«Starre Quoten sind dumm»
Von Bettina Weber. Aktualisiert am 10.12.2010 4 Kommentare
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Der Begriff «Gleichstellungsbüro» scheint mit Klischees behaftet. Klischee Nummer 1: Das braucht es doch gar nicht mehr.
Es freut mich, wenn gerade junge Frauen so reagieren. Weil das heisst, dass sie bis heute keine Diskriminierung erlebt haben, egal welcher Art. Bei meiner Generation – ich bin jetzt 61 – ist das anders. Mein Bruder studierte Medizin, war politisch absolut uninteressiert und durfte an die Urne, während ich Jus studierte, weil mich das Politische und der Staat interessierten – aber abstimmen durfte ich nicht. Das machte mich wütend. Wenn man jene Zeit noch aus eigener Erfahrung kennt, dann stammt man im Vergleich mit den heutigen jungen Frauen aus der Steinzeit, weiss dafür aber genau, was Diskriminierung bedeuten kann.
Klischee Nummer 2: In einem Gleichstellungsbüro arbeiten, Pardon, Männerhasserinnen.
Unser Büro ist ein Büro für die Gleichstellung von Frau und Mann, das heisst, wir kümmern uns um die Gleichstellung beider Geschlechter, wir betreiben nicht nur Frauenförderung. Nach diesem Grundsatz habe ich hier meine Arbeit 16 Jahre lang gemacht, von Anfang an und ganz klar. Und wir werden auch so wahrgenommen: Wir bekommen genauso Anrufe von Männern, die sich über Diskriminierung beklagen, zum Beispiel bei Scheidungen.
Klischee Nummer 3: Gleichstellungsbüros stellen keine Männer ein. Bei Ihnen ist von 16 Mitarbeitenden auch nur einer männlich. Zufall?
Wir hatten zwischendurch mehr Männer. Aber es ist so, dass Gleichstellungsbüros oft klein sind und die Fluktuation entsprechend niedrig. Dazu kommt, dass sich die Männer während langer Zeit nicht für die Thematik der Gleichstellung interessierten und kaum entsprechend qualifiziert waren.
Das Wahlrecht haben die Schweizerinnen immerhin seit 1971. Was liegt denn noch im Argen?
Wir haben zwar tatsächlich überall und in kurzer Zeit grosse Fortschritte gemacht, aber es gibt immer noch Bereiche, die verbesserungswürdig sind.
Zum Beispiel?
Die Vereinbarkeit von Beruf und Familie. Die Arbeitsorganisation ist oft unflexibel, weil die Geschlechter-Stereotype immer noch ausgeprägt sind. Für eine Frau ist es oft nicht so schwierig, eine Teilzeitstelle zu bekommen, für einen Mann aber schon. Er hat diesbezüglich immer noch mit vielen Vorurteilen zu kämpfen, er gilt als Softie, als zu wenig engagiert im Beruf. Wenn aber der gleiche Mann sagt, er wolle einen MBA machen und dafür auf 80 Prozent reduzieren, finden das alle grossartig. Dann haben wir trotz aller Fortschritte immer noch zu wenig Kinderkrippen, zu wenig Mittagstische, zu wenig von all diesen organisatorischen Hilfestellungen, die es einer Person ermöglichen, gleichzeitig ein guter Vater oder eine gute Mutter wie auch eine erwerbstätige Person mit Chancen auf dem Arbeitsmarkt zu sein.
Auch hier wieder: Geschlechter-Stereotype als Ursache?
Durchaus. In unserem Steuersystem finden sich immer noch die Spuren der alten Rollenverteilung, wo ein Lohn reichen musste, wo man nur einen Ernährer hatte. Heute funktioniert das nicht mehr. Die meisten Paare leben auch nicht mehr nach diesem Modell, sondern meistens arbeitet der Mann Voll- und die Frau Teilzeit. Aber man sieht gewisse Fortschritte, zum Beispiel bei den grossen Unternehmen. Die wissen, dass sie familienfreundliche Arbeitsbedingungen anbieten müssen, wenn sie gut qualifizierte Leute anstellen wollen.
Haben Sie Einfluss in der Wirtschaft?
