Szenen einer Ehe: Der feine Unterschied zwischen lieben und mögen
Ehrliches von der Ehefront aus der aktuellen annabelle: Annette und Guido Mingels schreiben über ihre Beziehung: ein Thema, zwei Sichtweisen. Annette Mingels lebt seit 2001 in Zürich und arbeitet als Schriftstellerin, Dozentin und Journalistin. Seit 2007 ist Guido Mingels stv. Chefredaktor des «Magazins».
Die Frau:
In einer Geschichte von Alice Munro stellt eine Frau fest, dass der Mann, den sie liebt, eine Seite an sich hat, die sie in der ersten Zeit ihrer Liebe nicht bemerkt hatte: Er ist rechthaberisch und bis zur Grausamkeit stur - nicht im Umgang mit ihr, aber mit anderen. Sie bemerkt es, und es missfällt ihr. Ihrer Liebe zu ihm tut es keinen Abbruch. Ihrer Zuneigung schon. «Das bedeutete nicht, dass sie aufgehört hatte, ihn zu mögen; zumindest hatte sie nicht aufgehört, ihn zu lieben.»
Mir gefällt die Genauigkeit, mit der Munro hier unterscheidet. Jemanden lieben und ihn gleichzeitig mögen - das klingt selbstverständlich. Aber das ist es nicht. Vor meiner Heirat war ich einmal in einen Mann verliebt, den ich nicht mochte. «Ich habe noch nie so einen kühlen Menschen kennen gelernt», erzählte ich damals einer Freundin. Genau das Befremdliche war es, was mich reizte. Dieser Wechsel von Ablehnung und Anziehung, spannend. Aber für eine Beziehung zu wenig. Inzwischen weiss ich, dass ich den Mann, mit dem ich leben möchte, nicht nur lieben, sondern auch mögen muss.
Oft sind Kleinigkeiten entscheidend. Seine Art, Geschenke zu machen: immer überraschend, meistens witzig. Wie er mit Hunden und Kindern spielt: nicht um irgendwem zu gefallen, sondern aus echter Begeisterung. Dass er überlegt ist in dem, was er sagt und tut. Sein Humor und seine Geradlinigkeit. Wenn er abends im Bett eine Unterhaltung beginnt, die nach zwei Sätzen erstirbt, weil er mitten im Satz einschläft, mag ich das, auch wenn ich sage, dass es mich nervt. Und ich mag, dass er mich mag: dass ich mich angenommen fühlen kann von ihm und nicht dauernd überlegen muss, ob er mich gerade klug, schön, schlagfertig findet.
Natürlich gibt es auch Sachen an ihm, die ich nicht mag: seine Fähigkeit, Dinge zu ignorieren, die gemacht werden müssen, besonders im Haushalt. Seine Unfähigkeit, etwas in Schränken zu finden - sobald er die Schranktür öffnet, weiss ich schon, dass er gleich sagen wird: «Hier ist es nicht.» (Aber es ist da, natürlich ist es da!) Seine Angewohnheit, unsere Telefongespräche mit einem geschäftsmässigen «Danke» abzuschliessen, als sei ich ein beruflicher Kontakt. Ich mag es nicht, dass er in den Ferien fast trübsinnig wird, wenn ich ausnahmsweise die Route bestimme. Und dass er, wenn ich mal schreie, weil man eben manchmal schreien muss, einige Stunden waidwund schweigt.
Das sind Lappalien. Über die wir allerdings trotzdem manchmal streiten. Nicht verständig diskutieren, einander liebevoll kritisieren, sondern richtig und heftig streiten. Doch egal, wie wütend ich dann auch bin, eines passierte bisher noch nie: dass ich ihn nicht mehr mochte. Oder dass ich das Gefühl bekam, er mag mich nicht mehr.
Der Mann:
Die Art, wie sie geht, mag ich. Dass sie sich Witze merken kann. Den Catsuit mochte ich, den sie nie mehr trägt; ihren hutbedeckten Kopf im Sommer (auch im Winter, auch ohne Hut, immer). Ich mag, dass sie sich auf Feiern einfach irgendwo hinsetzt und wartet, wer zu ihr kommt; ich mag ihre gereimten Spontanunsinnsgedichte und dass sie von einem einzigen Glas Champagner betrunken wird. Dass sie Standard tanzen kann. Ihre Stimme am Radio (entschieden, warm, klar) mag ich, ihre Zunge, ihren grundlosen Optimismus, ihre Bücher. Ihre Fähigkeit, Plots von Kinofilmen weit vorherzusehen. Ihren messerscharfen Humor (den sie zum Glück immer seltener einsetzt zum Zweck der Beleidigung). Ihren Röntgenblick für soziale Situationen (wer der Anwesenden will was von wem?). Und wie sich ihre Füsse im Halbschlaf immer weiterbewegen (Katzen beim Milchtritt). Ihre hervorragend geheuchelte Fähigkeit, mich zu bewundern, und ihre plötzlichen Anfälle von Wohltätigkeit (gegenüber Bettlern, Alten, Hunden, Katzen) mag ich. Ich mag ihre radikale Weigerung, Sozialkontakte strategisch zu knüpfen, Networking ist ihr ein Gräuel. Ich mag ihren radikalen Familiensinn. Manchmal mag ich alles an ihr.
Manchmal nicht. Dann nerven mich ihre endlos schwatzhaften deutschen Freunde. Und dass sie selbst manchmal genauso schwatzhaft ist. Ihre Unerbittlichkeit und ihre Argumentierlust, die mich in die Ecke drängen will. Dass sie manche Fauxpas von Freunden auch nach Jahren nicht verzeiht und immer wieder erzählt (als Peter bei einem Abendessen am Ende Geld einzog von den Gästen, «Das Fleisch war teuer») und ihre Neigung, Komplimente zu ihrem Äusseren zu negieren («Quatsch! Unmöglich seh ich darin aus!»). Ich mag nicht, dass sie schüchtern wird in Gesellschaft, wenn vermeintlich wichtige Leute zugegen sind, und dass es ihr gelingt, gegenüber neuen Bekannten eher früher als später ihren Doktortitel zu erwähnen. Ihre ständigen Anrufe ohne Mitteilungswert mag ich nicht und ihre Nulltoleranz mit meinen Benimmfehlern. Ihr mangelndes Interesse an Freizeit. Dass sie es hasst zu wandern. Und ich mag nicht ihre Neigung, bei der Lektüre des «Magazins», für das ich arbeite, dauernd nach Tippfehlern zu suchen.
Redet er zu wenig? Redet sie zu viel? Lesen Sie mehr aus der ehelichen Kampfzone in der «annabelle». (Annabelle)
Erstellt: 26.06.2009, 08:49 Uhr

































































































































