«Schlagwortpolitik ist nicht mein Ding»
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 17.02.2011 12 Kommentare
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Seit der Einführung des Frauenstimmrechts vor 40 Jahren nimmt die Politiklust der Schweizerinnen kontinuierlich ab. Das zumindest besagt eine Studie des Politologen Georg Lutz, der die National- und Ständeratswahlen seit 1971 untersucht hat. Der Befund: Der Anteil von jungen Frauen, die sich am politischen Entscheidungsprozess beteiligen, ist von 38 auf 26 Prozent gesunken.
Sind Frauen weniger an Politik interessiert als Männer? Nach der Ablehnung der Waffenschutz-Initiative, einem eigentlichen Frauenanliegen, kommt der Verdacht auf, dass sich die weiblichen Stimmenden vielleicht tatsächlich weniger mobilisieren lassen. Die genaue Abstimmungsanalyse steht noch aus; eine nicht repräsentative Umfrage im weiblichen Bekanntenkreis förderte indes auf die Schnelle vier mehr oder weniger überzeugte Nichtwählerinnen zutage. Die Gründe, die sie für ihre Abstinenz angeben, unterscheiden sich vermutlich nicht von denjenigen, die Männer anführen würden: fehlende Zeit, wenig überzeugende Politiker, mangelnde Qualität der politischen Diskussion, zu viel leere Worte oder auch einfach vergessen zu haben, das Stimmcouvert abzuschicken.
Claudia B.(36)* Physiotherapeutin
«Ich habe mich früher sehr für Politik interessiert, hätte mir sogar vorstellen können, da einzusteigen. Bloss: Seit ich Mutter bin, ist das Interesse abgeflaut. So sehr es nach Ausrede klingt: Ich habe schlicht keine Zeit. Man könnte sagen, dass es eine Frage der Prioritäten ist – stimmt. Aber ich weiss, dass es anderen berufstätigen Müttern gleich geht, Alleinerziehenden wie mir erst recht: dauernd am Rennen, am Organisieren, für alles allein verantwortlich. Vielleicht wäre es anders, wenn ich keine Kinder hätte, mehr Freizeit, mehr Musse. Aber mit dem Gehetze die ganze Zeit . . . Zum Beispiel die letzten paar Wochen: Mein Sohn hatte gesundheitliche Schwierigkeiten, wir waren zigmal beim Arzt, keine Besserung, dann mitten in der Nacht ins Kinderspital, wo er operiert wurde. Und am Morgen warteten schon wieder meine Patienten. Ich bin selbstständig, da kann ich nicht einfach freinehmen, weil ich die Nacht durchgemacht habe. Und auch wenn das ein Extremfall war: Mit Kindern ist der Alltag unberechenbar, es gibt immer irgendwas, was nicht rund läuft, bei dem ich umdisponieren muss, und den Haushalt muss ich ja auch noch erledigen. Meine Tage starten morgens um viertel nach sechs, und ich mache erst abends um viertel vor zehn die allererste richtige Pause des Tages, bei der ich aufatmen und loslassen kann. Da steht mir der Sinn aber zuallerletzt nach Politik!»
Simone Z. (42)* Anwältin
«Ich war natürlich nicht abstimmen, wie (fast) immer. Mich interessiert die Politik schon seit Jahren überhaupt nicht mehr. Dieser ganze kindische Zirkus, diese polarisierenden Halbwahrheiten, die jämmerlichen Kompromisse, all der Filz und das undurchsichtige finanzielle Dickicht, welches die Interessen beeinflusst . . . Natürlich ist mir klar, dass die Schweiz im Vergleich mit anderen Ländern diesbezüglich gut abschneidet, trotzdem habe ich keine Lust mehr auf dieses Theater. Ich stimme nur ab, wenn ich es wirklich wichtig finde. Kommt dazu, dass ich von Berufs wegen die Texte verstehe und damit eben auch merke, wenn Dinge so formuliert sind, dass etwas kaschiert wird. Und: Ich bringe es nicht über mich, abzustimmen, ohne eingearbeitet zu sein, ohne nicht wirklich zu verstehen, was dafür und was dagegen spricht. Ich will nicht einfach einem Populismus folgen, sondern richtig stimmen. Schlagwortpolitik ist nicht mein Ding. Und das ist ein riesiger Aufwand. Zum einen. Und zum anderen sind die Vorlagen derart komplex, dass sie ohne ganz fundiertes Wissen nicht richtig einschätzbar sind. Ich habe aber den Anspruch, zu kapieren, worüber ich entscheide. Und natürlich frage ich mich auch: Wer hat dieses Wissen schon? Welcher Politiker kommt wirklich draus? Und interpretiert die Sache nicht zu seinen Gunsten beziehungsweise zu denen seiner Partei? Da sind wir wieder bei den Halbwahrheiten und den anderen Interessen hinter den Vorlagen. Drum lasse ich es bleiben.»