Wir können nirgends direkt eingreifen. Aber wir haben über die Jahre sehr gute Kontakte mit Wirtschaftskreisen gepflegt und Instrumente erarbeitet, die anerkannt sind. Wie zum Beispiel Logib, ein System, mit dem ein Unternehmen prüfen kann, ob im Betrieb der Grundsatz «Gleicher Lohn für Frau und Mann für gleichwertige Arbeit» nicht nur auf dem Papier gilt, sondern auch realisiert wird. Da speist man die Lohndaten ein und sieht nach einem Klick sofort, ob man ein Problem hat oder nicht. Dieses Instrument wird von einer Reihe von Unternehmen genutzt, die aber aus Imagegründen nicht genannt werden wollen.
Wie kommen die immer wieder zitierten 20 Prozent Lohnunterschied zwischen den Geschlechtern zustande?
Zunächst muss festgehalten werden, dass es sich bei einem Lohnunterschied nicht automatisch um eine Lohndiskriminierung handelt. Das ist nur dann der Fall, wenn keine objektiven Gründe vorliegen. Objektive Gründe sind die Anzahl Dienstjahre, die Berufserfahrung, die Ausbildung und so weiter. Wenn man nun diese Elemente zusammenzählt, sieht man, dass sich 60 Prozent des Lohnunterschieds erklären lassen, der Rest aber nicht. Diese 40 Prozent gelten als diskriminierend – weil sie objektiv nicht erklärbar sind. Das ist auch vor Gericht so: Arbeitgeber müssen erklären können, warum der Lohn von Frau X. kleiner ist als der von Herrn Y. Wenn sie objektive Gründe angeben können, haben sie kein Problem.
Was entgegnen Sie Kritikern, die diese Diskriminierung anzweifeln und sagen, wenn Frauen wirklich die billigeren Arbeitskräfte wären, dann würden die Firmen doch nur noch Frauen einstellen?
So frauenfreundlich sind sie nicht, dass sie das einfach so tun würden. Das Problem ist, dass immer noch dieses Denken von früher herrscht, gemäss dem der Mann mehr verdienen muss, weil er der Ernährer ist. Das hält sich hartnäckig in den Köpfen; das würde zwar niemand so offen sagen, aber der Gedanke ist trotzdem da.
Frauen traut man weniger zu.
Es ist kein Zufall, dass es so wenig Frauen in Verwaltungsräten und anderen höheren Positionen gibt. Wir sind immer noch mit dem Bild behaftet, dass das keine Frauenjobs sind. Frauen gelten als fürsorglich und deshalb als besser geeignet für Betreuungsaufgaben von Kindern oder älteren Menschen – als knallharter CEO sieht man sie aber nicht. Die Frauen, die es bis in die obersten Etagen schaffen, sind nicht zufällig oft mit dem Vorwurf konfrontiert, sie seien so männlich, dass sie gar keine richtigen Frauen mehr seien.
Und Männern traut man im Gegenzug nicht zu, nach einer Scheidung für ihre Kinde sorgen zu können.
Ja. Da richtet sich die geltende Rollenverteilung, unter der sonst die Frauen leiden, für einmal gegen die Männer. Und es ist für sie genauso gravierend wie für Frauen.
Was ziehen Sie für eine positive Bilanz, wenn Sie auf die letzten 16 Jahre zurückblicken?
Die grössten Veränderungen sehe ich im Bereich der häuslichen Gewalt, speziell bei der Gewalt in Paarbeziehungen. Hier hat wirklich ein Paradigmenwechsel stattgefunden. Früher stellte man sich auf den Standpunkt, dass sich der Staat nicht in die Intimsphäre einzumischen habe, weil das Privatsache sei. Dabei wurde übersehen, dass auf diese Weise die Intimsphäre zum rechtsfreien Ort wird, an dem regelrechter Terror herrschen kann. Dass dies überdacht worden ist, ist ein enormer Fortschritt.
Apropos Fortschritt und wie man den beschleunigen könnte: Wären Sie je für die Einführung der Quote gewesen?
Ich würde sagen, ja, aber mit grosser Vorsicht. Starre Quoten sind dumm. Eine Frau zu nehmen, weil sie eine Frau ist, einen Mann, weil er ein Mann ist, eine Person mit dunkler Hautfarbe nur wegen der Hautfarbe zu nehmen, das ist unangebracht. Es ist für die betreffende Person schwierig, weil sie immer im Verdacht steht, inkompetent zu sein, und es ist für die anderen unerträglich, weil sie denken, sie seien der Quote zum Opfer gefallen. Aber flexible Quoten sind ein sehr gangbarer Weg, um die tatsächliche Chancengleichheit zu fördern. In der Politik könnte ich es mir gut vorstellen, zum Beispiel mit Zebra-Listen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 09.12.2010, 20:36 Uhr
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