«Seht ihr mich? Versteht ihr mich?»

Schon als Kind war sie depressiv. Als Erwachsene verbrachte sie Jahre in der Psychiatrie: Eine Betroffene erzählt, was ihre erkrankte Seele heilen liess.

Essen und eine warme Wohnung reichen nicht: Die Autorin erfuhr ihr ganzes Leben lang viel Einsamkeit. Foto: Getty Images

Essen und eine warme Wohnung reichen nicht: Die Autorin erfuhr ihr ganzes Leben lang viel Einsamkeit. Foto: Getty Images

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Heide Fuhljahn, 42, beschreibt in ihrem Bestseller «Kalt erwischt – Wie ich mit Depressionen lebe und was mir hilft» ihre Erfahrungen als Depressive und kombiniert sie mit Sach-Infos, Interviews mit Experten und einem Ratgeber-Teil.

«Ausgerechnet Rammstein half mir aus der Depression. Diese Rock-Metal-Band, die bei Konzerten Pyrotechnik ohne Ende abfackelt und in deren Videos grundsätzlich zu viel Leder und martialische Gesten vorkommen. Als ich während des Kampfsporttrainings zum ersten Mal den Rammstein-Song «Ich will» hörte, traf mich das wie der kalte Guss nach der Sauna.

Normalerweise höre ich Beethoven und Songwriter-Sachen wie Jamie Cullum. Ich habe Literaturwissenschaften studiert, glaube an Multikulti-Gesellschaften und fürchte mich sogar vor Ohrenkneifern. Zu Rammstein kam ich durch Rolf. Rolf ist mein Trainer, 67 Jahre alt, ein Kampfsporter alter Schule, der hartnäckig behauptet, dass eine Ohrfeige nicht wehtut. Sein Gesicht trägt Spuren von Zigaretten und Alkohol, seinen Körper bewegt er blitzschnell. Während der sieben Jahre, die ich je zur Hälfte in der Psychiatrie verbrachte, nahm ich öfters an Rolfs Kursen teil. An die Schlagkissen und Fäuste gewöhnte ich mich nur langsam, Selbstverteidigung lernte ich mit angezogener Handbremse. Rolf wusste um meine Krankengeschichte und freute sich immer, wenn ich kommen konnte.

Nach dem Tod der Mutter kam sie ins Kinderheim: Autorin Heide Fuhljahn beschreibt in ihrem Buch schmerzliche Erfahrungen.

«Ich will eure Blicke spüren. Ich will eure Stimmen hören. Ich will, dass ihr mich gut seht. Ich will, dass ihr mich versteht», singt Rammstein-Frontmann Till Lindemann am Anfang. In der Mitte des Songs stellt er Fragen: «Seht ihr mich? Versteht ihr mich? Fühlt ihr mich? Hört ihr mich?» Am Ende antwortet der Chor: «Wir hören dich! Wir sehen dich! Wir fühlen dich!»

Nach dem Training damals erzählte ich Rolf, wie sehr mich der Song berührt hatte. Er gab mir einen Grundkurs in Rammstein-Wissen. Als ich nach sechs Wochen wiederkam, spielte Rolf wieder «Ich will» – und suchte ab diesem Tag jedes Mal meinen Blick, nickte mir aufmunternd zu. Er sah mich. Er hörte mich.

Den grössten Teil meines Lebens fehlte mir genau das. Ich war schmerzhaft einsam. Und wie ich heute weiss, kann ein Kind nur im Austausch mit anderen ein stabiles Selbst entwickeln. Essen und eine warme Wohnung allein reichen nicht.

Dann hörte ich meinen Vater: «Ja, heul doch. Dein Heulen ist mir scheissegal!»

Meine Mutter starb bei einem Unfall, als ich neun Jahre alt war. Sie und mein Vater befanden sich da mitten in ihrem Trennungskrieg. Wir wohnten am Stadtrand, die Nachbarn tuschelten über uns. Meinen Vater erlebte ich als Bedro­hung, die Atmosphäre bei uns zu Hause erschien mir immer äusserst gefährlich. Kaum trat ich durch die Wohnungstür, hörte ich meinen Vater schon brüllen: «Du blöde Kuh!» Meine Mutter erwiderte: «Lass mich in Ruhe!» Der Rest ging in ihrem Weinen unter. Dann hörte ich wieder meinen Vater: «Ja, heul doch. Dein Heulen ist mir scheissegal!»

Ich lernte, mich unsichtbar zu machen

Die Luft, die ich einatmete, schien ständig geladen zu sein. Ich lernte, meine Antennen auszufahren und vorzufühlen, wie die Ge­mütsverfassung bei jedem Einzelnen war. Ich lernte auch, mich unsichtbar zu machen und meine Mutter zu trösten.

