Und nach dem K.o. kämpft er weiter
Von Katrin Hafner. Aktualisiert am 23.01.2010
Sein Sohn soll nicht Kickboxer werden: Weltmeister Azem Maksutaj. (Bild: Doris Fanconi)
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Am Samstag, 30. Januar, tritt Azem Maksutaj in der Leichtathletikhalle Wankdorf Bern zum Kings of Fullcontact an.
Am Rückspiegel baumeln zwei rote Miniatur-Boxhandschuhe, im Rückspiegel sieht Azem Maksutaj seinen Sohn Leandro, zweieinhalb, im Kindersitz. Leandro mag den VW Golf lieber als den grossen schwarzen Mercedes, der zu Hause in der Garage steht, weil der Kleine schneller sei. Er selbst will später einen Ferrari. Rot muss er sein, das ist klar. Azem Maksutaj lacht. Stolzer Papa.
Wenn Azem Maksutaj, 35, nicht in seinem Trainingskeller Wing Thai Gym in Winterthur junge Männer und Frauen Kampfeslust, Durchhaltewillen und Schlagkraft lehrt, ist er mit seinem Sohn zusammen. Zieht ihn morgens an, wechselt Windeln, kocht Pasta oder Rührei, spielt «Kung Fu Panda»: Leandro mit Profi-Boxer-Miene, Azem mit leuchtenden Augen. Dreimal pro Woche bringt er ihn in die Kindertagesstätte und holt ihn nachmittags dort ab. Njomza, 23, seine Frau, arbeitet 80 Prozent als Vermögensverwalterin im Private Banking. «Ich bin nicht nur Vater, sondern auch halb Mama geworden», sagt er, 14-facher Thai- und Kickboxweltmeister und gebürtiger Kosovo-Albaner. «Mein Vater hätte sich geschämt, wenn man ihn mit einem Baby im Arm gesehen hätte. Ich glaube, er hat etwas verpasst.»
Las Vegas, Dubai, Pristina
Zu Hause im Wohnzimmer turnt Leandro auf seinem Papa herum, küsst ihn auf die Wange. In der Vitrine lächeln die frisch Vermählten hübsch und happy wie Filmstars aus dem Silberrahmen. An der Wand hängt abstrakte Kunst, das Sofa ist crèmeweiss und dient Klein-Leandro für Kickübungen. Als Njomza und Azem vor vier Jahren in die Neubauwohnung zogen, klingelte jeden Tag mindestens ein Jugendlicher, um ein Autogramm vom weltbekannten Kampfsportler zu bekommen.
Einen Weltmeistertitel mehr – und Azem Maksutaj schafft es ins «Guinness-Buch der Rekorde», wie er sagt. Dieses Jahr gibt er sich noch eine Chance: Vier Fights um WM-Titel stehen an, in Basel, Las Vegas, Dubai und Pristina. Dann will er den Ring verlassen. Er hat seinen Rücktritt bekannt gegeben, genug vom Kämpfen. Es sei einfach zu heftig, dieses Business. «Du musst immer stark sein, nach jedem Schlag aufstehen. In deinem Kopf musst du dich unschlagbar machen, ein Star sein, total. Physisch, psychisch und mental.»
Der doppelte Fluch
Dass Azem Maksutaj dies oft gelang, hat er in seiner Karriere längst bewiesen. Er wuchs in einem kleinen albanischen Dorf auf, vaterlos, half täglich auf dem Bauernhof, musste 40 Minuten zu Fuss zur Schule gehen. 1990 reiste er mit der Mutter dem Vater in die Schweiz nach. Er war 15, sprach nur Albanisch, hatte keine Ausbildung und kein soziales Netz, dafür einen Traum: stark und berühmt werden wie der Typ im Film «Rocky». Vorerst aber landete er in einer Integrationsklasse und büffelte Deutsch. «Die Sprache ist etwas vom Wichtigsten, wenn man es an einem fremden Ort schaffen will.»
