Schreibt die Schnürlischrift ihr letztes Kapitel?
Die Schnürlischrift: offizielle Schulschrift seit 1947.
Basisschrift: die schnörkellose Alternative.
Das Schönschreibeheft ist für viele Schüler ein Albtraum. Das war vor über 50 Jahren so. Und ist auch heute noch der Fall. Denn in dieses Heft ist seit jeher in schönster Schnürlischrift zu schreiben. Jene Schrift, die in Schulzeiten nur spätere Chirurgen oder Uhrenmacher richtig gut und ohne zu kleckern hinbekommen haben. Die jeder lernen musste, ob er wollte oder nicht, aber nur die wenigsten im Leben nach der Schule noch verwendeten.
Nun könnten die Zeiten der Schnürlischrift aber bald vorbei sein. Denn was früher noch Sinn ergab, nämlich ohne Abzusetzen und mit möglichst wenig Tinte zu schreiben und dabei nicht zu kleckern, ist heute, wo praktisch nur noch Kugelschreiber und Filzstifte verwendet werden, obsolet geworden. Der Zwischenschritt zwischen der Blockschrift und der eigenen, individuellen Handschrift, scheint nicht mehr allen zwingend.
«Nicht kindergerecht»
Der grösste Kritiker der Schnürlischrift ist der Glarner Grafiker und ehemalige Kunstgewerbeschullehrer Hans Eduard Meier. «Die Blockschrift der 1. Klasse ist katastrophal, formal miserabel. Und die Schnürlischrift, die Kinder in der 2. und 3. Klasse lernen müssen, ist furchtbar gstabig und mühselig, überhaupt nicht kindergerecht», sagte er einst gegenüber dem Tages-Anzeiger. All die Schnörkel, Bögen und Schlaufen der Schnürlischrift brauche es nicht. Auch dass sich dadurch schneller schreiben lasse, weil alles zusammenhänge, sei ein Irrtum. «Die Kinder werden dazu gezwungen, aber nachher macht das kein Mensch mehr», so Meier.
Der 87-Jährige hat darum eine schnörkellose Variante entwickelt, die die Schnürlischrift als Schulschrift ablösen könnte. Eine vereinfachte Version, ohne Schlaufen, Meiers Basisschrift.
Mehr Text - und lesbarer
Und seine Schrift kommt gut an. Eine kleine Forschungsstudie der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz hat 2008 ergeben, dass Schüler, welche die Basisschrift erlernt haben, in der gleichen Zeit mehr Text schreiben, als Schüler, die Schnürlischrift schreiben müssen. Ausserdem kommt der Text leserlicher heraus und die Schüler stimmen danach der Aussage «ich schreibe gerne» häufiger zu.
Im Kanton Luzern ist die Basisschrift als Alternative zur Schulschrift seit 2006 zugelassen. Die übrige Schweiz zeigt noch einige Berührungsängste. Die Kantone wollen nicht vorzeitig etwas ändern, wenn dann doch wieder alles anders kommen könnte, äussern sich Vertreter der Volksschulen in der «Neuen Zürcher Zeitung».
Das letzte Wort über die Schulschrift dürfte jedenfalls noch nicht gesprochen sein – respektive geschrieben. (reh)
Erstellt: 15.02.2010, 16:01 Uhr

Die Welt in Bildern



