Video und Wahrheit

Die doppelte Fälschung des deutschen Satirikers Jan Böhmermann mit dem Stinkefinger von Giannis Varoufakis war brillant. Sie offenbart unsere Überforderung mit der Welt.

Der Fernsehsatiriker Jan Böhmermann hat für einen seltenen Moment der Wahrheit gesorgt. Foto: Jens Oellermann (ZDF)

Der Fernsehsatiriker Jan Böhmermann hat für einen seltenen Moment der Wahrheit gesorgt. Foto: Jens Oellermann (ZDF)

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Jetzt ist es wieder passiert. Am Donnerstagmorgen, es war noch dunkel, explodierte das Internet. #varoufake war das Stichwort, neun Minuten lang das Video, das man an diesem Morgen gesehen haben musste. Jan Böhmermann, ein deutscher Satiriker, der mit seiner TV-Sendung «Neo Magazin Royale» bisher nur einem Minderheitenpublikum ein Begriff war, behauptete in diesem Video, der wahre Urheber des gestreckten Mittelfingers des griechischen Finanzministers Giannis Varoufakis zu sein. Eine Sensation!

Seit Sonntag, seit der Talksendung von Günther Jauch, diskutiert Deutschland, scheint es, über nichts anderes als diesen Mittelfinger. Jauch hatte den von seiner Redaktion auch nicht eben freundlich als «Euro-Schreck» bezeichneten Varoufakis mit einem Ausschnitt aus einem zwei Jahren alten Video von einer Konferenz in Zagreb konfrontiert. Das Video mit dem Mittelfinger für Deutschland. Varoufakis bezeichnete die Szene als «manipuliert», «Bild» schrie «Lügen-Varoufakis!», und selbst der deutsche Finanzminister Wolfgang Schäuble war «schwer enttäuscht».

Empörung, Empörung

Und nun: Böhmermann. Sein Team sei es gewesen, das den Mittelfinger ins Bild geflickt habe, erzählt der Satiriker in seinem Video grinsend und lässt dabei die «Originalversion» laufen: Varoufakis ohne Mittelfinger. Eine Sensation. Eine Sensation! Tausendfach geteilt, gelikt, getwittert.

Böhmermanns Einwurf war brillant. Ein seltener Moment der Klarheit, der zeigte, woran die Medien und ihre Rezipienten schon länger kranken. Das Internet explodierte nicht, weil Böhmermann darauf hinwies, dass Günther Jauch in seiner Sendung vom Sonntag eine höchst komplexe Debatte mit einer billigen Pointe erledigte.

Das Internet explodierte, weil es sich nicht sicher war. Weil es nicht wusste, ob das Video von Böhmermann nun echt ist oder eine Fälschung. Was für eine Aufregung: Videoexperten verbreiteten längliche Videoanalysen, per Eilmeldung wurden der erregten Öffentlichkeit die neuesten Neuigkeiten aus der ZDF-Zentrale mitgeteilt, und auf «Watson» – so viel journalistische Einordnung muss sein – durften die Nutzer darüber abstimmen, ob das Video echt sei oder nicht.

Es spielt keine Rolle

Mein Gott. Es spielt keine Rolle, ob Varoufakis vor zwei Jahren in Zagreb für den Bruchteil einer Sekunde den ausgestreckten Mittelfinger gezeigt hat oder nicht. (Er hat, falls Sie es wirklich wissen wollen.) Es spielt keine Rolle, ob Günther Jauch oder Jan Böhmermann ein Video manipulierten. Entscheidend ist die Metainformation, entscheidend sind die letzten paar Sätze von Böhmermann in seinem Video. Sätze übrigens, welche die hysterische Wahr-oder-falsch-Debatte eigentlich hätten verhindern müssen. Böhmermann sagte:

«Liebe Redaktion von Günther Jauch. Giannis Varoufakis hat unrecht. Ihr habt das Video nicht gefälscht. Ihr habt einfach das Video nur aus dem Zusammenhang gerissen und einen griechischen Politiker am Stinkefinger durchs Studio gezogen. Damit sich Mutti und Vati abends nach dem ‹Tatort› noch mal schön aufregen können: ‹Der Ausländer! Raus aus Europa mit dem! Er ist arm und nimmt uns Deutschen das Geld weg. Das gibts ja wohl gar nicht. Wir sind hier die Chefs! So!› Das habt ihr gemacht. Und der Rest ist von uns.»

