Selbstversuch mit Ritalin: 10 Milligramm Arbeitswut

Ritalin ist die Modepille der Leistungsgesellschaft. Welche Wirkungen entstehen können, zeigt ein Selbstversuch.

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Die ganze letzte Woche nahm ich Ritalin. Ich leide nicht an der Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitätsstörung ADHS und bin kein Zappelphilipp. Trotzdem bleibe ich manchmal nicht bei der Sache, an die ich mich erst mit viel Wenn und Aber mache. Ich streife durchs Büro, begutachte das Wachstum der Pflanzen oder büschele Unterlagen. Hänge mit benebeltem Kopf im Sessel und bin froh, wenn möglichst oft jemand den Kopf zur Tür reinstreckt. Anrufe nehme ich dankbar entgegen, ich checke alle halbe Minute die Mails, der Blick geht aufs Handy, von da raus aus dem Büro zur Frau mit dem Hündchen auf dem Balkon vis-à-vis, ich denke mich weiter zu den Geranien empor, verkette mit dem Geranienbalkonkonflikt, über den ich gelesen habe. Ich könnte mich wie Virginia Woolfs «Mrs Dalloway» im Bewusstseinsstrom treiben lassen, den Kopf müde auf die Hand gestützt. Leider ist es aber nicht wirklich entspannend, so in Gedanken verhangen zu sein. Denn ich sollte Artikel fertig schreiben, habe Termindruck und fühle mich äusserst ineffizient.

Solche Tage, an denen man ein Flaneur in Gedanken ist und auf halbem Weg zum Ziel auf der Strecke bleibt oder es nur auf mühsamen Umwegen erreicht, machen noch keine psychoaktiven Medikamente nötig. Im Grunde genommen. Der Leidensdruck, wenn man leisten sollte und nicht kann, mag von Person zu Person variieren. Für viele, die unter keiner diagnostizierten Störung leiden, fühlt es sich behindernd an: Dann greifen sie zu Stimulanzien wie Ritalin. Immer mehr tun es, das zeigen die Medikamentenverkäufe von Ritalin, die sich innerhalb von zehn Jahren verachtfacht haben, das besagen Umfragen. Beliebt ist die pharmazeutische Aufrüstung der Gehirnleistung zunehmend bei Studenten, Ärzten, Forschern, viel reisenden Businessleuten. Auch Mütter von hyperaktiven Kindern drücken manchmal eine kleine weisse Pille aus der Packung und sind dann äusserst positiv überrascht, wie mühelos sie ihrem Kind bei den Schulaufgaben helfen können.

Sogenannte Smart Drugs, Medikamente, die klüger und wacher machen, sind vor einigen Jahren auf dem kulturel len Radar aufgetaucht. Ritalin ist nur eine Substanz unter anderen Neuropsychopharmaka, die zu nicht therapeutischen Zwecken verwendet, oder deutlicher: missbraucht wird. In den USA längst Gegenstand einer öffentlichen Debatte, bürgern sich die englischen Begriffe «Neuro-Enhancement» und «cognitive Enhancement» auch bei uns langsam ein. Damit ist die Steigerung der Hirnleistung gemeint, im Fall von Ritalin: Der Wirkstoff Methylphenidat stimuliert jene Bereiche im Gehirn, die für die Aufmerksamkeitskontrolle und Wahrnehmung zuständig sind. Dadurch kann man sich besser konzentrieren, klarer denken, jeder Anflug von Müdigkeit ist verscheucht. Wenn Ritalin ADHS-Patienten hilft, die leichte Ablenkbarkeit in Bahnen zu führen, die Impulsivität zu mindern, das Herumhaspeln zu beenden, damit sie nicht mehr überall anstossen und anecken, geht es gesunden Konsumenten um nichts anderes als: bessere Performance. Selbstoptimierung.

