«Schuld sind immer nur die anderen»
Claudia Honegger, Soziologin.
Sie haben sich auf dem Höhepunkt der Finanzkrise entschieden, mit Fachkollegen ein Buch mit Porträts aus der Bankenwelt zu machen. Wie haben Sie sich Zugang verschafft zum Paralleluniversum Bankenwelt?
Vieles lief über persönliche Beziehungen. Und wir hatten Glück mit dem Timing. In der ersten Hälfte 2009 waren viele Banker durch die Ereignisse so verunsichert, dass sie sich in ihrer Ratlosigkeit ungewöhnlich mitteilungsbedürftig zeigten. Bereits im Sommer 2009 senkte sich der Vorhang wieder.
Die Banker präsentieren sich sehr unterschiedlich: zwischen Selbstkritik, Zynismus, Ratlosigkeit und Zweckoptimismus. Manchmal hat man den Eindruck, dass die Interviewer ihnen fast die Beichte abgenommen haben . . .
. . . Beichte scheint mir etwas übertrieben. Aber klar ist: Sie wollten sich zum Teil rechtfertigen, aber auch das Vergangene reflektieren. Wir haben die Akteure in vier Gruppen und Schauplätze eingeteilt: Da sind die «Quants», die Modellkonstrukteure und mathematischen Genies auf der «Spielwiese». Dann die Investmentbanker und Finanzhasardeure, die die «Kampfsportzone» bevölkern. Auf der «Anstandsbühne» finden sich meist traditionelle, am Kundenkredit orientierte Privatbanker. In der «Grauzone» schliesslich Leute, die Fehlentwicklungen einräumen, aber das System insgesamt bejahen.
Am wenigsten scheinen sich die Konstrukteure der Finanzmodelle zu hinterfragen.
Diese strukturierte Verantwortungslosigkeit war bei ihnen tatsächlich besonders deutlich zu beobachten. Viele dieser Quants sagen, die Oberen hätten ihre Arbeit einfach abgesegnet, weil sie sich nicht zuzugeben getrauten, dass sie die Modelle und mathematischen Berechnungen schlicht nicht verstehen. Es war eben ein Hype, bei dem man unbedingt dabei sein wollte. Die «Quants» sehen sich als Ingenieure, die diese finanziellen Waffen geschmiedet haben. Was mit diesen Waffen auf den Finanz-Kriegsschauplätzen später passiert und wie sie verwendet werden, das betrachten sie trotz Anflügen von Selbstkritik letztlich nicht als ihr Problem.
Es fällt auf, dass vor allem Frauen in untergeordneten Positionen nachdenklicher sind und im Vergleich zu Männern eher über einen ethischen Orientierungsrahmen zu verfügen scheinen.
Frauen sind bei den Banken im oberen Kader krass untervertreten und auch viel weniger im Investmentbanking tätig als Männer. Frauen sind offenbar nicht bereit dazu, so eine Tätigkeit über längere Zeit durchzustehen. Es ist für eine Frau auch sehr schwierig, in diese Männerwelt hineinzukommen und sich dort zu bewähren. Das hat einerseits mit der zeitlichen Belastung, andererseits aber auch mit einer stärkeren Gewichtung der Familie und des Privatlebens zu tun. Ob sie deshalb schon ethischer handeln oder handeln würden als Männer, ist schwierig zu beurteilen.
In Ihrem Buch finden sich auffallend viele Aufsteigergeschichten.
Die Bankenwelt ist natürlich nicht erst heute eine klassische Aufsteigerbranche. Wer früher einen sicheren Arbeitsplatz und einen guten Verdienst wollte, der wählte oft eine Laufbahn bei einer Bank. Zu diesem Profil gehören auch hohe Leistungsbereitschaft und eine gewisse Hierarchiegläubigkeit. Wir konnten feststellen, dass Hierarchien heute in Banken stärker zugespitzt sind und sich immer mehr Macht ganz oben konzentriert. Die Folge war ein immer abgehobeneres Top-Management. Gleichzeitig wurden viele kritische Mitarbeiter entweder in Frühpension geschickt oder rausgeschmissen.
Viele traditionelle Banker äussern ihren Abscheu vor hemmungslosen Investment-Jongleuren. Sie empfinden es als tragisch, dass sie von der Öffentlichkeit in Sippenhaft genommen wurden für die Exzesse der «Bad Boys».
Ja, das lässt sich vor allem bei den sogenannt guten Frauen beobachten. Andererseits kann man auch mit Investmentbankern ein gewisses Mitleid empfinden. Oder sprechen wir lieber von Empathie. Da verdienen junge Männer in ihren Zwanzigern eine halbe Million Franken im Jahr und sind dafür rund um die Uhr verfügbar. Alle haben nur eines im Kopf: Das richtige Leben fängt dann irgendwann in den Dreissigern an, wenn sie genug verdient haben und sich den Ausstieg oder ein Kürzertreten leisten können. Das ist eine martialische Einstellung von Söldnern, die folgerichtig in ihrem Arbeitsalltag auch ausgiebig mit einer Kriegsmetaphorik operieren.
Bei der Frage nach den Ursachen der Missstände kommt es zu stereotypen Schuldzuweisungen.
Dieser «Verschiebebahnhof der Verantwortung» kennt eine überschaubare Zahl von Schuldigen: die menschliche Gier sozusagen als anthropologische Konstante, dann natürlich die Investmentbanker mit ihren strukturierten Produkten, die negativen Medien oder die Politik, insbesondere diejenige der Clinton-Administration, die mit ihrer angeblichen Forderung, jeder Amerikaner müsse sich ein eigenes Haus leisten können, für die Immobilienblase verantwortlich gemacht wird. Schuld sind immer die anderen.
Ihr eigenes Arbeitsmilieu war die Universität. Haben Sie dort auch strukturierte Verantwortungslosigkeit erlebt?
Wenn man das System gut kennt, dann kann man gewisse Verantwortlichkeiten schon bis zum Ursprung zurückverfolgen. Irgendjemand aus der Politik hat einmal vorgegeben, dass jetzt das Bachelor/Master-System eingeführt wird, darüber wurde ja nie abgestimmt. Dann wurde das ein Selbstläufer nach dem Motto: Hauptsache Reformen.
Das im Buch gezeichnete Sittenbild ist ernüchternd. Wo sehen Sie die Chancen in der Krise?
Ich versuche, optimistisch zu sein, und hoffe, dass jetzt gewisse Paradigmen der Ökonomie ernsthaft hinterfragt werden. Auf die Universitäten bezogen, hoffe ich, dass man sowohl von den allzu verengten Monoausbildungen wegkommt als auch von den von oben dekretierten Zusammenlegungen von Studiengängen. Es muss auch noch die Freiheit geben für unkonventionelle Fächerkombinationen: von mir aus Volkswirtschaft und Russisch. Ein kritisches Hinterfragen von Wissensbeständen ist ebenfalls eine Hauptaufgabe des Studiums. Die Realität sieht allerdings oft anders aus: ein Absitzen von Vorlesungen und eine Prüfung nach der anderen. Es ginge aber eigentlich um die Entwicklung intellektueller Tugenden: Dinge infrage zu stellen und nicht zuletzt auch zuzugeben, wenn man etwas nicht weiss. Zum Beispiel: Ich verstehe dieses angepriesene Produkt nicht, bitte erklären Sie es mir. Das klingt banal. Aber wenn wir die Ursachen dieser Finanzkrise anschauen, geht es genau um diese nicht gestellten Fragen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.06.2010, 13:08 Uhr

































































































