Wenige Wochen nach der Ankunft in Winterthur begleitete er einen albanischen Bekannten zum Thaiboxtraining ins Wing Thai Gym. Und verbrachte fortan jede freie Stunde in diesem Kellerlokal. 12 Monate später erkämpfte er sich den Schweizer-Meister-Titel. Das Wing Thai Gym wurde zu seinem Zuhause. Um Geld zu verdienen, schob er Nachtwache und trainierte andere Boxschüler. Schliesslich kaufte er das Lokal dem Besitzer ab. 120 Mitglieder zählt der Klub heute, Hunderte Pokale und fette Gürtel zieren den Eingangsbereich.
Was nach einer linearen Aufsteigergeschichte aussieht, ist in Wahrheit ein holpriger Weg voller Brüche. Zwar ist Azem unbestritten der erfolgreichste Schweizer Thai- und Kickboxer – neben seinem verstorbenen Freund und ehemaligen Trainier Andy Hug – und einer der weltbesten; doch die Sportart ist umstritten. Spätestens seit der ehemalige Thaiboxweltmeister Bashkim Berisha, der vorübergehend bei Azem trainiert hatte, vor zehn Jahren einen Mazedonier erschoss, hat der Ruf dieser Kampfsportart gelitten. Dass auffällig viele Thai- und Kickboxer ausländischer Herkunft sind, verbessert das Image nicht. Der Sport schüre aggressives Verhalten, glauben die einen. «Es ist eben ein doppelter Fluch, wenn du Ausländer bist und dann auch noch Kampfsportler», sagt Azem – und versucht mit Schulbesuchen und Integrationsprojekten mehr Anerkennung zu finden. Seit er zu trainieren begonnen hat, trägt er ein weisses Kreuz auf seiner roten Kampfhose, auf der anderen Seite prangt der albanische Adler. Die alte Heimat will er nicht verleugnen, die neue aber ist zentraler.
Azem Maksutaj hat mit Njomza eine in der Schweiz aufgewachsene Albanerin geheiratet, die besser Schweizerdeutsch spricht als Albanisch. Die beiden reden Schweizerdeutsch miteinander und mit dem Sohn, Azem mit leichtem Akzent. «Nach so vielen Jahren sehe ich keinen Unterschied mehr zwischen einem typischen Schweizer und einem wie mir», sagt er. Die Ablehnung seines ersten Einbürgerungsgesuches nach 15 Jahren Aufenthalt in der Schweiz hat ihn mehr getroffen als jeder K.o. «Das war für mich die schlimmste Diskriminierung.» Aber Azem bleibt nicht liegen, wenn ihn etwas umgehauen hat. Ein Jahr später erhielt er den roten Pass.
Die Härte, ganz konkret
Höhenflüge und Abgründe liegen nahe beieinander in diesem Leben. Als es auf den Fightbühnen in aller Welt rund lief, erkrankte seine Mutter an Krebs. Er unterbrach das Training, besuchte sie zwei Jahre lang Tag für Tag, meist begleitet von Klein Leandro. Der Mann, der vor vier Jahren in Las Vegas am K-1-Kampf unter den Superschwergewichtlern gegen einen der Weltbesten antrat, brach weinend zusammen, als sie starb.
Und da ist noch etwas: Er, der für den Kampfsport lebt, will auf keinen Fall, dass sein Sohn den gleichen Weg wählt. «Es ist die Härte, ganz konkret. Ich könnte es nicht ertragen, ihn im Ring zu sehen. Als Hobby ist es okay. Aber für seine Karriere soll Leandro was Schöneres wählen. Er wächst in der Schweiz auf, hat alle Möglichkeiten.» Seine Frau nickt. Sie ist von der Arbeit gekommen, perfekt geschminkt, strahlend, lacht oft und herzlich – zum Beispiel wenn sie sagt, sie verstehe bis heute nicht, was ihren Mann so fasziniere an diesem Sport.
Azem schweigt, blickt zu Boden. Beweisen, dass man es schafft. Das geht gut im Kampfsport. Da gibt es nur Sieger oder Verlierer, keine Halbakzeptierten. Demnächst läuft der Dokumentarfilm «Being Azem» in den Kinos an – und katapultiert ihn damit näher an sein altes Idol «Rocky». Leandro boxt ihn in den Bauch. Er will die Tierbilder auf Papas iPhone anschauen.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 23.01.2010, 06:46 Uhr






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