Leben

«Späte Väter stellen das Kind ins Zentrum»

Von Monique Rijks. Aktualisiert am 22.10.2008

Mit 49 Jahren ist der Zürcher Journalist Philipp Dreyer Vater geworden. Dieses Ereignis veränderte sein Leben. So sehr, dass er jetzt ein Buch zum Thema publiziert hat.

Journalist und Autor Philipp Dreyer mit seinem Sohn Julian.

Journalist und Autor Philipp Dreyer mit seinem Sohn Julian.

Mehr Männer werden später Vater

In den letzten 20 Jahren wurden immer mehr Männer spät im Leben entweder zum ersten Mal oder nochmals Vater. 1988 kamen 381 Männer mit 45 Jahren zum Kind, 2007 waren es 752. Bei den 55-Jährigen hat sich die Zahl in derselben Periode ebenfalls verdoppelt: 1988 widerfuhr das späte Glück 33 Männern, 2007 waren es 70. Letztes Jahr betrug das Alter des jüngsten registrierten Vaters 18, des ältesten 89 Jahre!

Späte Väter sind im Trend. Der Autor Philipp Dreyer porträtiert in seinem Buch Männer aus den unterschiedlichsten Schichten. Doch die meisten, die nach dem 45. Lebensjahr ein Kind zeugen, kommen aber nach wie vor aus der gebildeten und wohlhabenden Mittelschicht. Vorbilder und berühmte Beispiele gibt es genug: Charlie Chaplin, der Dirigent Paul Sacher, Pablo Picasso, sie alle zeugten im Herbst ihres Lebens ein Kind.

Das Ausreizen physiologischer Grenzen hat nicht nur Vorteile: Die Gefahr, ein Kind mit genetischen Defekten zu zeugen, ist bei 50-jährigen Männern doppelt so hoch wie bei 25-jährigen, und das Risiko, ein autistisches Kind zu bekommen, ist sechsmal grösser. (rij)

Zum Interview empfängt Philipp Dreyer zu Hause. Die goldige Nachmittagssonne fällt in den Raum, der Wohn- und Arbeitszimmer zugleich ist. Seit zwei Jahren wohnt Dreyer im Zürcher Engequartier. Der Umzug war nur eine der Folgen, die die Geburt seines ersten Sohnes, Julian, nach sich zog. Seither hat sich im Leben des 51-jährigen Journalisten vieles verändert, nichts scheint mehr wie früher.

Diese tief gehende Erfahrung hat ihn veranlasst, Männer aus allen Ecken der Schweiz zu suchen, die wie er in der zweiten Lebenshälfte Vater geworden sind. Mit ihnen hat er lange, sehr persönliche Gespräche über ihre Erfahrungen und ihren Umgang mit der neuen Lebenssituation geführt. Daraus ist das Buch «Späte Väter» entstanden.

Herr Dreyer, wie fühlt sich das Leben als später Vater an?
Ich empfinde die Geburt meines Sohnes als riesiges Geschenk. In meinem Alter fängt man an, die eigene Endlichkeit zu realisieren und das Leben anders, intensiver wahrzunehmen. Durch Julians Anwesenheit bin ich emotionaler geworden und habe angefangen, meine Prioritäten umzuverteilen. Ich arbeite zum Beispiel nur 60 Prozent, die übrige Zeit gehört ihm.

Und diese Veränderung hat Sie so stark bewegt, dass Sie ein Buch darüber schreiben mussten?
Im Buch nehme ich mich als Person bewusst zurück und überlasse das Wort den anderen. Ich wollte wissen, wie andere Väter in einer ähnlichen Situation reagieren.

Offenbar sind späte Väter im Trend?
Früher fand man dieses Phänomen eher in gut situierten Kreisen, bei Anwälten oder Ärzten, die, nachdem sie ihre beruflichen Ziele realisiert hatten, noch ein Kind produzierten. Heute betrifft es Männer aus allen Schichten.

Kann man von einer Demokratisierung der späten Väter sprechen?
Auf jeden Fall. Die Tatsache, dass auch Frauen immer später ihr erstes Kind bekommen, spielt bei dieser Entwicklung ebenfalls eine wichtige Rolle. Das eine zieht das andere nach.

Die von Ihnen porträtierten Väter sind alle über 45, das ist ein Alter, in dem Frauen in der Regel keine Kinder mehr bekommen können.
Das ist zwar ein bisschen unfair, aber die Natur hat dies nun mal so eingerichtet.

Sind späte Väter die besseren Väter?
Das glaube ich nicht. Sie leben die Momente mit ihren Kindern vielleicht bewusster aus, weil sie das Kind in ihrem Leben eher als Supplement denn als Selbstverständlichkeit verstehen. Ein Kind zu zeugen, ist eigentlich keine Kunst. Aber wenn man älter wird, muss es auch «einschlagen». Wenn es dann klappt, denkt man «wow, ich habs tatsächlich geschafft».

Fast alle befragten Männer sagen, ihr Leben sei durch die Geburt des Kindes «sinnvoll» geworden. Was war denn vorher? Die grosse Sinnlosigkeit?
Nein. Aber wenn man Vater wird, gibt man einen Teil von sich weiter. Man hat seine Rolle im Leben erfüllt, hat sich reproduziert. Ich will das nicht verherrlichen, und trotzdem: Diese Tatsache hat die Art und Weise, wie ich das Leben wahrnehme, und meine Prioritäten verändert. Jetzt übernehme ich Verantwortung, stelle meine Bedürfnisse hinten an und investiere viel Zeit in die Beziehung zu meinem Sohn.

