Schöne neue Arbeitswelt

Den fest zugeteilten Arbeitsplatz können wir vergessen: Die Zukunft gehört dem nonterritorialen Büro. Doch wer sagt, dass diese Utopie nicht als Albtraum endet?

Arbeiten in der Einzelzelle: Das unpersönliche Grossraumbüro von einst ist verschwunden, bis vor kurzem dominierte dafür die Käfighaltung.

Arbeiten in der Einzelzelle: Das unpersönliche Grossraumbüro von einst ist verschwunden, bis vor kurzem dominierte dafür die Käfighaltung. Bild: Gaetan Bally/Keystone

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Als der Erfinder Robert Propst sich ­daranmacht, den Alltag im Büro zu ­revolutionieren, ist er beseelt von lauter guten Absichten. Wir sind in den ­60er-Jahren, und während sich draussen der Geist der Gegenkultur entzündet, bereitet Propst drinnen den Umbruch vor, mit dem er die Welt der Büros auslüften will.

Denn was er dort sieht, bekümmert Robert Propst (1921–2000). Angestellte sitzen streng geordnet Schreibtisch an Schreibtisch, ohne Rücksicht auf individuelle Bedürfnisse und ohne jede Privatsphäre. Das Mobiliar ist so einheitlich wie der Abstand zwischen den einzelnen Pulten, der Mensch eine austauschbare Einheit in einem bürokratischen Raster. «Das Büro von heute ist eine Ödnis», erkennt Propst. «Es ist die alltägliche Szene für unerfüllte Absichten und gescheiterte Bemühungen.» Er leitet die Forschungsabteilung beim Möbelhersteller Herman Miller in Michigan, und er hat eine Vision: Er will die anonyme Gleichförmigkeit im offenen Grossraumbüro überwinden.

Sein gestalterischer Gegenentwurf sollte inspiriert sein von der Fantasie der Natur. Die neuen Büroräume, wie sie ihm vorschweben, würden in ihrem Bauplan der natürlichen Schönheit organischer Gewächse nachempfunden sein. 1968 stellt Propst sein Modell unter dem Namen «Action Office II» vor: ein modulares System aus Trennwänden, die sich zu einem Geflecht aus individuellen Arbeitsplätzen kombinieren lassen. Das Grossraumbüro mit Wabenstruktur ist geboren.

Ideal für «Firmenzombies»

Der neue Gestaltungsplan breitet sich bald überall aus, doch in der Praxis verwandelt sich der Traum des Designers in einen Albtraum. Propsts Utopie schlägt ins Gegenteil um, weil sein Ideal eines natürlichen Geflechts keine Chance hat gegen das Gebot der Effizienzsteigerung: Die Module werden bald in erster Linie dazu verwendet, möglichst viele Angestellte auf möglichst engem Raum einzupferchen. Das unpersönliche Grossraumbüro von einst wird zwar abgelöst, aber an seine Stelle tritt: die moderne Käfighaltung. Die organische Wabe, von der Propst träumte, verengt sich zur Bürobox, auch «Cubicle» genannt: eine Einzelzelle für den offenen Arbeitsvollzug.

Den Erfindern ist es dann selbst nicht mehr geheuer, als sie sehen, was sie in die Welt gesetzt haben. Douglas Ball, ein Weggefährte von Propst bei Herman Miller, erinnert sich, wie er 1972 erstmals eine Firma mit den neuen Büroboxen ausstattete: «Ich hatte erwartet, dass ich begeistert sein würde», erzählte Ball vor einigen Jahren dem Wirtschaftsmagazin «Fortune». «Aber es war deprimierend.» Und der bedeutende Industriedesigner George Nelson, damals noch Propsts Vorgesetzter bei Herman Miller, kanzelt die Cubicles bereits 1970 mit unverhohlenem Sarkasmus ab: Bewunderung, schrieb Nelson, verdiene das Wabenmodell höchstens von Technokraten, die auf engstem Raum möglichst viele Angestellte unterbringen wollten. Das neue Büromodell sei ideal für «Firmenzombies». Und der Markt dafür, so Nelson zynisch, sei riesig. Er sollte recht behalten, wie man bis heute sieht.

Wenn nun aber heutige Firmenchefs die künftigen Gegenmodelle zur offenen Käfighaltung im Cubicle anpreisen, klingt auch das wieder nach lauter guten Absichten. Die Trennwände in der Box, die den Angestellten einst ein Minimum an Privatsphäre sichern sollten, gelten jetzt als ein einziges Hemmnis. Sie fördern Vereinzelung statt Gemeinschaft, verhindern die Kommunikation unter den Angestellten. Für die Bürowelt der Zukunft sollen nicht nur die Trennwände eingerissen, sondern dank der Mobilität der digitalen Netzwerke auch gleich die fest zugeteilten Arbeitsplätze aufgelöst werden.

Das Zauberwort heisst «nonterritoriales» Büro: Jetzt, da der Mensch als Human Resource das Gebot der Flexibilisierung schon verinnerlicht hat, kann er gut auch auf einen persönlichen Arbeitsplatz verzichten. So wird nicht nur Kosten sparend die Auslastung optimiert. Angeblich lässt sich dadurch sogar die Leistung steigern: Als die Credit Suisse vor drei Jahren in einem Pilotprojekt in Zürich-Oerlikon das nonterritoriale Büro testete, wurde in einer begleitenden Studie eine Produktivitätssteigerung von 5 Prozent gemessen.

