«Vielen ist nicht bewusst, was sie tun»
Von Muriel Gnehm. Aktualisiert am 31.05.2011 15 Kommentare
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In seinem neuen Buch «Was ist mit unseren Jungs los?» beschreibt der Jugendpsychologe Allan Guggenbühl, warum Jugendliche gewalttätig werden. Die «BaslerZeitung» befragte ihn und die Psychologin Tanja Vollenweider, Co-Leiterin des Ressorts Besondere Prävention der Basler Kantonspolizei, wie sie mit Jugendlichen umgehen, die Gewalt geiler finden als Sex – und warum Gefängnisstrafen selten präventiv wirken.
Die Schweizer Kriminalstatistik von 2009 verzeichnet gegenüber dem Vorjahr einen Rückgang der Jugenddelikte – von 2456 auf 2367. Ist das der falsche Zeitpunkt, um ein Buch über Jugendgewalt zu veröffentlichen, Herr Guggenbühl?
Allan Guggenbühl: Vielleicht, ja. Das Buch handelt aber von meiner Arbeit, Aktualität war nicht das Ziel.
Und warum die einseitige Perspektive auf die jungen Männer, wo doch die jungen Frauen immer gewalttätiger werden?
Guggenbühl: Dieses Buch widmet sich nun mal den männlichen Jugendlichen. Ich arbeite auch mit jungen Frauen zusammen, aber die haben ein ganz anderes Profil. Vielleicht schreibe ich irgendwann über sie.
Inwiefern unterscheidet sich das weibliche vom männlichen Profil?
Guggenbühl: Junge Frauen sind weniger tatorientiert. Bei ihnen ist es ein dichtes Geflecht aus Beziehungen, Vorgeschichten und Enttäuschungen, welches sie gewalttätig macht. Das ist schwieriger zu analysieren.
Tanja Vollenweider: Ja, die Gruppe der jungen Frauen, die gewalttätig werden, ist heterogener – bezüglich der Persönlichkeit, des familiären Hintergrunds und des Schulniveaus. Es geht um Freundschaften, um Bekanntschaften mit jungen Männern und um Verleumdungen.
Worum geht es bei den jungen Männern?
Vollenweider: In erster Linie um Aggressionen zwischen Gleichaltrigen. Sie sind frustriert, fühlen sich beleidigt oder wollen ihre Familien verteidigen.
Herr Guggenbühl, vorigen Donnerstag wurde Ihr Sohn vor Gericht verurteilt. Er soll mit einem Kollegen einen Taxifahrer spitalreif geschlagen haben. Passt er auch in dieses Täterprofil?
Guggenbühl: Mein Eindruck war, dass mein Sohn keinen fairen Prozess hatte. Es sind wesentliche Fakten unberücksichtigt geblieben, die klar zeigen, dass der Konflikt vom Taxifahrer angezettelt wurde. Darum legen wir gegen das Urteil Berufung ein.
Die Statistik zeigt einen quantitativen Rückgang. Gleichzeitig soll die Gewalt aber qualitativ zugenommen haben. Nehmen Sie das genauso wahr?
Guggenbühl: Einige Jugendliche, mit denen ich arbeite, kennen keine Tabus. Sie können nicht zwischen Raufereien und Kämpfen unterscheiden. Sie haben nie gelernt, was ein «Spasskämpfli» ist, und wissen deshalb zum Beispiel auch nicht, dass der Kopf tabu ist. Ihnen fehlt die Erfahrung, wie sie mit dem eigenen und fremden Körper umzugehen haben.
Vollenweider: Das ist ein Aspekt, ja. Ein weiterer Aspekt sind die verschiedenen Kulturen, in denen sie sich bewegen. Ihre Ideale befinden sich in einem Spannungsfeld, weshalb sie ihnen nicht gerecht werden können.
Sprechen Sie damit die ausländischen Jugendlichen an?
Vollenweider: Auch. Aber die Schweizer Jugendlichen bewegen sich ebenfalls in verschiedenen Kulturen: in ihrem Quartier, zu Hause, im Sportverein und in der Schule.