Schliesslich zog sie mit mir aus, und wir wohnten in den letzten Mo­naten vor ihrem Tod bei ihrem neuen Freund. Seine Wohnung und er blieben mir fremd. Dass meine Mutter gestorben war, teilte die Polizei ihm persönlich mit. Mich fuhren die Beamten in ein Kinderheim. Ich erinnere mich nicht, dass mir das jemand erklärte.

Es war mir schmerzlich bewusst, dass ich kein Zuhause mehr hatte.

Es war schon spätabends, als ich ankam. Eine grau gekleidete Nonne begrüsste mich und führte mich in den ersten Stock. Dort war der Schlafsaal. Das Licht war schon aus. Wir gingen in eine kleine Kammer, und die ältere Frau gab mir ein Nachthemd. Ich war fassungslos – ich trug doch immer einen Schlafanzug! Aber ich konnte nichts sagen. Es war mir schmerzlich bewusst, dass ich kein Zuhause mehr hatte und mich hier niemand kannte.

Ich fühlte mich mutterseelenallein

Als ich im Bett lag, mitten in dem grossen Schlafsaal, hörte ich die anderen Mädchen ruhig atmen. Leise weinte ich in mein Kis­sen. In mir war nur der eine Gedanke: Ich will zu meiner Mama! Ich fühlte mich im wahrsten Sinn des Wortes mutterseelenallein. Dieses Gefühl hat sich in mich eingeätzt wie Säure. Sechs Wochen musste ich in dem Heim bleiben. Niemand besuchte mich. Keine Verwandten, keine Freundinnen mit ihren Eltern, keine Nachbarn. Es fühlte sich an, als wäre ich gelöscht. Mein Vater holte mich einmal ab – zur Beerdigung meiner Mutter. Er nahm mich dann irgendwann wieder zu sich, drohte aber ständig damit, dass ich wieder ins Heim kommen würde, wenn ich nicht artig wäre. Schliesslich schickte er mich in ein Internat.

Jeden Morgen schrieb ich in mein Tagebuch: «Ich kann nicht mehr.»

Mehr als zwei Jahrzehnte später holten mich die Ereignisse von damals wieder ein. Ich war 32, hatte ich schon einige ambulante Therapien und Medikamente hinter mir, ausgelöst durch Zwänge und Depressionen. Als sich dann mein damaliger Freund von mir trennte, verlor ich die Fähigkeit, zu funktionieren. Es fühlte sich an, als hätte man einen Teil von mir herausgerissen. Ich weinte permanent: nach dem Auf­wachen, auf der Toilette im Büro, beim Einkaufen im Supermarkt, auf dem Weg zum Sport und vor dem Einschlafen.

Jeden Morgen schrieb ich in mein Tagebuch: «Ich kann nicht mehr», und jeden Abend: «Ich will nicht mehr.» Die Kontrolle entglitt mir. Ich sass im Bus und konnte nicht aufhören zu heulen, so sehr ich mich auch dagegen wehrte. Es war nicht die erste Krise. Seit dem Tod meiner Mutter hatte ich mein Dasein schon oft als quälend empfunden. Aber nun wollte ich endgültig nicht mehr leben.

Das Unbewusste ist stärker als rationale Gedanken

Freundinnen retteten mich. Weil ich ihnen sagen konnte, wie es mir ging. Weil sie meinen Therapeuten anriefen und Alarm schlugen. Weil sie weinend neben mir auf dem Sofa sassen und mich unter Tränen baten, nicht zu gehen. So kam ich zum ersten Mal in die Klinik. Gott sei Dank gab es dort engagierte Mitarbeiter und eine tiefenpsychologische Behandlung.

Die Worte «Ich will» waren seit dem Tod meiner Mutter Teil meiner DNA. Nur das Ziel änderte sich. Als Kind dachte ich immer: «Ich will zu meiner Mama!» Oder: «Ich will nicht mehr leben!» Oder «Ich will, dass dieses Inferno aufhört!» Mit der von meinem Vater erlernten Disziplin kämpfte ich lange um ein besseres Leben. Als ich mit 32 Jahren zusammenbrach, lernte ich, dass Sigmund Freud in diesem Punkt Recht hatte: Wir sind nicht Herr im eigenen Haus. Nur weil ich etwas will, kann ich es noch nicht. Das Unbewusste ist im Zweifel stärker als rationale Gedanken. Diese Wahrheiten ängstigten mich. Ich musste nicht nur andauernd weinen, ich konnte auch nicht lesen, nicht arbeiten, nicht duschen.

