Umsatteln tut nicht weh

Seit 70 Jahren gehören die Städte den Autos. Darunter haben alle gelitten – auch die Autofahrer. Es ist höchste Zeit für die Velostadt.

Feedback

Tragen Sie mit Hinweisen zu diesem Artikel bei oder melden Sie uns Fehler.

Es waren einmal das Velo und die Stadt: ein perfektes Paar, wie füreinander geschaffen. Doch die beiden durften nicht zusammenkommen. Denn die Stadt wurde zu einer anderen Heirat gezwungen. Mit dem Auto.

Dabei klappte es nie so richtig mit diesen zwei. In den Städten fehlte der Platz für die grossen Gefährte, die sich seit den 50er-Jahren in Massen durch sie hindurchzwängten. Man fräste Schneisen zwischen die Häuser, führte Autobahnbrücken über Flüsse, grub Parkhäuser in den Boden. Trotzdem fühlten sich die Autofahrer weiterhin eingeengt, die Städte klagten über ständigen Motorendruck. In den Metropolen auf der ganzen Welt sehen wir heute gescheiterte Auto-Stadt-Beziehungen, zerrüttet durch Staus, Parkplatzmangel, dreckige Luft, Lärm. Höchste Zeit also, die Zwangsverheirateten zu scheiden. Und die Stadt ihrem wahren Gefährten zuzuführen: dem Velo.

Das Velo als Waffe im Kulturkampf

So klingt die Heilserzählung von der idealen Velostadt, die vor allem linksgrüne Kreise verzückt. Benzinbegeisterte Bürger dagegen reagieren hochtourig, wenn sie von solchen «Märchen» hören. Der Einsatz fürs Velo gilt ihnen als Flanke eines linken Kulturkampfs. Jeder aufgehobene Parkplatz wird zum Durchmarsch «rot-grüner Erziehungspolitik» dämonisiert. Am extremsten hat es der polnische Aussenminister Witold Waszczykowski ausgedrückt, als er vor einer Welt warnte, in der es nur noch «Radfahrer, Vegetarier und Rassenmix» gebe.

Diese ideologische Aufladung erstaunt. Die Stadtverträglichkeit des Velos lässt sich nur schwer bestreiten. Ebenso wenig die Veloverträglichkeit der Stadt. Es klingt schon fast kitschig: Mit keinem anderen Verkehrsmittel schlängelt man sich so flink durch enge Strassen. Kein anderes braucht so wenig Raum (auf einem Parkplatz kann man locker zehn Velos abstellen), kein anderes macht weder Lärm, noch hinterlässt es Dreck. Kein anderes fördert auch noch die Gesundheit.

Besänftigt man Stadtautobahnen zu Velowegen, schiesst der Wert der anliegenden Häuser nach oben. Cafés und Läden eröffnen, die Stadt lebt auf. Auch Autofahrer wohnen lieber an einem Veloweg als an der Rosengartenstrasse. Wie gut sich Velostädte anfühlen, kann man in Amsterdam oder Kopenhagen nachprüfen. Wie stark das Modell lockt, sieht man daran, dass sich derzeit viele europäische Metropolen daran ausrichten. Gerade hat das Berliner Parlament ein ehrgeiziges «Radgesetz» beschlossen.

Es gibt nur einen Haken: Man kann dem Velo nicht geben, ohne dem Auto zu nehmen. Anders geht es nicht. In engen Städten lassen sich viele Velowege nur ziehen, indem man den Boden umverteilt – von den Autos zu den Velos. Dieser Zugriff auf automobilen Grund provoziert Widerstand – wie jedes Antasten alter Privilegien, welche die Begünstigten durch Gewöhnung als selbstverständlich hinnehmen. Autofahrerinnen sind oft allein unterwegs, ihre Wagen stehen die meiste Zeit ungebraucht herum, häufig auf öffentlichem Boden. Autos nützen den Stadtraum also äusserst ineffizient, trotzdem erhalten sie den grössten Teil davon. Eine solche Verschwendung eines raren Allgemeinguts lässt sich nur schwer rechtfertigen. Dem schlanken Velo dagegen gewähren Städte auch an zentralen Stellen (etwa am Zürcher Seilergraben) nicht eine einzige Spur.