«Hirndoping», das ist das Wort, das in den Medien herumgeistert. Der Reflex ist, wenn man davon hört: wie verwerflich, ungeheuer, abschreckend. Gleichzeitig strahlt das Wort Leistung, Kraft, Grösse, Sieg aus. Um mitreden zu können, entschloss ich mich, mich in einem Versuch selbst zu dopen. Mein Gehirn sollte so grosse Muskeln kriegen wie Lance Armstrong Wädli hat; und zwar nicht antrainierte Muskeln, sondern neurochemisch erzeugte. Es stellten sich mir nun Fragen wie vor einem Survivaltrip: Würde ich eine Woche durchhalten? Bräuchte ich fortan meine tägliche Dosis Ritalin? Käme ich gar auf Antworten zu den grossen Fragen: Wird die Menschheit dank Pharmatechnologie immer klüger? Sind wir unterwegs zu einer «New Brave Neuro-World»?

Der Energiekick

Ich überredete meinen Hausarzt, mir die kleinste Packung mit dem niedrigst dosierten Ritalin zu verschreiben. Ritalin fällt unter das Betäubungsmittelgesetz, um es in der Apotheke zu beziehen, reicht ein einfaches Rezept nicht. Von Internetbestellungen ist abzuraten. Die Packung enthielt dreissig Pillen à 10 Milligramm und kostete 15.55 Franken. Ich sollte mich an die Dosis von ein bis zwei Tabletten täglich halten, der Abstand zwischen den Einnahmen sollte mindestens vier Stunden betragen. Manche Erwachsene mit einem ADHS schlucken 60 und mehr Milligramm Ritalin pro Tag. Muss ich mit Nebenwirkungen rechnen? Bei dieser niedrigen Dosierung kaum. Was höchstens auftreten könne, seien Kopfschmerzen, der Appetit sei allenfalls kleiner, Schlaflosigkeit, erhöhter Puls. Ich dürfe kein Herz-Kreislauf-Problem haben. Und auf längere Sicht, werden bei meinem Versuch ein paar Hirnzellen absterben? Eine halbe Flasche Wein oder ein Glas Whisky täglich seien schädlicher, kam die beunruhigende Antwort. Nach neustem Wissensstand gäbe es bei Kindern, die über Jahre mit Ritalin behandelt werden, keine neurologische Schädigung. Bei gesunden Personen seien die Langzeitfolgen eines regelmässigen Konsums bisher zu wenig erforscht.

Mittwochmorgen, neun Uhr, ich schlucke die ersten 10 Milligramm Arbeitswut und Selbstdisziplin. In den nächsten Minuten wird der Wirkstoff Methylphenidat die Wiederaufnahme des Neurotransmitters Dopamin in meinen Nervenzellen hemmen. Nach zirka Dreiviertelstunden spüre ich den Energie-Boost in Kopf und Körper. Das Herz schlägt kräftig. Es stellt sich eine Art Hochgefühl ein, die ersten zwei Stunden ansteigend, eine leicht euphorisierende Wirkung. Ich möchte aufspringen und mich bewegen, wenn mir die Arbeit am Computer nicht verlockender erscheinen würde. Erst als es nach zwei Stunden an der Bürotür klopft, schrecke ich auf. Meine Gesichtshaut spannt, ich muss regungslos auf den Monitor gestarrt haben, habe mich geistig verzahnt mit dem Text. Dass ich auf die Toilette muss, ist ein lästiges körperliches Bedürfnis.

Meine Beine tragen meine Gedanken wie ein Wiesel durch den Flur, meine Gedanken haben Beine. Am Mittag habe ich leider eine Verpflichtung und muss meine wunderbare Arbeit verlassen. Während des Stehlunches mache ich intensiven Smalltalk. Bin ich zu hektisch? Wirke ich angetrieben? Ich habe das Gefühl, ich sperre meine Augen auf und verschlucke das Gegenüber beinahe, fixiert auf sein Gesicht. Blinzeln!

Abends ist es noch immer so, als zöge ein Magnet all meine Gedanken an. Als ich das Nachtessen einkaufen gehe, kreise ich nicht drei Stunden lang um die Regale, unentschieden, ob ich Tomaten oder Gurken kaufen soll. Ich weiss plötzlich klar, was ich will. Überhaupt kein Kochtalent, probiere ich zum ersten Mal seit Langem etwas Neues aus. Ein Psychiater hat mal erzählt, wie er einem Patienten während dessen Abschlussprüfung Ritalin verschrieb; zum ersten Mal gelang dem Bäckerlehrling der Tortenboden, endlich fiel der Teig nicht mehr auseinander. Die Pille macht fähiger. Selbstbewusst. Mein Freund erzählt irgendwas, ich sehe, wie er die Lippen bewegt. Aber ich klebe mental an anderem. Ich denke zum Beispiel, dass ich erst in zwölf Stunden wieder im Büro bin und an meiner Arbeit sitzen kann. Hunger, das habe ich an diesem Abend. Und weil ich auf eine weitere Pille später am Tag verzichtete, schlafe ich auch gut.

