«Unsere Kinder werden viel zu hart bestraft»
Von Matthias Meili, Philadelphia. Aktualisiert am 13.11.2009 49 Kommentare
«Jugendlichen begehen oft Verbrechen, weil sie noch unreif sind»: Laurence Steinberg.
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Wegweisender Forscher
Der Jugendpsychologe und Neurowissenschaftler lehrt an der Temple University in Philadelphia. Am 3. Dezember wird ihm in Zürich der Klaus-J.-Jacobs-Forschungspreis verliehen, der mit insgesamt einer Million Franken dotiert ist und der laut Pressemitteilung «herausragende wissenschaftliche Leistungen würdigt, die wegweisend zur erfolgreichen Entwicklung junger Menschen beitragen». Steinbergs Forschungsergebnisse haben dazu beigetragen, dass in den USA die Todesstrafe bei jugendlichen Tätern unter 18 Jahren abgeschafft wurde.
Er konnte zeigen, dass das Gehirn Heranwachsender noch unreif ist und sie folglich nicht gleich schuldfähig wie Erwachsene sind. Zuvor hatte Steinberg jahrelang die Beziehungen zwischen Eltern und Heranwachsenden erforscht und mehrere Bücher zum Thema Erziehung verfasst, unter anderen das auch auf Deutsch erschienene Ratgeberbuch «Die 10 Gebote der Erziehung» (2005/2008). Steinberg ist 57 Jahre alt, lebt heute mit seiner Frau in Philadelphia. Er hat einen erwachsenen Sohn. (mma)
Herr Steinberg, Jugendliche verhalten sich bizarr, werden frech und machen Probleme. Ist es nicht furchtbar anstrengend, mit Heranwachsenden zu forschen?
Ich wollte immer wissen, wie Menschen zu dem werden, was sie sind, und welche Faktoren dabei entscheidend sind. Die Jugend ist eine Zeit, in der wir uns sehr stark verändern; im Erwachsenenalter ist das viel weniger der Fall. Zudem liebe ich Teenager sehr, das ist vielleicht etwas speziell. Viele können nichts mit ihnen anfangen oder haben sogar Angst vor ihnen. Aber ich mag sie. Sie sind voller Energie, voller Leben, voller Neugier und aufblühender Intelligenz. Wirklich, es macht mir Spass.
Sie haben behauptet, dass das Hirn von Jugendlichen so unreif sei, dass sie für schwere Verbrechen gar nicht voll schuldfähig sein können.
Ich sage nicht, dass man Heranwachsende für Verbrechen nicht zur Rechenschaft ziehen darf. Aber ich denke, wir sollten das auf eine Art und Weise tun, die den jungen Menschen gerecht wird. Heute glauben viele, dass nur noch der kriminelle Akt betrachtet werden muss – ein Raub ist ein Raub, ein Mord ist ein Mord. Jemand sagte mir einmal, dass es gleich wehtut, ob man von der Kugel eines 15-Jährigen oder von der Kugel eines 30-Jährigen getroffen wird.
Was ja auch stimmt ...
Das stimmt, aber dann frage ich ihn, ob er auch so denken würde, wenn er von einer Kugel getroffen wird, die ein Vierjähriger abgefeuert hat. Wollen Sie einen Vierjährigen wie einen Erwachsenen beurteilen?
Was geht denn im Hirn von Jugendlichen vor?
Etwa zur Zeit der Pubertät zeigt sich im Hirn ein dramatischer Anstieg von Dopaminrezeptoren. Der Nervenbotenstoff Dopamin vermittelt vor allem Freude und Belohnung. Der Anstieg der Dopamin-Aktivität führt dazu, dass die Jugendlichen viel neugieriger werden und den Nervenkitzel regelrecht suchen; sie sind geradezu süchtig nach Gefühlen der Belohnung und der Bestätigung. Aber es gibt ein zweites System im Gehirn, nämlich eine Art kognitive Kontrolle, das uns hilft, nach vorne zu schauen, die Konsequenzen unseres Handels abzuschätzen, zu planen. Dieses Kontrollsystem ist auch eine Art Impulsbremse, doch es ist erst Mitte zwanzig ausgereift. Die Diskrepanz in der Entwicklung dieser beiden Hirnsysteme führt dazu, dass sich Heranwachsende oft riskant und rücksichtslos verhalten, bis hin zum Verbrechen, obwohl sie intellektuell schon in der Lage sind, rationale, verantwortungsvolle Entscheidungen zu treffen.
Entschuldigen diese neurowissenschaftlichen Fakten ein Verbrechen?
Nein, aber sie gebieten uns, dass wir Jugendliche für ihre Taten anders beurteilen als Erwachsene. Das ist ja auch der Sinn des Jugendstrafrechts. Das wurde in den letzten 20 Jahren vergessen. Diese Jugendlichen begehen oft Verbrechen, weil sie noch unreif sind.
