Unschöner Schönheitsneid

Neid ist menschlich. Der Neid auf die Schönheit allerdings ziemlich weiblich – und für die eigene Karriere übrigens nicht gerade hilfreich.

Attraktive Frauen werden diskriminiert – und zwar von Frauen: Sophia Loren beäugt Kollegin Jayne Mansfield äusserst skeptisch an einer Party im «Romanoff's» in Beverly Hills (1957).

Attraktive Frauen werden diskriminiert – und zwar von Frauen: Sophia Loren beäugt Kollegin Jayne Mansfield äusserst skeptisch an einer Party im «Romanoff's» in Beverly Hills (1957). Bild: Reuters

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Die kritischen Blicke, die einen schnellen Bodycheck machen, die kennen viele Frauen. Je besser eine aussieht, desto genauer wird geprüft. Sitzt die Frisur, zwickt die Hose, wie steht es um die Furchen im Gesicht? Die Schadenfreude ist nie weit, wenn die scheinbar Perfekten einen Mangel an den Tag legen und alle weniger Gesegneten mindestens innerlich jubeln. Das erlebten in den letzten Tagen Schauspielerin Ashley Judd und Alina Buchschacher. Die amtierende Miss Schweiz wurde vom «Blick» beim Bikini-Shooting gescannt und durch Expertinnen für zu dick befunden, um am nächsten Tag nach Protesten aus der Leserschaft flugs das Gegenteil zu belegen. Schauspielerin Ashley Judd schlug auf die Kritik an ihrem Äusseren verbal und sehr gekonnt zurück (Lesen Sie dazu: «Das Mittelalter schlägt zurück»). Die Schadenfreude ist da einigen vergangen, zeigte sie doch deutlich ihr hässliches Gesicht und ihren Partner im Geist: den Neid.

Von Stutenbissigkeit war die Rede und von den Frauen, die der Frauen grösster Feind sind. Alles ein Klischee? Nicht nur. Höheres Gehalt, geringerer Attraktivitätsdruck und keine tickende biologische Uhr – das sind die Hauptfaktoren, worum Frauen das starke Geschlecht beneiden, wie eine Befragung von ElitePartner bei 12'000 Personen ergab. Der Penisneid scheint abgelöst durch den Schönheitsneid, der auch jenseits der Klatschspalten eine Rolle spielt.

Das grüne Gift am Arbeitsplatz

Für zusätzlichen Gesprächsstoff sorgte die Studie israelischer Forscher, die nachwies, dass attraktive Frauen bei Bewerbungen diskriminiert werden – und zwar von Frauen. Der Grund dafür? Die Angst vor Konkurrenz oder vielleicht auch schlichtweg Neid. So waren es vor allem Single-Frauen, die in den HR-Abteilungen die Vorselektion machen und damit keine gläserne Decke nach oben einzogen, sondern einen administrativen Schutzwall um ihr Revier legten. Typisch ist: Neid ist vielfach ein Phänomen unter Gleichgestellten.

Der Preis der Attraktivität

Studien der letzten Jahre verwiesen immer wieder auf den monetären Wert eines attraktiven Äusseren und forderten gar unverhohlen den Einsatz des erotischen Kapitals für das berufliche Fortkommen (Lesen Sie dazu: «Das attraktivste Kapital»). Der Effekt von Schönheit und Arbeitsmarkterfolg wird seit Jahren erforscht. Höhere Löhne und bessere Aufstiegschancen galten als Lohn des guten Aussehens. Sie sind aber auch Quelle des Neides und damit von sehr viel negativen und destruktiven Gefühlen.

Neidisch sind wir vor allem auf die, die uns nahe stehen. Der Erfolg einer nahestehenden Person in einem Gebiet, das einem persönlich wichtig ist, macht unglücklicher, als der Erfolg eines Fremden. Das erklärt, warum es so schwierig ist, einem Kollegen oder einer Kollegin zur Beförderung zu gratulieren. Und es erklärt, warum gute Ideen von einem anderen Team der gleichen Firma so schwer als solche anerkannt werden.