Selbstgenügsamkeit

Anderntags spüre ich einen kleinen Widerstand, ein erneutes Ritalin zu schlucken und mich ans Schreiben zu machen. Ich werde in den kommenden Stunden die Welt ausschliessen, ob ich will oder nicht. Ich will, sobald das Methylphenidat wirkt. Werde ganz selbstgenügsam. Wenn Ritalin süchtig machen würde, dann nach diesem Angetriebensein am Anfang. Es fällt mir beim Schreiben viel leichter, Entscheidungen zu treffen. Braucht es dieses Statement, wo setze ich den Schwerpunkt? Die Worte vermehren sich ungebremst. Andererseits denke ich weniger zusammenhängend. Ich hafte an den Abschnitten, bringe sie nicht in einen grossen Zusammenhang. Das Denken ist wie ein Laser, zu konzentriert, als dass es bis zum nächsten Abschnitt reicht. Alles jenseits des Computerbildschirms behindert. Werfe ich trotzdem einen Seitenblick, bleibe ich einen Moment lang hängen. Stehe neben dem Bücherregal, bis ich nach einigen Minuten merke, dass ich noch immer dastehe und vergessen habe, was ich wollte. Ich falle in eine Art neurochemisch gestützte Instant-Meditation. Ich erreiche einen Grad der Versunkenheit, der anachronistisch anmutet. Man ist sich heute gewohnt, mehrere Tätigkeiten miteinander zu verrichten. Wird man im Büro nicht von jemandem unterbrochen, unterbricht man sich nach ein paar Minuten selbst. Ein Neuro-Enhancer wie Ritalin reduziert die Wahrnehmung radikal: Der einzige Link, mit dem ich noch verbunden bin, ist der Text, an dem ich gerade schreibe. Ihm gilt mein alleiniges Interesse.

Wie oft bei chemischen Substanzen, die eine gewisse Ausstrahlung haben, gibt es auch zu Methylphenidat eine hübsche Entstehungsgeschichte. Erfunden, das heisst synthetisiert, wurde der Wirkstoff 1944 von Leandro Panizzon, einem Mitarbeiter des Pharmakonzerns Ciba, heute Novartis. Im Selbstversuch testete er die Substanz zusammen mit seiner Ehefrau Marguerite, die alle nur Rita nannten. Auf ihr beruht der Handelsname von Methylphenidat: Ritalin. Überliefert ist, dass Marguerite merkte, wie sie unter dem Medikament besser Tennis spielte. Ritalin kam 1954 auf den deutschsprachigen Markt und wurde zuerst als mildes Psychotonikum verwendet, das gegen erhöhte Ermüdbarkeit hilft. Seine Wirkung galt als vergleichbar mit einem Stärkungsmittel wie Koffein. Am Anfang erhielt man Ritalin sogar rezeptfrei. Erst 1971 wurde es dem Betäubungsmittelgesetz unterstellt.

Meine Affäre mit Rita ist drei Tage alt. Albert Hofmann nannte seine ambivalente Beziehungsgeschichte zu seiner Entdeckung «LSD, mein Sorgenkind». Für den Ecstasy-Erfinder Alexander Shulgin war sein Verhältnis zu MDMA (Ecstasy) nichts weniger als «A Chemical Lovestory». Verständlich, dass das Methylphenidat Ritalin noch keine Liebeserklärung in Buchform erhielt. Gut, es wurde zu therapeutischen Zwecken entwickelt. Aber anders als das Halluzinogen LSD und das Emotionen intensivierende Amphetamin Ecstasy, die als stark wahrnehmungsverändernd und rauschhaft gelten (und heute für therapeutische Zwecke getestet werden), steht Ritalin nicht im Ruf einer Verführerin. Man wird nicht verführt zu Fantasien. Darum ist die Substanz für Tätigkeiten geeignet, die stark rational und strukturiert sind, Fleiss und eine hohe Konzentration erfordern. Chemieformeln büffeln, Paragrafen auswendig lernen, zehn Stunden im OP stehen, nach einem langen Flug einen Vortrag halten. Tatsächlich, am dritten Tag schlucke ich die Pille abends, und der angestaute Bürokram erledigt sich bis spät in die Nacht wie von selbst.