In diesem Jahr haben in Europa sinnlose Gewalttaten von Jugendlichen für Unruhe gesorgt, die sie scheinbar aus purem Spass und in der Gruppe verübt haben.
Wir wissen aus der Verhaltensforschung, dass Jugendliche mehr Risiko eingehen und rücksichtsloser handeln bis hin zu Verbrechen, wenn sie statt allein mit Kollegen zusammen sind. Bei Erwachsenen ist das nicht der Fall. Wieso ist das so? Wir haben verschiedene Tests durchgeführt, um dieses Verhalten zu überprüfen. Während dieser einfachen Tests, in denen die Jugendlichen riskante Situationen zu bestehen hatten, haben wir MRI-Aufnahmen ihres Gehirns gemacht. Dabei hat sich gezeigt, dass vor allem das Belohnungssystem aktiv ist, das kognitive Kontrollsystem dagegen ist inaktiv. Die Jugendlichen suchen also vor allem Bestätigung von ihren Kollegen.
Mitgegangen, mitgehangen ...?
Wenn wir wissen, dass Jugendliche von Natur aus dem Druck ihrer Kollegen weniger standhalten können, müssen wir das doch auch im Strafmass berücksichtigen. Aber alle unreifen Menschen werden reifer, wenn man sie heranwachsen lässt und wenn man ihnen eine Umgebung bietet, die ihnen dabei hilft.
Sind Sie nicht etwas zu optimistisch, was die Entwicklung von gewalttätigen Jugendlichen betrifft?
92 Prozent aller jungen Straftäter werden als Erwachsene keine Verbrechen mehr begehen. Sie nennen das vielleicht Optimismus, ich nenne es Wissenschaft. Wenn man zum Beispiel sagt, ein 13-Jähriger werde sich nie mehr rehabilitieren, ist das falsch. Denn die Wissenschaft zeigt, dass das in den allermeisten Fällen klappt.
Auffällig ist, dass vor allem männliche Jugendliche in gewalttätige Verbrechen verwickelt sind. Widerspiegeln sich diese Verhaltensunterschiede in der Entwicklung des Gehirns von jugendlichen Männern und Frauen?
Die Unterschiede in der Hirnentwicklung bei Männern und Frauen sind äusserst gering. Bei beiden Geschlechtern läuft praktisch das gleiche Programm ab. Ich glaube eher, dass der unterschiedliche soziale Kontext dafür verantwortlich ist, dass junge Frauen weniger Verbrechen begehen. Mädchen wurden bis anhin in den meisten Kulturen und Gesellschaften von ihrem sozialen Umfeld viel enger kontrolliert als Männer.
Bei den besonders rücksichtslosen und brutalen Gewalttätern ist doch nicht die Frage entscheidend, ob das Hirn unreif ist, sondern vielmehr, ob es krank ist ...
Menschen werden aus den verschiedensten Gründen zu Verbrechern, aber die grosse Mehrheit davon ist nicht krank. Einige Jugendliche müssen in der Tat weggesperrt werden, weil sie gefährlich sind. Dann geht es nicht darum, diese Jugendlichen zu resozialisieren, sondern darum, die Gesellschaft zu schützen. Die Zahlen, die wir haben, zeigen, dass nur etwa fünf bis acht Prozent wieder straffällig werden.
Kann uns die Neuropsychologie sagen, wer diese Wiederholungstäter sind und wer eine zweite Chance verdient?
Vielleicht ist das einmal möglich, aber im Moment haben wir die Technologie noch nicht. Ich glaube eher nicht, dass wir mit technischen Methoden einmal feststellen können, ob ein Mensch ein kriminelles Gehirn hat und später ein Verbrechen begehen wird. Wir können die Menschen nach wie vor nur aufgrund ihres Verhaltens beurteilen. Wir wissen aber mit Sicherheit, dass eine Prognose aufgrund der Schwere der begangenen Tat nicht möglich ist. In der Regel wird heute jedoch auf der Grundlage entschieden, als ob das möglich wäre.
Gibt es denn bessere Indikatoren, die eine solche Voraussage erlauben?
Einer der besten Hinweise auf eine künftige Kriminellen-Karriere ist, wenn der Jugendliche ein Drogen- oder Alkoholproblem hat. Ein weiterer Indikator ist, wenn Jugendliche eine sehr lange Geschichte von kriminellen Taten mitbringen. Jugendliche, die erst in der Adoleszenz kriminell werden, haben eine viel bessere Prognose als solche, die schon als Kind kriminell waren. Deshalb denke ich, dass wir Ersttäter in keinem Fall zu hart bestrafen dürfen, selbst wenn es sich um ein schweres Verbrechen handelt. Denn dadurch gerät er in einen Teufelskreis von Strafvollzug und Kriminalität. Ich glaube, dass jeder Jugendliche eine zweite Chance verdient.
