Sterbebegleitung für ein Kind

Die siebenjährige Marina starb an Krebs. Damit sie sich während der Krankheit an etwas festhalten konnte, erfand ihre Mutter eine Märchenfigur: Chrysanthemia, die Kräuterhexe.

Die Kräuterhexe sieht alles und weiss alles: Im Samtsäcklein fanden sich Zaubersteine und Briefe für Marina.

Die Kräuterhexe sieht alles und weiss alles: Im Samtsäcklein fanden sich Zaubersteine und Briefe für Marina. Bild: Regula Meier

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Marina Meier starb am 1. Mai dieses Jahres. Sie war sieben Jahre alt, der Tumor in ihrem Bauch fussballgross. Der anfänglich so harmlos aussehende kleine Knubbel, den sie und ihre beiden jüngeren Geschwister «Böppel» nannten, hatte sich eineinhalb Jahre zuvor als Neuroblastom herausgestellt, eine bei Kindern relativ häufige Form von Krebs. Befallen werden die Nieren, die Wirbelsäule, Brust-, Bauch- und Beckenraum. Als bei Marina die Diagnose feststand, war die Krankheit bereits weit fortgeschritten, im dritten von vier Stadien. Es musste eine Niere entfernt werden. Die Chemotherapie war brutal. Die Erhaltungsphase danach ebenfalls, die Medikamente hatten schwere Nebenwirkungen. Aber alle hofften.

Dann, ein Jahr später, kam der Tumor zurück. Und breitete sich rasend schnell aus. Nur noch Hochdosis-Chemotherapie könne helfen, sagten die Ärzte im Februar, vielleicht, die Überlebenschancen schätzten sie als äusserst gering ein. Regula und Basil Meier war klar, dass sie das ihrer Tochter nicht mehr antun konnten. Und dem Rest der Familie genauso wenig. Nicht angesichts der schlechten Aussichten. Nicht angesichts dessen, was die Behandlung für Marina bedeuten würde. Sie entschieden sich für den palliativen Weg. Ihre Tochter sollte daheim sein dürfen, soweit es ging ein normales Leben führen, wenigstens noch drei Monate lang.

Marina wusste, dass die bösen Zellen zurück waren. Sie hatte andere Kinder sterben sehen, Kinder, mit denen sie im Spital gewesen war. Aber sie sprach nie darüber. Es genügte ihr, dass sie im Himmel ihre verstorbenen Katzen und ihre Freunde aus dem Spital sehen würde.

So viel Lebenshunger

Am Tag, bevor sie starb, war sie morgens im Kindergarten gewesen und hatte einen Besenstiel für den Muttertag bemalt. Sie hatte das zweite Jahr wiederholen müssen, was ihr gar nicht gefiel, sie wollte mit ihrer besten Freundin in die Schule gehen und vor allem: gesund und normal sein, so wie die anderen Kinder. Am Nachmittag hatte sie die Grosseltern besucht, gegen Abend kam ihr Götti vorbei. Irgendwann war sie müde. Das war sie oft, und die Müdigkeit machte sie reizbar; für Till und Lilly, die jüngeren Geschwister, war die Rücksichtnahme nicht einfach, sondern viel verlangt von Fünf- und Zweijährigen.

Jetzt aber weinte Marina, weinte und konnte nicht aufhören, es lag nicht an der Erschöpfung. «Mami», sagte sie, «ich habe solche Angst.» «Wovor denn», fragte die Mutter, die ihre Tochter mit dem viel zu grossen Bauch festhielt, und Marina erwiderte: «Ich weiss nicht, wie ich in den Himmel komme.» «Die Kräuterhexe wird da sein», flüsterte ihre Mutter, sie werde Marina an der Hand nehmen und beschützen. Die Kräuterhexe, das wusste Marina, sah und wusste alles. Wenn die Kräuterhexe da war, war alles gut. «Du musst nicht mehr kämpfen», sagte die Mutter, «du musst nicht da bleiben, auch nicht für Papi und mich.» Dann sei sie morgen im Himmel, antwortete Marina. In der Nacht starb sie.

Ihrer Mutter kommt es manchmal vor, wie wenn die älteste Tochter von Anfang an gewusst hätte, dass ihr weniger Zeit bleiben würde als anderen Kindern. «Sie hatte», sagt Regula Meier, «einen unglaublichen Lebenshunger, war unerschrocken, neugierig, packte möglichst viel hinein in ihr kurzes Leben, bis zum Schluss.» Auch deshalb sei sie froh, habe sie ihr Kind zum Sterben nach Hause geholt. Die letzten drei Monate seien intensiv gewesen, unfassbar schwer und traurig, aber auch voller Glück. Und ein ganz wenig stolz ist sie schon, auf ihre Erfindung der Kräuterhexe, die Marina so viel Mut gemacht, für so viel Lichtblicke in einer rabenschwarzen Zeit gesorgt hat.

Als sie damals da sass mit ihrer sechsjährigen Tochter, in diesem Zimmer im Kinderspital Zürich, Marina ohne Haare, noch 15 Kilo schwer, gezeichnet von der Behandlung, als beide weinten und nur noch Verzweiflung war, wusste Regula Meier, dass sie etwas tun musste. Die einzige Möglichkeit, dass ihre Tochter eventuell gesund werden würde, war die Therapie. Sie verstand aber auch, dass Marina nicht mehr mitmachen mochte, ihr alles zu viel war, die Kanülen, die Spritzen, die Tabletten, das Spital überhaupt. Wenn sie ihr schon die Schmerzen nicht nehmen, also physisch nicht helfen konnte, dann musste das doch wenigstens psychisch möglich sein.