Hedonistisch, so viel ist bereits klar, macht die Pille nicht. Drogen werden gerne Generationen zugeteilt: LSD steht für die Rebellion gegen den bürgerlichen Mief in den Siebzigerjahren. Mit Kokain plusterten die Yuppies in den Achtzigern ihr Ego auf. Ecstasy gehörte der Neunziger-Spassjugend. Konsumenten von Neuropsychostimulanzien wie Ritalin, so die Kurzformel, erhoffen sich einen Gewinn der geistigen Produktivität. Als Droge der Vernunft passt Ritalin in unsere auf Leistung und Effizienz getrimmte Zeit. Man vergnügt sich nicht mit Ritalin, das wegen seiner Eigenschaften auch als Mikro- oder Nano-Kokain gilt. Man fühlt sich grossartig, hält vieles für machbar. Man überschätzt sich vergleichbar schnell. Kaum Selbstzweifel. Weil sich die Leistungsbereitschaft auf den Körper überträgt, ist Ritalin in der Partyszene angekommen. Nach der Einnahme steigt die Pumpkraft des Herzens, die Muskulatur wird besser durchblutet. Ich gehe mehrmals joggen und renne sogar die vielen Treppenstufen zu meinem Wohnquartier hoch, was ich noch nie geschafft habe. Als wären an meinen Füssen Sprungfedern befestigt.

Smart Drugs für alle?

Während des Selbstversuchs trinke ich keinen Tropfen Alkohol, wie auf der Packungsbeilage empfohlen. Ich habe das Gefühl, sehr gesund zu leben, trotz der täglichen Ration Chemie. Kein Ethanol, das die Gedanken vernebelt und die Sinne berauscht, stattdessen Chili im Gehirn. Warum sie nicht einfach Kaffee und Red Bull trinken würden oder es mit Traubenzucker und Koffeintabletten probieren, werden Studenten, die dem pharmazeutischen Hirnfutter zugeneigt sind, in Internetforen oft gemahnt. Die dopenden Studenten könnten die Frage umdrehen: Was ist besser an anderen Aufputschmitteln? Steigern wir unsere Hirnfunktion nicht die ganze Zeit? Was ist mit Brainfood, der mit Zusatzstoffen angereicherten Nahrung? Sie könnten soweit gehen und fragen: Gehören zu Leistungsfähigkeit nicht auch eine gute Bildung selbst, ein bewusster Lebensstil, genügend Schlaf?

So argumentierten Neurologen, die vorschlagen, Neuropharmaka zur Leistungssteigerung in einem Kontinuum von Innovationen zu sehen, mit denen der Mensch sich und sein Dasein verbessern will; vergleichbar mit den Möglichkeiten der Informationstechnologie.Sie sagen: Die Gesellschaft muss auf das wachsende Bedürfnis nach kognitivem Enhancement antworten. Dann können wir alle profitieren. Wichtig ist, dass gesunde Konsumenten risikobewusst umgehen mit den Substanzen. Diese sind konsequenterweise freizugeben.

Die bösen Pharmafirmen

Es gibt ethischmoralische Bedenken. Würden sich meine Arbeitskollegen betrogen fühlen, wenn ich aufgrund meines täglichen «Vitamin R» zum Frühstück dreimal so viel schreiben würde wie sie? Das Hirndoping sei eine Form des Mogelns und verfälsche die Konkurrenzsituation, wird in der Diskussion um leistungssteigernde Substanzen an Unis und in Schulen oft gesagt. Wer sich das Ritalin nicht leisten kann oder will, ist von vornherein benachteiligt.

