Sie wollen alles – aber keine Kinder

Vor allem gut ausgebildete Frauen bleiben zunehmend kinderlos – gewollt. Sie werden deshalb gern abschätzig behandelt oder bemitleidet. Dabei zeigt ihre Entscheidung ein politisches Problem auf.

Das kinderlose Leben geniessen: Eine Frau liest im Berliner Mauerpark ein Buch. (Symbolbild)

Das kinderlose Leben geniessen: Eine Frau liest im Berliner Mauerpark ein Buch. (Symbolbild) Bild: Keystone

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Manchmal liefert Google mehr als das, wonach man gesucht hat. Tippt man die Wörter «childless women» im Begriffsfeld ein, ergänzt die Suchmaschine von selbst «are selfish». Womit also da ­steht: «Kinderlose Frauen sind egoistisch.» Das wollte man gar nicht wissen, aber Googles Algorithmus hat schlicht das angeboten, was im Zusammenhang mit Nichtmüttern am häufigsten erwähnt wird, und das ist offenbar: egoistisch.

In den USA tritt aber gerade eine ­Autorin an, die Kinderlosigkeit zum Schlüssel fürs weibliche Glück zu er­klären. Und sorgt damit für helle ­Auf­regung. In der aktuellen Titel­geschichte des «Time Magazine» schreibt Lauren Sandler, selbst Mutter, ein ­kinderfreies Leben mache es für Frauen erst möglich, alles zu haben («The ­Childfree Life – When Having It All Means Not Having Children»). Mit ­«Having It All» nimmt sie Bezug auf ­Hillary ­Clintons ehemalige Beraterin ­Anne-Marie Slaughter, die vor einem Jahr erklärt hat, dass sie wegen ihrer Kinder ihre Karriere aufgeben werde – weil es für Frauen immer noch un­möglich sei, beides zu vereinbaren («Why Women Still Can’t Have It All»).

Ein neuer weiblicher Archetypus

Anlass für Sandler, sich des Phänomens Kinderlosigkeit anzunehmen, sind in erster Linie nackte Zahlen: Noch nie, seit Geburten statistisch erfasst werden, kamen in den USA so wenige Kinder zur Welt wie in den vergangenen Jahren. Seit den 90er-Jahren hat sich die Anzahl kinderloser Frauen verdoppelt, aktuell ist jede fünfte Frau bis 45 kinderlos. Und Sandler schreibt nicht über ungewollte Kinderlosigkeit, sondern über Frauen, die mitunter schon im Teenageralter wussten, dass sie keine Lust auf Kinder haben, und die bewusst auf die Gründung einer Familie verzichten.

Sandler schreibt: «Diese Frauen er­finden gerade einen neuen weiblichen Archetypus. Einen für jene Frauen, für die ‹alles haben› eben gerade keine Kinder bedeutet.» Abgesehen davon, dass Frauen keine Archetypen brauchen und dass «having it all» – ob mit oder ohne Kinder – ein einigermassen naiver Anspruch ans Leben ist, gibt Sandler einer stetig wachsenden Minderheit unter den Frauen eine Stimme; vor allem, weil sie nicht wertet, sondern den Motiven der kinderlosen Frauen auf den Grund ­gehen will.

Weiblicher Ansturm

Fest steht, dass gewollte Kinderlosigkeit in engem Zusammenhang mit höherer Bildung steht. Das ist auch in der Schweiz so. Die Zahlen hier sind nicht so dramatisch wie in den USA oder gar in Deutschland und Japan, wo sich mittlerweile 30  Prozent der Frauen gegen eine Familie entscheiden. Sie steigen sogar, aber der Anstieg von durchschnittlich 1,38  Kindern pro Frau (2001) auf 1,52   (2011) ist kein Riesenprung.

Neue Zahlen werden gemäss Bundesamt für Statistik erst 2015 erhältlich sein, man muss sich also mit der Volkszählung aus dem Jahr 2000 behelfen. Die Erhebungen von damals zeigen, dass unter den 36- bis 40-jährigen Frauen 15,5  Prozent kinderlos waren. Und: Je besser und höher die Aus­bildung, desto eher bleibt eine Frau ­kinderlos. Was konkret heisst: Unter Akademikerinnen haben mehr als doppelt so viele keine Kinder (38,6  Prozent) wie bei schlecht ausgebildeten Frauen. Das Bundesamt für Statistik bezeichnet kinderlose Frauen als «Minorität», rechnet aber damit, dass ihr Anteil angesichts des weiblichen Ansturms auf die Universitäten steigen wird.

Güterabwägung der Gebildeten

Für einen Aufschrei gesorgt hat in diesem Zusammenhang die von Sandler zitierte Untersuchung von Satoshi ­Kanazawa, Professor an der London School of Economics. Er behauptet in seinem neuen Buch, je intelligenter eine Frau sei, desto grösser sei die Wahrscheinlichkeit, dass sie keine Kinder wolle. Er lehnt sich gar noch weiter aus dem Fenster und sagt: 15 zusätzliche IQ-Punkte erhöhten die Wahrscheinlichkeit, dass eine Frau keinen Kinderwunsch verspüre, um ein Viertel.