Gerade wenn man annimmt, dass ihr Gehirn noch unreif ist, sind doch Strafen ein wichtiges Mittel, um den Jugendlichen ihre Grenzen aufzuzeigen und die Werte der Gesellschaft weiterzugeben – sozusagen als erzieherische Massnahme.
Bestrafung alleine funktioniert nicht, denn sie trägt nichts dazu bei, die Fähigkeiten dieser Jugendlichen zu fördern, die diese brauchen, um in der Gesellschaft bestehen zu können. Was haben wir erreicht, wenn ein Junge acht Monate im Gefängnis sitzt?
Er bekommt seine gerechte Strafe.
Und er verpasste die Schule für ein Jahr, er wurde in eine Gemeinschaft mit anderen Kriminellen eingeschlossen, von denen er mit Sicherheit nicht profitiert, und dann kommt er zurück in eine Umgebung, mit der er vorher schon nicht klargekommen ist. Wer ist denn da überrascht, wenn der Betreffende weitere Verbrechen begeht?
Muss sich eine Bestrafung nicht auch nach der Schwere des Verbrechens richten?
Ich glaube nicht. Was, wenn ein Jugendlicher ein schweres Verbrechen begeht, weil er ein ernsthaftes Drogenproblem hat? Dieser Mensch braucht eine Drogenbehandlung, denn wenn er weggesperrt wird, ohne dass das Drogenproblem behandelt wird, kommt er raus und begeht erneut ein Verbrechen. Viele Jugendliche begehen schwere Verbrechen, weil sie von ihren Freunden dazu gedrängt wurden. Das passiert häufig. In vielen Teilen der USA werden Mitläufer aber gleich hart wie die eigentlichen Täter bestraft. Manche dieser Jugendlichen sind bei solchen Taten einfach dabei, weil sie zur Clique gehören. Oft sind es noch Kinder im Alter von 13 oder 14 Jahren. Es bringt doch nichts, diese Kinder wegzusperren.
Die Strafen sind doch einfach zu wenig hart, die Jugendlichen nehmen sie gar nicht ernst.
Das stimmt, sie machen sie nur wütend. Ich denke zwar auch, dass Jugendliche, die Verbrechen begehen, bestraft werden müssen. Aber unsere Kids werden viel zu hart bestraft. Wir haben in einer Studie, die wir demnächst veröffentlichen werden, zeigen können, dass die Dauer der Strafe keinen Einfluss auf das Ergebnis hat. Es kommt nicht drauf an, ob ein Jugendlicher drei Monate oder drei Jahre weggesperrt wird, der Effekt bleibt der Gleiche.
Aber eine harte Strafe ist auch nicht falsch?
Sie ist einfach sinnlos. Jugendliche, die aus dem Jugendstrafvollzug kommen, haben dasselbe Risiko, wieder ein Verbrechen zu begehen, wie Jugendliche, die nicht weggesperrt wurden und die eine sozialtherapeutische Hilfe erhalten haben. Der einzige Unterschied ist, dass wir 50'000 Dollar verschwendet haben, um das Kind einzusperren. In Staaten wie Kalifornien kostet ein Gefängnisplatz pro Jahr 100 '00 Dollar. Diese Geldverschwendung ist einfach schockierend. Sie können ein Kind für weniger Geld ein Jahr lang nach Harvard schicken, als es für ein Jahr im Gefängnis kostet. Bei uns in den USA erhalten nur fünf Prozent der Delinquenten eine Behandlung, deren Nutzen wissenschaftlich abgestützt ist.
Als sinnvolle Alternative zum Gefängnis gelten Boot-Camps, in denen die Jugendlichen in kürzerer Zeit und mittels harter Arbeit endlich lernen, sich in eine Gesellschaft einzuordnen.
Wissenschaftliche Untersuchungen haben klar gezeigt, dass diese nichts bringen – im Gegenteil, sie verschlechtern die Dinge.
Wieso das?
Boot-Camps beinhalten viel Bestrafung, sie bringen die Kids in eine ganz schlechte Gesellschaft mit anderen kriminell gewordenen Jugendlichen und bieten wenig Rehabilitation und Resozialisation. Das ist das beste Rezept, um straffällige Jugendliche noch mehr in die Kriminalität zu treiben. Es sind nur die Politiker, die das wollen, um zeigen zu können, dass sie hart im Umgang mit Verbrechen sind. Einer unserer Parlamentarier schlug zum Beispiel vor, alle Jugendlichen, die aus dem Gefängnis kommen, nicht mehr in die normale Schule, sondern in eine spezielle Schule für vormals straffällige Jugendliche zu schicken. Ein haarsträubender Vorschlag!