Eine unangenehme Form von Anerkennung

Neid ist unangenehm. Ungern bekennt man sich dazu und gerade am Arbeitsplatz kann er sehr unterschiedliche Auswirkungen haben. Im besten Fall wirkt er als Ansporn zu Höchstleistungen: Der Neid auf das bessere Gehalt, das bessere Büro oder den schöneren Wagen kann die eigene Karriere durchaus beflügeln. In dem Sinne ist Neid tatsächlich die höchste Form der Anerkennung. Das funktioniert allerdings nur dann, wenn eine realistische Chance besteht, das zu bekommen, auf das man neidisch ist.

Das macht den Neid auf das gute Aussehen so schwierig. Einerseits zeigt sich, dass Schönheit tatsächlich eine Währung ist, wie die Soziologin Naomi Wolff sie einst bezeichnete. Allerdings eine Währung, die einer speziellen Marktlogik folgt. So ist der Kampf gegen die Schwerkraft und den Alterungsprozess ein aussichtsloser und fordert vor allem jene, die nicht mehr in der Blüte ihrer Jugend und Schönheit stehen. Vivian Diller und Jill Muir-Sukenick haben unter dem Titel «Face it» ein Buch dazu verfasst, das in den USA diskutiert wurde. Das Werk trägt den Untertitel «Was Frauen wirklich fühlen, wenn sich ihr Aussehen ändert». (Lesen Sie auch: «Die Ästhetik des Widerstandes»)

Märchen und Wirklichkeit

Das kennen wir aus dem Märchen und ist gerade neu verfilmt im Film «Mirror Mirror» auf der Kinoleinwand zu sehen. Julia Roberts als böse Stiefmutter in der Neuverfilmung des Schneewittchens kämpft mit allen Mitteln gegen die jugendliche Konkurrentin. Sie unterwirft sich absurdesten Schönheitsritualen, hüllt sich in schönste Gewänder und zieht trotzdem den Kürzeren. Die einstige Pretty Women mutiert zur neidischen Fratze, ein wahres Vergnügen. Weniger märchenhaft und amüsant sind die Konsequenzen im realen Arbeitsleben. Dort kann der Neid ganze Organisationen lähmen und das Arbeitsklima vergiften. Wenn wir Leute um Dinge beneiden, die nur schwer selber erreicht werden können, wird häufig mit abwertenden Bemerkungen reagiert.

Wie neidisch sind Sie?

Neid zerstört Beziehungen, treibt Teams auseinander und mindert den Erfolg einer Organisation, vor allem aber leidet der Selbstrespekt des Neiders, wie Tanja Menon und Leigh Thompson in ihrer Studie «Neid am Arbeitsplatz» festhalten. Im Rahmen ihrer Forschungstätigkeit haben die beiden einen Fragebogen entwickelt, damit Leute ihre eigene Neid-Neigung erkennen können. Dabei soll man an eine Person innerhalb der Organisation denken, mit der man sich häufig vergleicht und die kürzlich etwas erreicht hat. Dazu gehören Fragen wie: Haben Sie zu einem Erfolg gratuliert? Wie haben Sie sich gefühlt, als Sie davon erfahren haben? Wann gaben Sie der Person das letzte Mal öffentliche Anerkennung? Stellen Sie sich vor, die Person erleide einen peinlichen öffentlichen Zwischenfall, würde sie das traurig oder glücklich machen oder wäre es Ihnen egal? Unangenehme Fragen, die viel über die eigene Befindlichkeit aussagen.

Doch was hilft gegen das elende Gefühl des Neides? Autor Anton Bucher hat einige Tipps gesammelt:

  • eine unerschütterliche Haltung
  • ein gesundes Selbstbewusstsein
  • selektives Ignorieren
  • die Frage nach der Wichtigkeit bestimmter Fragen angesichts von Vergänglichkeit und Tod

Wer diese Haltungen souverän beherrscht, der ist wirklich zu beneiden.

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(Erstellt: 17.04.2012, 21:25 Uhr)

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Schönheit als Währung: Soziologin Naomi Wolff.

Neuerdings eine öffentliche Problemzone: Blick auf die Bauchpartie von Miss Schweiz Alina Buchschacher.

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