«Ständige Möglichkeit erotischer Verwicklungen»

Gefängnispsychiater Thomas Knecht über Rollenstereotype in der Vollzugsanstalt und Kooperation, die sogar zur Gehilfenschaft führen kann.

Werden international gesucht: Angela Magdici und Hassan Kiko. (Bild Kantonspolizei)

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Wie sieht das Verhältnis zwischen Wärtern und Inhaftieren auf psychologischer Ebene aus?
Es enthält zum einen ein deutliches Machtgefälle, zum anderen aber auch ein Quantum Wechselseitigkeit. Die Insassen können den Betreuern das Leben leichter oder schwerer machen, was wiederum davon abhängt, wie sie von Letzteren behandelt werden. Kooperation ist von früh bis spät in vielen Belangen gefragt, sodass es ohne eine gewisse Grundkooperativität beiderseits gar nicht geht.

Interagiert man auch auf persönlicher Ebene?
Ja, viele Interaktionen finden durchaus im Vieraugensetting statt. Gerade längere Haftstrafen sorgen dafür, dass die Beziehungen ein persönliches Gepräge annehmen.

Dieser menschliche Faktor hat nun wohl zu einem Ausbruch geführt.
Aus Kooperation kann erst Solidarität, dann Kumpanei, dann «Liebe» und schliesslich Gehilfenschaft werden. Dieser teilweise natürlichen menschlichen Neigung muss durch soziale Kontrolle – Supervision – ständig etwas entgegengewirkt werden. Wichtig ist, dass das Zusammenwirken immer auf einer professionellen, sachlichen Ebene bleibt. Sobald Gefälligkeiten erwiesen oder Vorzugsbehandlungen praktiziert werden, wird es heikel.

Im Fall Limmattal hat sich die Wärterin womöglich in den Häftling verliebt. Wie würde sich das erklären?
Zusammenarbeit ist auf beiden Seiten unabdingbar. Sympathie erleichtert dies natürlich. So weit, so gut. Nun kann es aber weitergehen: Solidarisierung gegen das eigene System, Fraternisieren mit Hintergehen der eigenen Vorgesetzten, Gefälligkeiten aller Art, Sexualität als Bestechungsmittel – alles schon da gewesen. Die krasseste Form, die mir auf diesem Gebiet bekannt ist, ist die Hybristophilie, eine sexuelle Vorliebe von Frauen, die auf Kriminelle fixiert sind.

Wieso passen in der Schweiz Frauen auf männliche Insassen auf? Steckt da ein psychologisches Konzept dahinter?
Gemischtgeschlechtliche Abteilungen haben den Vorteil, dass die beiden Geschlechter sich gegenseitig zu einem positiveren Sozialverhalten stimulieren, was einer Verfeinerung des Umgangsstils entspricht. Der Nachteil ist die ständige Möglichkeit erotischer Verwicklungen. Auch hier muss stets etwas Gegensteuer gegeben werden. Es ist aber auch schon aufgrund homosexueller Zuneigung zu Befreiungsaktionen gekommen.

Wärter zu sein, also jemanden eingesperrt zu halten, ist psychologisch belastend. Wie gehen die Wärter damit um?
Zweifellos erfordert dieser Beruf eine überdurchschnittliche psychologische Standfestigkeit. Das beste Stärkungsmittel ist dabei ein starker Rückhalt im Betreuerteam, sodass Belastungen und Erfahrungen immer fair geteilt werden können. Ebenfalls stabilisierend wirkt ein erfülltes und entspanntes Privatleben.

Haben die Wärter – wie die Häftlinge – psychologische Vertrauenspersonen?
Bei Schwierigkeiten im professionellen Beziehungsbereich ist es extrem wichtig, eine Vertrauensperson zu haben. Die erste Ansprechadresse wird wohl der berufliche Vorgesetzte sein. Wie weit es darüber hinaus in den einzelnen Anstalten möglich ist, psychologische Supervision zu bekommen, entzieht sich meiner Kenntnis.

Werden angehende Wärter psychologisch getestet? Sollte man ein bestimmtes Persönlichkeitsprofil haben, um diese Arbeit zu machen?
Ein Test, der das alles entscheidende Kriterium liefert, ist mir nicht bekannt. Eine kritische Selektion sollte sich aber auch auf die konkrete Lebenserfahrung und -bewährung stützen, wobei ein sauberer Leumund natürlich essenziell ist.

Vertreter der Dispositionsthese glauben, dass Wärter und Häftlinge von vornherein Psychopathen sind.
Das kann ich nicht bestätigen, nicht einmal für die Insassenseite. Dort geht man davon aus, dass circa zwei Drittel irgendeine Persönlichkeitsstörung (Psychopathie) haben, davon circa 45 Prozent eine dissoziale Persönlichkeitsstörung. Für die Betreuerschaft könnten die Werte sogar noch tiefer liegen als in der Allgemeinbevölkerung, denn: Wer eine solche Störung hat, hat im zwischenmenschlichen Umgang praktisch immer Probleme, erst recht bei problematischen Geschäftspartnern, eignet sich also wenig für eine soziale Tätigkeit.

Ist das System selbst pathologisch – und legt den Wärtern sadistisches und den Häftlingen rebellisch-aggressives Verhalten nahe?
Natürlich begünstigt die Rollenverteilung in der Vollzugsanstalt gewisse Rollenstereotype. Da man sich dieser Gefahr bewusst ist, wird der Vollzug so gestaltet, dass solche Verhaltenstendenzen möglichst wenig Nahrung bekommen. So können zum Beispiel regelmässige Aussprachemöglichkeiten geschaffen werden, wo man Kritik und Unmut deponieren kann.

Zumindest das Stanford-Prison-Experiment zeigt: Wärter tendieren zu sadistischen Verhaltensweisen.
Die Kenntnis dieses epochemachenden Experiments und seiner Ergebnisse ist sicher nützlich. Ich kann daraus aber auch ersehen, dass die damalige Selektion der Akteure ungeeignet war, einen sozialverträglichen Vollzugsalltag zu gewährleisten. Dafür braucht es eben eine besondere Form der Sozialkompetenz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 10.02.2016, 17:32 Uhr)

Thomas Knecht ist Leiter der Forensischen Psychiatrie des Psychiatrischen Zentrums Appenzell Ausserrhoden, Gefängnispsychiater und lehrt an Schweizer Hochschulen.

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