Allein wäre ich nicht darauf gekommen, dass ich seelisch hunger­te.

In den folgenden sieben Jahren gingen mir ständig zwei Sätze durch den Kopf. «Ich will die Depression besiegen», sagte ich mir einerseits. Andererseits dachte ich: «Ich will endlich sterben dürfen». Mit dem Credo, die Krankheit als Weg zu begreifen, wie es manchmal heisst, konnte ich mich nie identifizieren. Überwiegend war es eine furchtbare Zeit, in der ich 40 Kilo zunahm, Hartz IV beantragen und etliche Träume begraben musste. Neben meinen Freundinnen und dem Krankenhaus rettete mich mein neuer Therapeut. Er verstand mich wie noch nie jemand zuvor. Und er sah Zusammenhänge, auf die ich nie gekommen wäre. Wenige Sätze von mir stellten meine Welt auf den Kopf. Sie haben mein Leben so radikal verändert, als hätte man mir bewiesen, dass die Erde doch eine Scheibe ist.

Ein seelischer Hunger, der sich nicht stillen lässt

Eines Tages sagte ich zu ihm: «Ich würde alles dafür geben, um so zu sein wie Christiaan Barnard». Mir war klar, dass er wissen würde, dass der Südafrikaner Christiaan Barnard 1967 als Erster bei ei­nem Menschen ein Herz transplantiert hatte. Ich wählte ein Beispiel aus seiner medinzinisch-psychologischen Fachwelt; in der Hoffnung, dass er diese Analogie nachvollziehen könnte. Er schwieg einen Moment, sah mich ernst an und antwortete: «Doch. Das kann ich verstehen.»

Und ich fühlte, dass es stimmte! Es war, als ob ich meine Empfindungen in den Raum zwischen uns gegeben hätte, und er gab seine dazu und trat so mit mir in Kontakt. Er speiste mich nicht mit typisch therapeutischen Gegenfragen ab: «Warum glauben Sie, dass Sie Aussergewöhnliches leisten müssen?» Oder: «Kommt da nicht ein unrealistischer Grössenwahn durch?» Nein, er teilte mein Gefühl. Ich war endlich nicht länger allein!

Ebenso ins Mark traf mich sein Satz: «Sie haben Hunger, Frau Fuhljahn. Auch im übertragenen Sinn. Das ist die Gier des Säuglings.» Er hatte Recht. Ich fühlte mich, als würde ich verhungern. Nicht nur, wenn ich mich mit Süssigkeiten vollstopfte, sondern grundsätzlich.

Allein wäre ich nicht darauf gekommen, dass ich seelisch hunger­te. Aber nun erforschte ich mit ihm, Sitzung für Sitzung, die unbewussten Auslöser meiner Essstörung und der Depression. Heute kommt mir alles so offensichtlich vor. Damals hatte ich das Gefühl, ständig eine Erleuchtung nach der nächsten zu haben.

Ich war auf dem emotionalen Entwicklungsstand eines vernachlässigten Kindes stehengeblieben.

Warum schlang ich bei meinen Fressattacken vier Stück Sahnetorte herunter? Weil meine Mutter Konditorin war. Meine Lieblingssüssigkeit war immer schon Kinder-Schokolade. Zufall? Nein, sie war ja für Kinder. Auf diesem Weg konnte ich mir völlig gerechtfertigt ein Stückchen Kindheit holen. Warum hatte ich seit dem Auszug bei meinem Vater mehr und mehr Schulden angehäuft, bis ich mit Tausenden von Euro im Minus war? Weil ich immer das Empfinden hatte, dass das, was mir zur Verfügung stand, nicht genug war. Warum wollte ich unbedingt einen Neu­fundländer? Weil diese Rasse an Teddybären erinnert. Warum war ich von sieben Tagen die Woche mindestens fünf auf Achse, beim Uni-Sport, bei Konzerten, beim Pfefferkuchenessen auf dem dänischen Weihnachtsbasar oder bei der Gedenkfeier über die Bücherver­brennung unter den Nazis? Weil ich versuchte, alles in meinen Terminkalender hineinzupressen, was nur irgendwie ging.

«Mehr, mehr», schrie ich innerlich, wie der kleine Häwelmann in dem gleichnamigen Kinderbuch von Theodor Storm. Weil ich nicht verzichten konnte. Weil ich seelisch ein hungerndes Kind war. Als meine Mutter starb, war ich auf dem emotionalen, in­stabilen Entwicklungsstand eines vernachlässigten Kindes stehengeblieben. Durch meinen Therapeuten und die Klinik war dieses Kind endlich nicht mehr allein. Endlich bekam ich fachliche Hilfe von Experten.