«Eine technische Neuerung wie das Mobiltelefon besassen am Anfang auch nicht alle. Jene, die es sich leisten konnten, waren begünstigt. Sie hatten je nach Beruf beim Bewerbungsgespräch einen handfesten Wettbewerbsvorteil», sagt der Philosoph Thorsten Galert, der sich an der Europäischen Akademie GmbH in Bad Neuenahr-Ahrweiler mit ethischen Fragen rund um das Hirndoping beschäftigt. Derzeit koordiniert der 39-Jährige eine interdisziplinäre Projektgruppe zu den Potenzialen und Risiken des pharmazeutischen Neuro-Enhancements. Ungleiche Voraussetzungen, das gehöre zum Leben: «Wenn es um kognitive Fähigkeiten geht, kann ohnehin nicht von Chancengleichheit die Rede sein. Wer das Geld besitzt, veredelt seine geistigen Ressourcen durch exklusive Bildungsangebote.» (Genauso, könnte man anfügen, verhält es sich mit der Schönheitschirurgie: Wer über die Mittel verfügt, kann sich den Körper in Form bringen lassen.)

Kann man eine Arbeit als Schwindel empfinden, die unter Ritalin geschaffen wurde, weil sie nicht «aus eigenen Kräften» zustande kam? Es gehe in diesem Fall nicht um meine Person, antwortet der Neuroethiker. Sondern um ein Ergebnis, das auch anderen zugute käme. «Anders ist es, wenn im Sport gedopt wird. Das ist ein zweckfreies Geschehen, wo man für die Leistung an sich Anerkennung erhält.» Deshalb wäre es auch absurd, einem Nobelpreisträger, der mit der Beichte an die Öffentlichkeit tritt, seinem Geist pharmazeutisch auf die Sprünge geholfen zu haben, den Preis abzuerkennen. Die Forschungsarbeit hat einen Wert losgelöst von ihrem Entstehungsprozess; sie nützt im besten Fall der Gesellschaft, der egal sein kann, ob geistige Muntermacher mit im Spiel waren. (Die Weltliteratur wäre ärmer ohne all die Werke, aus denen der Rausch spricht.) Galert, der trotz seiner liberalen Sicht noch nie Ritalin oder ähnliche Stimulanzien geschluckt hat, «was manche Leute erstaunt», spricht dann auch nicht gerne von «Hirndoping». Der Begriff ist zu negativ. Zu einer neutralen Debatte gehört zu hinterfragen, was «aus eigenen Kräften» heisst: «Die Kritiker sind von einem Pathos bewegt, das nur gelten lässt, was ‹im Schweisse meines Angesichts› geschaffen wird.» Dieses puritanische Ethos schreibt vor, dass man an der Arbeit zu leiden hat und sie mit den gottgegebenen Fähigkeiten ausführt und erduldet.

Mit dem Unbehagen gegenüber dem Neuro-Enhancement, sagt der Philosoph, gehe letztlich ein generalisiertes Pharmabashing einher. Synthetischpharmazeutisch hergestellte Substanzen würden Naturprodukten gegenübergestellt, ohne zu bedenken, dass auch diese Gifte enthalten, siehe Johanniskraut gegen depressive Verstimmungen, siehe Gingko fürs Gedächtnis. Hat die Pharmaindustrie an diesem Markt der Gesunden denn nicht ein wachsendes Interesse? Sicher, sagt Galert. Gerade deshalb sei eine öffentliche Debatte dringend nötig. «Wenn weiterhin breite Kreise Neuro-Enhancement ablehnen, werden die Pharmafirmen unter dem Deckmäntelchen forschen, dass sie es für therapeutische Zwecke tun. Man würde neue Krankheiten erfinden, wenn etwas nur ein bisschen von der Norm abweicht. Das wird uns nur erspart bleiben, wenn man offen forschen kann.» Allerdings wären strengere Richtlinien nötig: Beim Nachweis der Sicherheit und Wirksamkeit für Gesunde müssten noch höhere Standards angelegt werden als bei Medikamenten, mit denen man Krankheiten bekämpfe. Galert: «So könnten wir die Doppelmoral, die um sich greift und die wir im Radsport haben — alle tun es, keiner gibt es zu — vermeiden.»