Am deutschsprachigen Hauptsitz der Consultingfirma Accenture in der Nähe von Frankfurt hat man bereits seit 2001 auf nonterritoriale Büros umgestellt. Die Mitarbeiter hier reservieren ihren Arbeitsplatz über ein internes Buchungssystem, stunden- oder auch tageweise, je nach Art der zu erledigenden Arbeit. «Hotelling» nennt das ein Kadermann von Accenture, als er die Idee in Carmen Losmanns Dokumentarfilm «Work Hard Play Hard» ­erklärt.

Spass muss sein

Das Unternehmen als Hotel, das für seine Angestellten Büros unterschiedlicher Kategorien im Angebot hat: Klingt nach einer grosszügigen, menschenfreundlichen Alternative zur Batteriehaltung in Einzelzellen. Denkt man ­jedoch die Analogie zur Hotellerie nur ein bisschen weiter, zeigt das Modell sein neoliberales Gesicht. Denn eine Firma, die ihre Büros wie Hotelzimmer verwaltet, macht ihrem Personal auch unmissverständlich klar: Als Mitarbeiter bist du hier höchstens temporär zu Gast. (Und du darfst froh sein, dass du dein Zimmer nicht auch noch selber bezahlen musst.)

Der Firmensitz müsse schon durch seine Bauweise «Spass am Arbeiten» vermitteln. Das sagt einer der Architekten, die das 2009 eröffnete neue Haupt­quartier der Unilever im Hamburger ­Hafenviertel entworfen haben. Losmanns Dokumentarfilm lässt die Architekten während der Planungsphase zu Wort kommen. Dabei bringt einer von ihnen den Anspruch der Unilever, den ihr Neubau erfüllen muss, auf den Punkt: «Die Leute sollen nicht daran erinnert werden, dass sie arbeiten.» Ja, warum eigentlich nicht? Weil sie sonst merken würden, wie wenig Freude sie an ihrem Job haben?

Wie ein Hotel sieht der Unilever-Sitz dann nicht aus, als der Film das Arbeitshaus, das keines sein will, von innen zeigt. Das Gebäude wirkt verspielt und luftig, mit pastellfarbenen Akzenten. Es erinnert an einen leicht futuristischen Spielplatz für Erwachsene. Oder an eine Shoppingmall. In dieser Bürolandschaft bewegt sich der Arbeitnehmer nicht wie ein Hotelgast. Schon eher wie ein flanierender Kunde beim Shoppen.

Untot an der Arbeit

So wird an den schönen neuen Arbeitswelten bei Unilever wie bei ­Accenture ein Paradigmenwechsel in der modernen Bürokultur deutlich. Robert Propst träumte noch davon, das Büro den individuellen Bedürfnissen der Angestellten anzupassen – und sah seinen Traum pervertiert von den Planern, die seinem Modell zum Erfolg verhalfen. Die künftigen Bürowelten, die nun Propsts Einzelzellen ablösen sollen, zielen zwar auch darauf, den Arbeitsplatz so erträglich wie möglich zu gestalten. Aber eigentlich geht es darum, das Büro an sich abzuschaffen. Damit es sich gar nicht mehr anfühlt, als wären wir am Arbeiten.

Entbunden von den Fesseln des Büros, sollen wir uns endlich so richtig wohlfühlen an der Arbeit. Das klingt gut gemeint, aber es soll sich vor allem lohnen: Wer gar nicht merkt, dass er arbeitet, arbeitet mehr. Und George Nelsons finstere Vision von den Zombies der Firmenwelt wirkt im Hinblick aufs nonterritoriale Büro stimmiger denn je. Befreit aus ihren Boxen, wandeln die Angestellten zwischen ihren unpersönlichen Arbeitsplätzen umher wie Untote, entwurzelt und heimatlos. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 14.05.2013, 10:52 Uhr)

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«Work Hard Play Hard»

Dokumentarfilm im Filmpodium

Arbeitnehmer, die täglich den Büroplatz wechseln, sogenannte «change agents», die auf permanente Innovation pochen, und externe Berater, die einschätzen, wer zu was taugt: Die deutsche Regisseurin Carmen Losmann zeigt in ihrem Dokumentarfilm «Work Hard Play Hard» das beängstigende Bild einer modernen Arbeitswelt, in der Angestellte mit all ihren Ideen und Wünschen in die Pflicht genommen werden. In Assessments werden ihre Leistungen freundlich überprüft, während Bosse per Ansprache Kreativität verordnen. Wohlgefühl im Büro, flexible Arbeitsplätze und persönliches Engagement erweisen sich als neue Machttechniken, um die Rendite zu steigern. Ohne Kommentar macht der smart aufgebaute Dokumentarfilm den Widerspruch zwischen tollen Utopien und miserablen Arbeitssituationen sichtbar. (blu)

Ab 16. Mai im Zürcher Filmpodium, Spieldaten siehe hier. Ein Buch zum Film ist soeben beim Schüren-Verlag in Marburg erschienen, ca. 29 Fr.

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