Das ist der Punkt: Dass «Bild» die Griechen Tag für Tag verhöhnt, ist noch irgendwie nachvollziehbar: Es ist die «Bild», es ist Boulevard, es ist schmierig und gemein. Wenn aber ein Moderator wie Günther Jauch auf einem öffentlich-rechtlichen Sender eine hochkomplexe Debatte auf einen Mittelfinger reduziert, ist das ein tragischer Beweis, wie weit die De­ge­ne­ra­ti­on der Medienöffentlichkeit schon fortgeschritten ist.

Jauch ist ein Symbol für unsere Überforderung. Die Krise in Griechenland ist vielschichtig und unübersichtlich. Es geht um Schuld, um Abhängigkeiten, um alte Verflechtungen, um Schicksale, um ein Land am Abgrund. Doch statt sich ernsthaft mit den Ursachen dieser Krise und mit möglichen Lösungen zu beschäftigen, zielen auch Qualitätsjournalisten in diesen Tagen auf den einfachsten Reflex: die Empörung. Kein Nachdenken erforderlich, Quote garantiert. Denn nicht nur die Medien sind überfordert, die Adressaten, die Medienkonsumenten, sind es ebenso.

Jauch ist nicht der erste, Jauch ist auch nicht der letzte. Als sich nach den Anschlägen auf die Redaktion von «Charlie Hebdo» die Regierungschefs und Präsidenten aus aller Welt in Paris zu einem gemeinsamen Trauermarsch trafen, da war nicht das Zusammenstehen das Thema, sondern dessen Inszenierung. Die Mächtigen hatten sich abgetrennt von der Masse getroffen. Eine unschöne Manipulation, aber auch eine verständliche: Als ob sich die Staatschefs nach einem solchen Attentat ungeschützt unter die Menge mischen würden. Doch auch hier funktionierte der Reflex: Die Öffentlichkeit empörte sich über die feigen Staatschefs und musste sich so nicht mit dem eigentlichen und komplizierten Thema auseinandersetzen: Wie soll unsere Gesellschaft adäquat auf solche Bedrohungen reagieren? Was macht das mit uns?

Das küssende Monster

Auch die Schweiz ist nicht gefeit vor Stellvertreterdiskussionen. Bestes Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit ist der Besuch von Bundespräsidentin Simonetta Sommaruga in Brüssel und das ikonische Foto, das dabei entstand. Sommaruga, verschlungen von Jean-Claude Juncker, dem Präsidenten der Europäischen Kommission. In den Leitartikeln der (konservativen) Schweizer Presse wurde der Kuss zum Sinnbild der verfahrenen Beziehungen der Schweiz mit der EU: hier die naive Sommaruga, da der böse Juncker. Ein Monster, zur Attacke bereit. All die komplizierten Verflechtungen unseres Landes mit Europa auf einen einzigen Augenblick reduziert. Kein Wunder, macht die SVP nun Wahlkampf mit dem Foto.

Das Problem mit dem Bild des küssenden Junckers ist der Kontext: Schaut man sich die ganze Begrüssungsszene an, verliert das Bild seine Berechtigung: Der Kuss war harmlos, der Moment von einem Fotografen aus dem Zusammenhang gerissen.

Der Mittelfinger von Varoufakis, die inszenierten Trauernden in Paris, der Kuss in Brüssel: Wir können nichts mehr glauben. Wir wollen nichts mehr glauben. Und reden darum aneinander vorbei. Das Problem ist nicht die immer grössere Schwierigkeit, in Zeiten des Internets zwischen wahr und falsch zu unterscheiden. Das Problem ist unsere wachsende Angst vor Komplexität. Noch so gerne klickt man auf das nächste «Das müssen Sie gesehen haben!»-Video, noch so gerne lässt man sich von der kurzfristigen Empörung hinwegtragen: Wir leben in einem Zeitalter der ständigen Ablenkung. Sie macht uns die Welt erträglich.

Wahren Trost spenden Satiriker wie Jan Böhmermann. Solange es die Satire schafft, solche Momente der Klarheit zu liefern, solange sind wir nicht verloren. Man möge diesen Moment festhalten, ihn bewahren und an ihn denken, wenn das Internet das nächste Mal explodiert.

Lange wird es nicht dauern.

(Tages-Anzeiger)

(Erstellt: 20.03.2015, 06:34 Uhr)

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