Das machen viele Väter, nicht nur die späten. Bei der Lektüre des Buches fällt auf, dass die meisten Protagonisten bisher ein selbstbezogenes Leben geführt haben und nun plötzlich doch noch den Fünfer zum Weggli wollen.
Aber sie engagieren sich nun auch dafür! Dazu wären sie in jüngeren Jahren vielleicht gar nicht fähig gewesen. Alle meine Gesprächspartner sagen, dass sie gerne Zeit mit ihren Kindern verbringen und dafür auch bereit sind, beruflich ein bisschen zurückzutreten. Sie stellen das Kind oder die Kinder vielmehr ins Zentrum ihres Dasein, mehr als dies ein jüngerer Vater tun würde.

Philipp Dreyer und die Mutter von Julian teilen sich die Betreuung des Sohnes. Dreyer schaut mindestens an vier Nachmittagen pro Woche zu ihm. Die übrige Zeit arbeitet er als Chefredaktor eines Immobilien-Magazins.

Die porträtierten Väter wirken alle ziemlich egozentrisch, als Frau hätte ich es mit ihnen nicht lange ausgehalten. Sie reden alle so viel, über ihre Gefühle, über ihre Situation.
Das ist doch gerade die Stärke meines Buches. Frauen beklagen sich oft, dass Männer nicht über ihre Gefühle reden. Mit meinen Geschichten trete ich den Gegenbeweis an. Vater zu werden ist eine sehr emotionale Sache – auch Männer haben das Bedürfnis, sich darüber mitzuteilen.

Das stimmt. Frauen mögen den Dialog, Monologe finden sie hingegen eher langweilig. Es fällt auf, dass im Buch die Frauen kaum vorkommen. Dabei wirkt sich doch die Tatsache, dass die Paare häufig einen Altersunterschied von 15 bis 25 Jahre haben, bestimmt auch auf das Familiengefüge aus.
Meinen Sie auf die jetzige Situation oder auf die in 20 bis 30 Jahre?

Ich meine jetzt. Sind die Paare überhaupt auf derselben Augenhöhe?
Das kann ich nicht beantworten. Ich habe mich vor allem auf die Väter konzentriert. Frauen kommen im Buch nur marginal vor.

Dass Väter sich in der Kindererziehung sowohl zeitlich wie emotional mehr engagieren gehört doch zu unserer Zeit?
Ich kann das nicht beurteilen, weil ich nur Gespräche mit späten Vätern führte. Ich stelle mir aber vor, dass man um die dreissig allgemein mehr Druck im Leben hat als in meinem Alter: Man muss sich zum Beispiel um die berufliche Karriere oder um die Bezahlung der Hypothek kümmern, da bleibt wohl weniger Zeit für das Kind.

Pflegen Sie Kontakte zu jüngeren Eltern?
Kaum. Sie interessieren mich wenig, sie stehen an einem anderen Punkt im Leben als ich. Sie sind am Anfang, ich in der Mitte.

Ihre Protagonisten mögen finanziell und beruflich weiter sein als ein Dreissigjähriger, aber ihre Arbeit zurückgesteckt haben die wenigsten. Alles nur Lippenbekenntnisse?
Ich kann nicht für alle sprechen, ich persönlich habe mein Arbeitspensum reduziert und geniesse die gemeinsamen Nachmittage mit Julian. Ich bin aber überzeugt, dass sich die meisten späten Väter mehr mit ihrer Rolle auseinandersetzen als junge Männer und dementsprechend anders mit ihnen umgehen.

Hängt die Art, wie jemand mit seinem Kind umgeht, nicht eher von seinem Charakter und seiner Biografie als seinem Alter ab?
Das ist durchaus möglich – aber trotzdem bin ich überzeugt, dass ein älterer Vater sich mehr Zeit für sein Kind nimmt.

Auf dem Boden in Julians Kinderzimmer liegt ein alter Perserteppich. Auf diesem Stück hat schon der Vater in seiner Jugend gespielt. Heute krabbeln Vater und Sohn gemeinsam darauf herum.

Offensichtlich hat Julian das Kind in Ihnen geweckt.
Ja, er gibt mir die Möglichkeit, meine Kindheit nochmals zu erleben, aber auch Neues zu entdecken. Oft stehe ich mit Julian an einer Baustelle und erkläre ihm, wie ein Bagger funktioniert, oder ich hüpfe mit ihm herum. Das hätte mein Vater nie mit mir gemacht.

War er auch ein später Vater?
Er war 45-jährig bei meiner Geburt. Er war viel weg, beruflich. Zu Hause engagierte er sich wenig, auch nicht in emotionaler Hinsicht. Aber vielleicht ist das auch eine Frage der Generationen.

Sie haben also aus den Fehlern Ihres Vaters gelernt?
Für mich war vom ersten Tag an klar, dass ich meinem Sohn ein anderer Vater sein wollte. Bewusster, emotionaler und präsenter.

Wenn Julian in die Pubertät kommt, sind Sie pensioniert. Haben Sie nie Angst vor dieser Situation?
Eigentlich nicht. Ich hoffe einfach, dass es für ihn nicht peinlich ist, wenn ich, der «alte Sack», ihn von der Schule abhole.

Der Journalist und Autor Philipp Dreyer lebt in Zürich. Sein Buch «Späte Väter» ist im Werd-Verlag erschienen und kostet 39.80 Franken.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 22.10.2008, 08:57 Uhr


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