Ein Tag zu Hause. Manche Konsumenten berichten, dass sie unter Ritalin die Wohnung blitzblank geputzt oder die CD-Sammlung minuziös alphabetisch geordnet haben. Kanalisiert man die Aufmerksamkeit nicht auf die Aufgabe, die man erledigen muss, profitieren nebensächliche Tätigkeiten davon. Aufpassen. Ich will den Moment des kognitiven Höhenflugs nutzen und etwas Anspruchsvolles lesen. Nietzsche im Büchergestell hat bisher einzig Besucher beeindruckt, mich machte er nach drei Seiten nervös. Und plötzlich sitze ich seit einer Stunde auf dem Sofa und lese Nietzsche. Ich scanne «Menschlich, Allzumenschliches» nicht nach Schlüsselwörtern, so wie man heute online liest, sondern lese die Seiten von Anfang bis Ende, Satz für Satz, lese Gedanken auf wie reife Birnen, sammle sie ein. Ich schweife nicht ab zur Einkaufsliste oder dem gestrigen Abend, und selbst die Musik, die im Hintergrund läuft, habe ich völlig ausgeblendet. Ich höre sie und höre sie doch nicht. Ich interessiere mich nicht für sie. Würde ich wohl die dreihundert Bücher, die ich für die Literaturprüfung im Studium lesen musste, heute noch ohne Hirndoping bewältigen? Ich bräuchte sicher länger als damals, als man weniger multitasking war; als ich mich noch über die Telefonleitung ins Internet einwählen musste und nur zweimal täglich E-Mails checkte.

Nichts für Flaneure

Dahin will ich nicht zurück. Ich mag dieses Vernetzt- und Angezapftsein, die permanent strömenden Impulse. Interessant ist nicht die Frage, ob die totale Beanspruchung unserer Aufmerksamkeit schlecht ist, da man den Prozess sowieso nicht rückgängig machen kann. Sondern: Wäre es nicht grossartig, wenn man gleichzeitig dank Ritalin wieder diesen hohen Grad an Konzentriertheit erlangen kann?

Man muss sich andererseits fragen, ob Konzentration wirklich in allen Lebenslagen so erstrebenswert ist. Weil ich es gerade zur Hand habe, lese ich im Büchlein «Warum Denken traurig macht» von George Steiner. Er schreibt, dass absolute Konzentration nicht nur zu Erschöpfung, sondern langfristig auch zu einem geistigen Zusammenbruch führt, Beispiel Mathematiker und Schachmeister. Deshalb würden es «Wunderkinder auf dem Gebiet des Gedächtnisses» selten «zur Reife» bringen. Geistiges Mäandern führt zu gesunder persönlicher Entwicklung. Sich mit biegsamem Geist einlassen auf Gedanken, die in die Quere kommen, fördert eine Art von intuitiver Klugheit. Das «unwillkürliche, vielgestaltige Wellenspiel gewöhnlichen Denkens» bildet auch einen Schutzschild, schreibt Steiner: «Es ermöglicht uns, auf die spontanen, oft formlosen Ansprüche und Reize des Alltags mehr oder minder adäquat zu reagieren. Die Eruptionen konzentrierten Denkens, der Zwang zu absoluter Fokussierung könnten das Risiko nachfolgender geistiger Erschöpfung oder Beeinträchtigung in sich tragen. Gewissen Denkintensitäten haftet etwas Monomanisches an (Laser können Verbrennungen hervorrufen).»

Ja, und weil die scharfen Denkstrahlen alles wegschneiden, was belasten könnte, scheint eine Empfindung wie Traurigkeit gerade unerreichbar. Es leuchtet ein, dass Ritalin schon als Antidepressivum verwendet wurde. Auch jede Melancholie geht auf Kosten der Superkonzentriertheit. Verloren geht, was eigentlich inspiriert. Unter Ritalin wäre ich kaum zwei Stunden lang durch den Friedhof Montparnasse in Paris flaniert, und ich hätte meinen Schatten, der in der Abendsonne auf die Grabsteine fiel, nicht mal bemerkt. Flirten wäre nicht wie ein Schmetterling, den man zu fangen versucht, sondern angestrengt und aggressiver. Ich würde mich nicht mehr gedankenlos verlieben mit einem schon fast körperlichen Wissen, sondern mit Verstand. Scharf denken macht unfrei: rumblödeln, absurde Ideen entwickeln? Nein. Auf sich selbst zurückgeworfen, wird auch das Schreiben eng. Man hinterfragt sich nicht, tritt keinen Schritt zurück; die Kehrseite der fehlenden Selbstzweifel. Das Resultat: «unreif» im Sinne Steiners.

