Schöne Geschäfte

Die Schweizerin Julia Graf verdient ihr Geld im Internet. Sie stellt Schminkanleitungen auf Youtube, die bislang fast 125 Millionen Mal angeklickt wurden.

Verdient ihren Lebensunterhalt mit Youtube-Werbung ihrer Schminkvideos: Die Schweizerin Julia Graf.

Verdient ihren Lebensunterhalt mit Youtube-Werbung ihrer Schminkvideos: Die Schweizerin Julia Graf. Bild: Raffael Waldner/13 Photo

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Noch vor ein paar Wochen trug Julia Graf ihre langen Haare in einem Scheitel. Irgendwann im März hat sie sich beim Joggen entschlossen, ein Umstyling vorzunehmen – und sich Stirnfransen zu schneiden. Jetzt. Sofort. Selbst. Nun sitzt sie in einem schmalen Zimmer in ihrer Wohnung im Berner Oberland, in der einen Hand die Schere, in der anderen den Kamm, vor sich einen Spiegel – und eine Kamera. Sie sagt: «Das Leben ist kurz. Verschwendet eure Zeit nicht damit, euch Sorgen um eure Haare zu machen. Sie wachsen nach.» Sie lächelt – und setzt die Schere an.

Wenige Handgriffe und ein paar zusammengeschnittene Minuten später ist die unauffällige Frau mit dem vom Sport geröteten Gesicht und den zerzausten Haaren einer perfekt gestylten jungen Frau undefinierbaren Alters gewichen – mit ebenmässigem Teint, pinken Lippen, geglätteten Haaren – und Fransen, die auf Augenhöhe gestutzt sind.

Julia Graf alias Misschievous ist im Internet ein Star. Fast 60'000 Leute haben ihr bislang via die Videoplattform Youtube beim Haareschneiden zugesehen. Ihr erfolgreichstes Video – eine Anleitung, sich die Augen in mehreren Schichten violett zu schminken – brachte es auf über 6 Millionen Zuschauer. Alle Beauty-Videos zusammen wurden fast 125 Millionen Mal angeklickt, über eine halbe Million Menschen wollen benachrichtigt werden, wenn sie ein- bis zweimal pro Woche ein neues Video hochlädt. Auf dem Kurznachrichtendienst Twitter folgen ihr 50'000 Fans, ihr Facebook-Profil finden 156'000 Leute gut.

Ihren Lohn zahlt die Werbung

Mit Anfang dreissig ist sie so erfolgreich, dass sie damit ihren Lebensunterhalt verdient. Möglich macht dies das sogenannte Partnerprogramm, das Google nach der Übernahme von Youtube eingeführt hat. Das Videoportal teilt seine Werbeeinnahmen mit allen, die erlauben, dass bei ihren Videos Werbung gezeigt wird. Die Werbenden entscheiden, wer ihre Botschaft sehen soll – nach Geschlecht, Alter, Aufenthaltsort, Sprache oder Interessen – und in welchem Zusammenhang sie gezeigt wird – nach Stichworten, Kategorie oder bestimmten Künstlern. Ein Werbespot vor dem Video kostet einige Cent pro Zuschauer. Welchen Anteil davon Julia erhält, ist geheim. Youtube verbietet den Stars, darüber zu sprechen.

Wie viel Geld Julia mit Youtube verdient, will sie nicht sagen. Es sei mehr, als sie in der Schweiz als Stylistin verdienen würde – zumal sie keine Ausbildung hat und sich alles selbst beibrachte – und weniger als 100'000 Dollar pro Jahr. International gehört sie damit nicht zur Elite: Gut 1000 Youtube-Stars haben diese Schranke bereits durchbrochen.

Trotzdem ist Julias Geschichte für die Schweiz mehr als aussergewöhnlich. Sie dürfte hierzulande die Einzige sein, die sich damit ihren Lebensunterhalt verdienen kann. Einerseits, weil sie nicht nur die mit Abstand grösste, sondern auch die internationalste Fangemeinde hat: Die meisten ihrer Videos sind auf Englisch, ihr Publikum stammt primär aus den USA, Deutschland oder Brasilien. Anderseits stand die Möglichkeit, mit Youtube-Videos Geld zu verdienen, den Schweizern bislang gar nicht offen. Ausserdem waren die Werbemöglichkeiten derart eingeschränkt, dass in der Schweiz kaum Geld in diesen Kanal floss. Mit der Lancierung von Youtube.ch Anfang April ändert sich das nun jedoch.

