Schweizer Tierärzte engagieren sich für das Wohl der Menschen
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 17.12.2011 6 Kommentare
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DRS 3 feiert sich mit der Aktion «Jeder Rappen zählt» gerade wieder selbst. Und wie immer in der Vorweihnachtszeit erreichen einen von allen möglichen Organisationen Bettelbriefe, in denen mit Fotos von traurigen Kinderaugen auf das Elend in dieser Welt aufmerksam gemacht werden will. Und es fliesst, das Geld. Wenigstens einmal im Jahr will der Mensch Gutes tun und sein Gewissen beruhigen, dass da so gehungert und gestorben wird anderswo in der Welt, während wir hier im Überfluss leben. Dabei ist ja die Entwicklungshilfe längst nicht mehr unumstritten. Bücher wie «Wir retten die Welt zu Tode» vom ehemaligen Weltbank-Ökonomen William Easterley oder «Dead Aid» von der in Sambia geborenen Ökonomin Dambisa Moyo kritisieren die Spendenwut aus dem Westen, die in den meisten Fällen kontraproduktiv, naiv oder gar unnütz sei.
Ohne Pomp, dafür wirkungsvoll
Die französische Entwicklungsökonomin Esther Duflo – 2008 vom «Economist» zu den acht einflussreichsten Ökonomen der Welt gewählt – brachte es im «Magazin» unlängst auf den Punkt: «Alle, die etwas Gutes tun möchten, wollen irgendwo ein Schulhaus finanzieren. Dabei kommt es wirklich nicht auf das Gebäude an.» Kinder, führte sie aus, könnten überall unterrichtet werden, auch im Freien, die Infrastruktur sei dabei zweitrangig. Entscheidend sei, dass die Kinder überhaupt zur Schule gingen. Und das, so konnte nachgewiesen werden, tun sie dann, wenn sie gesund sind, zum Beispiel, wenn sie entwurmt worden sind. Etwas so Banales ist wesentlich wirkungsvoller als ein Schulhaus, das mit viel Pomp eingeweiht werden kann.
Einen ähnlich pragmatischen Ansatz verfolgt eine kleine, kaum bekannte NGO, die Vétérinaires Sans Frontières Suisse (VSF-Suisse). Um hier gleich einem Missverständnis vorzubeugen: VSF-Suisse rückt nicht in die Dritte Welt aus, um dort Strassenhunde zu retten oder gratis Kastrationen durchzuführen. VSF-Suisse ist überhaupt keine Tierschutzorganisation, sondern engagiert sich in der humanitären Hilfe und in der Entwicklungszusammenarbeit. Der Ansatz lautet schlicht, aber einleuchtend: «Gesunde Tiere – gesunde Menschen».
Der Slogan stammt von Peter Rüsch, ehemaliger Professor an der Vetsuisse- Fakultät der Uni Zürich und später bei Bund und Kanton Zürich im öffentlichen Veterinärdienst tätig. Er hatte bis zu seiner Pensionierung vor einem Jahr kaum mit Entwicklungshilfe zu tun. Natürlich, er spendete hin und wieder, und einmal ging es bei einer Doktorarbeit um die Sterblichkeit bei Kamelfohlen in Kenia, aber das war es auch schon.
Der Ansatz ist simpel, aber bestechend
Und jetzt steckt er da mitten drin. Rüsch übernahm im April als Delegierter des Vorstandes von VSF-Suisse interimistisch die Geschäftsleitung des finanziell angeschlagenen Vereins. Es klafft ein beachtliches Loch von einer halben Million Franken in der Kasse – allerdings nicht, wie Rüsch betont, weil Geld veruntreut worden sei. Die Hauptgründe seien Währungsverluste, mangelnde interne Kommunikation und fehlende Kontrollmechanismen, vor allem auf Projektebene. Rüsch ist angetreten, den Verein finanziell und strukturell zu sanieren. Es gilt in erster Linie die Schulden zu tilgen, Eigenkapital aufzubauen und wirksame Kontrollmechanismen einzuführen.
Tätig ist der Verein zurzeit in sechs Ländern Afrikas: in Mali, Togo, Somalia, Kenia, dem Südsudan und der Demokratischen Republik Kongo. «Was wir tun», sagt Rüsch, «ist ganz einfach: Wir wollen den Menschen über ihre Nutztiere helfen. Wenn es den Tieren gut geht, geht es auch den Menschen gut.»
Angesichts der Tatsache, dass weltweit schätzungsweise eine Milliarde Menschen direkt von Nutztieren abhängig ist, wird deutlich, dass der so simpel klingende Ansatz bestechend ist. Es soll, so erklärt Rüsch, die Nahrungskette ausgehend von den Nutztieren im Sinn von «de l’étable à la table» aufgezeigt und optimiert werden. So, dass die Menschen ein Auskommen haben und selbstständig für sich und ihre Familien sorgen können. VSF-Suisse impft oder entwurmt und bildet vor Ort Frauen und Männer zu Laientierärzten aus, die Krankheitssymptome erkennen und sie mit wirksamen und verfügbaren Mitteln behandeln können – kranke Tiere bedeuten Verlust.