Das fokussierte Bewusstsein bringt weniger Magie hervor. Die Kernszene in «Die Suche nach der verlorenen Zeit» gäbe es wohl nicht, wenn Marcel Proust sein Werk — sieben Bände, 1,5 Millionen Wörter — unter Ritalin geschrieben hätte. Die Stelle, an der ein teedurchtränktes Madeleine den Erzähler in seine Kindheit zurückkatapultiert und eine Kette von Erinnerungen auslöst, ist ein Moment purer Ablenkung und Zerstreuung. Ritalin hätte auch Proust Scheuklappen angelegt. Man träumt sich nirgendwohin. Genauso fehlt die Musse zum Rumliegen, sich langweilen. In die Badi gehen oder arbeiten? Arbeiten! Wenn Ritalin ADHS-Betroffenen hilft, sich zu organisieren, nicht ständig ihren Impulsen nachzugeben und das zu tun, worauf sie gerade Lust haben, so wirkt es bei mir als Triebkontrolle. Immerhin habe ich während dieser Woche privat eine neue Form der Bezogenheit gefunden. Wir spielen nun allabendlich Schach. Schnell bin ich im Besitz von zwei Rösschen.

Der Zustand, in den mich Ritalin während sieben Tagen versetzt, könnte das treffen, was der Neuropsychologe Hennric Jokeit «Abstraktion des Ich von sich selbst» nennt. Im Essay «Neurokapitalismus» beschreiben er und die Journalistin Ewa Hess ein Zusammengehen von Kapitalismus, Neurowissenschaft und pharmazeutischer Industrie. Der Wohlstandskapitalismus hat dazu geführt, dass wir uns unablässig selbst verwirklichen wollen. Das erleichtern uns heute Neuropsychopharmaka, die das emotionale Erleben modulieren und die aufmerksamkeitsökonomische «Fitness» verbessern. «Angebot und subjektive Bedürftigkeit erzeugen einen Markt, der Milliarden umsetzt und dort expandieren wird, wo sich das postpostmoderne Selbst in der Leistungsgesellschaft defizitär erlebt, also in Schule, Ausbildung, Beruf, Partnerschaft und im Alter.»

Beschleunigungstechnologien der Globalisierung wie Handy, Flugzeug und Internet zwingen uns, unsere Aufmerksamkeit chemisch zu beeinflussen. Nach der Rationalisierung von Raum und Zeit folgt der Angriff aufs Ich: Ritalin befähigt, persönliche Grenzen zu überwinden, um Schritt halten zu können. Gleichzeitig wird so die kapitalistische Produktivität gesteigert. Jeder Chef hätte Freude, wenn er meinen Arbeitseinsatz sähe. Andere Bedürfnisse werden vernachlässigbar. In Jokeits Worten: «Mit der Pharmakologie zur kognitiven Leistungssteigerung werden Human Resources auf neuronaler Ebene des Selbst angezapft. Was folgt, ist die Abstraktion des Ich von sich selbst.»

Der Neuropsychologe hatte mir das zuvor am Telefon erläutert. Ich rief ihn in nüchternem Zustand an, das heisst: an einem Tag, an dem meine Gedanken auseinanderstieben wie aufgescheuchte Hühner. Hätte Ritalin geholfen? Jokeit wirkt gelassen. Wenn ein Botoxarzt das Nervengift an sich selbst ausprobiert, kann man auch bei einem Neuroexperten davon ausgehen, dass er die Substanzen schon mal getestet hat; wohl genauso wie ein ADHS-Spezialist, der sie seinen Patienten verschreibt. Der Dozent der Uni Zürich kritisiert zwar das Neurozeitalter, sagt aber: «Mit Psychostimulanzien wird nicht krimineller umgegangen als früher. Abgesehen davon, dass Aspirin letztlich gefährlicher ist als Ritalin, hat es das Bedürfnis nach Energie-Boosters immer schon gegeben, auch vor fünfzig und mehr Jahren.»