Es stimmt: Der Ausbau des Velonetzes schränkt die Freiheit der Autofahrer ein. Doch diese Einschränkung ist nichts im Vergleich zur Freiheitsbeschneidung, mit der Velofahrer leben müssen. In Zürich auf einem Velo zu sitzen, fühlt sich manchmal an, wie in einem Pistolenschiessstand zu stehen. Ein Fehler des Nachbarn, ein Schlenker reicht, und schon wirds lebensgefährlich. Als Velofahrerin ohne eigene Fahrspur ist man auf die Gnade der Autofahrer angewiesen. Nicht alle von ihnen halten es für nötig, Abstand zu halten. Klar wüten auch Velorowdys. Aber am Schluss gilt: Blech schlägt Fleisch.

Freiheit gibt es nur dort, wo man sich sicher fühlt. Deser liberale Grundsatz gilt auch im Verkehr. Erst mit echten Velowegen bekommen die Menschen eine echte Wahl darüber, wie sie sich fortbewegen wollen.

Ein Schmerz, dann wird alles besser

Die Velostadt ist keine Kampfansage ans Auto. Niemand will alle Autos verbannen oder dem Gewerbe die Zufahrt versperren. Im Gegenteil: Für Autofahrten, die es wirklich braucht, würde in der Velostadt mehr Platz bleiben.

Die Velostadt formuliert vielmehr ein Angebot: Umsatteln ist nicht schwierig. Es tut nicht weh. Im Gegenteil. Es macht Spass. Und man kommt wirklich gut voran. Nicht alle Menschen können ihren Alltag mit dem Velo allein bewältigen. Die Velostadt lässt sich nur erreichen mit einem Bündel an Ansätzen, die helfen, die Automenge zu verkleinern: mit einem noch besseren ÖV-Angebot, geschickter Stadtplanung und – immer wichtiger – Ride- oder Car-Sharing-Angeboten, welche die Digitalisierung möglich machen. Sie verwandeln die Fahrzeuge in einer Stadt zu einem Fuhrpark, den alle benutzen können. Es werde immer einfacher, sich ohne eigenes Auto individuell zu bewegen, sagen Verkehrsforscher.

Trotzdem: Auf dem Weg zur Velostadt werden Vorrechte verloren gehen, neue Gewohnheiten müssen sich einspielen. Trennungen tun weh. Aber sie lohnen sich, wenn die alte Beziehung ein Knorz war. Und wenn man sich nachher endlich richtig verlieben kann.

(Tages-Anzeiger)

Erstellt: 28.04.2017, 19:31 Uhr

Artikel zum Thema

Eine Lovestory auf zwei Rädern

Dossier Vor 200 Jahren wurde das Velo erfunden. Und es rollt in eine grosse Zukunft. Eine Hommage an den nützlichsten Begleiter des Menschen. Mehr...

Täglich im Puff: Unterwegs mit dem Veloblitz

Infografik Velokurier ist einer der anstrengendsten Berufe der Welt. Scrollen Sie sich durch eine rasante Schicht von Velokurier Larry Boxler durch Zürich. Mehr...

Die Freiheitsmaschine

Essay Das Velo amüsierte die Reichen, mobilisierte die Arbeiter und befreite die Frauen. Heute fahren wir alle damit herum. Etappen einer bewegten Geschichte. Mehr...

Die Redaktion auf Twitter

Stets informiert und aktuell. Folgen Sie uns auf dem Kurznachrichtendienst.

Kommentare

Die Welt in Bildern

Farbiger Protest: Hunderte Bauern nehmen an einer Kundgebung in Mexiko teil. Sie verlangen, dass die Landwirtschaftsklausel im NAFTA-Handelsabkommen nicht erneuert wird. (26.Juli 2017)
(Bild: EPA/Mario Guzman) Mehr...