Sie haben 1000 Touren abseits der Skipisten vermessen

Seit zehn Jahren erkunden die Snowboarder Markus von Glasenapp und Nicolas Fojtu die Wildnis der Alpen. Ihr neuer Tourenatlas Schweiz enthält informative Grafiken und Karten.

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Am Anfang des langen Weges zum «Ski- &-Snowboard-Tourenatlas Schweiz» stand die Lust junger Erwachsener, dem Rummel auf den Skipisten zu entfliehen und auf eigene Faust die wilde Natur in den Bergen zu entdecken. «Wir sind mit einer gewissen Naivität und Mut auf unsere ersten Touren gegangen», gesteht der 33-jährige Nicolas Fojtu im Rückblick. Doch der junge Zürcher erkannte bald, wie schnell das grosse Vergnügen, abseits planierter Pisten im Tiefschnee zu «surfen», in die tödliche Gefahr von Lawinen und Schneebrettern umkippen kann. Ein Glück für Fojtu war, dass er sich im Studium an der Hochschule für Gestaltung und Kunst Zürich mit Markus von Glasenapp, einem jungen, bereits erfahrenen Berggänger, anfreundete.

Enkel eines Bergbuch-Autors

Von Glasenapp stammt aus einer berühmten bayrischen Bergsteigerfamilie. Sein Grossvater Walter Pause war ein bekannter Autor von Bergbüchern mit gut illustrierten Routenbeschreibungen. Sein Onkel Michael Pause moderiert im Bayrischen Rundfunk das populäre TV-Magazin «Bergauf-Bergab». «Wenn wir mit Verwandten zu Tisch sassen, wurde nur über Berge geredet», erinnert sich der 32-jährige von Glasenapp an seine Jugend. Schon im Alter von zehn Jahren hatte ihn sein Vater auf Skitouren mitgenommen. Er schenkte dem Sohn auch die ersten Schneeschuhe, als dieser mit 16 von Tourenski auf das Snowboard umsattelte.

Von Zürich aus begannen Fojtu und von Glasenapp die Schweizer Alpen systematisch nach Touren zu erkunden, die sich für Snowboarder eignen. Sie besuchten Kurse über Lawinengefahren sowie Wetterkunde und studierten vorhandene Führer über Skitouren. Was sie im Studium der visuellen Kommunikation lernten, setzten sie 2006 in ihrem ersten Tourenführer «Helvetic Backcountry» um; er ist auf Bedürfnisse von Snowboardern zugeschnitten. Als sie bei Verlagen, die Bergliteratur herausgeben, vorsprachen, hiess es: Von diesem «Nischenprodukt» könne man bestenfalls 500 Exemplare absetzen. «Wir liessen uns nicht abschrecken, trieben in unseren Familien Geld auf und druckten 3000 Exemplare von ‹Helvetic Backcountry› im Eigenverlag», sagt Fojtu. Das Risiko, das sie eingingen, hat sich gelohnt. Die Auflage ist bis auf 400 Stück verkauft. Die privaten Darlehen zahlten sie nach einem Jahr zurück.

Alles Nötige auf Landkarten

Der Erfolg stachelte Fojtu und von Glasenapp an. Sieben Jahre nach dem Erstling bringen sie im Eigenverlag ein umfassendes Werk auf den Markt. Im «Ski-&-Snowboard-Tourenatlas Schweiz» haben sie 1000 Routen mit über 1600 Wegpunkten und Schlüsselstellen auf 400 Gipfeln erfasst. Die beiden sind sich bewusst, dass in der Schweiz in bestehenden Führern «so gut wie alle Routen auf jeden Berg beschrieben sind». Aber ihr Atlas berücksichtigt, dass sich im Zeitalter von Internet und Handy Berggänger anders verständigen und informieren als ihre Vorfahren. «Text wird immer mehr von Bildern und Grafiken konkurrenziert», schreiben sie im Vorwort.

Ihr Atlas besteht aus einem grossformatigen, reich bebilderten Buch und 30 Landkarten mit allen nötigen Informationen für unterwegs. Dieser Führer beschreibt nicht seitenlang, wie man vom Tal auf dem richtigen Weg zum Gipfel gelangt und wo man mit Ski oder Snowboard hinunterkurven soll. Stattdessen liest der Nutzer aus farbigen Grafiken, wie steil im Durchschnitt das Gelände einer Tour ist, wie viele Höhenmeter zu überwinden sind und wie lange der Aufstieg und danach die Abfahrt dauern.

Auf den Swisstopo-Karten im Massstab 1:35'000 sind nicht nur die verschiedenen Routen mit ihrem Schwierigkeitsgrad eingezeichnet; hier erfahren Tourengänger auch, was sie an markierten Schlüsselstellen beachten müssen oder wo sich Unterkünfte und Haltestellen von Postautos und Bahnen befinden.

Im Postauto zur Tour

Als visuelle Kommunikatoren haben die Autoren des Tourenatlasses auch Anwendungen für Smartphones entwickelt. «Aber auf einer Tour gibt es nichts Verlässlicheres, als eine gute Landkarte aus Papier in der Tasche zu haben, die weder auf einen nahen Funkmast noch auf einen Akku angewiesen ist», sagt von Glasenapp. Lawinenexperten sowie Fachleute von Moutain Wilderness und des Schweizer Alpen-Clubs haben Kapitel über Lawinenkunde, Wildschutz, Energieverbrauch im Wintersport und SAC-Hütten beigesteuert. Der Tourenatlas regt seine Nutzer an, mit der Natur in der winterlichen Wildnis schonend umzugehen. So sind nur Touren in Gebieten erfasst, die mit dem öffentlichen Verkehr erreichbar sind, und auf den Tourenkarten fehlen Hinweise zu Parkierungsmöglichkeiten für Autos.

«Wir sind grün angehaucht, aber keine Autohasser», beschwichtigt Fojtu. Wenns nicht anders geht, fährt auch er mal mit dem Auto zu einer Tour. Fürs schwyzerische Wägital, wo Tourengänger an schönen Winterwochenenden die schmale Strasse um den Stausee «zuparken», enthält der Atlas jedoch einen sportlichen Ökotipp: «Auch wenn das Postauto leider nicht bis ans südliche Ende des Sees fährt, können die letzten Kilometer (…) per Mietvelo bewältigt werden.» Der Gasthof bei der Endstation der Postautolinie vermiete Velos, beteuert Fojtu. (Tages-Anzeiger)

Erstellt: 10.11.2013, 17:28 Uhr

Der Tourenatlas Schweiz ist im Buchhandel und beim Verlag Fojtu & von Glasenapp zum Preis von 100 Franken erhältlich. Bestellungen über die Website Helveticbackcountry.ch.

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