Guggenbühl: Letztlich ist die Frage einer Zu- und Abnahme der Gewalt unter Jugendlichen für mich gar nicht so entscheidend – weder qualitativ noch quantitativ. Gewalt gehört zu jeder Gesellschaft, es gibt dieses Problem und man muss sich darum kümmern.
Vollenweider: Die statistischen Zahlen alleine sagen sowieso nicht alles. Es gibt eine grosse Dunkelziffer, da sich viele untereinander gar nicht erst anzeigen.
Guggenbühl: Das stelle ich ebenfalls fest. Die Jugendlichen erzählen uns immer wieder von Vorfällen, von denen die Staatsanwaltschaft nichts weiss.
Herr Guggenbühl, Sie sprechen in Ihrem Buch auch von der Lust an der Gewalt. Hat diese etwas damit zu tun, dass die Jugendlichen zum Teil so brutal vorgehen?
Guggenbühl: Ja, einzelne Jugendliche kommen in eine Art Gewaltrausch und behaupten sogar, Gewalt sei geiler als Sex.
Wie machen Sie ihnen denn klar, dass dem nicht so ist?
Guggenbühl: Das ist ein langer Prozess mit verschiedenen Phasen. Dieser bedarf viel Arbeit an sich selber sowie professioneller Unterstützung.
Vollenweider: Es gibt unterschiedliche Jugendliche: Die einen sind naiv und wissen nicht, was die Kosten und Nutzen eines Gewaltakts sind. Diesen versuchen wir aufzuzeigen, welchen Gewinn sie aus ihrem Verhalten ziehen und was sie verlieren können.
Was gewinnen sie denn durch ihre Tat?
Vollenweider: Eine starke Position in ihrem Freundeskreis.
Und was verlieren sie, wenn sie erwischt werden?
Vollenweider: Da gibt es vieles: Sie haben Probleme zu Hause, weil die Lehrpersonen und die Jugendanwaltschaft ständig anrufen, sie müssen Stopp-Gewalt-Trainings bei der Polizei machen, sie verlieren die Lehrstelle oder haben keinen Job.
Sie haben gesagt, es gibt unterschiedliche Gruppen von Jugendlichen, die gewalttätig werden.
Vollenweider: Genau. Eine zweite Gruppe merkt, welchen Schaden sie angerichtet hat, kann aber nicht anders. Und die dritte Gruppe hat eine psychische Störung, was eine längere Behandlung nötig macht.
Guggenbühl: Frau Vollenweider hat vorher etwas Entscheidendes gesagt. Man kann den Jugendlichen die Gewalt nicht einfach wegnehmen, ohne ihnen einen Ersatz dafür anzubieten. Sonst fallen sie in ein Loch. Das kann beispielsweise eine Lehre oder eine Freizeitbeschäftigung sein.
Vollenweider: Ich erlebe immer wieder junge Menschen, die mit ihrem Leben klarkommen, sobald sie eine Lehre beginnen.
Liegt darin der Unterschied zwischen jugendlichen und erwachsenen Gewalttätern? Dass die Jungen noch zu bekehren sind?
Vollenweider: Bei Jugendlichen ist dieser Turning Point öfter da, ja.
Guggenbühl: Die Prognose wird mit zunehmendem Alter immer schlechter. Ich würde sagen, von zehn jugendlichen Gewalttätern kann man bei sieben etwas erreichen. Das ist das Schöne an dieser Arbeit.
Warum werden ausländische Jugendliche im Vergleich zu Schweizern häufiger gewalttätig?
Guggenbühl: Dafür gibt es verschiedene Gründe: kulturelle Missverständnisse, schwierige soziale Umstände sowie eine Desorientierung, weil sie nicht wirklich in unsere Kultur eingebunden sind. In meiner Arbeit erlebe ich jedoch die Schweizer Jugendlichen als schwieriger, da die ausländischen Jugendlichen meist motivierter sind, an sich zu arbeiten.
Vollenweider: Das nehme ich ähnlich wahr. Ausländische Jugendliche haben oft ein schwierigeres Leben, weshalb sie häufiger gewalttätig werden.
Herr Guggenbühl, Sie schreiben in Ihrem Buch, die meisten Gewalttäter lehnen Gewalt ab. Das klingt unlogisch.