Kanazawa ist umstritten wegen frü­herer Untersuchungen, und es wurde ihm auch jetzt heftig widersprochen. Es gibt aber auch Fachleute, die ihm tendenziell recht geben. Sie erläutern den Befund aber differenzierter: Gut aus­gebildete Frauen nähmen eine Güter­abwägung vor und kämen immer öfter zum Schluss, dass der Preis für den aufreibenden Spagat zwischen Beruf und Familie für Mütter nach wie vor zu hoch sei. Weil sie anspruchsvolle Jobs haben, die sie ausfüllen, die sie lieben und die mit einer Familie kaum zu vereinbaren wären, verzichten sie dann eben auf Kinder, und die Entscheidung falle ihnen nicht schwer. Auch die von Sandler porträtierten Frauen äussern sich so. Sie wünschen sich bloss eines: sich nicht dauernd erklären zu müssen.

«I Can Barely Take Care of Myself»

Tatsächlich wird von Frauen, aller Emanzipation zum Trotz, auch 2013 noch immer erwartet, dass sie irgendwann Mutter werden. Weiblichkeit ist bis heute eng und scheinbar untrennbar mit Mutterschaft verbunden. Kinderlose Frauen gelten als eine Art Fehler im ­System, vielen unter ihnen ergeht es wie der CNN-Chefmoderatorin Carol Costello, die letzte Woche während eines Beitrags zum Thema erklärte: «Wenn die Leute mich fragen, ob ich Kinder habe, und ich Nein sage, schauen sie mich an und sagen: ‹Oh, sorry.› So, als ob mit mir körperlich etwas nicht in Ordnung wäre oder als ob ich eine bemitleidenswerte, traurige, egoistische Person sei, mit der man nichts zu tun haben will.»

Die amerikanische Kabarettistin Jen Kirkman schrieb ein ganzes Buch zum Thema, es kam im Frühling auf die ­Bestsellerliste der «New York Times»: «I Can Barely Take Care of Myself». Sie beschreibt darin unter anderem, was alle Frauen ohne Kinder kennen: dass ihnen ungefragt mitgeteilt wird, dass sie «eine tolle Mutter wären. Was als Gipfel aller Komplimente verstanden wird, ist letztlich ein Affront, weil damit gesagt wird: Erst die Mutterschaft setzt einem Frauenleben die Krone auf; vorher scheint ein weibliches Wesen irgendwie un­vollständig; das Lob «Du wärst eine tolle Bundesrätin» ist entsprechend selten.

Ein politisches Problem

Das Prädikat «kinderlos» wird denn auch gern abschätzig und absichtlich abwertend verwendet; es soll suggerieren, dass die Frau nicht genügt, dass ihr Leben nutzlos und sie überflüssig sei. Die im Juni zurückgetretene australische Ministerpräsidentin Julia Gillard wurde wegen ihrer selbst gewählten Kinder­losigkeit von ihren politischen Gegnern wiederholt als «unfruchtbar» bezeichnet, was sie herabsetzen und als mangelhafte Frau brandmarken sollte. Und es wurde ihr vorgeworfen, keine Familiengesetze erlassen zu können, da sie, die sich nie um Kleinkinder gekümmert habe, nichts davon verstehe.

Selbst die Gründerin des populären Blogs Mumsnet.com meinte im Laufe der Debatte, dass die Gesellschaft ge­radezu obsessiv auf die Mutterrolle fixiert sei und dass dies den Druck erhöhe, einem bestimmten Bild zu entsprechen. Und so müssen sich nicht nur Cameron Diaz, Kylie Minogue oder Jennifer Aniston, sondern auch normalsterbliche Mittdreissigerinnen regelmässig fragen lassen, wie es denn um die ­Familienplanung stehe. Sie werden bemitleidet, wenn die biologische Uhr tickt und die Betreffende keine Anstalten macht, innert nützlicher Frist schwanger zu werden. Dass sie eventuell gar nicht wollen, steht nicht zur Debatte.

Sandlers Artikel, wonach nur kinderlose Frauen «alles haben» könnten, ma­cht zweierlei deutlich: Anstatt den kinder­losen Frauen Egoismus vorzuwerfen, gehört ihre Entscheidung respektiert – und man sollte ihnen zuhören. Denn es ist ein Problem, wenn Frauen zunehmend davon absehen, sich fortzupflanzen. Es ist ein demografisches und damit ein politisches Problem, das dadurch verschärft wird, dass es vor allem die Klügsten unter den Frauen sind, die dies immer häufiger tun. Man muss sich nicht für Feminismus interessieren, um zu kapieren, dass zumindest einer der Wege, die Gebärfreudigkeit zu erhöhen, darin besteht, die Welt frauenfreundlicher, sprich gleichberechtigter zu machen. (Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 13.08.2013, 07:26 Uhr)

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