Sawiris ganz privat

Die Autorin hat sich in Zürich zu Samih Sawiris ins Auto gesetzt und redete mit ihm bis nach Bern. Der Investor erzählt vom Rolling-Stones-Konzert in London und lacht über seine Niederlagen bei Sim City.

Zumindest finanziell ist der ägyptische Investor weich gebettet: Samih Sawiris in einem fertiggestellten Zimmer in seinem Ferienressort in Andermatt. (Archivbild)

Zumindest finanziell ist der ägyptische Investor weich gebettet: Samih Sawiris in einem fertiggestellten Zimmer in seinem Ferienressort in Andermatt. (Archivbild) Bild: Keystone

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Langweilig findet Samih Sawiris diese Autofahrten von einem Termin zum nächsten. Also dirigiert er den Chauffeur durch Zürich, auf der Suche nach dem kürzesten Weg zur Autobahn Richtung Bern. Und deshalb hat er auch nichts dagegen, dass man mitfährt. «Sie helfen mir, die Zeit totzuschlagen», sagt er, lacht spitzbübisch, packt seinen ganzen Charme aus. Nur um gleich auf seinem Mobiltelefon die neusten Nachrichten zu checken, dieser Tage in erster Linie aus seiner Heimat Ägypten.

Während der Grossinvestor in der Schweiz zwischen Sitzungen seiner hier ansässigen Orascom Development Holding, Treffen mit der Urner Regierung, mit dem Andermatter Gemeindepräsidenten, Kaufinteressenten, einer Informationsveranstaltung für die lokale Bevölkerung und der Aufrichtefeier der ersten Villa seines «Andermatt Swiss Alps» genannten Milliardenprojekts quer durch die Schweiz hetzt, gehen die Wogen hoch in Kairo. Mit seinem Versuch, die Justiz auszuhebeln, hat Präsident Mohammed Mursi die politische Opposition erneut auf den Tahrir-Platz getrieben. Seit Tagen wird wieder demonstriert wie zuletzt zu Beginn des Jahres 2011, als der arabische Frühling Mubarak aus dem Amt fegte.

Wo ist Samih Sawiris, Angehöriger der koptischen Minderheit und als Christ ganz sicher kein Freund der Islamisten, in diesen turbulenten Tagen mit seinem Kopf?

Tanzen bei den Rolling Stones

«Mein Herz ist in Ägypten», antwortet er. «Aber das reicht nicht, denn ich habe dort ja ebenfalls viele Geschäfte und Projekte, also ist auch mein Kopf dort.» Dass Sawiris sich nur für seine Geschäfte interessierte, greift allerdings zu kurz; er kritisiert Politiker und die USA, die stets kurzfristiges Eigeninteresse im Auge hätten und sich jeden Tag ein neues Kleid überzögen, wenn es ihnen zupasskomme. Trotzdem ist es für den 55-Jährigen ganz selbstverständlich, dass er Herz und Kopf auch in Andermatt hat, wo er bis heute gegen 300 Millionen Franken investierte. «Ich liebe dieses Projekt», sagt er und beginnt in allen Details, ohne Spickzettel, über den Fortschritt der Arbeiten zu referieren. Um danach nahtlos Vergleiche mit seinen viel grösseren Projekten in Montenegro, Oman, Jordanien und Ägypten anzustellen. Und erinnert dann ganz ungefragt daran, dass seine Familie momentan in London sei, er also Herz und Kopf auch dort habe. Wird der Mann denn nie müde? Wenn er wirklich dabei sein wolle, spüre er so etwas wie innere Adrenalinschübe, erklärt Sawiris.