Sie brauchten eine Art Stern, an dem sich Marina orientieren konnte, der sie durch die schwere Zeit lotste. Sie brauchten eine Verbündete. Und weil Marina die Natur liebte, intensive Düfte und Kräuter und Blumen, erschuf ihre Mutter die Figur der Kräuterhexe. Für Till hätte sie eine Eule erfunden, für Lilly eine Fee, aber für Marina schien eine Frau, die im Wald wohnt, alles sieht und alles weiss und mit Tieren sprechen kann, genau das Richtige. Sie sollte auch einen entsprechenden Namen haben, Chrysanthemia. Die Kräuterhexe Chrysanthemia, die für alle Kinder da ist, die krank sind. Sie tröstet. Und ihnen Mut macht. Regula Meier tat es nicht nur für ihre Tochter, sondern auch für sich, sie brauchte genauso einen Halt; die Trauer auf der Kinderkrebsstation war erdrückend, «Planet Onko» nannten die Eltern diesen von Verzweiflung durchtränkten Ort.

Als die Kräuterhexe das erste Mal ein Samtsäcklein gefüllt mit Efeu und Tannennadeln vor die Haustür legte, fand sich darin nebst einem Kraftstein auch ein Brief. Marina umklammerte den Stein, der Vater las den Brief vor. «Als wir ihr Gesicht sahen», sagt Regula Meier, «wussten wir, dass es funktionieren würde.» Abends ass Marina erstmals seit Monaten einen ganzen Teller leer.

Der Tod wird totgeschwiegen

Die Kräuterhexe wurde zu einem Teil der Familie. Man suchte im Wald nach ihrem Haus. Fand dabei die Briefe im Samtsäcklein, das sie für Marina im Laub versteckt hatte. Die Kräuterhexe schrieb nie: Du musst viel trinken, weil du nur noch eine Niere hast. Sie erklärte vielmehr, sie wisse, wie schwer Marina das Trinken falle, dass sie aber ein paar Steine verzaubert habe und die, in den Wasserkrug gelegt, das Trinken viel einfacher machen würden. Oder sie braute einen Spray aus Salbei gegen die Aphten im Mund und schrieb, der könnte vielleicht ein wenig helfen. Er half.

Marina fand, Chrysanthemias Salbeispray schmecke viel weniger grauslich als der Tee von der Mama. Sie schrieb der Kräuterhexe zurück, bedankte sich, schüttete ihr ihr Herz aus, machte ihr Zeichnungen, ihre Geschwister ebenfalls. Chrysanthemia war aber gleichzeitig ein streng gehütetes Geheimnis; niemand sollte den Glauben der Kinder kaputt machen können, nicht in diesem fragilen Moment. Denn sie war zu dem geworden, was sich Regula Meier erhofft hatte: zu einem Halt. Für alle.

Sie würde gerne ein Buch darüber schreiben. Darüber, wie sehr hilflose Eltern ihren Kindern helfen können, indem sie sich die Macht der Fantasie zunutze machen. Und auch darüber, wie man einem sterbenden Kind die Angst nimmt: Indem Eltern nicht klammern, sondern loslassen, dem Kind die Last abnehmen, weiterleben zu müssen. Die angefragten Verlage winkten ab, oft mit der Begründung, die Leute würden traurige Geschichten nicht mögen.

Regula Meier hat das kaum erschüttert, sie hat in den letzten zwei Jahren zu viel erlebt. Im Spital etwa, wo Frau Meier als anstrengend galt, weil sie Fragen stellte, manchmal protestierte, und wo es für alle sterbenden kleinen Patienten nur eine einzige Palliativmedizinerin gibt. Dabei sind Mütter und Väter nie so verloren wie in dieser Zeit des Sterbens; ohne die Ärztin, die rund um die Uhr erreichbar war, hätte Marina nicht bis zum Schluss daheim, in ihrer gewohnten Umgebung, sein können. Im Ratgeber für Eltern todkranker Kinder, den die Palliativmedizinerin nächstes Jahr veröffentlichen möchte, ist Marina und der Kräuterhexe ein ganzes Kapitel gewidmet.

Das Mädchen mit dem grossen Lebenshunger ist jetzt seit einem halben Jahr tot. Sie fehle unendlich, sagt Regula Meier, ihr Tod habe die ganze Familie verändert, jeden Einzelnen, für immer. Am schwersten zu ertragen sei das Schweigen, dass so getan werde, wie wenn Marina nie da gewesen wäre. Sie sei aber für die ganze Familie noch sehr präsent, man möchte ihren Namen sagen können, ohne dass die Leute zusammenzuckten und unangenehm berührt wegschauten.

Die Kräuterhexe ist ebenfalls noch präsent. Für Till und Lilly ist Marina jetzt bei ihr. Das tröstet. Auch die Eltern, die manchmal nicht wissen, wohin mit dem vielen Schmerz. (Tagesanzeiger.ch/Newsnet)

(Erstellt: 25.11.2013, 11:00 Uhr)

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