Grosse Herde als Statussymbol
Genauso hilfreich ist das Aufklären über die Fortpflanzung und die Hygiene für den Fortbestand der Herde. Einfachste Sauberkeitsregeln sind nicht nur entscheidend, was die Haltbarkeit von Fleisch und Milch betrifft, sondern auch in Bezug auf seuchenhaft verlaufende Tierkrankheiten und Zoonosen, also Krankheiten, die sich vom Tier auf den Menschen übertragen, wie beispielsweise die Tollwut oder die Vogelgrippe.
Mitunter scheitert eine erfolgreiche Tierhaltung auch am traditionellen Denken. Es gilt in Afrika als Statussymbol, eine möglichst grosse Herde zu haben. So wirken sich aber Futter- und Wasserknappheit, die sich in den letzten Jahren wegen immer häufiger auftretender Dürreperioden verschärft haben, verheerend aus, denn oft verendet deswegen bis die Hälfte der Tiere. Ihre Milch kann nicht mehr genutzt werden, ihr Fleisch weder gegessen noch verkauft. VSF-Suisse überzeugt die Bauern deshalb, ihre Herden zu verkleinern. Damit werden die Überlebenschancen der verbleibenden Tiere erhöht, mit dem Erlös lassen sich Esswaren kaufen, oder es wird das Schulgeld für die Kinder bezahlt. Das Fleisch wiederum ernährt ganze Familien, denen auch erklärt wird, was sie beachten müssen, um die geschlachteten Tiere optimal zu lagern und zu konservieren.
Ziegen für Kindersoldaten
Manchmal sind es auch äussere Umstände, die zu widersinnigen Situationen führen, wie zum Beispiel in Mali: Da leben mehr Rinder, Ziegen und Schafe als Menschen. Und obwohl dabei Milch produziert wird, wird die lokale Milch kaum konsumiert und verarbeitet. Das Gegenteil ist der Fall: Es wird hauptsächlich Milchpulver importiert – vor allem aus Ländern, die Milch im Überschuss produzieren. Und weil deren Export subventioniert wird, kommt das Pulver viel zu teuer auf den Markt. Seit man den in Mali ansässigen Nutztierhaltern gezeigt hat, wie Milch verarbeitet und vor allem wie sie ohne Qualitätseinbusse gelagert werden kann (unter anderem mit alten Milchkannen aus der Schweiz), hat die tägliche Annahme von Milch in den Molkereien um ein Drittel zugenommen, und die Milchhändler nehmen fünfmal mehr ein als zuvor. Die viel zitierte Hilfe zur Selbsthilfe.
Und mitunter arbeitet man nach demselben Prinzip, das die eingangs erwähnte Entwicklungsökonomin Esther Duflo für vielversprechend hält: über Anreize. Zum Beispiel bei der Integration von ehemaligen Kindersoldaten im Kongo und im Südsudan. Die Buben und Mädchen sind meist schwer traumatisiert und werden nach ihrer Rückkehr von ihren Verwandten verstossen. VSF-Suisse setzt sich dafür ein, dass diese heimatlosen Kinder in verlässliche Pflegefamilien kommen – als Gegenleistung erhalten die Familien Ziegen und eine Ausbildung, damit sie auch wissen, wie diese zu halten sind. Das funktioniert; Duflo berichtet, dass in einem Projekt in Indien die Impfrate der Kinder um 38 Prozent gesteigert werden konnte, weil man den Eltern pro geimpftes Kind ein Kilo Linsen schenkte.
So erfreulich und anerkannt die Arbeit von VSF-Suisse vor Ort ist, so sehr bereitet Peter Rüsch das Minus in der Kasse und die damit verbundene knappe Liquidität Sorgen – beides hat bei den bisherigen Geldgebern die Glaubwürdigkeit des Vereins erschüttert. Trotzdem hofft Rüsch, dass die bisher anerkannte Arbeit im Feld und die immer noch bestehenden und erfolgreich geknüpften Netzwerke in den erwähnten Ländern erhalten werden können und vor allem: dass die Geldgeber wieder Vertrauen fassen. Erste wichtige Schritte zur Sanierung sind getan. Ende Jahr läuft sein Mandat aus, eine Nachfolgerin ist bereits bestimmt. Peter Rüsch ist zuversichtlich. (Tages-Anzeiger)
Erstellt: 17.12.2011, 08:18 Uhr
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6 Kommentare
Nun müssten diese Menschen auch noch von der Notwendigkeit ihrer eigenen Familienplanung überzeugt werden können! Wenn dies erreicht würde, müssten vielleicht auch religiöse Kreise zugeben. dass weniger viel menschlicher wäre! Aber erst bei dieser Ausrichtung sind Spenden sinnvoll und nicht kontraproduktiv. Antworten
Mir war diese Organisation bis jetzt völlig unbekannt. Leider habe ich meine jährlichen Spenden schon ausgerichtet - ich hätte gerne die VSF unterstützt. Die meisten Wohltätigkeitsorganisationen gehen den falschen Weg, denn Nahrungsmittellieferungen lösen die Probleme der Dritten Welt nicht, sie sind nur eine Kopfwehtablette. Antworten
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