Sandra W. (28)* Fotografin
«Ich weiss: In Ägypten gehen sie auf die Strasse, und vor vierzig Jahren haben die Frauen hier dasselbe gemacht – es ist lausig, dass ich nicht abstimmen gehe. Wobei: Es gibt auch Männer, die nicht an die Urne gehen. Weshalb die Frauen einmal mehr die besseren Menschen sein sollen, bloss weil man ihnen irgendwann grosszügig das Stimmrecht gegeben hat, leuchtet mir nicht ganz ein. Auch wenn ich zwischendurch ein schlechtes Gewissen habe. Aber wenn ich mir dann wieder einmal eine Diskussionssendung ansehe, bin ich nach fünf Minuten derart genervt, dass ich wegzappe. Weil mich diese endlosen Debatten, in denen es nur um Parteiideologie und nicht um Lösungen geht, langweilen und die gegenseitigen Schuldzuweisungen erst recht. Die Politiker vermögen mich nicht zu überzeugen und die Politikerinnen auch nicht – entweder haben sie für alles und jeden Verständnis und diesen jammernden Ton drauf, oder sie machen auf knallhart und belächeln Frauenanliegen – beides befremdet mich. Für mich steht die Diskussion über die Krankenkassenprämie sinnbildlich für unsere Politik. Seit Jahren weiss man um das Problem, aber nichts passiert. Und Ende des Jahres, wenn wieder die Prämienerhöhungen verkündet werden, sind sie alle furchtbar empört – anstatt sich zu schämen, dass sie es nicht fertiggebracht haben, eine Lösung zu finden. Natürlich kann man sagen, dass ich durch meine Stimmabstinenz dazu beitrage, dass es nicht besser wird. Richtig. Vielleicht schaffe ich es das nächste Mal.»
Petra O. (33)* Lehrerin
«Ich gebe es zu: Ich gehe kaum je abstimmen, wählen schon gar nicht, ich kenne mich bei den Partei-Exponenten einfach zu wenig aus. Es liegt nicht einmal am mangelnden Interesse, sondern eher daran, dass ich so viele andere Dinge im Kopf habe. Mein Job ist anspruchsvoll, ich mag abends nicht noch Zeitung lesen, das wäre keine Entspannung, sondern Arbeit. Und darauf habe ich keine Lust. Ich höre morgens Radio, das reicht mir. Es ist ja ohnehin schwierig, sich eine Meinung zu bilden. Die Zeitungen sind alle nicht objektiv, obschon sie sich gerne den Anschein geben; man muss also die Informationen sorgfältig auswerten, um wirklich eine Ahnung zu haben, worum es geht. Und das ist eben Arbeit und mir, auch wenn das nicht sehr engagiert klingt, deshalb zu mühsam. Kommt etwas ganz Banales hinzu: Die Abstimmungsunterlagen kommen immer so früh, dass ich sie erst mal zur Seite lege. Manchmal fülle ich die Stimmzettel sogar aus, vergesse aber, sie abzuschicken. Weshalb gibt es am Radio keinen Aufruf, dass in einer Woche Abstimmung ist? Das wäre hilfreich. Oder per SMS abstimmen zu können, wäre noch besser. Natürlich habe ich ein schlechtes Gewissen, wenn ich einmal mehr den Termin verpasst habe. Denn eine Meinung habe ich ja eigentlich schon, die kann ich auch ziemlich lautstark vertreten – im Privaten.»
* Alle Namen der Redaktion bekannt. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 16.02.2011, 19:59 Uhr
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Als junge Frau kann ich da nur eines sagen: Schämt euch. Es gibt nicht nur Rechte in einer Demokratie, es gibt auch Pflichten. Was wollt ihr den Menschen in Tunesien und Ägypten sagen, welche sich mit Toten und Verletzten soeben ein bisschen mehr Freiheit erkämpft haben? Zu bequem, um das Stimmcouvert in den Briefkasten zu werfen? Antworten
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