämpfer nach Syrien gehen. Wir brauchen Aufklärungsprogramme. Wir brauchen in den Medien eine differenziertere Betrachtung der Problematik, wir müssen den Jugend­lichen kritisches Denken beibringen.

Sollten die Jugendlichen das ­kritische Denken nicht in der Schule lernen?
Unsere Schulen sind extrem leistungsorientiert, man konzentriert sich auf Mathematik, Englisch, Grammatik – und weniger darauf, die Philosophie und Werte dieser Gesellschaft zu vermitteln. Man muss auch die pädagogischen Konzepte anpassen.

Von welchen pädagogischen ­Konzepten sprechen Sie?
Es gibt in Deutschland zum Beispiel Aufklärungsprogramme gegen Antisemitismus. Die sind vor allem auf Jugendliche ohne Migrationshintergrund ausgerichtet – und funktionieren dort auch gut. Aber jene, die aus religiösem Fanatismus Antisemiten sind, erreichen wir so nicht. Es gibt Schulen, in denen mehr als ein Drittel der Kinder einen islamischen Hintergrund haben. Hier sind die Lehrpersonen gefordert, sich mit den Hintergründen zu beschäftigen, ihre Motive ­zu verstehen.

Wie realistisch ist die Vorstellung, dass die Schule es richten kann, wenn kein innerislamischer Dialog stattfindet?
Alle müssen ran. Die Gesellschaft muss in der Lage sein, ihre Werte zu verteidigen und weiterzugeben. Wenn ein Kind in einem gewalttätigen Elternhaus aufwächst, kann ich nicht erwarten, dass die Eltern sich ändern. Aber ich kann garantieren, dass diese Kinder in einem gewaltfreien Raum aufwachsen. Natürlich wäre es wünschbar, dass die muslimischen Verbände sich ändern, aber wir können nicht darauf warten. Das Problem brennt, und wir müssen als Gesellschaft alles unternehmen, diese Jugendlichen zu retten.

Welche Chance hätte eine islamische Reformbewegung, die aus dem Westen kommt, in arabischen ­Ländern?
Man kann von autoritären Regimes wie im Iran oder in Saudiarabien nicht erwarten, dass sie das aufnehmen. Aber wir hier im Westen können etwas tun. Wir können zu den Jugendlichen gehen und versuchen, sie zu erreichen, bevor sie sich radikalisieren. Wir haben bei unserer Arbeit in den Schulen festgestellt, dass die Jugendlichen diese Diskussion wollen. Sie wehren sich, aber sie diskutieren mit, und sie gehen nach zwei oder drei Stunden mit einer Alternative raus.

Sie beschäftigen sich auch mit einem ­Programm zum Thema ­Gleichberechtigung, mit dem Sie in den Schulen arbeiten. Wie wichtig ist die Frauenfrage bei dieser ­Reform?
Unglaublich wichtig, ja unverzichtbar. Weil die rigide Geschlechtertrennung nicht demokratisch ist. Wir dürfen das in dieser Gesellschaft nicht zulassen, denn auch das ist ein Faktor, der die Radikalisierung befördert. Wir machen deutschlandweite Projekte mit Workshops zu Gleichberechtigungsfragen, und das kommt bei jungen Muslimen wunderbar an. Wenn man fragt, warum Frauen weniger Rechte haben sollen, dann haben sie keine Argumente. Sie sagen bloss: Bei uns ist das so. Sie haben das vom Elternhaus oder von ihrer Peergroup übernommen und noch nie infrage gestellt. Sie haben noch nie in einem geschützten Rahmen über diese Fragen gesprochen. Wir geben diesen Jugendlichen Denkanstösse, wir nehmen ihnen die Angst, und da entsteht Dynamik.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 17.09.2014, 22:51 Uhr)

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Ahmad Mansour

Der israelisch-arabische Psychologe Ahmad Mansour war nach eigener Darstellung als Jugendlicher selbst Islamist, bevor er in Tel Aviv sein Psychologiestudium aufnahm und später nach Deutschland auswanderte. Heute ist der 38-Jährige vor allem in der Prävention tätig und arbeitet mit muslimischen Jugendlichen in Deutschland in verschiedenen Projekten gegen Antisemitismus und Extremismus. Am Montag wurde er in Berlin mit dem «Moses-Mendelssohn-Preis zur Förderung der Toleranz gegenüber Andersdenkenden und zwischen den Völkern und Religionen» ausgezeichnet.

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