Wohl so, wie am Abend vor dem frühmorgendlichen Abflug in die Schweiz beim 50-Jahr-Bühnenjubiläum der Rolling Stones in London. Zweieinhalb Stunden hätten er und seine Freunde da getanzt, «und das nicht nur mit Coca-Cola». Genial sei das gewesen, auch wenn ausgerechnet das Lied, auf das er so hoffte, nicht gespielt worden sei: «I Cant’t Get No Satisfaction». Dafür aber «You Can’t Always Get What You Want». Er beginnt zu summen und zeigt auf dem Smartphone ein wackliges Filmchen mit Mick Jagger, der über die Bühne springt. «Wahnsinn, der Mann ist bald 70», sprudelt es aus Sawiris raus und man glaubt, einen Jugendlichen vor sich zu haben. Prompt schwelgt der Ägypter in Jugenderinnerungen. «Unter dem Nasser-Regime war ja alles verboten. Da hatten wir immer eine Riesenfreude, wenn es jemandem gelang, eine LP ins Land zu schmuggeln. Dann gab es die nächste Party zur neusten Platte, die dann allerdings schon mindestens ein halbes Jahr alt war.»

Fahrdienst für Schulkinder

Es ist diese offene Spontaneität und Unkompliziertheit, diese Fähigkeit, sich und andere zu begeistern, die dem Geschäftsmann Sawiris schon so manche Tür öffnete. Nicht nur in Andermatt, wo ihm die überwiegende Mehrheit der Bevölkerung noch immer wohlgesinnt ist. Auch wenn die Nachrichten nicht nur erfreulich sind. So verzögert sich der Bau des Sportzentrums samt Schwimmbad, den er der Bevölkerung für 2014 vertraglich zusicherte, auf 2018. Also verspricht Sawiris, die Andermatter Schulkinder und andere Schwimmbegeisterte ab kommendem Jahr auf seine Kosten in ein Schwimmbad in Altdorf fahren zu lassen.

Journalisten und die Wahrheit

Andere schlechte Nachrichten wischt Sawiris leicht säuerlich vom Tisch. Etwa, dass er den Bau des zweiten in Andermatt geplanten Luxus­hotels aus finanziellen Gründen um Jahre hinausschieben muss. Oder dass es mit dem Verkauf von Dutzenden Luxusvillen und Hunderten Wohnungen harzt, die im «Podium» genannten neuen Dorfteil in Andermatt entstehen sollen. Oder dass der praktisch fertig­gestellte Golfplatz erst dann voll genutzt werden kann, wenn andere zugesagte Bauten bereitstehen. Und auch die Tatsache, dass die Aktie seiner Orascom eben von einem Tag auf den anderen fast sieben Prozent an Wert verloren hat. Offenbar sei es gerade in Mode, vor allem negative Aspekte seiner Projekte hervorzuheben. Also schrieben die Medien «halbe Wahrheiten» in schlechte Nachrichten um.

Das «nervt», sagt Sawiris. Die Kritik empfindet er als ungerechtfertigt. Das Projekt in Andermatt sei gut unterwegs, wird er nicht müde zu betonen, auch wenn natürlich nicht immer alles rund laufe. Das Luxushotel Chedi eröffne Ende nächsten Jahres planmässig, «aber das ist keine Nachricht wert». Seit der Bund die Richtplananpassungen zum Ausbau des Skigebiets Andermatt­-Oberalp-Sedrun bewilligt habe, wachse das Interesse an Villen und Wohnungen, sagt er. Und überhaupt: «Ich weiss, dass die Orascom heute besser dasteht als vor anderthalb Jahren.» Doch die Börse sei nun mal nicht rational und deshalb liessen ihn kurzfristige Schocks «kalt». Als Geschäftsmann, den man ihm eben auch abnimmt, müsse er langfristig denken. Stur sein, zielstrebig auch, nicht leicht zu beeinflussen und stets ruhig Blut bewahren.

Eine Kapelle im Haus

Am wichtigsten aber, so Sawiris, sei auch im Geschäftsleben das Glück. Ein erfolgreicher Unternehmer brauche 60 Prozent Glück, «mindestens!». Und weiter? «15 Prozent Intelligenz, 15 Prozent Arbeit und zehn Prozent Mut.» Kommt da die Einsatzbereitschaft nicht etwas zu schlecht weg? Nein, sagt Sawiris, er habe schon genug faule, nicht sehr intelligente, aber durchaus sehr erfolgreiche Geschäftsleute getroffen. «Sie hatten einfach Glück, doch natürlich behaupten sie, jeden Morgen schon um 6 Uhr im Büro zu sein.»