Kein leicht verdientes Geld

Dass Julia die grosse Ausnahme ist, verdankt sie ihrem kanadischen Pass. 2008 stellte die schweizerisch-kanadische Doppelbürgerin ihr erstes Schminkvideo ins Internet. Damals lebte sie nach ihrem Politikwissenschaftsstudium in Kanada gerade das erste Mal richtig in der Schweiz und hatte einen Bürojob in Bern. Anfangs konnte sie mit den Werbeeinnahmen gerade mal die Schminke finanzieren. Heute bekommt sie von Firmen, die ihre Produkte gerne in Julias Videos sehen würden, so viel Make-up, Nagellack und Parfüm zugeschickt, dass sie für den Rest ihres Lebens nichts mehr kaufen muss.

Leicht verdientes Geld ist es nicht. Das Publikum an sich zu binden, ist ein knallhartes Geschäft. Ein Vollzeitjob. Julia muss jede Woche mindestens ein Video online stellen, eher zwei – auch wenn sie krank ist, in den Ferien weilt oder wie im Moment mitten im Umzug steckt. Phasenweise kann sie sich gar keine Pause leisten. Etwa im Oktober, wenn das Geschäft wegen Halloween am besten läuft, oder an Weihnachten. Dafür ist im Januar und im Sommer nichts los. «Trotzdem ist es wichtig, präsent zu sein – sonst fühlen sich die Fans vernachlässigt und bleiben weg», sagt Julia.

Die Konkurrenz wird jünger

Pro Video rechnet sie mit bis zu zwei Tagen Arbeit, dazu kommt die Suche nach neuen Ideen – und die Pflege ihrer Fangemeinde via E-Mail, Facebook oder Twitter. Bloggertreffen, wie sie regelmässig von Kosmetikfirmen organisiert werden in schicken Hotels und mit teurem Essen, besucht sie kaum – weil die Rechnung nicht aufgeht. «Es ist zwar nett, die anderen Mädels zu treffen. Aber dafür, dass ich nicht bezahlt werde, ist der Zeitaufwand meist zu gross», sagt Julia.

Und sie richtet sich konsequent nach den Bedürfnissen ihrer grösstenteils jungen Zuschauerinnen aus. Statt mit Edelmarken wie Estée Lauder, Dior oder Chanel etwa schminkt sie sich mit Produkten von L’Oréal, Essence oder Maybelline – Sachen, die sich die Mädchen leisten können.

Anfangs war sie eine von vielleicht 15 Beauty-Bloggerinnen, mittlerweile gibt es davon Tausende. Darunter ist eine stark wachsende Gruppe von jüngeren Konkurrentinnen, die zwei, drei Jahre nach Julia angefangen haben und fünf bis zehn Jahre jünger sind. Erfolgshungrige Frauen mit neuen Ideen, die nahe am Zielpublikum sind. Julias jüngste Fans sind dreizehn, mehr als jede Dritte ist über 25, wie Julias persönliche Youtube-Statistik zeigt. Im Moment läuft es für Julia gut. Aber ob sie auch langfristig auf Youtube Erfolg haben wird, weiss sie nicht.

Plan B liegt bisher in der Schublade

Darum surft sie stundenlang im Internet, schaut sich um, um keine Trends zu verpassen. Und sie diversifiziert. Seit einiger Zeit filmt sie sich in den Ferien, beim Joggen, beim Kochen, beim Abnehmen, in den Bergen. Die neuen Video-Tagebücher – genannt Vlogs – ziehen noch nicht annähernd so viele Zuschauer an wie Julias klassische Schminkanleitungen. Kein Grund zur Sorge, meint Julia: «Ich muss mir erst ein neues Publikum aufbauen.»

Und falls es nicht klappt und ihre Karriere auf Youtube plötzlich vorbei ist, hat Julia wie jede gute Geschäftsfrau einen Plan B. Noch liegt der aber in der Schublade. Bis es so weit ist, dreht sie jede Woche zwei bis drei Videos und hofft, dass möglichst viele Zuschauer sie sich ansehen. Sonst bleibt ihr Konto Ende Monat leer. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 29.04.2013, 11:41 Uhr)

Make Up for Teens (Video: Youtube)

Dramatic Cat Eyes (Video: Youtube)

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