Erst kommt das Verständnis, bis zur Veränderung dauert es länger

Entwicklungspsychologisch kommt erst das Verständnis, bis zur Veränderung dauert es lange. Diäten sind dafür ein gutes Beispiel. Dass ich nach vielen Jahren Kampf nun nicht mehr depressiv bin, verdanke ich meinen Freun­den, der Therapie, Medikamenten und dem Sport. Und einem weiteren Grund, der fürchterlich esoterisch klingt: Ich habe gelernt, mich so an­zunehmen, wie ich bin.

An einem Sonntagabend Ende August 2012 lief ich um die Ham­burger Aussenalster. Bei 28 Grad. Hitze vertrage ich schlecht, aber ich musste etwas für die Gesundheit tun und wollte abnehmen. Schon nach den ersten Metern stieg in mir das Gefühl hoch: Ich kann nicht mehr. Also versuchte ich, mich per Kopfhörer zu motivieren: Erst durch Linkin Parks «Faint», dann mit «All I Want For Christmas Is You» von Mariah Carey. Beides half nicht.

Krank zu sein bedeutet Verzicht. Und ich konnte keinerlei Ver­zicht akzeptieren.

Mein Herz klopfte heftig, jeder Schritt schmerzte, mir war schwindelig. Ich musste anhalten. Seit mehr als zehn Jahren joggte ich, bei Regen, Schnee und Sturm, abgebrochen hatte ich noch nie. Nun sass ich auf einer Parkbank im Dunkeln und weinte. Hätte ich ein Handy dabeigehabt, hätte ich einen Krankenwagen gerufen. Ich will das nicht mehr, dachte ich verzweifelt. Und hörte den Satz in mir dröhnen: «Dann musst du dein Seelenheil an die erste Stelle setzen.»

Krank zu sein bedeutet Verzicht. Und da ich meist das Gefühl hatte, zu verhungern, konnte ich keinerlei Ver­zicht akzeptieren, nicht einmal, wenn es darum ging, in der Hitze zu laufen. Während ich auf der Bank sass, strömten die Jogger an mir vorbei. So viel wollte ich auch können! Erst als mein Körper vor Überlastung kapitulierte, schaffte ich es, langsam meine Grenzen anzuerkennen. Hätte ich nicht von meinen hohen Christiaan-Barnard-Anforderungen Abschied ge­nommen, wäre ich die Depression nie losgeworden. Doch krank zu sein ist grauenhaft! So bin ich heute lieber Mittelmass und fühle mich wohl, als überfordert einem Ideal nachzueifern, welches ich nie erreichen kann. Ausserdem habe ich in der Therapie verstanden, dass ich unbewusst Herzchirurgin sein wollte, weil ich meine Mutter dann wenigstens in der Theorie hätte retten können.

Inzwischen gehe ich dreimal die Woche zum Sport. Ein Luxus, meine Welt ist grösser geworden. Im Training bin ich weiterhin der Angsthase. Trotzdem schenken mir Ju-Jutsu und Kickboxen Spass und Erfolgserlebnisse, sodass ich oft einen fröhlichen Abend habe. Wenn ich einen neuen Fusstritt beherrsche (mit dem ich hoffentlich eine Chance gegen Angreifer hätte), fühle ich mich stärker. Darüber freue ich mich dann die ganze Woche. Selbstwirksamkeit nennen Psychologen das.

Mein Trainer Rolf spielt noch ab und zu «Ich will» – und ich freue mich jedes Mal. Inzwischen weiss ich, dass er, der Haudegen, nicht nur Rammstein mag, sondern auch gern in die Oper geht. Er kann sogar sticken. Dafür trage ich seit dem Sommer den orangen Gürtel im Ju-Jutsu. Den Grüngurt will ich auch noch schaffen.» (Süddeutsche Zeitung)

Erstellt: 06.12.2016, 13:43 Uhr

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Blogs

Sweet Home Die perfekte Villa

History Reloaded Der Sound der Schweiz

Abo

Digitale Abos

Den Tages-Anzeiger unbeschränkt lesen:
Neu ab 18.- CHF pro Monat

Die Welt in Bildern

Männchen machen für einen Heiligen: Auf den Hinterbeinen bahnen sich Pferd und Reiter ihren Weg durch die Menschenmenge in Ciutadella auf der spanischen Insel Menorca. Das ist Brauch während des San-Juan-Fests – und wer die Brust des Tieres streicheln kann, soll vom Glück gesegnet werden. (23. Juni 2017)
(Bild: Jaime Reina) Mehr...