Dass der Ägypter, der in Kairo die Deutsche Schule besuchte, mit solchen Aussagen auch mal in Fettnäpfchen tritt, wird ihm oft erst hinterher bewusst. Doch er bleibt bei seiner Meinung. Sawiris weiss indes auch, dass dieses Glück sehr ungleich verteilt ist. Dafür, dass er es so reichlich bekommen habe, sage er immer wieder Danke. Ach ja, wem denn? «Na Gott», sagt Sawiris mit einer Selbstverständlichkeit, die erneut überrascht. In seinem Haus in Kairo habe er eine kleine Kapelle bauen lassen und dort danke er dem «Chef» ganz direkt, ohne Mittelsmann.

Diese Dankbarkeit ist auch ein Grund für Sawiris’ soziales Engagement. «Wenn du nicht teilst, nimmt dir der liebe Gott alles weg»: Nach diesem strengen Motto habe seine Mutter ihn und seine Geschwister erzogen. Orthodoxe Christen seien eben noch strenger als Katholiken, fügt er lachend an. Unaufgefordert spricht er kaum über das gemeinnützige Engagement seiner Familie – eine der reichsten Familien Ägyptens, die im Lauf der Geschichte schon zweimal enteignet wurde –, die eine Stiftung eröffnet hat. 60 000 Menschen hingen vom sozialen Engagement seiner Mutter ab. Die Stiftung habe Kinderheime gebaut, Schulen, Spitäler, Wohnungen für Bedürftige. Sogar eine Universität finanziert sie, in El Gouna, Samih Sawiris’ erstem grossen Ferienresort samt ägyptischem Städtchen am Roten Meer.

Der Instinkt, verdienen zu wollen

Einen Moment lang habe er gedacht, Wohltätigkeit könne eine neue Karriere sein, sagt Sawiris, der die operative Leitung über seine Firma Orascom abgegeben hat, die inzwischen rund 14 000 Mitarbeiter zählt. Doch dann habe er gemerkt, dass ihm der Abschluss von Geschäften doch fehlte. Also jettet er im Dienst seiner Bau- und Tourismusprojekte weiter um die Welt. Gemeinnützige Arbeit allein erfülle seinen «Instinkt» nicht, verdienen zu wollen.

Also ist ein Instinkt der wahre Antrieb von Sawiris? «Nein», sagt er. «Das ist die Freude, die man hat, wenn man Erfolg erlebt. Und es ist die Freude, die man empfindet, wenn man anderen Menschen hilft, Freude zu haben.»

Und weil dies ein allzu salbungsvoller Abschluss wäre für eine Begegnung mit einer Person, die vor Lebenslust sprüht, fragen wir Samih Sawiris noch nach Fehlern. Macht der Milliardär, der betont, seinen Reichtum selbst erarbeitet zu haben, überhaupt welche? «Und wie», sagt er und lacht erneut herzlich. «Aber ich entdecke sie normalerweise etwas schneller als die andern und korrigiere sie rasch.»

Nur in der virtuellen Welt, da «war ich schon sechs- oder siebenmal pleite». Und zwar beim Computerspiel Sim City. Die Uneingeweihte reagiert ratlos. Sawiris erklärt, man müsse eine Stadt bauen und führen. Wer zu teuer baue, gehe bankrott, wer bei der Sicherheit spare, verliere den Kampf gegen die Kriminalität, wer zu viel Steuern eintreibe, vertreibe die Einwohner, wer zu wenig Steuern erhebe, könne kein funktionierendes Transportsystem bauen. Eigentlich wie im richtigen Leben, doch Computer verzeihen keine Fehler. (Basler Zeitung)

(Erstellt: 06.12.2012, 14:49 Uhr)

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