Bitte nennen Sie uns Alternativen ...
Dies können nachschulische Programme für die Jugendlichen selber sein oder unterstützende Massnahmen für Familien in Problemquartieren, zum Beispiel in der Frühkinderziehung. Solche Programme sind für 15'000 Dollar im Jahr zu haben, also für einen Bruchteil der Summe, die ein Gefängnisplatz kostet – und sie bewirken mehr.
Beeinflussen Eltern mit einer guten Erziehung die Entwicklung des Gehirns ihrer Zöglinge positiv?
Natürlich tun sie das, gerade auch im Teenageralter. Wir wissen heute, dass es zwei Perioden gibt, in denen unser Gehirn sehr formbar ist. Das sind die frühe Kindheit und das Jugendalter. Es gibt gute Gründe zu glauben, dass eine gute Elternschaft die Gehirnentwicklung der Heranwachsenden positiv beeinflusst.
Gute Elternschaft ist ein ziemlich schwammiger Begriff ...
Wir haben jahrelang untersucht, von welcher Erziehung die Kinder profitieren und von welcher nicht. Gute Eltern begegnen ihren Kindern mit viel Wärme, sie setzen aber auch klare Grenzen und leben klare, einsichtige Regeln vor, die sie auch durchsetzen. Und sie unterstützen das psychologische Bedürfnis der Kinder, autonome Persönlichkeiten zu werden. Kinder von solchen Eltern bringen bessere Leistungen in der Schule. Nicht günstig für die Entwicklung der Kinder sind sowohl eine autoritäre wie auch eine nachlässige Erziehung.
Und wie beeinflusst die Erziehung das Heranreifen des Gehirns genau?
Wir wissen nicht, wieso und mit welchen Mechanismen dies geschieht. Unsere Untersuchungen der verschiedenen Erziehungsmethoden haben aber gezeigt, dass Jugendliche von Eltern, die ihre Kinder gut erzogen haben, weniger impulsiv sind. Irgendetwas geht dabei also im Hirn ab. Was genau, möchte ich gerne einmal verstehen.
Kriminelle Jugendliche sind also von schlechten Eltern?
50 Prozent der Jugendlichen, die kriminell werden, haben in der Tat furchtbar schlechte Eltern. Aber das würde man auch erwarten. Aber 15 Prozent unserer delinquierenden Jugendlichen haben nach allen Kriterien, die wir kennen, gute Eltern. Und trotzdem werden sie zu Verbrechern. Diese Kids sind auch von anderer Seite beeinflusst, von Mitschülern und Kollegen, von der Nachbarschaft, in der sie leben. Das lehrt uns doch, dass die Eltern nicht an allem schuld sind.
Dann hatte also die Erziehungswissenschaftlerin Judith Harris Recht, die 1998 sagte, dass die Peers für die Entwicklung der Jugendlichen verantwortlich sind und nicht die Eltern?
Nein, im Ausmass, wie sie es behauptet hat, liegt sie definitiv falsch. Sie hat zwar sicher Recht, dass die Peers sehr wichtig sind, übersieht aber zum Beispiel die Tatsache, dass Eltern auch auf die Auswahl der Peers grossen Einfluss haben. Denn welche Freunde und Kollegen sich Kinder aussuchen, hängt auch davon ab, wie sie erzogen werden.
Die Eltern sind also doch verantwortlich für ihre Kinder?
Ja, nicht für alles, aber für vieles.
(Tages-Anzeiger)
Erstellt: 13.11.2009, 14:26 Uhr
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49 Kommentare
So Unrecht hat Joseph Leninger nicht. Dieses Recht-und-Ordnung-Denken muss aufhören. Ich verstehe nicht warum man so denken kann. Es gibt keinen Grund dazu ausser Neid. Neid vor denen, die sich nicht ans Recht halten und damit durchkommen. Antworten
Den meisten Kommentarschreibern scheint wohl entgangen zu sein, dass der Professor AMERIKANER ist und vom AMERIKANISCHEN SYSTEM spricht. Die Strafen dort entsprechenden dem was die meisten von ihnen hier laut herumschreiend verlangen und die Folge dieser Strafen scheint eben noch mehr (Jugend-)Kriminalität zu sein. Antworten

































































































