Guggenbühl: Vielen ist nicht bewusst, was sie tun. Sie sagen, dass sie Konflikte im Dialog lösen möchten und keine Gewalt einsetzen wollen. Ihre Aussagen widerspiegeln ihre Haltung, nicht aber ihr effektives Verhalten. Ich halte darum Präventionsprogramme, die nur auf der bewussten Ebene ansetzen, für aus dem Fenster geworfenes Geld.
Denken Sie dabei zum Beispiel an Rollenspiele, in denen Schüler Täter und Opfer spielen müssen?
Guggenbühl: Genau. Prävention in der Schule sollte an den wirklichen Vorfällen ansetzen und nicht fiktive Situationen heraufbeschwören. Das heisst, man sollte mit einer Klasse nur arbeiten, wenn sie Probleme hat. Wenn zum Beispiel jemand gemobbt wird, oder es eine Schlägerei gegeben hat. Deshalb bin ich gegen eine generelle Gewaltprävention.
Vollenweider: Ich sehe das etwas weniger streng. Es gibt Situationen, in denen die generelle Prävention einem den Weg zu «schwierigen» Schülern ebnet. Die tatorientierte Prävention ist aber bestimmt wirkungsvoller.
Manche sind der Ansicht, härtere Strafen brächten mehr als Prävention.
Guggenbühl: Das sehe ich anders.Meine Erfahrungen haben gezeigt, dass die abschreckende Wirkung von Strafen minimal ist.
Wieso?
Guggenbühl: Weil Jugendliche davon ausgehen, dass sie sowieso nicht erwischt werden. Es braucht Strafen – als Reaktion auf eine Tat. Diese nützen aber nur etwas, wenn sie als Strafe wahrgenommen werden. Das Pflanzen von Friedensbäumen oder einen Sozialeinsatz erleben die meisten Jugendlichen nicht als Strafe.
Sie schreiben, eine Haftstrafe könne das Gegenteil bewirken, indem sie Jugendliche im Kollegenkreis zum Helden macht.
Guggenbühl: Das ist so, in gewissen Milieus gilt das Absitzen einer Gefängnisstrafe als cool.
Vollenweider: Wir erleben oft, dass Jugendliche nicht bestraft werden, weil sich weder Schulen noch Eltern dafür verantwortlich fühlen. Wichtig ist eine Reaktion. Das Wegschliessen im Jugendknast bringt aber nichts.
Was ist denn eine «gute» Strafe?
Vollenweider: Eine, die unmittelbar nach der Tat erfolgt. Die massgeschneidert und anstrengend ist, weil sich die Jugendlichen mit sich selbst auseinandersetzen müssen. Wir hatten einmal eine Jugendliche, die zwischen einem Freiheitsentzug und einem Stopp-Gewalt-Training bei der Polizei wählen konnte. Sie entschied sich für das Gefängnis, weil ihr das Training zu anstrengend war.
Dieses Training wäre demnach eine «gute» Strafe.
Guggenbühl: Ja, es funktioniert aber nur, wenn die Jugendlichen motiviert sind. Es ist übrigens nicht so, dass überall mit diesem konfrontativen Ansatz gearbeitet wird. Im Gegenteil: Vielerorts wird grösstenteils repressiv gegen gewalttätige Jugendliche vorgegangen. In diesem Sinne: ein Kompliment an die Basler. (Basler Zeitung)
Erstellt: 31.05.2011, 14:18 Uhr
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15 Kommentare
Herr Guggenbühl, auch wenn der Taxifahrer einen Konflikt angezettelt habe, Ihr Sohn hat zugeschlagen, zudem 2 gegen 1. Meine Erfahrung zeigt, dass Taxifahrer selten gegen 2 Fahrgäste gewalttätig werden.
Passt aber zu vielen Eltern, alle sind schuld, nur das eigene Töchterchen/Söhnchen nicht.
Antworten
Da soll den BürgerInnen einmal mehr weis gemacht werden, dass die Psychoversteher es schon richten können. Gute 20 Jahre lang habe auch ich mich davon einseifen lassen und gedacht, man müsse versuchen, die Täter zu verstehen. Heute stehe ich ganz klar, unverrückbar und konsequent auf der Seite der Opfer. Und dabei, werter Herr, werte Dame, wird es auch bleiben. Antworten
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