Neuro-Zukunft

Ausser dem rasanten Anstieg der Ritalinverkäufe, die man nicht mehr nur auf eine Zunahme von ADHS-Kindern zurückführen kann, gibt es für die Schweiz keine Zahlen. Beispiele wie dasjenige des Mediziners, der eine Praxis aufbaut «und es ohne Modafinil nicht schaffen würde», bekommt man schnell erzählt. Modafinil ist ein weiteres Medikament, das zur Leistungssteigerung zweckentfremdet wird. Damit wird eigentlich die Schlafkrankheit Narkolepsie behandelt, die einen mitten am Tag umkippen lässt. Gesunde hält es bis zu 32 Stunden wach und bei sehr klarem Bewusstsein, weshalb die Substanz auch für Schichtarbeiter, Langstreckenpiloten und Soldaten geeignet ist. Modafinil fällt nicht unter das Betäubungsmittelgesetz. Es soll auch bei uns stark im Kommen sein und Ritalin langsam ablösen.

In den USA dopen sich auf manchem Campus bis zu 25 Prozent der Studierenden mit verschreibungspflichtigen Stimulanzien. In einer Umfrage im April 2008 wollte die Fachzeitschrift «Nature» von ihren Lesern wissen, wie viele schon Ritalin oder Modafinil geschluckt haben, um ihren Fokus und ihr Gedächtnis zu schärfen. Jeder Fünfte hatte schon. Nur halb so viele verwendeten die Medikamente therapeutisch. 86 Prozent der 1400 Teilnehmer fanden, dass gesunden Erwachsenen der Zugang zu Smart Drugs erlaubt sein sollte und sahen in den leichten Nebenwirkungen ein akzeptierbares Risiko. Eine Umfrage in Deutschland zu «Doping am Arbeitsplatz» wiederum ergab, dass 13 Prozent Medikamente gegen Konzentrations- und Aufmerksamkeitsstörungen einnehmen (DAK-Gesundheitsreport 2009). Noch sind Psychopharmaka gegen Angst, Unruhe und Nervosität mit 44 Prozent viel beliebter.

Am vierten Tag fühle ich mich zum ersten Mal ausgebrannt. Ich will die Pille erst am Nachmittag schlucken. Um wacher und aktiver zu werden, wäre jetzt zwar ein Ritalin nötig. Nur mit der nahtlosen Einnahme vermeide ich den «Rebound», wie man den Zustand nach Nachlassen der Wirkung nennt, den Sturz in ein Energieloch. Beginnt die Pille zu wirken, verschwinde ich im Text. So geht es weiter, am fünften, sechsten, siebten Tag. Es schreibt und schreibt und schreibt.

Die ganze letzte Woche nahm ich Ritalin. Mit Ausnahme von mal 15 und mal 20 Milligramm immer nur eine Pille. Obwohl es an müden Tagen von Vorteil sein kann, sich an die Arbeit zu setzen, ohne einen Sinn zu hinterfragen, hat das Gefühl der Hyperfokussiertheit rückblickend etwas Erschöpfendes. Das Medikament eignet sich dann, wenn man sich an eine Tätigkeit peitschen muss und sich von jeder Mücke ablenken lässt. Aufgeputscht, erlebte ich das Zwischenmenschliche als eher mühsam. Leider wurde ich nicht zur Superwoman. Wie hat der Philosoph Thorsten Galert die Vision, dass wir dank Neuro-Enhancement immer klüger werden, relativiert? «So eine Pille verhilft Ihnen nicht zu geistigen Kräften, die Ihr Potenzial erheblich übertreffen. Sondern Sie schöpfen damit Ihre Fähigkeiten aus und zeigen Ausdauer beim Aufrufen Ihrer Leistungsfähigkeit.»

Klarer hätte man es auch unter Methylphenidat nicht sagen können. Geh jetzt, Rita.

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(Erstellt: 14.08.2009, 14:52 Uhr)

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